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    „Dort ist die Wiege des Christentums“

    Herr Grulich, wenn das Thema „Christen in der Türkei“ in der Öffentlichkeit diskutiert wird, fallen sogleich die Schlagwörter Unterdrückung und mangelnde Religionsfreiheit. Sind die Christen in der Türkei eine unterdrückte Minderheit?

    Herr Grulich, wenn das Thema „Christen in der Türkei“ in der Öffentlichkeit diskutiert wird, fallen sogleich die Schlagwörter Unterdrückung und mangelnde Religionsfreiheit. Sind die Christen in der Türkei eine unterdrückte Minderheit?

    Die Christen sind sicher eine Minderheit, und zwar eine sehr kleine. Vor dem Ersten Weltkrieg machten die etwa drei Millionen Christen bei nur elf Millionen Einwohnern mehr als ein Viertel der Bevölkerung aus. Heute gibt es in der Türkei bei einer Zahl von 72 Millionen Einwohnern nur etwas mehr als 100 000 Christen. Ihre Anzahl ist also nur in Promille auszudrücken. Sie sind Bürger zweiter Klasse, aber nicht direkt unterdrückt. Dabei muss beachtet werden, dass die einzelnen Kirchen unterschiedliche Rechte beziehungsweise keine Rechte haben. Nach dem Lausanner Vertrag sind nur die Griechen, Armenier, Bulgaren und die Juden als Minderheit anerkannt, nicht aber die syrischen Kirchen in Südostanatolien. So haben die Armenier und Griechen noch eigene anerkannte Schulen, nicht aber die aramäisch-sprachigen Christen in Anatolien. Die römisch-katholische Kirche gilt als Ausländerkirche, da die meisten Pfarreien Nationalpfarreien der Italiener, Franzosen, Österreicher und der Deutschen sind. Da die österreichische Pfarrei St. Georg in Istanbul bereits in der Zeit der Osmanen bestand, ist ihre Stellung besser als die der deutschen Gemeinde.

    „Leider hat die Regierung in Ankara vergessen, dass die Osmanische Türkei, in der der Sultan auch Kalif war, toleranter war als die heutige Regierung“

    Die derzeitige türkische Regierung unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan versucht, den EU-Beitritt ihres Landes voranzutreiben. Warum tut sie sich mit der Gewährung echter Religionsfreiheit so schwer?

    Die heutige Türkei will seit den Reformen Kemal Atatürks in den 1920er Jahren ein laizistischer Staat sein. In der Praxis ist aber seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die sunnitische Form des Islam fast eine Art

    Staatsreligion. Leider hat die Regierung in Ankara vergessen, dass die Osmanische Türkei, in der der Sultan auch Kalif war, toleranter war als die heutige Regierung. Nach dem Krimkrieg hat der Sultan 1856 auf Druck der europäischen Mächte Religionsfreiheit gewährt, was zur Entstehung neuer Bistümer, zum Bau neuer Kirchen und Missionsstationen verschiedener Kirchen in Kleinasien geführt hat. Der Erste Weltkrieg hat das mit dem Völkermord an den Armeniern und den syrischen Christen zunichte gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg kam dann noch die Umsiedlung der Griechen hinzu.

    Ist zu erwarten, dass sich die Lage der Christen in naher Zukunft verbessert?

    Nur wenn sich Europa mehr als bisher für die verbliebenen Christen einsetzt, wie das die europäischen Mächte in der Mitte des 19. Jahrhunderts taten und damit den erwähnten Erfolg hatten.

    Die Christen in der Türkei sind in viele Konfessionen und Riten zersplittert. Ziehen Sie gegenüber dem Staat an einem Strang?

    Ja, denn das ökumenische Klima ist in der Türkei sehr gut. Ich erinnere nur an den Besuch des Papstes im November 2006 und an die Besuche seiner Vorgänger Johannes Paul II. und Paul VI., aber auch an die Tatsache, dass der spätere Papst Johannes XXIII. als Nuntius in der Türkei war und sagte: „Io amo i Turchi“ (Ich liebe die Türken).

    Sie selbst reisen regelmäßig in die Türkei. Wie erleben Sie christliches Leben vor Ort?

    Ich versuche, möglichst viele Reisegruppen in noch bestehende christliche Gemeinden zu führen. Da ich in Deutschland immer wieder hören musste, dass selbst deutsche Priester keine Adressen von Kirchen kennen, habe ich auch versucht, mit dem Buch „Konstantinopel. Ein Reiseführer für Christen“ die Adressen noch bestehender Kirchen und Klöster in Istanbul, aber auch in

    Anatolien zusammenzutragen. Vor Ort erlebe ich, dass die Gemeinden sehr klein sind, sogar schrumpfen. Das belegen die Zahlen über den Rückgang der Griechen in Istanbul oder der syrischen Christen im Turabdin, im Südosten der Türkei. Andererseits steigen die Zahlen von Kirchen in Istanbul, da dorthin viele Christen aus Anatolien gezogen sind. Ganz deutlich ist auch

    die Tatsache, dass aus den Nationalkirchen langsam eine türkische Kirche entsteht. Die Gottesdienste werden noch oft in europäischen Sprachen gelesen, aber immer öfter auch in Türkisch. In der großen Antonius-Kirche im Istanbuler Stadtteil Beyoglu gibt es am Sonntagvormittag Heilige Messen in

    Italienisch, Polnisch, Spanisch und Englisch, aber die Sonntagabendmesse ist in türkischer Sprache. Ähnliches ist von Izmir zu berichten, wo der Erzbischof in seiner Diözese nur 1 200 Gläubige hat, aber sechs Pfarrkirchen. Es gibt aber auch Städte mit Kirchen ohne Gläubige. Im zentraltürkischen Konya halten drei italienische Ordensfrauen die Stellung und sind dankbar für jeden Priester, der dort in der neugotischen St. Paulskirche die Eucharistie feiert.

    An diesem Wochenende eröffnet Papst Benedikt XVI. das Paulusjahr 2008/2009. Ein großer Teil der Wirkungsstätten des Völkerapostels befindet sich auf heute türkischem Boden. Ist zu erwarten, dass das Paulusjahr den Christen in der Türkei Aufwind bescheren könnte?

    Ja, aber nur wenn wir Christen in Europa unsere Solidarität mit den verbliebenen Christen in der Türkei deutlich zeigen. Leider gibt es noch zu viele Pilgergruppen, die nur archäologische Stätten und Ruinen besuchen, aber nicht konsequent die noch existierenden christlichen Gemeinden. Hier haben unsere katholischen Pilgerbüros noch manches nachzuholen.

    „Es gibt noch zu viele Pilgergruppen, die nur archäologische Stätten und Ruinen besuchen, aber nicht konsequent die noch existierenden christlichen Gemeinden“

    Der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, hat die Gründung eines Pilgerzentrums in Tarsus, der Geburtsstadt des heiligen Paulus, angeregt. Wie schätzen Sie die Chancen für ein solches Unterfangen ein?

    Die Idee ist mehr als zu begrüßen, doch muss auch geplant werden, dieses Pilgerzentrum in Tarsus mit Leben zu erfüllen. Der auch für Tarsus zuständige Bischof und Apostolische Vikar von Anatolien, Bischof Luigi Padovese, hat bereits zwei Pilgerhäuser: Ein Zentrum in Iskenderun, das den Namen des in Trabzon ermordeten Priesters Andrea Santoro trägt, und ein Haus oberhalb der Stadt. Diese schönen und modernen Tagungshäuser werden meist nur von italienischen Gruppen genutzt, kaum von Deutschen. Sie sollten gerade in diesem Paulusjahr von allen christlichen Pilgerbüros aufgesucht werden. So können wir den Behörden in der Türkei zeigen, dass wir unsere christlichen Schwestern und Brüder in der Heimat des Christentums nicht vergessen. Schließlich war es Antiochien, das heutige Antakya, wo die Jünger Jesu zum ersten Male Christen genannt wurden. Bis zum Zweiten Vatikanum haben wir sogar noch ein Fest gefeiert: Petri Stuhlfeier in Antiochien. Dort ist die Wiege des Christentums, und von dort erst ging Petrus nach Rom.

    Von Andreas Laska