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    Durch Ungewissheit und Wagnis in die Geborgenheit Gottes

    Ein Luftalarm warnt vor den Bombenangriffen der alliierten Mächte des zweiten Weltkrieges. Auf seinem Sterbebett liegt unterdessen der Mann, der zu Lebzeiten bekannt war als „der Philosoph von Münster“. Seinem jüngeren Kollegen Josef Pieper notiert der an Kieferkrebs erkrankte Peter Wust – sprechen konnte er nicht mehr – auf einen Zettel : „Ich befinde mich in absoluter Sicherheit“. Die Worte bezeichnen den Ertrag eines 55-jährigen Lebens, dem heute bedauerlicherweise nur noch wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der christliche Existenzphilosoph ist versöhnt mit seinem Dasein, das von Schwermut und Hoffnung, äußerer Einfachheit und höchsten inneren Ansprüchen umgetrieben war.

    Ein Luftalarm warnt vor den Bombenangriffen der alliierten Mächte des zweiten Weltkrieges. Auf seinem Sterbebett liegt unterdessen der Mann, der zu Lebzeiten bekannt war als „der Philosoph von Münster“. Seinem jüngeren Kollegen Josef Pieper notiert der an Kieferkrebs erkrankte Peter Wust – sprechen konnte er nicht mehr – auf einen Zettel : „Ich befinde mich in absoluter Sicherheit“. Die Worte bezeichnen den Ertrag eines 55-jährigen Lebens, dem heute bedauerlicherweise nur noch wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der christliche Existenzphilosoph ist versöhnt mit seinem Dasein, das von Schwermut und Hoffnung, äußerer Einfachheit und höchsten inneren Ansprüchen umgetrieben war.

    Peter Wust steht für eine Philosophie der Synthese, die existenzielles Fragen, skeptisches Argumentieren und metaphysisches Antworten vereint. Sein Denken gibt ein kaum vergleichbares Beispiel dafür, unter welchen Bedingungen christliche Metaphysik sich im wissenschaftlichen Kontext von heute behaupten kann.

    Vor 125 Jahren, am 28. August 1884 wird Peter Wust als erstes von elf Kindern im saarländischen Rissenthal geboren. Sein Vater war ein ärmlicher Siebmacher und konnte dem wissbegierigen Jungen nicht bereitstellen, was der sich am sehnlichsten wünschte: Bücher. Dank der erzieherischen und finanziellen Unterstützung von Geistlichen besucht Wust das Gymnasium und anschließend das bischöfliche Konvikt in Trier; mit dem Berufsziel des Priesters. Eine Glaubenskrise führt zum Abbruch der Ausbildung. Wust beginnt ein Studium der Philosophie an der Universität Berlin. Dem Vater gilt er von da an „als Abtrünniger, als verlorener Sohn“, wie Wust in seinen Lebenserinnerungen „Gestalten und Gedanken“ schreibt. Es folgen Jahre als Lehrer an Oberschulen in Berlin, Neuss, Trier und Köln, bis Wust sich ganz für die Wissenschaft entscheidet. Er promoviert über „John Stuart Mills Grundlegung der Geisteswissenschaften“. Zu seiner letzten beruflichen Station führt ihn 1930 der Ruf an die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster als Professor für Philosophie.

    Gebet ist der Zauberschlüssel

    Im Zentrum der Philosophie Wusts steht von Anfang an der Mensch und die Philosophie ist für ihn die menschlichste Wissenschaft, die scientia humanissima. Entgegen der vorherrschenden Meinung seiner Zeit ermächtigt Wust den Menschen aber nicht, die Welt der Natur aus seiner geistigen Überlegenheit heraus zu beherrschen. Sondern der Mensch ist sich selbst die große existenzielle Herausforderung, hin- und hergerissen zwischen seiner sinnlichen Naturgebundenheit und seinem geistigen Unendlichkeitsstreben. Er befindet sich in der „Insecuritas humana“, der Ungewissheit und Ungesichertheit auf der Suche nach letzten Antworten. Und genau in der lasterhaften Insecuritas verbirgt sich das große Element des menschlichen Daseins – die Freiheit. Denn diese fordert Entscheidungen, ruft auf zum Wagnis des Glaubens. Selbst wenn das letzte Geheimnis des Seins alle Fähigkeiten der natürlichen Vernunft übersteigt und das Wagnis nur ein bewusster Schritt ins weitere Ungewisse ist, so wird der Mensch erst wahrhaft er selbst, wenn er wagt, sich im Vertrauen auf die Güte eines personalen Weltordners diesem zu überantworten. Wust ist kein Scheuklappen-Denker, der sich irgendeinem System verschreiben wollte, keinem religiösen Dogmatismus und keinem Skeptizismus. Er setzt jeden geistigen Antrieb (Erkenntnisdrang, Wille, Gefühl) in Beziehung zu den letzten Fragen, wobei der eine Antrieb dem anderen kontrollierend auf der Spur bleiben sollte.

    Dieses Profil ist das Ergebnis einer Entscheidungskraft, die Wust nicht nur besprochen, sondern in seiner eigenen Geistesgeschichte bewiesen hat.

    Das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert ist vor allem von der Schule des Neukantianismus beherrscht. Peter Wust folgt anfangs dieser skeptizistischen Linie, welche die Vernunft auf Erkenntnisstrukturen und Verstandesleistungen reduziert. Erst die Bekanntschaft mit Ernst Troeltsch, Max Scheler und Frankreichs katholischer Erneuerungsbewegung „Renouveau Catholique“ in den 20-er Jahren bringt Wust zurück zu den metaphysischen Fragen nach dem Ganzen von Mensch und Welt. Mit Charles Du Bos, Jacques Maritain, Gabriel Marcel und auch mit Edith Stein pflegt er engen Kontakt. Vernunft nennt er bald die fromme Bezogenheit individueller Gefühle auf die Gesetze eines Absoluten. Naiver Realist wird der Gegenwartszeuge aber nicht mehr. Zu seinem Menschenbild gehört das Unwissen und zur Philosophie das Scheitern gegenüber der vollständigen Wahrheit. Die Wahrheit selbst verteidigt Wust aber als objektiv gegeben und nicht beliebig verhandelbar – eine These, die auch Papst Benedikt XVI. häufig genug deklariert hat. Dieser nennt im Rückblick auf seine Zeit als Seminarist in Freising Wust übrigens einen der Autoren, „deren Stimme uns am unmittelbarsten berührte“. Zu den meist beachteten Schriften Wusts ab 1920 gehören „Die Auferstehung der Metaphysik“, „Naivität und Pietät“, und „Die Dialektik des Geistes“. Wust selbst misst „Ungewissheit und Wagnis“ (1937) die größte Bedeutung zu.

    Wusts Werkgeschichte ist ein offenes Zeugnis seiner persönlichen Lebensverfassungen. Er hat selbst alle Phasen durchlebt: Naiven Kinderglauben, Wissbegier, Zweifel, vernünftigen Glauben und Gebet. Letzteres wird im „Abschiedswort“, welches Wust kurz vor seinem Tod an seine Studenten geschrieben hatte, zum Halt gebenden Anker: „Wenn Sie mich fragen sollten, bevor ich jetzt endgültig von Ihnen gehe, ob ich einen Zauberschlüssel kenne, der einem das letzte Tor zur Weisheit des Lebens erschließen könne, dann würde ich Ihnen antworten: Jawohl. Und zwar ist dieser Zauberschlüssel nicht die Reflexion, wie Sie es von einem Philosophen vielleicht erwarten möchten, sondern das Gebet.“ Peter Wust stirbt am 3. April 1940 qualvoll an seiner Krankheit.

    Hat die Vernunft hier zuletzt vor dem Glauben kapituliert? Zumindest kann man sagen, Peter Wust findet seine Heimat zu Recht in der religiösen Metaphysik. Denn sein ganzes Bemühen gilt weniger dem Erklären von Tatsachen, als der Suche nach Geborgenheit.

    Unbeeindruckt von geistigen Autoritäten, aber nicht ignorant gegenüber den verschiedenen Erkenntnisbemühungen, behält Wust zeitlebens, was seiner Philosophie zum Programm wurde: Freiheit im Geiste, einen Geist in der Freiheit. So bleibt er auch unbeugsamer Widersacher gegen den Krieg und das Hitlerregime als teuflischem Verrat an Geist und Freiheit, oder gegen den allgemeinen Werteverfall der Zivilisation.

    Als Weisheit wählt Wust die Glaubensweisheit und als ihr Optimum die Heiligkeit. Und das demütige Schweigen vor der Sprache des Absoluten als einzigen Weg dahin. Sicher ist erst das Ziel, wie die Eröffnungsverse von „Naivität und Pietät“ bekunden:

    „Alle Gedanken münden/ in tiefer Ruh./ Und alle Wünsche suchen/ Ein ewiges Du./ Tief drinnen bebt es leise:/ Zeit, stehe still!/ Weil ich eins ewig halten/ Und lieben will.“

    Von Joelle Verreet