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    Die neuen Bildungsbürger

    Albrecht Beutelspacher hatte vorsichtshalber tiefgestapelt: „Eigentlich müssten wir ja doppelt langweilig sein: Museum, und dann auch noch für Mathematik“, sagt der Professor und Gründer des Gießener Mathematikums. Für das weltweit erste „Mitmachmuseum“ aus der Welt der Zahlen hatte er vor der Eröffnung mit 60 000, vielleicht sogar 80 000 Besuchern im Jahr gerechnet.

    Albrecht Beutelspacher hatte vorsichtshalber tiefgestapelt: „Eigentlich müssten wir ja doppelt langweilig sein: Museum, und dann auch noch für Mathematik“, sagt der Professor und Gründer des Gießener Mathematikums. Für das weltweit erste „Mitmachmuseum“ aus der Welt der Zahlen hatte er vor der Eröffnung mit 60 000, vielleicht sogar 80 000 Besuchern im Jahr gerechnet.

    „Jetzt sind es 150 000. Und es werden immer mehr“, sagt der Mathematiker strahlend. Sein Haus ist eine besondere Erfolgsgeschichte, aber kein Einzelfall: Die deutschen Museen erfreuen sich einer lange nicht dagewesenen Beliebtheit. „Der Zuspruch ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen. Die angeblich verstaubten Museen haben einen Siegeszug angetreten, den niemand erwartet hat“, sagt Michael Eissenhauer, Präsident des Deutschen Museumsbundes. „Den Kulturpessimismus, von dem man zuweilen liest, teile ich nicht. 120 Millionen Besucher in den deutschen Museen sprechen für Neugier und Interesse, egal bei welcher Generation.“ Von Ignoranz keine Spur, meint Eissenhauer. Was der Verbandspräsident beschwört, wird von der Forschung bestätigt: „Wir erleben eine wirkliche Renaissance der Bildung“, sagt der Freizeitforscher Eike Wenzel vom Zukunftsinstitut Kelheim. „Immer mehr Eltern versuchen, ihre Kinder optimal mit Bildung zu versorgen und begreifen, dass das die Schlüsselressource der Zukunft sein wird. Die Museen haben bei diesem Wissenstransfer außerhalb der Schule die entscheidende Rolle.“ Museum sei heute auch etwas anderes als noch vor 20 Jahren: „Da wurde gesammelt und bewahrt. Heute wird aber auch präsentiert. Davon profitieren neue Museumsformen, aber auch die klassischen Häuser.“ Etwa die Frankfurter Stillleben-Ausstellung: „Da war nichts bieder. Das hat die Leute begeistert.“

    „Die Rolle der Museen ändert sich rapide. Sie sind nicht nur Orte der Bildung, sondern immer mehr auch der Freizeit“, glaubt Eissenhauer. „Wir leben von Steuergeldern und müssen uns jeden Tag vor unseren Besuchern rechtfertigen. Natürlich geht das nur, wenn wir uns verändern.“ Die Gesellschaft werde älter und städtischer und habe auch neue Fragen, die es zu beantworten gelte. „Die Museen haben sich der gesellschaftlichen Entwicklung zu stellen. Ich denke, diese Aufgabe erfüllen sie sehr gut“, sagt Eissenhauer.

    Von Chris Melzer