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    Ein pausbäckiger Amor mit brennendem Pfeil

    Nach jahrelangen Bauarbeiten sind die Schätze des Freiburger Augustinermuseums nun besser als je präsentiert. Es gibt einen modernen Vorbau, den man durchsteigen kann. Dabei eröffnen sich ungeahnte Perspektiven in die jetzt dreischiffig gewordene ehemalige Augustinerkirche. Die übermannsgroßen Prophetenfiguren des Freiburger Münsters haben an den neu geschaffenen Wänden Plätze gefunden, an denen man sie jetzt sowohl von unten als auch in Augenhöhe und sogar von oben bewundern kann. Doch damit nicht genug: hoch über ihnen springen dem Betrachter die grauslichen Figuren der Pseudowasserspeier des Münsters ins Auge, die bösen Geistern das Eindringen in das Gotteshaus verwehren sollten.

    Amor mit dem brennenden Pfeil, von Hans Baldung Grien. Foto: IN

    Nach jahrelangen Bauarbeiten sind die Schätze des Freiburger Augustinermuseums nun besser als je präsentiert. Es gibt einen modernen Vorbau, den man durchsteigen kann. Dabei eröffnen sich ungeahnte Perspektiven in die jetzt dreischiffig gewordene ehemalige Augustinerkirche. Die übermannsgroßen Prophetenfiguren des Freiburger Münsters haben an den neu geschaffenen Wänden Plätze gefunden, an denen man sie jetzt sowohl von unten als auch in Augenhöhe und sogar von oben bewundern kann. Doch damit nicht genug: hoch über ihnen springen dem Betrachter die grauslichen Figuren der Pseudowasserspeier des Münsters ins Auge, die bösen Geistern das Eindringen in das Gotteshaus verwehren sollten.

    Das mag ja funktioniert haben, wenn diese bösen Geister der Schrecken vor ihrer eigenen Ungestalt packte, sodass sie sich zur Flucht wandten. Aber so schwarzweiß sind böse Geister gewöhnlich nicht von den guten unterschieden. Vielmehr stecken ein und dieselben Geister, gute und böse zugleich, in ein und demselben Wesen, in ein und derselben Person, die oft schön und verlockend anzusehen ist. Sie bewirken sowohl Gutes als auch Böses, je nachdem, wie diese Person mit sich selbst oder wie man mit ihr umgeht. Pico della Mirandola, der italienische Philosoph im 15. Jahrhundert, hat diese Ambivalenz, wie sie den Menschen auszeichnet, in klassischer Weise mit Worten beschrieben, die er dem Schöpfergott in den Mund legte:

    „Ich erschuf dich (den Menschen) weder himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich, damit du als dein eigener, gleichsam freier, unumschränkter Baumeister dich selbst in der von dir gewählten Form aufbaust und gestaltest. Du kannst nach unten zum Tier entarten; und du kannst nach oben, deinem eigenen Willen folgend, im Göttlichen neu erstehen.“

    Auch die antike Mythologie befasst sich mit dieser Ambivalenz und verdichtet sie aufschlussreich in ihren Gestalten. Eine von diesen finden wir im Augustinermuseum, von Hans Baldung Grien um 1530 gemalt, etwas versteckt hinter einem Pfeiler: den Amor mit dem brennenden Pfeil. Offensichtlich handelt es sich um das Fragment eines weitaus größeren Gemäldes, auf dem wohl eine Venus dargestellt war. Vielleicht war diese zu leicht oder zu wenig bekleidet, sodass man das Gemälde als Anstoß erregend verwarf. Den pausbäckigen, fleischfarbenen Amor aber schnitt man aus und schonte ihn. Grien hat den kleinen Kerl deutlich verquer gemalt: die Arme stehen in fast rechtem Winkel zueinander, ebenso ein Köcherriemen zu dem brennenden Pfeil. Der Kopf wendet sich zur linken Seite, während der Blick listig und verlockend auf den Betrachter schielt. Und die Engelsflügel leuchten im Vordergrund in den buntesten Farben, während sie im Hintergrund graubraun verschattet und düster bleiben, also auch farblich verquer erscheinend.

    Bei den Griechen heißt der Amor Eros. Platon schildert ihn weder als einen Gott noch als einen Menschen, sondern als einen Dämon. Seine Ambivalenz führt er auf die Geschichte seiner Herkunft zurück, eine typische Mesalliance. Als sein Vater gilt nämlich der leichtfüßige, leichtsinnige und äußerst lebensfrohe Gott des Reichtums, Poros, dem immer alles gelingt, so eine Art Playboy und Sunnyboy zugleich. Seine Mutter Penia dagegen sei die Armut gewesen, eine traurige irdische Gestalt. Sie habe eines Tages den völlig berauschten schlafenden Poros gefunden und ihn vergewaltigt. Auf diese Weise sei Eros gezeugt worden, für dessen Wesen also einerseits das Glück liebender Vereinigung charakteristisch sei, andererseits aber eben auch dessen Perversion, die Trauer und der Schmerz, kurzum die ganze Ambivalenz des Eros, so wie sie auch in dem Vers des Ovid zum Ausdruck kommt: „Odi et amo“, nämlich Liebe und Hass. Und wenn heute der Lausebengel Amor seine Pfeile verspielt und belustigt in der Gegend herumschießt, dann trifft er wahllos Menschen, für die aus der erotischen Verwundung entweder Liebesglück oder auch bitteres Liebesleid, wenn nicht gar hässliches und selbstbezügliches Sexualverhalten folgt.

    In diesem Sinne soll uns in diesem Jahr der brennende Pfeil des Eros wirksam treffen, dann wird das Skandalon, das er um uns herum entzündet, in seine Nichtigkeit verwiesen, dann wird das Verquere gerade und das an Hans Baldung Griens Amor mit dem brennenden Pfeil schön Erscheinende zu wahrer Schönheit.