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    Die verschwiegene Liebe zum Glauben

    Magnus Nymans „Geschichte der Verlierer“ zeigt, wie katholisches Leben in Schweden wirklich war. Von Barbara Stühlmeyer

    Der Besuch des Papstes in Schweden 2016 war ein guter Anlass, die jahrhundertelange Verunglimpfung der katholischen Kirc... Foto: DT/IN

    Geschichtsschreibung ist notwendig selektiv. Denn niemand, nicht einmal der Gutwilligste vermag es, alle Aspekte objektiv in den Blick zu nehmen. Dennoch ist der Korrekturbedarf gerade im Bereich der Kirchengeschichte oft besonders hoch. Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür bildet die Geschichte des Katholischen Lebens in Schweden und Finnland von König Gustav Vasa bis Königin Christina. Gab es sie?

    Genau mit dieser erstaunten Frage fängt die Suche nach der wahren Geschichte des Glaubens in Skandinavien an. Denn auch wenn viele überzeugt zu sein scheinen, dass man dort schon vor Christi Geburt protestantisch war, hat die Geschichte des Christentums im fernen Norden weit mehr Facetten, als die nationalskandinavische Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts wahrhaben möchte. Die ohnedies geringe Verbreitung der nahezu vollständig unterschlagenen Aspekte der katholischen Kirchengeschichte hängt auch mit deren Veröffentlichung in einer der weltweit von vergleichsweise wenigen Menschen gelesenen skandinavischen Sprachen zusammen. Dies galt auch für Förlornas historia des Jesuiten Magnus Nymann, der in dieser wichtigen, sorgfältig recherchierten Studie von Historikern bislang völlig vernachlässigte Quellen zusammengetragen hat. Wenngleich seine 1997 erschienene Arbeit in Schweden schnell hoch anerkannt in den Literaturkanon für die Theologische Ausbildung aufgenommen wurde und das Buch bald ausverkauft war, sodass 2002 eine zweite schwedische und 2009 eine finnische Auflage erschien, wurden Nymans Forschungsergebnisse jenseits von Skandinavien kaum rezipiert. Dies änderte sich mit einer Reise des Priesterrates des Erzbistums Köln nach Stockholm und Uppsala im Jahr 2007, während der Joachim Kardinal Meisner auf das Buch aufmerksam wurde und eine Übersetzung ins Deutsche anregte. Sie liegt nun vor und wurde im EOS Verlag St. Ottilien ediert.

    Nymans Studie lässt ein Bild entstehen, das sich völlig von der Geschichte der Reformation in Deutschland unterscheidet. Denn wenngleich es auch hierzulande klare politische Interessen gab, sich den sogenannten Neugläubigen anzuschließen, wurden die von Martin Luther und anderen angestoßenen Reformen, die sich zu einer Kirchenspaltung auswuchsen, doch zugleich auch von größeren Teilen der Bevölkerung mitgetragen. Genau dies aber war in Skandinavien nicht der Fall. Hier gab es vielmehr über Jahrzehnte und zum Teil sogar über Jahrhunderte hinweg erhebliche Widerstände in der Bevölkerung, die keinen Grund hatte, sich vom alten Glauben abzuwenden. Es waren also nicht die Bauern, die um ihre Befreiung kämpften, sondern vielmehr die Fürsten und deren Berater, die einen Vorteil darin sahen, sich vom Einfluss der katholischen Kirche unabhängig zu machen. Zum Teil waren diese Interessen rein pekuniärer Natur, zum Beispiel im heutigen Schweden und Finnland, damals noch ein zusammenhängendes Gebiet, in dem die Herrscher nach einer Möglichkeit suchten, ihren „Befreiungskrieg“ gegen Dänemark zu finanzieren und dabei einen begehrlichen Blick auf die Kirchengüter geworfen hatten. Während die dänischen Könige in Island und Norwegen also wie einst Karl der Große auf die von der Kirche einigende Kraft der Kirche bauten, suchten die schwedischen Herrscher, aus der Spaltung der Kirche Kapital zu schlagen. Derartige politische Schachzüge aber bilden keine gute Grundlage für eine Erneuerung des Glaubens und kamen bei den Menschen „draußen im Lande“ gar nicht gut an. Im Gegenteil. Sie fühlten sich im Vollzug ihres Glaubens gehindert und verunsichert, weil sie genau spürten, dass es hier nicht um ein Zurück zu den Wurzeln des Evangeliums, sondern schlicht um Machtinteressen derjenigen ging, die ihnen den Weg zum ewigen Heil nicht ebnen würden.

    Tatsächlich blieb es vonseiten der Bevölkerung nicht bei stummem Protest. Nicht weniger als fünf große Aufstände erhoben sich – von der nationalprotestantischen Geschichtsschreibung, die den Glaubenswechsel gern als frühe Demokratisierung und natürlich als Befreiung vom fremdländisch-römischen Joch darstellt, verschwiegen – gegen den von der Obrigkeit aufgedrängten Protestantismus. Dazu kamen weitere kleinere Konflikte in Norwegen und ein Bürgerkrieg in Island, die Zeugnis davon ablegten, dass die Vertreter der Reformation in Skandinavien klar in der Minderheit waren. Dass dies so war, hängt mit den im Vergleich zu Deutschland ganz anderen sozialen Strukturen zusammen. Skandinavische Bauern lebten hier seit Jahrhunderten freier und unabhängiger, weil es eine deutlich kleinere Adelsschicht und damit weniger Menschen gab, die sie und ihre Arbeitskraft ausbeuteten. Nyman zieht hier den für das Verständnis der skandinavischen Reformationsgeschichte wichtigen Vergleich zu England, wo die Reformation ebenso „von Oben“ diktiert wurde, also eine Angelegenheit war, die im Interesse der Herrschenden lag, die ganz andere als religiöse oder gar theologische Motive dafür hatten, sich den sogenannten Neugläubigen anzuschließen. Ihre Beweggründe waren vielmehr nationalpolitischer und wirtschaftlicher Natur. Neben dieser notwendigen Klarstellung wagt Nyman auch einen Blick auf die bisherige Form der Präsentation der katholischen Kirche in der skandinavischen Historik. Und auch hier stößt der Autor auf weitgehend fehlgeleitete Interpretationen. Denn die Kirche war nicht das „verfallene Haus“, als das viele protestantische Historiker es gerne beschreiben, es handelte sich vielmehr um ein lebendiges und durchaus reformwilliges Netzwerk des Glaubens, von dessen Abschaffung sich nur wenige viel versprachen.

    Nymans lesenswerte Studie entfaltet die Geschichte der Verlierer in drei großen Teilen. Zunächst folgt der Autor der Zeitleiste und beschreibt die systematische und von oben nach unten nicht selten mit Gewalt durchgesetzte Marginalisierung des Glaubens. Der zweite, thematische Teil widmet sich der Sprache der Propaganda, mit deren Hilfe katholisches Leben schrittweise verunglimpft und schließlich mehr oder weniger ausgelöscht wurde. Dabei geht es um die Kernthemen Aberglaube und klösterliches Leben und Nymann lässt hierzu Zeitzeugen aus dem Reformationsjahrhundert zu Wort kommen, die sich mit den Angriffen auf ihren Glauben auseinandersetzten. Der dritte und letzte Teil schließlich entfaltet das Leben des Glaubens in Streiflichtern aus dem Leben von Katholiken. Hier verfolgt der Leser mit nicht geringem Entsetzen, wie Katholiken in Verhören bloßgestellt wurden und ihr Wunsch, eine katholische Ausbildung zu erhalten, sie den Kopf kostete.

    Besonders wichtig ist gerade aus katholischer Sicht auch das Zusammentragen der Biografien von katholischen Zeitzeugen wie Johannes Messenius, der Studenten von Ornö, des schwedischen Franziskaners Lars Skytte oder die Berichte über den Verlauf von Bischofsvisitationen. Insgesamt entsteht ein ebenso facettenreiches wie lebendiges Bild katholischen Lebens in Schweden, mit dem der Autor die bisherigen an Zensur grenzenden Fehldarstellungen der Kirchengeschichte Skandinaviens erfolgreich korrigiert. Fazit: Dieses wichtige Buch sollte auch in Deutschland zur Pflichtlektüre im Fach Kirchengeschichte werden und dazu anregen, in weiteren Ländern genauer nach Spuren katholischen Lebens zu suchen und die Geschichte des Katholizismus von unten neu zu schreiben.

    Magnus Nyman: Geschichte der Verlierer. Katholisches Leben in Schweden und Finnland von König Gustav Vasa bis Königin Christina. EOS Verlag, St. Ottilien, 2017, 447 Seiten, ISBN 978-3-8306-7789-5, EUR 24,95

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