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    Die neue Angst vor Hidschab, Kippa und Weihrauch

    Die Vereinigten Staaten von Amerika gelten als das Land der Religionsfreiheit schlechthin. Angesichts der zahlreichen Einwanderer, die gerade deshalb ihre Heimat verlassen haben, weil ihre religiöse Überzeugung sich an den Grundsätzen der Mehrheit ihrer Landsleute rieb, gehört das verfassungsmäßige Grundrecht auf freie Religionsausübung zu den wichtigsten Punkten des Selbstverständnisses der Amerikaner. Wenn nötig werden dafür sogar andere Gesetze hintan gestellt, wie beispielsweise im Fall einer Sekte in den USA, deren rund 130 Mitgliedern vom Obersten Gerichtshof zugesichert wurden, dass sie in ihrem Ritual einen berauschenden Tee einsetzen dürfen, der zuvor als Droge eingestuft und dessen Verwendung daraufhin verboten worden war. Doch genau diese Freiheit der Religion wird in den USA und Europa zunehmend eingeschränkt. In Großbritannien wird Weihrauch aufgrund von wissenschaftlichen Untersuchungen an Mäusen derzeit ebenso als Droge eingestuft wie der Tee der Uniao de Vegetal. Und obwohl es unwahrscheinlich ist, dass die Kirchen keine Ausnahmegenehmigung erhalten, ist es doch interessant, dass mit Verweis auf Gesundheitsbedenken dessen Einsatz verboten werden könnte. Das wäre allerdings höchst unvernünftig, denn die antibakterielle Wirkung des Weihrauchs dürfte weit stärker sein als die Gefahren, die mit dem zum Himmel aufsteigenden Wohlgeruch verbunden sein könnten.

    Antidiskriminierungsgesetze und religiöse Intoleranz könnten sogar zur Einschränkung des Gebrauchs von Weihrauchs führen... Foto: dpa

    Die Vereinigten Staaten von Amerika gelten als das Land der Religionsfreiheit schlechthin. Angesichts der zahlreichen Einwanderer, die gerade deshalb ihre Heimat verlassen haben, weil ihre religiöse Überzeugung sich an den Grundsätzen der Mehrheit ihrer Landsleute rieb, gehört das verfassungsmäßige Grundrecht auf freie Religionsausübung zu den wichtigsten Punkten des Selbstverständnisses der Amerikaner. Wenn nötig werden dafür sogar andere Gesetze hintan gestellt, wie beispielsweise im Fall einer Sekte in den USA, deren rund 130 Mitgliedern vom Obersten Gerichtshof zugesichert wurden, dass sie in ihrem Ritual einen berauschenden Tee einsetzen dürfen, der zuvor als Droge eingestuft und dessen Verwendung daraufhin verboten worden war. Doch genau diese Freiheit der Religion wird in den USA und Europa zunehmend eingeschränkt. In Großbritannien wird Weihrauch aufgrund von wissenschaftlichen Untersuchungen an Mäusen derzeit ebenso als Droge eingestuft wie der Tee der Uniao de Vegetal. Und obwohl es unwahrscheinlich ist, dass die Kirchen keine Ausnahmegenehmigung erhalten, ist es doch interessant, dass mit Verweis auf Gesundheitsbedenken dessen Einsatz verboten werden könnte. Das wäre allerdings höchst unvernünftig, denn die antibakterielle Wirkung des Weihrauchs dürfte weit stärker sein als die Gefahren, die mit dem zum Himmel aufsteigenden Wohlgeruch verbunden sein könnten.

    Dennoch ist das Denken, das hinter der britischen Weihrauchdebatte und dem amerikanischen Drogenteeurteil steht, symptomatisch. Denn die Gesundheitspolitik ist eine der Sollbruchstellen für die Einschränkung der Religionsfreiheit. Die Obama-Regierung will katholischen Krankenhäusern genau mit diesem Argument die finanzielle Förderung entziehen, weil die Tatsache, dass diese keine empfängnisverhütenden Mittel ausgeben mit der Verweigerung von für die Gesunderhaltung der Patientinnen notwendigen Medikamenten gleichgesetzt wird. Das ist sachlich falsch, wird aber aufgrund der in den USA weithin gefühlten Notwendigkeit des Einsatzes von Antirezeptiva dennoch für folgerichtig gehalten. Deshalb liegt an diesem Punkt die zweite Sollbruchstelle für die zu beobachtende Einschränkung der Religionsfreiheit, die irrationale Angst. Sie zeigt sich im Verlangen nach „der Pille“ ebenso wie bei der Abwehrhaltung gegen Hidschab, Niquab, Tschador und Burka.

    Diese Angst und ihre Folgen sind es, die Martha Nussbaum in ihrem Buch über die neue religiöse Intoleranz in den Blick nimmt und, wie es man es von dieser renommierten Philosophin zu Recht erwartet, gründlich durchdenkt. Nussbaum unterscheidet hierbei zwischen der Situation in Europa, wo sie die Abgrenzung der herrschenden von „den anderen“ Religionen als Systemfehler diagnostiziert, der aus der – noch – vorherrschenden Orientierung an der christlichen Religion und ihren Werten resultiert, die Menschen anderer Religionszugehörigkeit grundsätzlich allenfalls Tolerierung, nicht aber gleiche Rechte zugesteht. Dieser Einschätzung kann man aus vielen Gründen widersprechen, denn dass auch ein Staat, der genau dies versucht, die Gleichheit aller vor dem Gesetz zu wahren, wie sie es von den USA postuliert, ist vor Fehleinschätzungen und Vorurteilen nicht gefeit, wie Nussbaum selbst an zahlreichen Beispielen wie etwa der jahrzehntelangen Ausgrenzung von Katholiken aus höheren Ämtern belegt. Dennoch ist ihre Analyse, welche Gründe die allenthalben zunehmende und hier und da in Gesetze wie das Burkaverbot oder das Verbot, bei der Arbeit in Schulen den Tschador oder Hidschab zu tragen, mündende Angst hat und welche weiteren Folgen wir zu erwarten haben, wenn wir uns ihr nicht stellen, überaus lesenswert. Nussbaum klagt die notwendigen Grundprinzipien des gleichen Respekts für das Gewissen ein, fordert Unparteilichkeit, ein selbsterforschtes Leben, Respekt und mitfühlende Phantasie.

    Was ihr Buch besonders lesenswert macht, ist neben der Geistesschärfe der Autorin, die als Aristotelikerin nicht ruht, bis sie einen Gedanken wirklich zu Ende gedacht hat, ihr Einfühlungsvermögen und ihre Fähigkeit, auch komplexe Sachverhalte anhand lebenspraktischer Beispiele darzulegen. Ärgerlich ist deshalb, dass abgewogene Argumentation und gründliche Recherche der Autorin beim Thema Judenverfolgung und Vatikan vollkommen abgehen. Hier wiederholt sie längst widerlegte Thesen vom mangelnden Einsatz Papst Pius' XII. für die Juden. Warum Nussbaum hier so erkennbar hinter dem Forschungsstand zurückbleibt, ist unverständlich. Dass sie selbst zum Judentum konvertierte, kann nicht der Grund sein, denn sie argumentiert ansonsten im Hinblick auf ihre eigene Religion durchaus kritisch und reflektiert. Insgesamt bietet ihr Buch jedoch nachdenkenswerte Argumente und gründliche Analysen einer Problematik, die das politische und gesellschaftliche Leben heute stärker angstbestimmt gestaltet sein lässt als uns lieb sein kann. Wer anderen Grenzen setzt, sollte genau wissen warum. Angst ist dabei nie ein guter Ratgeber. Deshalb können diesem wichtigen Buch nur viele nachdenkliche Leser gewünscht werden.

    Marta Nussbaum: Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014, 197 Seiten, ISBN 978-3-534-26460-5, EUR 39,95