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    Ein wenig Hoffnung

    Das „Projekt Peacemaker“ und der Traum vom Frieden: Eine bewegende Reise durch den Nahen Osten. Von Stefan Rochow

    Prozession in Karakosch
    Hoffnungsträger: Jacob sieht vor allem bei jungen Menschen und Frauen großes Potenzial für den Frieden. Hier eine Prozes... Foto: KNA

    Er gilt seit Jahrzehnten als ein Pulverfass: der Nahe Osten. Man kann sich nicht vorstellen, dass dieser Krisenherd je wirklich befriedet werden könnte. So klingt es auf den ersten Blick wie eine gut gemeinte Illusion, wenn der Vorsitzende des Zentralrates Orientalischer Christen, Simon Jacob, sein jüngst im Herder-Verlag erschienenes Buch „Peacemaker“ nennt.

    Der Autor weiß aber, wovon er schreibt. 1978 in der Südosttürkei geboren, kam er als Kind aufgrund ethnischer und religiöser Spannungen mit seinen Eltern nach Deutschland. Als Angehöriger eines bedeutenden Clans aus der Region gelingt es dem freien Journalisten immer wieder, in Gebiete vorzudringen, die für andere Menschen aus dem Westen unerreichbar sind.

    Erschütternder Blick auf christliche Schicksale

    In den Jahren 2015 und 2016 initiiert Jacob das Projekt „Peacemaker-Tour“. Er legt in gut fünf Monaten über 40 000 Kilometer zurück und besucht neben der Türkei, Georgien, Armenien und dem Iran auch die Krisengebiete in Nordsyrien und Nordirak. In seinem Buch, einer faktenbasierten Reisereportage, fasst er wesentliche Erfahrungen dieser Reise zusammen. Jacob berichtet von Interviews mit den unterschiedlichsten Menschen, denen der Aktivist auf seiner Reise begegnete. Seine Gesprächspartner sind Bischöfe, vergewaltigte Frauen, Imame und Exil-Syrer – ein breites Spektrum an Menschen. Diese Vielfalt ermöglicht es dem Leser, die Ereignisse der letzten Jahre im Nahen Osten unter verschiedenen Blickwinkeln zu sehen.

    Mit den Berichten Jacobs eröffnet sich eine Welt, die einen Einblick in eine Region gibt, in der Christen immer mehr unterzugehen drohen. Simon Jacob erzählt von zerstörten Kirchen und Klöstern, vom Leid der Menschen jeglicher Religionen, von der Unterdrückung der Christen. Was der orientalische Christ in seinem Buch schildert, macht an vielen Stellen traurig, beschreibt aber auch deutlich, wie Unmenschlichkeit und Hass eine ganze Region zerstört haben. Auch mit seinen eigenen Gefühlen hält sich der Autor nicht zurück. Daher sind viele Passagen sehr persönlich gehalten, was die Authentizität des Buches enorm aufwertet.

    In der Türkei gibt es schon immer nur eine kleine Gruppe an Christen, die relativ unbehelligt ihre Religion ausüben können, solange sie sich nicht in die Politik einmischen. Der Irak hingegen hat seit dem Einmarsch der Amerikaner im Jahr 2003 den großen Teil der Christen verloren. Unvorstellbar, dass aus heutiger Sicht dort je wieder ein breites christliches Leben stattfinden kann. Syrien hatte in den letzten Jahren vor allem mit Extremismus zu kämpfen. Das führte dazu, dass viele Christen ihr Land verlassen haben. Diejenigen, die in der Region verbleiben, unterstützen das autokratische Assad-Regime, da es ihnen im Moment als religiöse Minderheit Schutz bietet, solange sie sich eben politisch zurückhalten. Bischöfe der Region befinden sich in dieser Hinsicht in einem Dilemma: Sie klammern sich an die Diktatur unter Assad, nur damit sie ihren Kirchen das Überleben sichern können. Wenn Simon Jacob dieses Dilemma beschreibt, dann wird an dieser Stelle deutlich, dass es in der Bewertung der Situation vor Ort kein Schwarz-Weiß gibt. Um die Christen im Nahen Osten, das zeigt das Beispiel der syrischen Verhältnisse, steht es im Moment nicht gut.

    Streckenweise ist das Buch aber auch schwere Kost. Immer wieder, wenn Simon Jacob persönliche Schicksale der Opfer des Terrors in dieser Region beschreibt, dann berührt das beim Lesen ungemein. Diejenigen, die Söhne, Töchter, Eltern verloren haben, berichten Grauenvolles. Jacob lässt sie in seinem Buch zu Wort kommen. Wir, die wir relativ beschaulich in Europa aufgewachsen sind, bekommen eine Vorstellung davon, was im Nahen Osten in den letzten Jahren Grauenhaftes passiert ist. Der Autor schildert Momente, in denen er angesichts des Erlebten überflutende Wut und tiefen Hass empfindet. Am Ende ist es aber immer wieder sein Glaube, der ihm zeigt, dass Rachegefühle der falsche Weg sind. Ihm begegnen Christen, die unter Beweis stellen, dass es ihnen mit ihrem Glauben ernst ist. Obwohl ihnen teilweise Schreckliches widerfahren ist, gehen sie den Weg der Nächstenliebe, der Vergebung, der Menschlichkeit und sind damit leuchtende Glaubenszeugnisse.

    Simon Jacob beschreibt zahlreiche Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen und erzählt deren Geschichte. Menschen unterschiedlichster Herkunft und Religion. Ihnen allen ist die Sehnsucht nach Frieden und einer Ordnung, die sie an eine Zukunft in der Region glauben lässt, gemeinsam. Peacemaker zu sein heißt nicht, die Welt im Großen zu verändern, sondern im Kleinen zu beginnen. Jeder, so Simon Jacobs Botschaft, kann die Welt im Kleinen verändern, wenn er bei sich anfängt.

    „Peacemaker“ ist ein bewegendes, persönliches, facettenreiches Buch, das Einblick in eine Welt gibt, die viele Menschen nur aus den Medien kennen. Wenn Simon Jacob immer wieder deutlich macht, dass es auch in Krisengebieten immer noch Dialogbereitschaft gibt, dann kann man aus so einem Buch auch Hoffnung schöpfen. Frieden, so Jacobs Botschaft, ist ein schwieriges Ziel, aber nicht unmöglich.

    Simon Jacob: Peacemaker. Mein Krieg. Mein Friede. Unsere Zukunft. Verlag Herder, Freiburg 2018,

    224 Seiten, ISBN 978-345137-904-8, EUR 20,–

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