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    Würzburg

    Die letzte große Erzählung

    Der Homo climaticus als Retter des Planeten verkörpert die aktuelle Metamorphose des Neuen Menschen.

    Extinction Rebellion
    Ein Demonstrant hält seine Hand mit dem Logo der Klima- und Umweltschutzgruppe Extinction Rebellion (XR) hoch. Foto: Dominic Lipinski (PA Wire)

    Zu den geheimnisvollen Ankündigungen der Bibel gehören die von der Genese des Neuen Menschen (Eph 2,15; Eph 4,24; Kol 3,10), der auf Christus verweist. Diese facettenreiche Gestalt erwies sich nicht nur in vormodernen Zeiten (Täuferreich von Münster!) als ebenso attraktiv wie ambivalent; seit dem Zeitalter der Aufklärung findet eine neue Rezeption statt, die in den Entwürfen der totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts pervertiert wurde.Doch auch in der unmittelbaren Gegenwart ist die Verfremdung biblischen Gedankenguts präsent: In der Utopie eines die Macht des Wetters beherrschenden, beinahe allseits verantwortlichen Wesens wird eine neue Variante des Neuen Menschen manifest: Man kann sie Homo climaticus nennen.

    In der schwedischen Heilsbringerin Greta Thunberg ist sie verkörpert. Diese „Ikone einer postchristlichen Ersatzreligion“ (Jonas Glaser) hat den zentralen Inhalt des Homo climaticus umrissen: „Wir müssen jeden Zentimeter unseres Seins auf den Klimawandel fokussieren“, so die sechzehnjährige Schulverweigerin kürzlich vor EU-Spitzen. Früheren Kulturen war die Vorstellung nicht fremd, dass reine, unschuldige Kinder, die besonders im Bunde mit Gott stehen, in der Lage seien, überirdische Mächte zu besänftigen, seien sie überirdisch-göttlich, seien sie überirdisch-atmosphärisch. Heute ist der Heiliges-Kind-Verschnitt rein säkular; es reicht völlig, ein gutmenschliches Weltrettungsprogramm zu vertreten und der mediale Hype kennt keine Grenzen mehr. Noch schlimmer ist die ideologische Manipulierbarkeit, die sich dahinter verbirgt und in allgemeiner Weise schon vor knapp einem Jahrzehnt detailliert untersucht wurde (Wolfgang Thüne: Propheten im Kampf um den Klimathron. Wie mit Urängsten um Geld und Macht gekämpft wird, Oppenheim 2011, S. 333 ff.). Selbst der Auftakt der Amazonas-Synode kam nicht ohne Bezugnahme auf die instrumentalisierte Pseudocharismatikerin aus.

    Ideologische Manipulierbarkeit: Propheten im Kampf um den Klimathron.

    In der Tat: Der Homo climaticus macht sein Dasein vom Kampf gegen das CO2 abhängig, ohne in der Regel viel über das angebliche Treibhausgas zu wissen. Zur inhaltlichen Gestaltung dieser Daseinsform boomt eine ganze Ratgeberliteratur, die empfiehlt: klimaneutral leben, essen, bauen, urlauben, ja sogar Ökosex und vieles mehr wird derzeit entdeckt. Schon seit einiger Zeit werden klimaneutrale Speisepläne entworfen. Butter gilt als noch klimaschädlicher denn Fleisch. Der Klimawandel darf sich nicht beschleunigen. Dafür wird alles auf den Prüfstand gestellt. Als wichtiges Ergebnis des Klimapakets fallen vor allem finanzielle Belastungen für die Bevölkerung auf, die aus sozialen Gründen wiederum kompensiert werden müssen.

    Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ressourcensparende Lebensstile sind zu begrüßen. Gegen die Verteuerung des Fliegens (bei gleichzeitiger Verbilligung des Bahn-Reisens) ist nichts einzuwenden. Die Frage ist nur, inwiefern solche Lebensstile mittels gesetzlicher Maßnahmen als verbindlich erklärt werden sollen. Darüber hinaus ist zu prüfen, ob die entsprechenden Ziele nicht die Möglichkeiten des Menschen angesichts dominanter natürlicher Prozesse übersteigen.

    Dem Homo climaticus mag seine gesinnungsethische Disposition positiv angerechnet werden. Dennoch darf man das globalisierungstheoretische Dilemma nicht außer Acht lassen. Unabhängig von der Bewertung des Kohlendioxid-Einflusses auf das (rein rechnerisch kaum verifizierbare) Weltklima leuchtet ein, dass Einsparungen in Europa durch erhöhten Verbrauch in anderen Teil der Welt ausgeglichen werden. Der Vorbildcharakter milliardenschwerer Klimapakete dürfte ebenso wirkungslos sein wie die Lust an Wohlstandsvernichtung gering – gerade bei Völkern, deren Lebensstandard tendenziell niedrig ist.

    Doch der Homo climaticus lässt nicht nur ethisch hochstehende Seiten erkennen. Der propagierte Gebärstreik für das Klima ist einerseits angesichts des in Europa bestehenden demographischen Defizits moralisch angreifbar, andererseits vor dem Hintergrund hoher Geburtenraten in anderen Teilen der Welt wenig zielführend. Schon jetzt wird vereinzelt über Abtreiben fürs Klima diskutiert. Die Pädagogin und „Anti-Mutter“ Verena Brunschweiger, die ihre Kinderfreiheit bejubelt, ist Meinungsführerin der abstrusen Debatte. Bald wird vielleicht die Reduktion des CO2-Fußabdrucks über das Lebensrecht bestimmter Gruppen, beispielsweise Schwerbehinderter, gestellt. Nüchtern betrachtet scheint ein völliger Ausgleich zwischen Menschen und Natur kaum möglich, da es ein Existenzial des Menschen darstellt, zwischen der Rolle als „Kulturbegründer und Weltzerstörer“ (Hans-Peter Thurn) zu changieren. Die im ökologischen Zeitalter eher irritierend wirkenden Aussagen im Schöpfungsbericht nehmen diesen Konflikt realistisch wahr.

    Wird das Lebensrecht bestimmter Gruppen bald vom CO2-Fußabdruck abhängen?

    Menschenverachtende Implikationen im Denken radikaler Umweltschützer kamen schon vor längerer Zeit zum Vorschein. Einer der wichtigen Theoretiker von Deep Ecology, der Norweger Arne Naess, forderte in seinen berüchtigten acht Thesen „die substanzielle Verringerung der menschlichen Bevölkerung“. „Gaia“ könne die große Zahl ihrer Bewohner nicht ertragen. Ein anderer Tiefenökologe, William Aiken, notierte: „Eine massive menschliche Mortalität wäre eine gute Sache.“ Immerhin haben solche Repräsentanten ehrlich herausgestellt, dass ihnen die Destruktion der christlichen Anthropozentrik am Herzen liegt. Der Mensch ist ihrer Meinung nach nur ein Element der Ökosphäre, und noch dazu kein unbedingt vorrangiges.

    Von der ethischen Ebene ist die kirchlich-dogmatische zu unterscheiden. Der Homo climaticus richtet seine Existenz primär an einem innerplanetarischen Ziel aus. Aus Sicht christlicher Eschatologie ist dem zu widersprechen. Der emeritierte Kurienkardinal Gerhard L. Müller hat unlängst in Erinnerung gerufen: Christus ist für den Menschen gestorben, nicht für den Planeten. Öko-Aktivismus, der zeitgeistkonform auch von etlichen Bischöfen befürwortet wird, ist nicht unbedingt als Weg zum Heil zu werten. Die Frage ist aus christlicher Sicht, wie viel an theologischem Wert der Schöpfung „an sich“, also ohne den Menschen, zukommt.

    Überdies zeigen sich öfters neopagane Verhaltensweisen im Kontext solcher Bewegungen. Bei aller Vielfalt des „Klimaschutz“-Aktivismus sind Ziele auszumachen, die in der Intention eines „planetarischen Humanismus“ (Simon Kießling) konvergieren, der jedoch (genau besehen) einem physiozentrischen Weltbild eher widerspricht.

    "Die Legitimation des Homo climaticus
    steht und fällt mit der wissenschaftlichen
    Kontroverse um das Klima"

    Die Legitimation des Homo climaticus steht und fällt mit der wissenschaftlichen Kontroverse um das Klima. Noch längst sind nicht alle Einzelheiten in puncto Erderwärmung, Klimasensitivität und so fort verstanden. Dennoch wird der, der Einwände gegen den Hauptstrom äußert, häufig mit der 97%-Konsensthese hinsichtlich des anthropogenen Faktors konfrontiert. Dabei handelt sich um den Rekurs auf eine Studie von John Cook und anderen, deren Fehlinterpretation längst nachgewiesen ist (ausführlich dargestellt bei Uli Weber: Klima-Mord. Der atmosphärische Treibhauseffekt hat ein Alibi, Books on Demand 2017).

    Trotz Diskriminierungen äußern sich auch diejenigen, die sich gegen jedwede Klimahysterie aussprechen. Unlängst wurde ein Manifest von 500 Wissenschaftlern aus 13 Ländern („European Climate Declaration“) bekannt. Dieser Aufruf im Vorfeld des UN-Gipfels, federführend vom ehemaligen Hamburger Umweltsenator und RWE-Manager Fritz Vahrenholt initiiert, wendet sich gegen den medial verbreiteten, unverantwortlichen Katastrophismus. Unter anderem werden Klimamodellprojektionen attackiert, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben. Sonnenzyklisch ist eine Erwärmung nicht ungewöhnlich, nachdem die letzte kleine Eiszeit Mitte des 19. Jahrhunderts geendet hat und der folgende Zyklus wohl Jahrhunderte dauern wird. Es wird auf die hohen Kosten von CO2-Minderungsmaßnahmen verwiesen. Erfreulich deutlich machen die Unterzeichnenden auf die naturschädigenden Konsequenzen vieler sogenannter „Klimaschutzmaßnahmen“ aufmerksam, vornehmlich auf die Eingriffe, die für den Bau von Windrädern nötig sind, aber auch auf die Reduzierung etlicher Tierarten. Die oben erwähnten Gelehrten schließen sich einer großen Zahl von interdisziplinär ausgerichteten Experten an, die in den letzten Jahren eine Fülle von Studien gegen den herrschenden Klima-Alarmismus vorgelegt haben: In sehr spärlicher Auswahl sind Klaus-Peter Dahm, Sebastian Lüning, Ralf D. Tscheuschner, Gerhard Gerlich und Wolfgang Burgleitner anzuführen.

    Ungerechtfertigte Ausgrenzung von Klimaleugnern

    Den Unterzeichnenden ist zu danken, dass sie die gängige Schweigespirale durchbrochen haben. Der große Skandal der meisten Klimadebatten liegt primär in der ungerechtfertigten Ausgrenzung sogenannter „Klimaleugner“ – ein polemisch-unsinniger Begriff, denn klimatische Wandlungstendenzen gibt es seit Milliarden von Jahren. Umstritten ist jedoch der menschengemachte Anteil an den Veränderungen. Der Treibhauseffekt ist nie nachgewiesen und wird es auch nie sein – nicht zuletzt deshalb, weil sich verschiedene Treibhausmodelle zum Teil widersprechen. Zudem lässt sich mit Hilfe von Infrarot- oder Wärmebildkameras zeigen, dass im Wellenlängenbereich von 8 bis 12 Mikrometern die Atmosphäre transparent ist, also ein „offenes Strahlungsfenster“ besitzt. Bezüglich des Kohlendioxid-Einflusses in der Luft heißt es in der detaillierten Untersuchung von Heinz Thieme („Treibhauseffekt im Widerspruch zur Thermodynamik und zu Emissionseigenschaften von Gasen“): „Es ist keine Korrelation zwischen CO2-Gehalt der Luft (als Ursache) und Temperaturen der Luft (als Folge) nachgewiesen bzw. nachweisbar.“

    So ist zu resümieren: Der Homo climaticus ist als einflussreichste Metamorphose des alten Neuen Menschen in der unmittelbaren Gegenwart einzustufen. Er steht als idealtypischer Protagonist im Mittelpunkt der letzten großen globalen Erzählung, die alle Lebensbereiche des Daseins tangiert, dem Klimawandel. Ungeachtet des medialen Hypes um diese Gestalt ist sie auf mehreren Ebenen zu hinterfragen.

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