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    Ein Engel wacht über die Menschen

    In den Jahren 1988–89 drehte der 1996 plötzlich verstorbene polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski zehn Filme mit einer Dauer von jeweils einer knappen Stunde über die Gültigkeit der Zehn Gebote in der heutigen Welt.

    In den Jahren 1988–89 drehte der 1996 plötzlich verstorbene polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski zehn Filme mit einer Dauer von jeweils einer knappen Stunde über die Gültigkeit der Zehn Gebote in der heutigen Welt.

    Zwei davon – „Ein kurzer Film über das Töten“ zum 5. Gebot sowie „Ein kurzer Film über die Liebe“ zum 6. Gebot – kamen auch in verlängerter Form (84 bzw. 90 Minuten) ins Kino. Nachdem der erste dieser zwei Filme beim Filmfestival Cannes 1988 den Großen Preis der Jury gewann, konnte Kieslowski das ehrgeizige Projekt endgültig realisieren. Gegen die mögliche Eintönigkeit, die aus einem solchen Zyklus hätte entstehen können, wandte Kieslowski einen Kunstgriff an: Jeder Film wurde von einem anderen Kameramann fotografiert. So folgt jeder der zehn Filme einem eigenen visuellen Konzept.

    Weil sie eher einen abstrakten Gegenstand zum Sujet haben, zeichnen sich die ersten zwei Episoden durch eine besonders interessante Umsetzung aus. In „Dekalog I“ stellt Regisseur Kieslowski einen Professor (Henryk Baranowski) und seinen kleinen Sohn Pawel (Wojciech Klata) in den Mittelpunkt der Handlung. Der Vater glaubt nicht an die Seele, er vertraut lediglich der Wissenschaft – dem, „was sich messen und zählen lässt“. So berechnet er die Eisstärke eines Sees, bevor Pawel darauf Schlittschuh läuft. Die Wissenschaft kann jedoch nicht alles berechnen.

    Das zweite Gebot behandelt „Dekalog II“. In einer trostlos sozialistischen Hochhaussiedlung lebt Darota (Krystyna Janda), deren Mann schwer an Krebs erkrankt ist. Darota erwartet ein Kind, allerdings von einem anderen Mann. Stirbt ihr Mann, so will sie das Kind austragen. Andernfalls lässt sie es abtreiben. So schiebt sie alle Verantwortung auf den behandelnden Arzt (Aleksander Bardini), der nun schwören soll, ob Darotas Mann sterben soll oder nicht. Auch hier stellt der Film ausdrücklich die Frage: „Glauben Sie an Gott?“

    Gegen die anderen Episoden grenzt sich „Dekalog V. Du sollst nicht töten“ wegen seiner künstlerisch aufwändigen Inszenierung ab. Der Film zeichnet sich insbesondere durch die hervorragende Kameraführung des bekannten Kameramanns Slawomir Idziak aus, der mittels Farbfilter und ungewohnter Einstellungen dramatische Akzente setzt.

    Ungewohnte Ansätze finden Drehbuchautor Krzysztof Piesiewicz und Regisseur Krzysztof Kieslowski allerdings immer wieder, so etwa im Film über das vierte Gebot: Eine Schauspielerin, die mit ihrem Vater alleine lebt, da die Mutter bei ihrer Geburt starb, entdeckt in einem von ihrer Mutter hinterlassenen Brief manche Überraschung. Aber auch die Episoden zum siebten und achten Gebot zeugen davon, dass Kieslowski bekannten Sujets immer wieder unkonventionelle Seiten abzugewinnen weiß.

    In der Inszenierung vollkommen anders als die restlichen neun Episoden nimmt sich „Dekalog X“ als eine Mischung aus Gaunerkomödie und Thriller aus. Die inzwischen auch außerhalb Polens bekannten Jerzy Stuhr und Zbigniew Zamachowski spielen zwei ungleiche Brüder, die nach dem Tod ihres Vaters in den Besitz seiner wertvollen Briefmarkensammlung kommen.

    Über einen inhaltlichen Bezug zwischen dem achten und dem zweiten Film hinaus besitzen alle Filme eine gemeinsame, sie verknüpfende Figur: den von Artur Barcis verkörperten Engel, „der die Menschen betrachtet, die gegen die Zehn Gebote verstoßen“ – so ein polnischer Filmkritiker in der Bonus-DVD.

    Im „Dekalog IX – Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau“ taucht erstmalig ein weiteres Band auf, das ab diesem Zeitpunkt Kieslowskis Filmografie zusammenhält: Auf Empfehlung einer hübschen Patientin kauft der Arzt Roman (Piotr Machalica) eine Schallplatte mit einer Komposition des holländischen Romantikers Van den Budenmayer. Van den Budenmayer ist allerdings ein fiktiver Komponist, das „Alter Ego“ des Filmmusikers Zbigniew Preisner, der seit 1985 für Kieslowskis Filme die Musik komponierte. Van den Budenmayer-Werke begegnen erneut in späteren Filmen Kieslowskis. Nach ihrer Ausstrahlung im Fernsehen (bei Arte) wurden sie erstmals auf DVD in der im Verbund mit dem TV-Sender erscheinenden „Arte Edition“ von absolutmedien in einer 6-DVD-Box (5 DVD mit je zwei Filmen, eine 82-minütige Bonus-DVD) veröffentlicht. Laut dem Verleih wurde „die Abtastung dieser ersten deutschen DVD-Edition direkt von den polnischen Masterbändern der Telewizja Polska erstellt. So zeigt sich Kieslowskis radikale Farbregie erstmals in originaler Bildqualität.“ Die Bonus-DVD enthält eine 82-minütige Dokumentation über Krzysztof Kieslowski mit dem Titel „Still Alive“, in dem bekannte Filmregisseure wie Agnieszka Holland (die auch an Kieslowskis letzten Filmen, der „Drei Farben“-Trilogie, mitarbeitete), Krzysztof Zanussi und Wim Wenders zu Wort kommen, sowie die Aufzeichnung eines TV-Gespräches mit dem Regisseur (Hundert Fragen an Krzysztof Kieslowski, 42 Minuten).

    Von José García