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    Ein straff von oben gelenkter Staat

    Das unvollendete Leben des großen preußischen Reformers: Karl August von Hardenberg als Staats- und Lebemann. Von Urs Buhlmann

    Karl August von Hardenberg
    Zwischen Arbeit und Zerstreuung: Karl August von Hardenberg. Foto: IN

    Karl August von Hardenberg (1750–1822), in den Fürstenstand erhobener preußischer Staatskanzler, ist heute weitaus weniger präsent als sein Reformer-Kollege in der unruhigen Zeit der napoleonischen Kriege, der meistens ohne Vornamen genannte Heinrich Friedrich Freiherr von und zum Stein. Beiden gelang – mal mit ungeteilter Unterstützung des Monarchen, mal gegen dessen Widerstand; mal miteinander, mal gegeneinander arbeitend – etwas, was man heute die „Neuerfindung“ des preußischen Staatswesens nennen würde. Ein Aufstieg wie Phönix aus der Asche nach der demütigenden Niederlage, die der korsische Emporkömmling den Preußen (nicht nur diesen) beigebracht hatte. Lothar Gall, Frankfurter Historiker und einer der besten Preußen-Experten, hat den Reformer und Staatsmann Hardenberg, der zugleich ein Lebemann war, mit einer glänzenden, knapp gehaltenen, aber alles enthaltenden Biographie gewürdigt.

    In der Jugend- und Studiums-Zeit erlebt Hardenberg, Spross einer landbesitzenden hannoverschen Familie, noch die unangefochtene Dominanz des Adels in einer ständisch gegliederten Gesellschaft. Mit den Kindern anderer Familien wird der Sohn eines Offiziers im Pageninstitut, aber vor allem von Hofmeistern genannten Privatlehrern erzogen. Schon früh bildet sich bei ihm als Karriereziel das hohe Beamtentum heraus, was sehr nahe lag für jemanden seiner Herkunft. Der Autor macht darauf aufmerksam, dass man damals noch nicht von einer nach fachlicher Qualifikation und anderen objektiven Kriterien geordneten Laufbahn für höhere Staatsdiener sprechen konnte. Es kam allein auf Protektion an, darauf, einen bereits mächtigen Förderer zu finden, der einen mitzog. Das Können wurde einfach vorausgesetzt, aber natürlich hat auch Hardenberg studiert – auf die seinerzeit übliche, eher spielerische Art. Offiziell bei den Juristen eingeschrieben, hörte Karl August auch „Belles Lettres“ in Göttingen und Leipzig – wo er Goethe kennenlernte, mit dem sich aber keine Freundschaft ergab, so verschieden waren die Lebenswelten der beiden.

    1770 folgte dann die erste Stelle als Auditor, eine Art unbezahlte Referendarstätigkeit. Schon ein Jahr später gelingt es ihm, zur „Kammer“, der Finanzverwaltung seines Kurfürstentums, versetzt zu werden. Doch dann stirbt sein Gönner, dessen Nachfolger eigene Günstlinge mitbringt – und Hardenberg steht draußen vor der Tür. Eine Beschwerde bei Landesherr Georg III., König von Großbritannien und Irland und Kurfürst von Hannover, bringt wenig. So geht der mit 22 Jahren immer noch junge Aspirant erst einmal auf eine „Kavaliersreise“ durch das Heilige Römische Reich, die ihn unter anderem nach Wetzlar, Sitz der Gerichtsbarkeit, und Regensburg, Sitz des Reichstages, führt. Er lernt Größe und Versagen des Alten Reiches kennen, was ihn prägen wird für seine künftige Tätigkeit, so wie es auch einen Metternich geprägt hat, der sich etwa zur gleichen Zeit für ähnliche Aufgaben rüstete. Für Hardenberg war rasch klar, dass Reform nottat, sagt Gall: „Schon hier löste er sich, indirekt und in Andeutungen, in seinem ganzen Denken von der Welt des Bestehenden – in politischer und in sozialer Hinsicht, mit Blick auf die Wirtschaft wie vor allem auf den Aufbau und die gesamte Struktur des Staates.“ Nach der Heirat mit einer dänischen Gräfin Reventlow tritt er im Herbst 1775 eine besoldete Stelle als Rat in der hannoverschen Kammer an, mit der Aufgabe, die Domänen zu „revidieren“, im wesentlichen also Pachtbeträge festzulegen. Was er dabei lernte und bald in konkrete Reformvorschläge ummünzte, wird ihn auch in seinen Funktionen in preußischen Diensten beschäftigen: „Es kam ihm auf klare Grundsätze des staatlichen Finanzwesens an mit übersichtlichen Etats und auf einen Beamtenapparat, dessen Mitglieder allein und ausschließlich nach den Weisungen der Zentrale arbeiteten. Mit anderen Worten: Es ging ihm... um den Aufbau und die zentrale Leitung einer staatlichen Bürokratie, die, unabhängig von allen gesellschaftlichen Rücksichten und Bedingungen, allein dem objektiven Staatsinteresse und der von ihrer Leitung formulierten Staatsraison verpflichtet sein müsse.“

    Zu den sich wiederholenden Mustern in Hardenbergs Leben – Gall macht mehrfach darauf aufmerksam – gehört, dass er Vorschläge macht – zunächst seinen Vorgesetzten, später unmittelbar dem Monarchen, für den er arbeitet, die am Anfang abgelehnt, später meist aber verwirklicht werden, wenn auch manchmal in verwässerter Form. Doch in dem, was er will, ist Hardenberg sehr beharrlich, versucht es immer wieder aufs Neue und spart mitunter auch nicht an harten Worten, was sich mit fortgeschrittenem Lebensalter verstärken wird. Seine weiteren beruflichen Stationen zeugen von Ehrgeiz und Können, verdanken sich schon längst nicht mehr adliger Protektion: 1781 herzoglich-braunschweigischer Geheimer Rat, 1790 bis 1798 Minister für Ansbach-Bayreuth, zunächst noch für die Markgrafschaft, später direkt in preußischen Diensten. In Berlin war er seit 1798 zu Hause, wurde 1803 Außenminister und 1807 leitender Minister für Inneres und Äußeres. Lothar Gall erzählt ungerührt auch vom erstaunlichen Privatleben des auf Porträts gravitätisch dreinschauenden Aristokraten: Die erste, dann durch Scheidung aufgelöste Ehe hätte ihn fast die Karriere gekostet, weil seine Frau bei einem London-Aufenthalt eine unverblümte Affäre mit dem Prince of Wales hatte. Die zweite Ehe ging er 1788 mit der seinetwegen geschiedenen Sophie von Lenthe ein – was ihm übel genommen wurde. 1801 folgte die Scheidung auch von dieser Frau. Die nächste Ehe mit Charlotte Schönemann wurde 1807 schon heimlich geschlossen. Am Ende seines Lebens hatte der 1810 zum preußischen Staatskanzler und 1814 zum Fürsten erhobene Hardenberg eine 42 Jahre Jüngere um sich – die er dann nicht mehr heiratete. Dies und auch der lebenslange Hang zum Schuldenmachen – hier zieht er wieder mit Metternich gleich – bringen eine bohemienhafte Note in diese nach außen mit ernsten Staatsgeschäften in schwieriger Zeit beladene Vita und legen zugleich Zeugnis ab für die seinerzeit noch recht unbeschwerte, um nicht zu sagen ungenierte adlige Lebensweise.

    Es schließt dies, wie gerade das Beispiel Hardenberg zeigt, nicht aus, dass derselbe Mensch, der im Privatleben offenbar vergeblich auf der Suche nach Verständnis und Geborgenheit war, im Beruflichen zielstrebig ein rational begründetes Reformprogramm auch gegen Widerstände durchsetzte. Dabei nahm er, eben weil er deren Zweckmäßigkeit und innere Begründetheit erkannte, Anleihen an Ideen desjenigen, mit dem Preußen so lange im Kampf lag: Napoleon, der selber seinen Staat nach ihm plausibel erscheinenden Maßstäben reorganisiert hatte. Es galt, hatten Hardenberg und das Team der ihn beratenden und allein ihm zuarbeitenden Beamten wie Stein zum Altenstein und Niebuhr erkannt, „an die Stelle der alten ständischen Ordnung eine Gesellschaft zu setzen, die auf dem Hauptgrundsatz der Freiheit der Individuen und der freien Bewegung des individuellen Eigentums beruhte“. Die preußische Besonderheit lag aber darin, dass die „Reformen nur von oben, durch einen straff organisierten und gelenkten Staatsapparat ..., nicht wie in Frankreich ... von unten“ kamen, die Anarchie dadurch ausgeschaltet und zugleich der Monarchie eine neue innere Begründung verliehen wurde, eben weil die revolutionäre Maßnahmen letztlich in ihrem Namen erlassen wurden.

    Und so ging es Schlag auf Schlag, zwischen 1807 und 1818 erfolgten Bauernbefreiung und Städtereform, Einführung des Ressortprinzips, Steuer- und Zollreform, Gewerbefreiheit, Emanzipationsedikt für die Juden, Bildungs- und Heeresreform. Gall zeichnet das Bild dieser aufregenden Zeit mit knappem, zutreffendem Pinselstrich, erwähnt auch den entscheidenden Unterschied zwischen Hardenberg und Stein, deren Verhältnis immer zwischen Kooperation und Konkurrenz changierte. Hardenberg war letztlich ein Etatist in der Nachfolge eines Richelieu, der den Staat modernisieren wollte und zugleich den unbegrenzten Machtanspruch des regierenden Monarchen betonte, auch wenn dieser „für ihn insgesamt nur den Punkt auf dem i bildete, wie es Hegel später formulieren sollte“ (Gall). Denn im Schatten des Herrschers herrschte sein verantwortlicher Minister, also Hardenberg. Stein dachte gleichsam altmodisch, wünschte sich die entscheidende Mitwirkung „der ständisch verfassten Gesellschaft, während für Hardenberg die Gesellschaft als solche im Wesentlichen nur ein Objekt der Politik war, nicht aber ein Subjekt, dessen Wille letztlich bestimmend sein müsste“. Erst ganz am Ende seines eleganten, auch ebenso geschriebenen Buches gibt Lothar Gall zu erkennen, wie er den zum Preußen gewordenen Hannoveraner, der bei einer eigentlich der Wiederherstellung der Gesundheit dienenden Italien-Reise im November 1822 in Genua starb, beurteilt: Nämlich als „Unvollendeten“, der letztlich am eigenen Machtstreben gescheitert ist.

    Lothar Gall: Reformer und Staatsmann. Piper Verlag, München/Berlin 2016, 283 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-492-05798-1, EUR 24,–

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