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    Die schrankenlose Gesellschaft

    Dass Freiheit ein Wert sei, den sich um jeden Preis zu verteidigen lohne, ist einer der wenigen Gedanken, der sich selbst in durch und durch pluralistischen Gesellschaften allgemeiner Zustimmung erfreut. Ob am Hindukusch oder andernorts – Freiheit gilt als Wert, für den weder das Nehmen fremder, noch die Preisgabe des eigenen Lebens ein zu hoher Preis zu sein scheint.

    Es scheint paradox, ist aber wahr: Die Aufhebung sämtlicher Schranken führt nicht zu einem Mehr an Freiheit, sondern in ... Foto: IN

    Dass Freiheit ein Wert sei, den sich um jeden Preis zu verteidigen lohne, ist einer der wenigen Gedanken, der sich selbst in durch und durch pluralistischen Gesellschaften allgemeiner Zustimmung erfreut. Ob am Hindukusch oder andernorts – Freiheit gilt als Wert, für den weder das Nehmen fremder, noch die Preisgabe des eigenen Lebens ein zu hoher Preis zu sein scheint.

    Vermutlich hat denn auch niemand die Freiheit derart radikal abgelehnt wie der fiktive Kardinal-Großinquisitor, von dem das fünfte Kapitel in Fjodor Dostojewskis großem Roman „Die Brüder Karamasow“ berichtet. In der im 16. Jahrhundert angesiedelten Binnenerzählung nimmt der 90-jährige Greis, der tags zuvor „vor der zahlreichen Einwohnerschaft Sevillas fast ein ganzes Hundert Ketzer auf einmal ad majorem gloriam Dei verbrennen“ ließ, den wieder auf die Erde gekommenen Christus, der vor seinen Augen ein Kind von den Toten erweckt hat, gefangen und macht ihm schwerste Vorhaltungen. In einem sich über vielen Seiten erstreckenden Monolog wirft der namenlose Großinquisitor Jesus vor, den Versuchungen widerstanden zu haben, mit denen ihn der Teufel – der Großinquisitor nennt ihn „den mächtigen und klugen Geist“ – in der Wüste auf die Probe stellte. Die in den Evangelien wiedergegebenen Worte des Satans paraphrasierend und die bekannten Antworten Jesu interpretierend, führt der Großinquisitor dabei unter anderem aus: „,Siehst Du die Steine in dieser nackten und glühenden Wüste? Verwandele sie in Brote, und die Menschheit wird Dir nachlaufen wie eine Herde, dankbar und gehorsam, wenn sie auch auf ewig zittern wird, Du könntest Deine Hand zurückziehen und Deine Brote würden ein Ende nehmen.‘ Doch Du wolltest den Menschen nicht der Freiheit berauben und lehntest den Vorschlag ab, denn was wäre das für eine Freiheit, dachtest Du, wenn der Gehorsam mit Broten erkauft würde?“

    Für den Großinquisitor ist Freiheit etwas, das die Menschen „in ihrer Einfalt und angeborenen Zuchtlosigkeit“ nicht begreifen könnten und das sie ängstige. Mehr noch: „Nichts“ sei „dem Menschen und der menschlichen Gesellschaft“ jemals „unerträglicher gewesen als die Freiheit!“, ereifert er sich und wirft Jesus, den er im Kerker aufsucht, vor: „Statt Dich der Freiheit der Menschen zu bemächtigen, hast Du sie vermehrt und ihre Qualen auf ewig der menschlichen Seele aufgebürdet. Du wolltest, der Mensch solle in Freiheit lieben, damit er, von Dir bezaubert und gebannt, Dir freiwillig folge.“ Heute wagen es nicht einmal Diktatoren, ihre Herrschaft damit zu legitimieren, dass sie Menschen vor der Freiheit schützen. Freiheit, so scheint es, ist in der säkularen, Gott vergessenden Welt, der Wert, über den hinaus nichts Größeres gedacht werden kann.

    Nun könnte man annehmen, dass, wenn etwas von nahezu allen realen Personen derart hoch eingestuft wird, dann auch weitgehend Einigkeit darüber besteht, was eigentlich gemeint ist, wenn von Freiheit die Rede ist. Doch das ist offenbar ein Irrtum. Fragt man nämlich danach, worin genau der Wert der Freiheit besteht, den es unter allen Umständen zu verteidigen gelte, ist es mit dem Konsens schnell vorbei. Und das nicht erst seit heute.

    Für den französischen Staatstheoretiker, Aufklärer und Vorkämpfer für die Gewaltenteilung Charles de Secondat, vielen besser bekannt als Baron de la Brede et de Montesquieu (1689–1755), war Freiheit „ein Gut, das alle anderen Güter zu genießen erlaubt“. Der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) hatte da schon genauere Vorstellungen und notierte: „Wo wir trinken, wo wir lieben, da ist reiche, freie Welt.“ Sein Wiener Kollege, der Burgtheaterdichter Franz Grillparzer (1791–1872) dekretierte dagegen: „Wer seine Schranken kennt, der ist der Freie; wer sich frei wähnt, ist seines Wahnes Knecht.“ Seine Landsmännin, die Novellistin und Aphoristikerin Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach (1830–1916), bekannte gar: „Freiheit ist Verantwortlichkeit“. Dagegen befand der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rosseau (1712–1778): „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ Der deutsche Dichter und Erzähler Matthias Claudius (1740–1815) hielt hingegen fest: „Die Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet.“ Hatte also Abraham Lincoln (1809–1865) Recht, als er meinte: „Die Welt hat nie eine gute Definition für das Wort Freiheit gefunden“?

    Wenn ja, dann wäre es an der Zeit, für Abhilfe zu sorgen. Denn wenn das furchtbare und durch nichts zu rechtfertigende Attentat auf die Karikaturisten der französischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“ überhaupt eine neue Erkenntnis gebracht hat, dann doch die, dass es gilt, neu darüber nachzudenken, was eigentlich gemeint ist, wenn von der „Freiheit“ die Rede ist, die es zu verteidigen gelte. Denn bei allem echten Verständnis für die Welle des Entsetzens, der Wut, der Trauer und der Solidarität, die die Attentäter von Paris in der westlichen Hemisphäre ebenso wie bei der Mehrheit der friedliebenden Muslimen überall auf der Welt entfacht haben – bei Licht und mit Abstand betrachtet ist die Tatsache, dass Terroristen wehrlose Menschen zu töten pflegen, eine kaum überraschende Erkenntnis. Auch, dass islamistische Mörderbanden wie Al-Kaida ihr zerstörerisches Werk keineswegs auf Syrien, den Irak, Nigeria oder Mali beschränken – und dabei Muslime genauso ermorden, wie Christen oder Jesiden –, kann der westlichen Welt nach dem 11. September (2001), Madrid (2004) London (2005) und Boston (2013) eigentlich nicht verborgen geblieben sein. Wenn es sich also bei dem Attentat von Paris tatsächlich um einen „Anschlag auf die Freiheit“ (Figaro) oder einen „Angriff auf die Freiheit“ (New York Times) gehandelt hat, wäre es dann nicht höchste Zeit, endlich zu klären, worin denn nun genau die Freiheit besteht, die von ausgebildeten Killern in der französischen Hauptstadt, die für manche die Wiege der Freiheit zu sein scheint, ins Visier und aufs Korn genommen wurde? Ja, eine solche Prüfung müsste selbst dann erfolgen, wenn das Ergebnis für das westliche Freiheitsverständnis zunächst wenig schmeichelhaft ausfiele. Und zwar nicht aus Selbsthass, sondern weil nur ein von allen Irrtümern gereinigtes Freiheitsverständnis letztlich jene Bindekraft zu entwickeln vermag, welche der Westen und die übrigen Teile der Welt benötigen werden, um sich gegen islamistischen Terror auf Dauer erfolgreich zur Wehr zu setzen.

    Freiheit, die nichts anderes und nicht mehr als die bloße Erweiterung unserer Optionen meint, führt geradewegs in eine schrankenlose Gesellschaft, die am Ende, wenn überhaupt, nur noch durch repressive Gewalt staatlicher Organisationen zusammengehalten werden kann. Bedauerlicherweise gibt es viele Anzeichen, dass die Gesellschaften der westlichen Hemisphäre einen solchen Begriff von Freiheit, der letztlich auf den britischen Staatstheoretiker Philosophen und Begründer des „aufgeklärten Absolutismus“ Thomas Hobbes (1588–1678) zurückgeht, besitzen.

    Nirgendwo wird dies so augenscheinlich wie in der Bioethik. Beispiel Patientenverfügung: In ihnen können Patienten im Vorhinein rechtlich verbindlich und die Ärzte bindend festlegen, welche medizinische Behandlungen sie im Falle eines Falles wünschen und welche nicht. Dagegen ist grundsätzlich wenig zu sagen, im Gegenteil. Denn dass Ärzte in der Vergangenheit mitunter einen unerträglichen Paternalismus an den Tag gelegt haben, gegen den sich zur Wehr zu setzen mindestens legitim, mitunter geradezu geboten ist, lässt sich nicht leugnen. In Deutschland aber wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Denn die Erweiterung der Optionen von Patienten geht mittlerweile so weit, dass sie nicht bloß zwischen medizinisch indizierten Therapien wählen, sondern – theoretisch – auch ein Verhalten erzwingen können, dass dem Arzt die Möglichkeit nimmt, seinen Beruf noch nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben. Beispiel Abtreibung: In Frankreich können Frauen inzwischen selbst eine vorgeburtliche Kindstötung ohne jede Indikation in Auftrag geben. Dass heißt natürlich nicht, dass man die Indikationen, mit denen andere Staaten Abtreibungen rechtlich regeln, gutheißen könne. Die absichtsvolle Tötung eines wehrlosen Menschen ist und bleibt ein Verbrechen, auch dann, wenn der Staat unter bestimmten Voraussetzungen von seiner Verfolgung absieht. Sie zeigt aber, wohin eine schrankenlose Gesellschaft führt. Nämlich geradewegs in eine Willkürherrschaft der Starken über die Schwachen.

    Eine Freiheit, die nichts anderes bedeutet, als tun und lassen zu können, wonach einem gerade der Sinn steht, stellt jeden Staat vor ein unlösbares Legitimationsproblem. Denn wenn es mit der Freiheit vereinbar sein soll, Menschen im Mutterleib zu töten, warum dann nicht auch außerhalb? Wie kann das eine eine bloße Erweiterung der Optionen des Einzelnen sein, das andere aber eine „Kriegserklärung“ an eine freiheitliche Gesellschaft? Wenn die weltöffentliche Beleidigung und Schmähung einer Religion als Ausdruck der persönlichen Freiheit betrachtet wird, was lässt sich dann jenen entgegenhalten, die sich die Freiheit nehmen, diese blutig zu rächen? Nur, dass der Staat das eine erlaubt, das andere aber verbietet? Man braucht kein Prophet sein, um zu wissen, dass eine solche Legitimation zu wenig ist. Wer die Freiheit schützen und verteidigen will, darf sie weder verabsolutieren noch isolieren.

    Es lohnt, noch einmal die Rede zu lesen, die Papst Johannes Paul II. 1996 am Brandenburger Tor hielt und in der er unter anderem sagte: „Freiheit bedeutet nicht das Recht zur Beliebigkeit. Freiheit ist kein Freibrief! Wer aus der Freiheit einen Freibrief macht, hat der Freiheit bereits den Todesstoß versetzt. Der freie Mensch ist vielmehr der Wahrheit verpflichtet. Sonst hat seine Freiheit keinen festeren Bestand als ein schöner Traum, der beim Erwachen zerbricht. Der Mensch verdankt sich nicht sich selbst, sondern ist Geschöpf Gottes; er ist nicht Herr über sein Leben und über das der anderen; er ist – will er in Wahrheit Mensch sein – ein Hörender und Horchender: Seine freie Schaffenskraft wird sich nur dann wirksam und dauerhaft entfalten, wenn sie auf der Wahrheit, die dem Menschen vorgegeben ist, als unzerbrechlichem Fundament gründet. Dann wird der Mensch sich verwirklichen, ja über sich hinauswachsen können. – Es gibt keine Freiheit ohne Wahrheit.“ Und weiter: „Die Idee der Freiheit kann nur da in Lebenswirklichkeit umgesetzt werden, wo Menschen gemeinsam von ihr überzeugt und durchdrungen sind – in dem Wissen um die Einmaligkeit und Würde des Menschen und um seine Verantwortung vor Gott und den Menschen. Da – und nur da –, wo sie zusammen für die Freiheit einstehen und in Solidarität für sie kämpfen, wird sie errungen und bleibt sie erhalten. Die Freiheit des Einzelnen ist nicht zu trennen von der Freiheit der anderen, aller anderen Menschen. Wo die Menschen ihren Blick auf das je eigene Lebensfeld begrenzen und nicht mehr bereit sind, auch ohne Vorteile für sich selbst sich für andere zu engagieren, da ist die Freiheit in Gefahr. (...) Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität.“