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    „Durch Gottes Gnade ein Kind der Kirche“

    Die Kirche gedenkt heute, am siebzigsten Todestag von Edith Stein, einer großen deutschen Philosophin und glühenden Konvertitin, deren Lebenslicht entweder in der finsteren Nacht einer Gaskammer oder in der Eishölle eines dämonischen Versuchslabors von Auschwitz-Birkenau erlosch. Als erste Katholikin jüdischer Abstammung wurde sie 1998 offiziell in Rom heiliggesprochen. Edith Stein, die seit dem Jahre 1999 auch Schutzpatronin Europas ist, hatte ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volk immer viel bedeutet, sogar glücklich gemacht – gerade nach ihrer Bekehrung, wie eine Äußerung aus ihrer Zeit im Karmel von Echt belegt: „Sie ahnen nicht, was es für mich bedeutet, wenn ich morgens in die Kapelle komme und im Blick auf den Tabernakel und auf das Bild Mariens mir sage: Sie waren unseres Blutes.“

    „Szenen aus dem Leben von Schwester Teresia Benedicta a cruce – Edith Stein“: Triptychon im Atrium der Edith-Stein-Kapel... Foto: KNA

    Die Kirche gedenkt heute, am siebzigsten Todestag von Edith Stein, einer großen deutschen Philosophin und glühenden Konvertitin, deren Lebenslicht entweder in der finsteren Nacht einer Gaskammer oder in der Eishölle eines dämonischen Versuchslabors von Auschwitz-Birkenau erlosch. Als erste Katholikin jüdischer Abstammung wurde sie 1998 offiziell in Rom heiliggesprochen. Edith Stein, die seit dem Jahre 1999 auch Schutzpatronin Europas ist, hatte ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volk immer viel bedeutet, sogar glücklich gemacht – gerade nach ihrer Bekehrung, wie eine Äußerung aus ihrer Zeit im Karmel von Echt belegt: „Sie ahnen nicht, was es für mich bedeutet, wenn ich morgens in die Kapelle komme und im Blick auf den Tabernakel und auf das Bild Mariens mir sage: Sie waren unseres Blutes.“

    Als die Gestapo sie am 2. August 1942 im Rahmen einer Vergeltungsmaßnahme aus dem Echter Karmel abführte, soll sie zu ihrer Schwester Rosa gesagt haben: „Komm, wir gehen für unser Volk!“

    Fast zehn Jahre zuvor, in den Kartagen 1933, hatte sie in einem aufwühlenden Schreiben an Pius XI. um das Ende des kirchlichen Schweigens zur Judenverfolgung in Deutschland gebeten. Der Wortlaut dieses Bittbriefes wurde in der Öffentlichkeit erst bekannt, nachdem Papst Johannes Paul II. mittels einer ungewöhnlichen Anordnung vom Februar 2002 die Vatikanischen Archive für die Jahre 1922 bis 1939 öffnen ließ. Aus Edith Steins persönlichen Aufzeichnungen wissen wir, welche Begebenheit letztlich den entscheidenden Impuls gab, sich in der Judenfrage an den Papst in Rom zu wenden.

    Von einem befreundeten Ehepaar hatte sie in der Fastenzeit 1933 erfahren, dass amerikanische Zeitungen über entsetzliche Taten berichteten, die an der jüdischen Bevölkerung in Deutschland begangen wurden. In ihr keimte der Gedanke, nach Rom zu fahren und den Papst um eine Enzyklika in dieser Sache zu bitten. Während der darauf folgenden Kar- und Ostertage, die sie im Kloster Beuron bei ihrem damaligen Seelenführer, Erzabt Raphael Walzer verbrachte, reifte jedoch die Erkenntnis, dass sie angesichts des Heiligen Jahres – 1 900 Jahre Tod und Auferstehung Christi – aufgrund des hohen Andranges schwerlich eine Privataudienz erhalten würde. Erzabt Walzer, der seit dem Tode des Speyerer Generalvikars Joseph Schwind im Jahre 1928 ihr geistlicher Führer war, hegte eine große Bewunderung, ja echte Zuneigung für die Konvertitin: „Er nannte sie virgo sapiens, die von Gott überreich Beschenkte, die ganz in der geliebten Wahrheit Verweilende, die betende Philosophin, das Gebet in Person“, erinnert sich P. Mauritius Schurr.

    Der hochintelligente Walzer, aus einer Ravensburger Handwerkerfamilie stammend, besaß nicht nur einen Doktortitel in Theologie, sondern auch einen in Philosophie, hinzu kam noch die Ehrendoktorwürde aus Tübingen. Schon früh widersetzte er sich dem ideologischen Wahnsinn der Nazis, wie diese Predigt anlässlich der Neuaufstellung des Beuroner Bergkreuzes aus dem Jahre 1931 verdeutlicht: „Ein europäischer Sturm hat das alte Kreuz von seinem Throne gestürzt ... ein neuer europäischer Sturm rüttelt an den Grundfesten von Religion und Sitte und Kultur. Diesem Sturm zu trotzen, soll ein neues Kreuz den Petersfelsen besteigen ... Im Lichte dieses heiligen Kreuzes finden wir denn auch die Lösung der brennenden sozialen Frage, ganz anders als einer, der noch im Januar dieses Jahres im Ernst zu schreiben gewagt hat, der Staat solle dafür sorgen, dass .... alle Schwächlinge und Kränklinge aus der Gesellschaft ausgeschieden und vernichtet werden. Dies im Namen einer Partei unseres Landes, die ernst genommen werden will. Dies im Jahre 1931! Du, heiliges Kreuz, schweigst wie Gott selbst zu diesen Missetaten. Aber erbarme dich auch dieser, auf dass auch sie erkennen, dass nur in diesem Zeichen Heil und Sieg ist.“

    Zu Ostern 1933, als der Brief an Pius XI. entstand, war Raphael Walzer gerade von einer ausgedehnten Asien-Reise zurück und konnte sein Beichtkind in dieser Sache beraten. Das Schreiben Edith Steins an den Papst wurde erstmalig im Jahre 2005 veröffentlicht. Es ist darin allerdings nicht mehr die Rede davon, dass der Heilige Vater eine Enzyklika verfassen möge. Vielleicht hat der umsichtige Walzer abgeraten, Pius XI. auf eine bestimmte Form der Äußerung zu den Vorgängen in Deutschland festzulegen. Stein stellt sich zunächst als Kind des jüdischen Volkes vor, das „durch Gottes Gnade seit elf Jahren ein Kind der katholischen Kirche“ ist. Sie schildert mit eindringlichen Worten, was in Deutschland vor sich gehe, „Taten, ... die jeder Gerechtigkeit und Menschlichkeit – von Nächstenliebe gar nicht zu reden – Hohn sprechen.“ Und sie macht klar, dass nicht nur die Juden, auch die deutschen Katholiken, ja, die ganze Welt darauf warte, dass die Kirche Christi dazu ihre Stimme erheben möge. Die zentrale Passage ihres Briefes ist diese: „Ist nicht diese Vergötzung der Rasse und der Staatsgewalt, die täglich durch Rundfunk den Massen eingehämmert wird, eine offene Häresie? Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der allerheiligsten Menschheit unseres Erlösers, der allerseligsten Jungfrau und der Apostel?“ Schließlich bittet sie den Heiligen Vater, nicht mehr länger zu diesen Gräueltaten zu schweigen, demütig, zu seinen Füßen, den apostolischen Segen erbittend.

    Als dann im Jahre 1937 „Mit brennender Sorge“ erscheint und in wahrhaft konspirativen Aktionen in Deutschlands Diözesen verteilt wird, befindet sich Edith Stein bereits im Kölner Karmel und hat ihre zeitliche Profess für drei Jahre abgelegt. Die Entscheidung, Karmelitin zu werden, fiel bereits im Herbst des gleichen Jahres, in dem sie den Heiligen Vater angeschrieben hatte – und gegen den Wunsch ihres Seelenführers Walzer, der sie lieber als Teil der ecclesia militans in der Welt, statt in der strengen Klausur des Karmel gesehen hätte. Ihr Schicksalsweg über das holländische Echt ist bekannt und verliert sich im Grauen von Auschwitz-Birkenau. Mit ihrem mutigen wie demütig-ergebenen Schreiben hat sich die Märtyrerin in die Tradition der großen heiligen Frauen wie Hildegard von Bingen, Caterina von Siena und Birgitta von Schweden eingereiht, die den Päpsten ihrer jeweiligen Zeit ebenso wichtige Impulse wie geistliche Leitlinien gaben.