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    „Ein irrer Auftrag mit viel Utopie“

    Karten gibt es schon lange nicht mehr. Das weltweite Interesse an den Richard-Wagner-Festspielen ist nach wie vor riesengroß. Vom 25. Juli an steht die Stadt Bayreuth wieder ganz im Zeichen von Richard Wagner. Dann werden die 99. Richard-Wagner-Festspiele mit einer Neuinszenierung des „Lohengrin“ von Hans Neuenfels eröffnet. Unter der musikalischen Leitung des jungen Letten Andris Nelsons singt Jonas Kaufmann die Titelrolle. Als Elsa gibt auch Annette Dasch ihr Debüt am Grünen Hügel. In den weiteren Rollen sind Georg Zeppenfeld als Heinrich der Vogler, Lucio Gallo als Friedrich von Telramund, Evelyn Herlitzius als Ortrud und Samuel Youn als Heerrufer zu sehen und hören.

    Karten gibt es schon lange nicht mehr. Das weltweite Interesse an den Richard-Wagner-Festspielen ist nach wie vor riesengroß. Vom 25. Juli an steht die Stadt Bayreuth wieder ganz im Zeichen von Richard Wagner. Dann werden die 99. Richard-Wagner-Festspiele mit einer Neuinszenierung des „Lohengrin“ von Hans Neuenfels eröffnet. Unter der musikalischen Leitung des jungen Letten Andris Nelsons singt Jonas Kaufmann die Titelrolle. Als Elsa gibt auch Annette Dasch ihr Debüt am Grünen Hügel. In den weiteren Rollen sind Georg Zeppenfeld als Heinrich der Vogler, Lucio Gallo als Friedrich von Telramund, Evelyn Herlitzius als Ortrud und Samuel Youn als Heerrufer zu sehen und hören.

    Wolfgang Wagner hat den Spielplan bis 2015 bestimmt

    Neuenfels, der einstige „junge Wilde“ des deutschen Regietheaters, hat sich für sein Bayreuth-Debüt ausgerechnet Richard Wagners romantische Oper „Lohengrin“ ausgesucht. Dem 69-Jährigen geht es bei „Lohengrin“ nicht nur um die romantischen Töne. Auch wenn er sich selbst nie auf der Bühne als „Revoluzzer“ gesehen hat, interessiert ihn an der Oper über den märchenhaften Ritter in erster Linie das „Gesellschaftsutopische“ (die Oper entstand im Umfeld der gescheiterten 1848er Revolution, mit der Wagner sympathisierte), aber auch der „Geschlechterkampf“. Reformen fordert Neuenfels in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur auch von den Festspielen selbst.

    Bei den ersten Festspielen nach dem Tod des langjährigen Festspielleiters Wolfgang Wagner im März steht zum letzten Mal „Der Ring des Nibelungen“ in der Inszenierung von Tankred Dorst von 2006 auf dem Programm; Dirigent ist Christian Thielemann. Bis zum 28. August werden außerdem Stefan Herheims „Parsifal“ mit Daniele Gatti am Dirigentenpult sowie die „Meistersinger“-Inszenierung von Festspielchefin Katharina Wagner gespielt. Die 30 Vorstellungen sind wie gewohnt seit Monaten ausverkauft. Die Nachfrage nach Karten überstieg das Angebot trotz zum Teil deutlicher Preiserhöhungen wieder um ein Vielfaches.

    Der Spielplan bis zum Jahr 2015 wurde noch zu Lebzeiten von Wolfgang Wagner festgezurrt. So wird im kommenden Jahr Sebastian Baumgarten den „Tannhäuser“ neu auf die Bühne des Festspielhauses bringen. Dirigent ist Thomas Hengelbrock. 2012 folgt eine Neuinszenierung der Oper „Der fliegende Holländer“ mit Sebastian Nübling als Regisseur und Christian Thielemann als Dirigent. Noch immer unbeantwortet lassen die Chefinnen Katharina Wagner und Halbschwester Eva Wagner-Pasquier die Frage nach dem Produktionsteam für die Neudeutung der Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, die 2013 zum 200. Geburtstag Richard Wagners herauskommen soll.

    Wenige Stunden vor der offiziellen Eröffnung der Festspiele hat morgen eine eigens für Kinder produzierte Fassung des „Tannhäuser“ Premiere. Katharina Wagner hatte das Projekt „Wagner für Kinder“ im vergangenen Jahr mit einer vielbeachteten Kurzfassung der Oper „Der fliegende Holländer“ gestartet. Sie sieht darin die Chance, junge Opernbesucher nicht nur mit dem Werk, sondern gleich auch mit einem möglichen Interpretationsansatz vertraut zu machen.

    Zum festen Bestandteil der Festspiele soll auch das Public Viewing auf dem Volksfestplatz werden. Ganz im Sinne von Richard Wagners Wunschtraum der Festspiele zum Nulltarif wird am 21. August „Die Walküre“ live übertragen. Parallel zu den Festspielen geht vom 7. bis 30. August zum 60. Mal das Festival junger Künstler über die Bühne. Das 1951 gegründete Internationale Jugendfestspieltreffen steht unter dem Motto „Zeitenwende – Wendezeiten“. Festivalchefin Sissy Thammer erwartet dazu rund 500 Nachwuchskünstler aus mehr als 30 Ländern.

    Die Bayreuther Festspiele müssen sich nach Ansicht des Regisseurs Hans Neuenfels dringend reformieren, sonst haben sie keine Zukunft mehr. „Die Arbeit ist ein großes Abenteuer für mich, das mich auch reizt“, sagte er. „Wenn die neue Festspielleitung mit den beiden Schwestern Eva und Katharina Wagner nicht gleichzeitig die Chance zum Übergang in eine neue Zukunft ist, dann ist die Ära Bayreuth zu Ende. Da müssen alle Beteiligten jetzt ihren produktiven Beitrag leisten, sonst ist es reine Stagnation, das fände ich absolut öde, und da würde ich auch nicht mehr mitmachen wollen.“ Er versuche mit seinem Team, „hier Leben in die Bude zu bringen, nicht mit Spektakel, sondern mit Inhalten, Neu-Bayreuth eben“.

    Die Wagner-Schwestern müssten den Auftrag Bayreuths als „exemplarische Musiktheaterwerkstatt“ neu formulieren und auch erweitern. „Bayreuth darf nicht zum üblichen Bestandteil des Musik- und Festivalmarktes werden. Eingefahrene Wege müssen mit Kampf, Raffinesse und Cleverness aufgefrischt werden. Dazu gehören größere Freiheiten, auch bei den Vorbereitungsarbeiten, Freiheiten also für die Künstler zum sich ausprobieren, sich selbst überprüfen, auch mehr Neugier auf sich selbst, dazu gehören aber auch weniger Gage und kleinere Autos.“ Auch sollte der Festspielzeitraum (bisher vom 25. Juli bis 28. August) ausgeweitet werden. „Das alles braucht natürlich Zeit, das kostet auch Geld, und da muss auch der Staat zu Opfern bereit sein“, meinte Neuenfels.

    Der Regisseur hat sich erst spät, mit etwa 40 Jahren, mit Wagner befasst und inszeniert erst die dritte Oper des Bayreuther Meisters. Die bisherige Abneigung habe auch mit der Abneigung der 68er Generation gegenüber dem „Weihrauch“ zu tun, mit dem Wagners Opern in der Rezeptionsgeschichte oft umgeben wurden. „Aber wenn man älter wird, sieht man auch, dass Wagner das Deutsche auf eine unglaublich fragile, sezierend genaue und auch brutale, geschmacklose und rücksichtlose Weise analysiert hat, wie ich es mir nicht vorgestellt hatte; das hat mich dann doch fasziniert nach Überwindung meines Widerwillens.“

    „Das Frageverbot ist so radikal, so genial“

    An „Lohengrin“ interessiere ihn vor allem das Frageverbot („Nie sollst du mich befragen“), „eine absolut irrsinnige These, denn das Frageverbot ist so radikal, so genial, so anarchistisch, unsinnig, unmöglich, so allumfassend frech und kess, daraus eine Oper zu machen, das ist fast schon nicht mehr deutsch“, meint Neuenfels.

    Natürlich gehe es auch um Liebe und Vertrauen, „denn eine anständige Frau will doch auch wissen, mit wem sie es zu tun gehabt hat und darf doch mal fragen ,Sag mal, wo kommst du denn eigentlich her?‘“

    Lohengrin ist für Neuenfels kein „Heilsbringer“. Aber er soll eine festgefahrene Situation in einer Gesellschaft voller Streit, Hass und Missgunst lösen, „ein irrer Auftrag mit viel Utopie“, wie der Regisseur meint. Bei ihm spielt sich das Ganze „in einer Art Laboratorium“ ab, „in einer Versuchsanordnung mit Tieren, Ratten, die sich immer wieder vermenschlichen wollen“. Die Gefahr, mit zu viel Inszenierungseinfällen die Musik Wagners „zuzudecken“, sieht Neuenfels bei seiner Arbeit nicht. „Nein, ich decke die Musik ganz sicher nicht zu. Ich habe mit Andris Nelsons einen großartigen Dirigenten, der sehr streng ist mit mir, und ich höre auf ihn.“