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    Ein unlösbarer Konflikt

    Sandra Nettelbeck gelang gleich mit ihrem ersten Langspielfilm „Bella Martha“ (2001) der internationale Durchbruch. „Helen“ ist nach dem Kinderfilm „Sergeant Pepper“ (2004) ihr dritter Spielfilm und zugleich ihre erste englischsprachige Produktion.

    Sandra Nettelbeck gelang gleich mit ihrem ersten Langspielfilm „Bella Martha“ (2001) der internationale Durchbruch. „Helen“ ist nach dem Kinderfilm „Sergeant Pepper“ (2004) ihr dritter Spielfilm und zugleich ihre erste englischsprachige Produktion.

    Ihren Film haben sie einer verstorbenen Freundin gewidmet. Stand sie am Anfang des Drehbuchs?

    Nein. Am Anfang des Drehbuchs stand ein Artikel vom „New Yorker“ 1998, in dem Andrew Solomon sehr eindrücklich von seiner eigenen Depression berichtet; das hat mich dazu motiviert, die Geschichte von „Helen“ zu entwickeln. Obwohl meine persönliche Erfahrung natürlich eine Rolle spielt, handelt es sich bei diesem Film um eine fiktionale Geschichte.

    Der Arzt im Film spricht einen sich sehr authentisch anhörenden Satz, als er zu David sagt: „Ihre Frau ist nicht unglücklich, sie ist krank“.

    Das ist der Kern des Konflikts. Solomon erläutert in seinem Artikel, dass ihn die Depression in einem Augenblick heimsuchte, als es ihm gut ging: „Ich hatte beruflich und persönlich sehr viel in meinem Leben erreicht.“ So sollte es auch für Helen sein. Ich wollte erzählen, dass es jeden treffen kann, dass es weder mit Herkunft, noch damit zu tun hat, ob man arm oder reich, glücklich oder unglücklich ist.

    Dieser Satz bringt die Situation gerade für die Angehörigen auf den Punkt.

    Es ist für Außenstehende oft nicht erkennbar, wo Traurigkeit aufhört und Krankheit anfängt. Selbst für die Betroffenen ist dies schwer. Depressive äußern oft die Sehnsucht nach einer „richtigen“ Krankheit. Gebrochene Beine versteht jeder.

    Allerdings kommt im Film die psychologische Begleitung gar nicht vor.

    In einer ersten Drehbuchfassung gab es einen Therapeuten. Er ist dann nicht nur den in einem Filmprojekt üblichen Kürzungen zum Opfer gefallen. Dies geschah auch aus der Überlegung heraus, dass sich einige Menschen – und Helen gehört dazu – einer Therapie entziehen. Und sie ist über weite Strecken so labil, dass sie ohnehin nicht therapiefähig gewesen wäre.

    Sie haben den Film in Kanada gedreht. Könnte eine solch universale Geschichte nicht in Deutschland angesiedelt sein?

    Doch, den Film kann man sicher auch in Deutschland drehen. Als ich aber vor elf Jahren anfing, für den Film zu recherchieren, fand ich nur in Amerika die Literatur, die ich suchte. Persönliche Erfahrungsberichte und wissenschaftliche Studien waren in Deutschland nicht in dem Maße zugänglich. Seitdem hat sich einiges verändert, unter anderem ist auch Andrew Solomons Buch übersetzt worden, und vieles mehr. Aber 1998 entstand eine sehr amerikanische Geschichte. Und ich wollte den Film international besetzen, um ihm eine internationale Chance zu geben.

    Können Sie das speziell Amerikanische an der Geschichte näher erläutern?

    Die soziale Atmosphäre wäre eine andere gewesen, hätte ich den Film in Deutschland gedreht. Das wird besonders deutlich an David, der wie die typischen amerikanischen Erfolgsmenschen davon überzeugt ist, dass er es schafft, dass er seine Frau heilen kann. Ich glaube, in Deutschland wäre man ambivalenter damit umgegangen. Insofern hatte die Geschichte für mich von Anfang an eine sehr amerikanische Sensibilität.

    Eigentlich ist „Helen“ eine „Dreiecksgeschichte“, weil sich David aus der Beziehung zwischen Helen und Mathilda ausgeschlossen fühlt.

    Helen verliert den Kontakt zu ihrem Mann. David ist eifersüchtig auf Mathilda, er will derjenige sein, den seine Frau um sich haben will, der sie retten kann. Er weiß von Anfang an, dass die beiden Frauen etwas verbindet, was für ihn unerreichbar bleibt. Mathilda wiederum möchte Helen retten, weiß aber, dass sie Helen verlieren wird, wenn sie es schafft.

    Dies könnte sogar als das Herzstück Ihres Filmes bezeichnet werden.

    Es ist ein unlösbarer, tragischer Konflikt. Mathilda begleitet zwar Helen ein Stück ihres Weges, ist am Ende aber wieder allein. Deshalb fühlt sie sich so erleichtert. Nicht nur weil es Helen besser geht, sondern weil sie sich nur so von ihr verabschieden kann.