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    Ein Brückenbauer im Kreuzfeuer

    Pater James Martin SJ ist als Buchautor, Redner und Mitarbeiter des vom Jesuitenorden herausgegebenen „America Magazine“ einer der profiliertesten katholischen Publizisten der Vereinigten Staaten – und darüber hinaus. Im April 2017 ernannte Papst Franziskus ihn zum Berater des Kommunikationssekretariats der Römischen Kurie. In seiner Heimat sorgt der 56-jährige Jesuit jedoch immer wieder für innerkirchliche Kontroversen – insbesondere durch sein Engagement für eine größere Offenheit der katholischen Kirche gegenüber der „LGBT-Community“, also gegenüber der Gemeinschaft der Homo-, Bi- und Transsexuellen. Unlängst hat Pater Martin ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht: „Building a Bridge: How the Catholic Church and the LGBT Community Can Enter into a Relationship of Respect, Compassion, and Sensitivity” („Eine Brücke bauen: Wie die katholische Kirche und die LGBT-Gemeinschaft in eine von Respekt, Mitgefühl und Feingefühl geprägte Beziehung eintreten können“). Diese Titelformulierung nimmt unverkennbar Bezug auf Absatz 2358 des Katechismus der katholischen Kirche, in dem die von den Gläubigen geforderte Haltung gegenüber homosexuell empfindenden Menschen mit diesen drei Begriffen (in der offiziellen deutschsprachigen Ausgabe „Achtung, Mitleid und Takt“) beschrieben wird. Während Pater Martin in diesem Punkt also dezidiert auf die lehramtliche Position der Kirche verweist, bemängeln Kritiker seines Buches, dass die Aussagen von Absatz 2357 des Katechismus, sexuelle Akte zwischen Menschen desselben Geschlechts seien „in sich nicht in Ordnung“, verstießen „gegen das natürliche Gesetz“ und seien daher „in keinem Fall zu billigen“, in „Building a Bridge“ praktisch keine Rolle spielen.

    Von Papst Franziskus gefördert, von konservativen Katholiken kritisiert: An Pater James Martin scheiden sich derzeit die... Foto: wiki

    Pater James Martin SJ ist als Buchautor, Redner und Mitarbeiter des vom Jesuitenorden herausgegebenen „America Magazine“ einer der profiliertesten katholischen Publizisten der Vereinigten Staaten – und darüber hinaus. Im April 2017 ernannte Papst Franziskus ihn zum Berater des Kommunikationssekretariats der Römischen Kurie. In seiner Heimat sorgt der 56-jährige Jesuit jedoch immer wieder für innerkirchliche Kontroversen – insbesondere durch sein Engagement für eine größere Offenheit der katholischen Kirche gegenüber der „LGBT-Community“, also gegenüber der Gemeinschaft der Homo-, Bi- und Transsexuellen. Unlängst hat Pater Martin ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht: „Building a Bridge: How the Catholic Church and the LGBT Community Can Enter into a Relationship of Respect, Compassion, and Sensitivity” („Eine Brücke bauen: Wie die katholische Kirche und die LGBT-Gemeinschaft in eine von Respekt, Mitgefühl und Feingefühl geprägte Beziehung eintreten können“). Diese Titelformulierung nimmt unverkennbar Bezug auf Absatz 2358 des Katechismus der katholischen Kirche, in dem die von den Gläubigen geforderte Haltung gegenüber homosexuell empfindenden Menschen mit diesen drei Begriffen (in der offiziellen deutschsprachigen Ausgabe „Achtung, Mitleid und Takt“) beschrieben wird. Während Pater Martin in diesem Punkt also dezidiert auf die lehramtliche Position der Kirche verweist, bemängeln Kritiker seines Buches, dass die Aussagen von Absatz 2357 des Katechismus, sexuelle Akte zwischen Menschen desselben Geschlechts seien „in sich nicht in Ordnung“, verstießen „gegen das natürliche Gesetz“ und seien daher „in keinem Fall zu billigen“, in „Building a Bridge“ praktisch keine Rolle spielen.

    In mehreren Interviews, etwa mit der als theologisch konservativ geltenden Zeitschrift „National Catholic Register“, erläuterte Pater Martin, er sei auf diesen Teil der kirchlichen Lehre nicht näher eingegangen, weil er das potenziell Verbindende und nicht das Trennende im Verhältnis zwischen katholischer Kirche und LGBT-Gemeinschaft habe betonen wollen. Zudem gehe er davon aus, dass diese Lehre den meisten Homo- und Transsexuellen ohnehin bekannt sei; man müsse jedoch konstatieren, dass sie von einem großen Teil der davon betroffenen Personen nicht „angenommen“ worden sei. Im Übrigen verwies der Autor auf den Umstand, dass seine Ordensleitung die Veröffentlichung von „Building a Bridge“ gebilligt habe und mehrere Bischöfe, darunter die Kardinäle Kevin Farrell, Präfekt des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben, und Joseph Tobin, Erzbischof von Newark, das Buch ausdrücklich gelobt und empfohlen hätten.

    Anfang September schaltete sich nun der Kurienkardinal Robert Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, in die Debatte ein – auf ungewöhnlichem Wege, nämlich durch einen Kommentar im „Wall Street Journal“. Darin betont Kardinal Sarah, es sei richtig, dass die Kirche auf homosexuell empfindende Menschen zugehen und den Eindruck vermeiden müsse, sie würde Menschen aufgrund ihrer sexuellen Neigungen ausgrenzen und diskriminieren. Dazu sei es notwendig, die Lehre der katholischen Kirche zum Thema Homosexualität nicht isoliert, sondern im Gesamtkontext der Forderung nach Keuschheit zu betrachten, die sich ebenso auch an heterosexuell empfindende Menschen richte. Gleichwohl könne und dürfe die Kirche nicht davon absehen, die Lehre zu bekräftigen, dass homosexuelle Handlungen schwer sündhaft und schädlich für die daran Beteiligten seien. Die Kirche sei es den betroffenen Personen schuldig, ihnen diese „Wahrheit in Liebe zu verkünden“ und sie dazu zu ermutigen, mit Gottes Hilfe ein Leben in Keuschheit zu führen. Der Kardinal verweist in diesem Zusammenhang auf das Buch „Why I Don't Call Myself Gay“ („Warum ich mich nicht als ,schwul‘ bezeichne“) des homosexuellen Katholiken Daniel Mattson, zu dem er ein Vorwort verfasst hat.

    Ein anderer prominenter homosexueller Katholik, der sich entschieden zur Lehre der Kirche einschließlich deren Aussagen über Homosexualität bekennt, ist der Blogger Joseph Sciambra, der sich auf seinem Blog wiederholt kritisch mit Positionen Pater James Martins auseinandergesetzt hat. Sciambra wirft Martin vor, durch seine öffentlichen Äußerungen sowie durch Auftritte vor und mit LGBT-Aktivisten innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche verbreite er Unklarheit über die kirchliche Lehre beziehungsweise vermittle den Eindruck, diese Lehre sei für homosexuell empfindende Menschen nicht bindend. Auf diese Weise ermutige und bestärke Pater Martin – ob beabsichtigt oder nicht – dissidente Gruppierungen innerhalb der Kirche darin, lehramtliche Aussagen zu Fragen der Sexualität entweder zu ignorieren oder auf deren baldige Veränderung zu spekulieren. Damit falle Pater Martin, so meint Sciambra, insbesondere jenen homosexuellen Katholiken in den Rücken, die – so wie er – nach Kräften danach streben, ihr Leben im Einklang mit der kirchlichen Lehre zu gestalten.

    In den Sozialen Netzwerken sowie auf einigen konservativ-katholischen Blogs hat die Debatte um Pater Martin und sein aktuelles Buch indessen einen regelrechten „Shitstorm“ ausgelöst. In einem Beitrag für das „America Magazine“ beklagt der im Jahr 2015 von Papst Franziskus ernannte Bischof von San Diego, Robert McElroy, eine „Kampagne“ gegen Pater Martin, die darauf abziele, ihn zu „verleumden, seine Arbeit verzerrt darzustellen, ihn als heterodox abzustempeln, seinen Ruf zu zerstören und seine Ideen wie auch den von ihm initiierten Dialogprozess zunichte zu machen“.

    Die negative Publicity, die der Autor von „Building a Bridge“ auf sich gezogen hat, hat dazu geführt, dass mehrere katholische Institutionen – darunter das Theologische Seminar der Catholic University of America in Washington, D.C. – geplante Vorträge von Pater Martin abgesagt haben. In seiner Reaktion auf diese Vorgänge schlägt Bischof McElroy allerdings seinerseits einen Tonfall an, den man wohl als einen weiteren Schritt zur Eskalation des Konflikts bezeichnen muss: „Die Angriffe auf Pater James Martin offenbaren ein Krebsgeschwür innerhalb der katholischen Kirche in den USA“, ist sein Kommentar im „America Magazine“ betitelt. Aus der Kritik an Pater Martin und seinem Buch spreche, so McElroy, eine „in der Kirche und der US-amerikanischen Kultur tief verwurzelte Bigotterie“, die eine Aussöhnung zwischen Kirche und LGBT-Gemeinschaft „nicht als ein erstrebenswertes Ziel, sondern als eine schwerwiegende Bedrohung der Kultur, der Religion und der Familie“ wahrnehme. Praktizierte Homosexualität werde „nicht als eine Sünde wie andere Sünden“ wahrgenommen, sondern als „Gipfel der Verkommenheit“, was zu der Überzeugung führe, „LGBT-Personen“ müssten „effektiv aus der Familie der Kirche ausgeschlossen werden“.

    Die in solchen Auffassungen zum Ausdruck kommende „Homophobie“ gehe einher mit einer „Verzerrung katholischer Moraltheologie“, die die Tugend der Keuschheit gegenüber anderen christlichen Tugenden überbetone und absolut setze. Weiterhin äußert der Bischof von San Diego den Verdacht, die Kritik an Pater Martin ziele in letzter Konsequenz eigentlich auf Papst Franziskus und die „pastorale Theologie“, die dieser „in das Herz der Kirche eingebracht“ habe. Jenseits aller polemischen Zuspitzungen auf beiden Seiten lässt sich wohl feststellen, dass im Zentrum der Debatte eine Frage steht, die nicht allein in den Vereinigten Staaten, sondern ebenso auch in der übrigen westlichen Welt tie greifende Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Kirche zutage fördert: Wie kann die Kirche auf ihr fernstehende Personenkreise „zugehen“, ohne dabei ihre Botschaft zu kompromittieren?

    Kann sie in dem Interesse, „die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen“, unpopuläre Aspekte ihrer Lehre gewissermaßen „zurückstellen“, oder würde sie damit ihrem Auftrag untreu? Läuft sie, umgekehrt ausgedrückt, Gefahr, sich auf unfruchtbare Weise vom gesellschaftlichen Diskurs abzuschotten, wenn sie auch da entschieden auf ihren Positionen beharrt, wo diese von einer breiten Öffentlichkeit nicht „angenommen“ werden? Oder, noch allgemeiner gefragt: Wie muss eine Kommunikationsstrategie aussehen, die es der Kirche – wie Kardinal Sarah es formuliert – ermöglicht, „die Wahrheit in Liebe zu verkünden“? Einen Aufruf zur Mäßigung in der Debatte um Pater Martin und sein Buch veröffentlichte jüngst der als prominenter Vertreter des konservativen Flügels des US-amerikanischen Katholizismus geltende Erzbischof von Philadelphia, Charles Chaput. In einem Beitrag für das Magazin „First Things“ drückt er seine persönliche Wertschätzung für Pater Martin aus und verurteilt „unentschuldbar gehässige“, „unangemessene und ungerechte“ Angriffe auf diesen: Solche persönlichen Schmähungen seien „destruktiv und das Gegenteil eines Zeugnisses für das Evangelium“.

    Gleichzeitig widerspricht Erzbischof Chaput der Unterstellung, ein Klima von Aggression und Verleumdung in innerkirchlichen Debatten gehe ausschließlich oder hauptsächlich von der konservativen Seite aus, und betont, eine ernsthafte und fundierte Kritik an Pater Martins Thesen, die „nichts mit persönlichem Groll zu tun“ habe, sei nicht nur legitim, sondern „im Interesse der Gerechtigkeit wie auch der Nächstenliebe“ ausgesprochen notwendig.