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    Effektiv, aber den Umständen der Zeit unterworfen

    Beim Schutzengelfest Anfang Oktober feierte Papst Franziskus die heilige Messe für das vatikanische Gendarmeriekorps. In der Kapelle des Governatoratspalastes fand er deutliche Worte zum Kampf „der Engel Gottes, angeführt vom heiligen Michael, gegen den Satan, die alte Schlange, den Teufel“.

    Die letzten drei Päpste haben die Gendarmen des Vatikans als ihre weltlichen „Schutzengel“ verstanden. Foto: Nersinger

    Beim Schutzengelfest Anfang Oktober feierte Papst Franziskus die heilige Messe für das vatikanische Gendarmeriekorps. In der Kapelle des Governatoratspalastes fand er deutliche Worte zum Kampf „der Engel Gottes, angeführt vom heiligen Michael, gegen den Satan, die alte Schlange, den Teufel“.

    Für den Papst, der sich nicht in den Fesseln einer „biblical correctness“ gefangen und behindert sieht, steht fest, dass diese Schlacht keineswegs auf die Welt der Engel begrenzt ist: „Der Kampf vollzieht sich die gesamte Geschichte hindurch Tag für Tag, jeden Tag: Er findet statt im Herzen der Männer und Frauen, er findet statt in den Herzen der Christen und Nichtchristen… Es ist der Kampf zwischen Gut und Böse, bei dem wir uns dafür entscheiden müssen, ob wir das Gute oder das Böse wollen.“ Die Heilige Schrift, so der Papst, „lehrt uns, dass man mit dem Teufel keinen Dialog führen kann“. „Ihr müsst die Dinge an den rechten Platz rücken und häufig Verbrechen und Straftaten verhindern ... Ihr steht im Dienst an der Gesellschaft, im Dienst an den anderen, im Dienst, der das Gute in der Welt mehren soll“, rief er seinen Gendarmen ins Gedächtnis.

    Die letzten drei Päpste – der heilige Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus – haben die Gendarmen des Vatikans immer als ihre weltlichen „Schutzengel“ begriffen und in vielen Ansprachen auch so benannt. Die Arbeit der päpstlichen Ordnungshüter ist nie einfach gewesen. Die heutige Polizei des Heiligen Vaters kann im nächsten Jahr auf eine zweihundertjährige Geschichte zurückblicken: 1816 war es als Korps der „Carabinieri Pontifici“ geschaffen worden. Kaum gegründet wurde von ihm die Bezwingung einer Legende gefordert. Damals kannte jedermann in Europa Antonio Gasparone (1793–1880). Zeitungsberichte, Erzählungen und Romane hatten dafür gesorgt. 1884 setzte Carl Millöcker dem berühmt-berüchtigten Räuberhauptmann sogar ein musikalisches Denkmal, eine Operette. Im Juni des Jahres 1818 machten sich vier päpstliche Karabinieri daran, Antonio Gasparone zu ergreifen. Als Briganten verkleidet wollten sie sich in dessen Räuberbande einschleichen.

    Die Karabinieri unterschätzten jedoch Gasparone und rechneten nicht mit den überall präsenten Spitzeln des Briganten. Dieser, über die „Undercover-Mission“ genauestens informiert, erwartete schon sehnsüchtig die Ordnungshüter des Papstes. Er begrüßte die neuen Kampfgefährten mit großer Liebenswürdigkeit, umarmte sie herzlich und setzte ihnen den besten Wein der Abruzzen vor – dann brachte er sie um. Dem Delegaten von Frosinone schickte Gasparone die abgeschnittenen Ohren der Karabinieri. In einem beigelegten Brief forderte er den Prälaten auf, die Leichen der vier Männer abholen zu lassen, „damit sie in geweihter Erde beigesetzt werden können“. Erst sieben Jahre später, am 19. September 1825, gaben Gasparone und seine Bande auf und legten vor den Carabinieri Pontifici ihre Waffen nieder.

    Als der alte Kirchenstaat durch Giuseppe Garibaldi und die italienische Einheitsbewegung bedroht wurde, war es vor allen das Verdienst der zivilen Ermittler der Gendarmerie gewesen, dass terroristische Akte größtenteils verhindert werden konnten. So gelang im Herbst des Jahres 1867, als Freischärlerbanden in das weltliche Territorium des Papstes eingedrungen waren, nur eines der geplanten Bombenattentate: die Zerstörung der Serristori-Kaserne im Borgo. Die Engelsburg sollte in die Luft gesprengt werden, die Verschwörer hatten bereits Dutzende von Minen gelegt; ebenso waren am Gasometer der Stadt Sprengvorrichtungen angebracht worden. Die Agenten der Gendarmerie blieben jedoch nicht untätig; bei einer Reihe von verdeckten Operationen kamen sie den Attentätern auf die Spur.

    Dem aus Westfalen stammenden päpstlichen Artillerieoffizier Klemens August Eickholt waren bei einem alten, vernachlässigten Palast unweit der römischen Kaserne Ravenna verdächtige Aktivitäten aufgefallen. Er informierte seine Vorgesetzten und wurde von ihnen zur Gendarmeriebrigade von San Pietro in Vincoli geschickt. Dort vereinnahmten ihn die Gendarmen für eine „Undercover-Mission“. Im Mannschaftsraum der päpstlichen Polizei sah er sich seinen verkleideten Mitstreitern gegenüber: „Vor mir standen allerlei Leute: der elegante Dandy, der solide Bürgersmann, der Handwerker, der Straßenhändler, der zerlumpte Bettler – alles war vertreten.“ Mit den Agenten der Gendarmerie begab er sich zu dem vermuteten Verschwörernest: „Ich schlenderte hinter ihnen her und sah noch, wie der eine hier, der andere dort im nächtlichen Dunkel verschwand. Das Haus wollte ich selbst im Auge behalten, ich durfte mich also nicht zu weit davon entfernen.“

    Dann beobachtet er: „Ein Betrunkener torkelt auf dem Straßenpflaster. Er lehnt an der Wand des Ravennapalastes und versucht, sich eine Zigarre anzuzünden. Die Tür des verlassenen Hauses hat sich unterdessen lautlos geöffnet. Drei Gestalten, denen noch weitere zu folgen scheinen, treten auf die Straße, vorsichtig rechts und links spähend. Die wenigen Laternen sind längst erloschen, und das letzte Mondviertel unterbricht kaum mit bleichem Schimmer die Nacht. Sie gewahren den Betrunkenen, der weiterstolpert. Nachdem er verschiedene Zündhölzchen erfolglos vergeudet, setzt er mit vieler Mühe zwei Hölzchen zugleich in Brand und bringt sie an die Zigarre. Er hat vorher die innere Handfläche durch einen Tropfen Öl glänzend gemacht, so dass sie ihm für die flammenden Streichhölzer als Reflektor dienen kann.

    So gelingt es ihm, in dieser geschaffenen Beleuchtung die Gesichtszüge der vorbeischreitenden Männer zu unterscheiden. Aber bevor die Zigarre recht brennen will, hatte es ihn schon wieder umgeworfen. ,Na, der hat schwer geladen!‘ hört er die Fortschreitenden flüstern. Am Boden liegend, sieht er dann, wie ihnen noch andere, die nach den dreien das Haus verlassen und auf S. Maria Maggiore zugehen, folgen. Als dann die ersten drei, miteinander leise und eifrig sprechend, etwa zwanzig Schritte weit sich entfernt haben und im Begriffe sind, im nächtlichen Dunkel zu verschwinden, wird der Betrunkene auf einmal sehr gelenkig. Seine Augen bohren sich in das Dunkel, und mit lautlosen Schritten wie auf der Pirsch geht's hinter den dreien her.“ Kurze Zeit später ließ der Polizeidirektor von Rom das Verschwörernest ausnehmen. Alle an dem Komplott Beteiligten konnten von der päpstlichen Gendarmerie festgenommen werden. In unseren Tagen sind „Undercover-Missionen“ der Gendarmen, wie sie vor gut 150 Jahren üblich waren, nur noch sehr begrenzt und äußerst selten möglich. Agieren darf das Gendarmeriekorps nur auf vatikanischem Hoheitsgebiet. Offene oder verdeckte polizeiliche Operationen im italienischen Ausland verbieten sich aus staats- und völkerrechtlichen Gründen. Die Polizisten des Heiligen Vaters müssen daher andere Ermittlungswege gehen. Die Beziehungen zu den Kollegen und Sicherheitsinstitutionen der Republik Italien gelten als ausgezeichnet. Für die Kommunikation und Zusammenarbeit ist von großem Vorteil, dass die Gendarmen zuvor ihre Ausbildung bei der Polizia di Stato, der Guardia di Finanza, den Karabinieri oder auch den Nachrichtendiensten des Nachbarstaates erhalten haben.

    Das technische Equipment des vatikanischen Gendarmeriekorps gilt weltweit als herausragend und den höchsten Anforderungen entsprechend. Die „sala operativa“, die Einsatzzentrale der Gendarmerie, wird von Interpol als beispielhaft bezeichnet und ist beliebtes Pilgerziel ausländischer Polizeiorganisationen. Bei der letzten Papstwahl im Jahre 2013 konnte man die Abhörsicherheit des Konklavebereiches erfolgreich garantieren. In der vergangenen und gegenwärtigen „Vatileak“-Affäre legte die Gendarmerie ein schnelles Ermittlungsergebnis vor.

    Die Gendarmen haben sich dem Papst verpflichtet

    In einem unterscheidet sich das Gendarmeriekorps von jeder anderen Polizeieinheit der Welt – über die normalen beruflichen Qualifikationen hinaus verlangt es von seinen Angehörigen, dass sie sich zum christlichen Glauben bekennen, dessen Werte teilen und sich dem Papst durch einen Eid verpflichten. Ein junger Gendarm bekennt: „Unsere Arbeit bedeutet auch Opfer und großen Einsatz. Aber zugleich wird man belohnt mit der einzigartigen Ehre, dem Heiligen Vater dienen zu dürfen.“ Für Davide Giulietti, einen Beamten der Kommandoebene, steht fest: „Wenn du hier arbeitest und nicht ein Minimum an Glauben hast, für wen arbeitest du dann? Wenn du im Dienste des Papstes stehst, glaubst du an seine Person. Wer daran nicht glaubt, hat meines Erachtens den falschen Job.“

    Mit einer solchen Berufsauffassung kann sich Papst Franziskus auch unter den gegenwärtigen schwierigen Umständen der Effizienz seiner Polizeitruppe sicher sein – und dies sogar ohne waghalsige „Undercover-Missionen“ vergangener Zeiten.