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    Ein dunkler Visionär

    Ausgerechnet am 22. November 1963, am selben Tag, an dem John F. Kennedy dem Attentat von Dallas zum Opfer fiel, starb auch der britische Schriftsteller Aldous Huxley, berühmt geworden durch den Roman „Schöne Neue Welt“. Kurz nachdem er sich von seiner zweiten Ehefrau Laura in seiner Wahlheimat Hollywood 100 Mikrogramm LSD intramuskulär hatte injizieren lassen. Ein echter, verborgener Trip ins Jenseits also für einen Mann, der sein sowohl naturwissenschaftlich-materialistisches wie auch gnostisch geprägtes Weltbild der christlichen Heilsreligion stets vorgezogen hatte. Was allerdings nicht das Ergebnis individuellen Nachsinnens war, sondern schlichtweg wohl die Frucht seiner Erziehung. War Huxley, der am 26. Juli 1894 in Godalming/Surrey zur Welt kam, doch in eine britische Dynastie von Wissenschaftlern und Gelehrten hineingeboren worden, die dem christlichen Glauben stets distanziert gegenüberstanden. Eine schwerwiegende geistige Hypothek.

    Sein Ruhm ist bis heute ungebrochen – trotz seines LSD-Todes in Hollywood: Der britische Schriftsteller Aldous Huxley. Foto: IN

    Ausgerechnet am 22. November 1963, am selben Tag, an dem John F. Kennedy dem Attentat von Dallas zum Opfer fiel, starb auch der britische Schriftsteller Aldous Huxley, berühmt geworden durch den Roman „Schöne Neue Welt“. Kurz nachdem er sich von seiner zweiten Ehefrau Laura in seiner Wahlheimat Hollywood 100 Mikrogramm LSD intramuskulär hatte injizieren lassen. Ein echter, verborgener Trip ins Jenseits also für einen Mann, der sein sowohl naturwissenschaftlich-materialistisches wie auch gnostisch geprägtes Weltbild der christlichen Heilsreligion stets vorgezogen hatte. Was allerdings nicht das Ergebnis individuellen Nachsinnens war, sondern schlichtweg wohl die Frucht seiner Erziehung. War Huxley, der am 26. Juli 1894 in Godalming/Surrey zur Welt kam, doch in eine britische Dynastie von Wissenschaftlern und Gelehrten hineingeboren worden, die dem christlichen Glauben stets distanziert gegenüberstanden. Eine schwerwiegende geistige Hypothek.

    Aldous Huxleys Großvater war der berühmte Evolutionstheoretiker Thomas Henry Huxley, ein Hauptvertreter des Agnostizismus, dessen Begriff er prägte und durchsetzte. Als einflussreicher Propagandist der Darwin'schen Evolutionstheorie erwarb er sich zudem den Beinamen „Darwins Bulldog“. Doch damit nicht genug der Prominenz. Huxleys Tante Mrs. Humphry Ward schrieb populäre viktorianische Romane und sein Großonkel Matthew Arnold war ein prominenter Kritiker und Dichter. Sein Vater Leonard Huxley war ebenfalls Autor und dazu Herausgeber, was Sohn Aldous den Weg ins Literatendasein ebnete. Aldous' älterer Bruder Julian Huxley hingegen sollte ein bedeutender Zoologe und der erste Generaldirektor der UNESCO sowie der von ihm mitgegründeten Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) werden. Aldous' Halbbruder Andrew erhielt 1963 den Nobelpreis für Medizin. Mit soviel viktorianisch-aufklärerischem Ballast muss man erst einmal fertigwerden.

    So überrascht es nicht wirklich, dass der hervorstechendste Wesenszug Aldous Huxleys in jungen Jahren seine spöttische Verachtung war, die sich nicht nur auf die ganze Welt und die Mitmenschen bezog, sondern vor allem auf das eigene Ich. Inmitten dieser großen Ahnen und Familienmitglieder entwickelte Huxley früh, wahrscheinlich weil ihm anstelle des Bildes eines liebenden Gottes nur das Bild des Affen vermittelt worden war, eine so abgrundtiefe, schier unstillbare Selbstverachtung, dass nur Bildung und Bücher ihm Trost zu schenken vermochten. Was dem schlaksigen Eton-Schüler unter Freunden den wenig schmeichelhaften Titel eines „großen Mahatma der Misanthropie“ einbrachte.

    Nach einer schweren Augenkrankheit studierte Huxley englische Literatur in Oxford und war ab 1919 zunächst als Journalist und Theaterkritiker tätig. In den zwanziger Jahren entstanden seine ersten Romane: „Eine Gesellschaft auf dem Lande“ (1921), „Narrenreigen“ (1923) und „Parallelen der Liebe“ (1925), die das Leben als verkorkste Suche nach Idealen denunzieren und die Wirklichkeit als darwinistischen Kampf darstellen. Die Figuren, die Huxley darin zeichnet, bleiben holzschnittartig, da sie zwar unablässig Weisheiten absondern, aber kein echtes Leben entwickeln. Sein Schriftstellerfreund D. H. Lawrence übte harsche Kritik. Huxley konterte, indem er seinen Helden Philip Quarles, Sprachrohr des Autors in „Kontrapunkt des Lebens“, bemerken lässt: „Aber ich habe auch niemals vorgegeben, ein geborener Romancier zu sein“. Selbsterkenntnis ist auch eine Erkenntnis, manchmal allerdings auch nur Koketterie.

    Wahr ist in jedem Fall, dass sich Aldous Huxley im Jahre 1930 mit dem schon damals berüchtigten Satanisten Aleister Crowley in einem Berliner Hotel traf. Was war der Grund für dieses Treffen? Die Literaturwissenschaftler tasten im Dunkeln. Angeblich nahmen die beiden nicht nur gemeinsam ein Essen ein, sondern – sozusagen als Nachspeise-Droge – einen Peyote-Kaktus zu sich, ein Inspirationsmittel, das bereits den Azteken und Indianern bekannt gewesen sein soll. Und siehe da: Etwas in Aldous Huxleys Persönlichkeit veränderte sich durch diesen Drogenkonsum in finsterer Gesellschaft. Die kreativen Kanäle und das Bewusstsein öffneten sich. Wenn auch eben auf sehr fragwürdige Weise. Was hatte Huxley auf dem Peyote-Trip gesehen? Was war an sein Ohr gedrungen?

    Zwei Jahre später jedenfalls erschien, frei nach dem bei vielen Künstlern bewährten Motto ,Vom Minderwertigkeitskomplex zum magischen Erfolg‘ Aldous Huxleys bis heute berühmtester Roman, die Dystopie: „Schöne neue Welt“. Darin entwirft der Autor eine zukünftige Welt, in der eine durch Propaganda, Eugenik und Hypnopädie manipulierte Elite sich einer schier unendlichen Muße hingibt und die verfügbare Technologie dafür verwendet, rein körperliche Wonnen zu erleben.

    Tatsächlich ist die „Schöne Neue Welt“ ein Horror-Roman des künstlich-genormten Glücks und der schmerzfreien Unterhaltung – bei Melancholiebeschwerden greifen die Bewohner der „Schönen Neuen Welt“ schnell zur pflanzlich-chemischen Droge „Soma“ –, der immer wieder als Warnung vor einem aus dem Kapitalismus und der Demokratie auswuchernden Totalitarismus verstanden worden ist. Als Kritik an geistloser Zerstreuung durch Konsum und Drogen. Was allein durch Huxleys eigene Drogenexperimente jedoch zweifelhaft erscheint. Mit welchem weltanschaulichen Impetus schrieb Huxley also diesen Roman? Was war seine Botschaft?

    In seinem weniger beachteten, nichtsdestotrotz aber äußerst lesenswerten Essay „Wiedersehen mit der schönen neuen Welt“ (1958) findet man Antworten. Hier macht Huxley im Rückblick auf sein großes Werk deutlich, für wie weit fortgeschritten er die Entwicklung der Menschheit in der Mitte des 20. Jahrhunderts sieht, wie nah bereits die Zivilisation in die unheilvollen Sphären der „Schönen neuen Welt“ vorgerückt ist. Doch bei all diesen nachvollziehbaren Warnungen vor Zerstreuung und Besorgnissen um die eingeschränkte Pressefreiheit, die der Schriftsteller als gesellschaftliche Negativ-Symptome nennt, fällt auf, wie vehement Aldous Huxley gleichzeitig vor den Gefahren einer Übervölkerung warnt, welche die Freiheit des Individuums und die Existenz der Demokratien bedrohe. Das von ihm gepriesene Heilmittel ist eindeutig: eine Verringerung des Geburtenwachstums, ein „Geburtenbeschränkung“, und zwar durch die „Pille“, die damals zwar noch entwickelt wurde, von Huxley aber bereits praktisch in Erwägung gezogen wurde. „Die ,Pille‘ ist noch nicht perfekt. Sobald und wenn sie vervollkommnet sein wird, wie kann sie dann an die vielen hundert Millionen potenzieller Mütter (oder, wenn es eine Pille sein wird, welche beim Mann wirkt, potenzielle Väter) verteilt werden, die sie werden schlucken müssen, wenn die Geburtenzahlen der Spezies Mensch verringert werden sollen?“ Offenbar besaß Aldous Huxley nicht nur einen guten Kontakt zu Aleister Crowley, sondern auch zu seinem Bruder Julian, dem UNESCO-Generaldirektor, der zudem übrigens auch ein radikaler Befürworter der Eugenik war, der äußerst kontroversen Lehre, welche die Verbreitung von Erbkrankheiten zu verhüten versucht.

    Doch trotz des großen literarischen Erfolgs: In den 1940er Jahren geriet die „wandelnde Enzyklopädie“ (Bertrand Russell über Aldous Huxley) in eine tiefe Sinnkrise. Der sich selbst als „Agnostiker“ bezeichnende Schriftsteller, der bereits 1937 mit seiner ersten Frau Maria und Sohn Matthew nach Amerika gereist war, wo er auch blieb, weil Europa „kein Ort für einen Pazifisten“ sei, mutierte immer mehr zu einem Schwarmgeist.

    Fürderhin suchte er sein Heil auf dem Pfad der esoterischen Erleuchtung anhand alter Maya-Weisheiten. Geläutert vom beschwingten Zynismus seiner Jugend blickte er dabei auf die, wie er sagte, „irrsinnige Menschheit“ herab. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Huxley die italienische Geigerin und Psychotherapeutin Laura Archera. Unter ihrem Beistand vertiefte Huxley sich in die Lehren Buddhas sowie in die „Bhagavadgita“ und das „Tibetanische Totenbuch“ – jenes kryptische Werk, das noch immer durch sämtliche New-Age-Katakomben geistert. Über Huxleys lange Zeit rein naturwissenschaftlich-materialistisch gefärbte Weltanschauung legte sich immer mehr das Geistflimmern eines geheimbündlerischen Mystizismus, eine krude Mischung aus Theosophie und Rosenkreuzer-Ideologie. Als gelte es zu beweisen, dass es von der Vermenschlichung des Affen zur Vergottung des Menschen oft nur ein kleiner Schritt ist. Was Huxley in dieser Zeit schrieb, war literarisch und gedanklich aber einfach nur schwach.

    Manchmal, im okkulten „Die Teufel von Loudun“ oder im blümchenhaften „Zeit muss enden“, reckte er sich nach ruraler Folklore. Sie misslang ihm. Auch die ironischen Effekte verhallten, und wenn er abendländische Metaphern in konträr-komplementärer Verbindung zu den fernöstlichen Weisheitslehren stellte, blieb die Tür zum Dialog ungeöffnet. In „Gott ist“ brüskiert er das Christentum und preist stattdessen pseudoreligiöse Banalheroen wie Krishnamurti, Ranjit Maharaj, Siddharameshwar Maharaj oder Bhagawan Nityananda.

    Auch Aldous Huxleys letzte Romane schwächeln. „Das Genie und die Göttin“ (1955) ist ein larmoyant-fades Esoterik-Gebräu. Auch der Multi-Kulti-Kitsch „Eiland“ (1962) bietet lediglich einen krumpeligen Gegenentwurf zu „Schöne neue Welt“. Ein schiffbrüchiger englischer Reporter entdeckt die tropische Insel Pala und findet bei den Einheimischen sozusagen das Paradies. Jedenfalls das Paradies, wie es sich Huxley vorstellte. Dazu gehört es, dass in „Eiland“ den Kindern in der Schule auch die hypnotische Trance-Kunst der „Schicksalskontrolle“ (SK) gelehrt wird und sie früh lernen, wie man „Maithuna“ praktiziert, eine „Yogaübung der Liebe“. Damit nicht genug der Absonderlichkeiten. „Das Wirkliche ist nicht eine Behauptung; es ist ein Seinszustand. Wir lehren unsre Kinder keine Glaubensbekenntnisse oder erregen sie durch gefühlsmäßig geladene Symbole. Wenn es an der Zeit für sie ist, die tiefsten Wahrheiten der Religion kennenzulernen, lassen wir sie eine steile Bergwand erklettern und verabreichen ihnen nachher vierhundert Milligramm Enthüllung.“ Eine formidable Anleitung zum Heidentum und zum Drogenkonsum für Jugendliche, die Onkel Aldous in seinem letzten Lebensjahr geschrieben hat.

    Ein Vermächtnis, das jeder lesen sollte, der aufgrund der Lektüre der „Schönen Neuen Welt“ annimmt, dass Huxley ein seriöser Visionär, ein hellsichtiges Literaturgenie gewesen ist. Diese Annahme ist leider ein Irrtum, wie auch das Buch „Die Pforten der Wahrnehmung“ („The Doors of Perception“) aus dem Jahre 1954 belegt, das nicht nur die Rockband „The Doors“ zu ihrem Namen inspirierte, sondern in völlig unkritischer Weise den Gebrauch von Drogen verherrlicht. Vieles, was sich in der Popkultur seit den 1950ern und 1960ern entwickelte, ist in diesem schmalen Essayband vorgespiegelt. Der Philosoph Bertrand Russell spottete dennoch, dass die „Encyclopaedia Britannica“ das einzige Buch sei, das Huxley wirklich beeinflusst habe. Geradezu manisch muss sich die frühe Lektüre Huxleys vollzogen haben. „An seiner Konversation konnte man immer erkennen, in welchem Band er gerade gelesen hatte. An einem Tag waren es Alpen, Anden und Apennin, am anderen der Himalaja und der Hippokratische Eid“, so Russell.

    Es ist traurig, dass die humanistisch-naturwissenschaftliche Erziehung und späterhin der intensive Drogenkonsum es verhindert haben, dass dieser große Geist, den Aldous Huxley trotz der Grenzen seines schriftstellerischen Talents sicher besaß, bei den entscheidenden Buchstaben „J“, „C“ oder „G“ offenbar nicht lang genug verweilen konnte oder ihm die innere Aufnahmebereitschaft fehlte. „Je älter man wird“, räsonierte der alternde Huxley in seiner amerikanischen Wahlheimat, „desto unverständlicher wird einem das eigene Leben und das ganze Universum.“

    So blieb ihm am Ende nur das LSD, das ultimative Symbol der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Die Erkenntnis der wahren schönen neuen Welt am Herzen Jesu blieb Aldous Huxley verschlossen.