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    „Ein kleines Wunder“

    Eine ganze Woche pilgerten katholische und evangelische Bischöfe aus Deutschland ins Heilige Land. Dass diese erste gemeinsame Pilgerfahrt als Auftakt zum „Christusfest 2017“ möglich war, ist für den Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, „ein kleines Wunder“. Im Interview mit der „Tagespost“ zieht Bischof Feige, der 2014 in den Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen berufen wurde, eine positive Bilanz der am Samstag zu Ende gegangenen ökumenischen Reise. Nicht zuletzt im Spiegel der dortigen Spaltungen sei deutlich geworden: „Uns verbindet mehr, als uns voneinander trennt.“

    „Uns verbindet mehr, als uns voneinander trennt“, meint Bischof Feige, Mitglied des Päpstlichen Rates zur Förderung der ... Foto: KNA

    Eine ganze Woche pilgerten katholische und evangelische Bischöfe aus Deutschland ins Heilige Land. Dass diese erste gemeinsame Pilgerfahrt als Auftakt zum „Christusfest 2017“ möglich war, ist für den Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, „ein kleines Wunder“. Im Interview mit der „Tagespost“ zieht Bischof Feige, der 2014 in den Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen berufen wurde, eine positive Bilanz der am Samstag zu Ende gegangenen ökumenischen Reise. Nicht zuletzt im Spiegel der dortigen Spaltungen sei deutlich geworden: „Uns verbindet mehr, als uns voneinander trennt.“

    Herr Bischof, erstmals sind diese Woche katholische und evangelische Bischöfe aus Deutschland gemeinsam ins Heilige Land gepilgert. Sind Sie als Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz Zeuge eines historischen Moments geworden?

    Im Jahr 2007 ist der Ständige Rat ins Heilige Land gereist und eine Woche später die EKD. Damals war es noch nicht vorstellbar, dass wir eine solche Reise gemeinsam unternehmen. Umso dankbarer bin ich, dass es diesmal gelungen ist.

    Der Heiliglandbesuch wurde explizit als Pilgerreise gestaltet und ist zugleich Auftakt auf das Reformationsgedenkjahr 2017...

    Das war uns sehr wichtig! Wir haben im Vorfeld von 2017 überlegt, wo gemeinsame Zugänge sind und was eigentlich gefeiert werden soll. Mit markanten Worten führender Vertreter der evangelischen Kirche gesagt, sollen es keine Lutherfestspiele werden, kein deutschtümelndes Heldengedenken und auch keine protestantische Selbstbeweihräucherung, sondern ein Christusfest. Den Glauben innerlicher zu leben, das Evangelium neu zu entdecken und Christus zu suchen: Das ist das, was Luther zutiefst bewegt hat. Das ist auch das Anliegen, was uns heutzutage bewegen muss und auch tatsächlich bewegt. Wie finden wir einen neuen Zugang zu Christus, wie werden wir Christen lebendiger und wie können wir das Evangelium unseren Zeitgenossen neu buchstabieren?

    Im Rückblick auf diese Pilgerwoche: Wie lautet Ihre persönliche Bilanz?

    Zu Beginn dieser Woche habe ich gesagt, hier ist ein kleines Wunder geschehen. Die Chemie zwischen uns hat von Anfang an erstaunlicherweise gestimmt, und wir haben tiefe geistliche Erfahrungen gemacht. Wir waren miteinander im Gespräch. Wir haben keine großen theologischen Fragen erörtert oder Kontroverstheologie betrieben. Fast könnte man sagen, es war wie eine Woche Exerzitien. Ich sehe in der Reise, die mit ihrem dichten Programm zugleich anstrengend und anregend war, zweierlei: Sie war Zeichen und Instrument. Sie hat gezeigt, wie nah wir uns schon sind. Uns verbindet mehr, als uns voneinander trennt. Als solches war sie Ausdruck dessen, was schon Wirklichkeit ist. Auf der anderen Seite hat sie etwas bewirkt und wollte auch etwas bewirken: uns einander und Christus näherzubringen und etwas anzustoßen, das weiterwirken wird.

    Wie kann dieses Weiterwirken aussehen?

    Wir werden überlegen müssen, wie wir unsere persönlichen Erfahrungen anderen mitteilen können. Denn eine große Schwierigkeit besteht immer darin, anderen die durch das Erlebte geprägte Begeisterung oder Betroffenheit zu vermitteln. Aber wir sind in vielen Kreisen tätig, in denen wir von unseren Erfahrungen erzählen können. Viele bereiten sich bereits auf 2017 vor, auch in ökumenischer Weise. Wenn auf Leitungsebene Menschen sind, die solche Erfahrungen gemacht haben, dann können wir weitere Impulse geben. Die Reise ist auf jeden Fall eine gute geistliche Vorbereitung gewesen, um in das Gedenkjahr einzutreten.

    Sie haben bei verschiedenen Gelegenheiten die Sorge geäußert, dass dieses Reformationsgedenken in Form einer ganzen „Lutherdekade“ und des „Lutherjahres“ zu lang sein könnte. Hat sich diese Einschätzung durch die Reise verändert?

    Ich begleite die Lutherdekade seit ihrer Eröffnung 2008. Auf dem Hintergrund dessen, dass alle bisherigen hundertjährigen Reformationsjubiläen antikatholisch und zum Teil deutschnational geprägt waren, habe ich anfangs gefragt: Wie wird es diesmal sein? Ich glaube, dass die EKD 2008 auch noch nicht genau gewusst hat, wie 2017 gefeiert wird. Da ist im Laufe der Jahre eine ökumenische Lerngeschichte zu verzeichnen, ein Prozess, der Antworten und Zugänge gebracht hat.

    Sie haben hier eine Region erlebt, die von zahlreichen Spaltungen und Konflikten geprägt ist. Hat sich im Spiegel dieser Konflikte das Verständnis für das, was in der Ökumene in Deutschland schon erreicht worden ist, vertieft?

    Ich bin für Differenzierungen und merke, dass gesellschaftliche Wirklichkeit, ob nun das Verhältnis von Völkern zueinander oder auch die zwischenkirchlichen Beziehungen, immer komplex und kompliziert ist. Manche fordern einfache Lösungen. Das aber wird nicht der Wirklichkeit des Lebens gerecht. Ich will damit keine Prozesse verzögern oder verhindern, sondern nehme die zwischenkirchlichen Beziehungen in Nuancen wahr. Es gibt ökumenisch Begeisterte auf allen Ebenen, aber auch Menschen, die weiterhin konfessionalistisch denken und von solchen Suchbewegungen nicht viel halten. Man muss versuchen, das Ganze zusammenzuhalten und nach Lösungen zu suchen, an denen möglichst viele beteiligt sind. Sonst kommen neue Spaltungen zustande. Wenn man nun die Spannungen und Konflikte im Heiligen Land erfährt, kann man dankbar und froh sein, dass bei uns der Weg der Versöhnung so weit vorangeschritten ist, dass wir auch Hoffnung haben dürfen.

    Das klingt optimistisch.

    Letztens sagte mir jemand angesichts dieser ganzen Konflikte der Welt: Optimistisch kann ich nicht sein, aber ich habe Hoffnung. Optimismus ist eine menschliche Haltung, bei Hoffnung kommt Religion mit ins Spiel. Man sieht, dass die menschlichen Möglichkeiten sehr begrenzt sind und oftmals nicht erreichen, was man sich wünscht. Aber es gibt die Erfahrung weitergeführt zu werden fast ohne das eigene Zutun. Für mich als DDR-Bürger ist 1989 ein solches Wunder. Viele haben auf ihre Weise mitgewirkt, dass es möglich wurde, aber noch Wochen vorher hätte ich nie geglaubt, dass es zum Fall der Mauer und einem freiheitlicheren Leben kommt. So etwas könnte ich mir auch bei der ökumenischen Bewegung vorstellen. Wir müssen mit unseren Kräften das tun, was wir können, aber das Entscheidende bewirkt der Geist Gottes.

    Wie kann man etwas von dieser Hoffnung den Menschen im Heiligen Land vermitteln, die in diesem Konflikt leben?

    So, wie wir hier aufgetreten sind und gezeigt haben, dass es möglich ist, Konflikte zu überwinden und zur Gemeinschaft zu kommen, kann es anregend für andere sein. Es kann Hoffnung wecken, dass Spannungen und Konflikte nicht immer so bleiben, sondern tatsächlich Veränderung und Versöhnung möglich sind.

    Zu denen, die unter diesem Konflikt sehr stark leiden, gehören die Christen im Heiligen Land. Wie können wir insbesondere sie ermutigen?

    Wir müssen immer überlegen, was hat Gott mit uns in einer solchen Situation vor. Es ist ja nicht blindes Schicksal. Ich komme aus keiner volkskirchlichen Situation. In Mitteldeutschland spricht man davon, dass über 80 Prozent der Bevölkerung konfessions- oder religionslos sind. An manchen Orten ist es noch extremer. Wir in unserem Bistum haben für uns das Motto entdeckt, dass wir bewusst als Minderheit leben wollen. Wir wollen uns aber nicht isolieren und keine Sekte werden, sondern schöpferische Minderheit sein, in der Sprache des Evangeliums Sauerteig, und das in ökumenischem Geist und in Kooperation mit anderen Partnern aus der Gesellschaft. Wenn wir von etwas überzeugt sind, aber nicht die Möglichkeiten haben, es in die Gesellschaft zu tragen, suchen wir uns Gesinnungsgenossen, um gemeinsam etwas zu erreichen. Das gelingt in vielen Bereichen, zum Beispiel im Netzwerk Leben oder in der Flüchtlingshilfe. Unser Weg wird sich nicht eins zu eins übertragen lassen, aber er kann anderen Christen in einer extremen Minderheitensituation Mut machen, ihren Weg zu finden.