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    Die intolerante Toleranz

    Morgen wird der internationale Tag für Toleranz gefeiert. Konnte man 1995 noch nicht absehen, was sich daraus entwickeln würde, als 185 Mitgliedstaaten der UNESCO feierlich die Erklärung der Prinzipien zur Toleranz unterschrieben haben? Dass Toleranz auch dazu dienen kann, kulturelle Ordnungen auszuhebeln? Eigentlich soll der Tag ja nur daran erinnern, wie ein menschenwürdiges Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen und Religionen auf unserem Planeten ermöglicht werden kann. Toleranz ist ja in der Tat eine große Errungenschaft. „Eine Tugend, die den Frieden ermöglicht“, wie es bei der UNESCO heißt. Wikipedia erklärt hierzu, Toleranz sei „Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Gemeint ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung unterschiedlicher Individuen“.

    Hier hört die Toleranz bald auf: Der traditionelle Weihnachtsbaum auf dem Grand Place in Brüssel soll aus religiöser Rüc...

    Morgen wird der internationale Tag für Toleranz gefeiert. Konnte man 1995 noch nicht absehen, was sich daraus entwickeln würde, als 185 Mitgliedstaaten der UNESCO feierlich die Erklärung der Prinzipien zur Toleranz unterschrieben haben? Dass Toleranz auch dazu dienen kann, kulturelle Ordnungen auszuhebeln? Eigentlich soll der Tag ja nur daran erinnern, wie ein menschenwürdiges Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen und Religionen auf unserem Planeten ermöglicht werden kann. Toleranz ist ja in der Tat eine große Errungenschaft. „Eine Tugend, die den Frieden ermöglicht“, wie es bei der UNESCO heißt. Wikipedia erklärt hierzu, Toleranz sei „Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Gemeint ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung unterschiedlicher Individuen“.

    Es sind die großen Denker der Toleranz, an denen das Problem leicht verständlich wird. Zum Beispiel bei dem amerikanischen Rechtsphilosophen John Rawls, der mit seiner Lehre von Gerechtigkeit als Fairness berühmt geworden ist. Zwar ist nach seiner Meinung religiöse Toleranz als Grundsatz längst anerkannt, wonach man sich nicht offen zur Verfolgung Andersgläubiger äußere. Aber um solch eine Übereinkunft zu sichern, sollten wir so weit wie möglich kontroverse philosophische, moralische und religiöse Fragen vermeiden. Und zwar deshalb, weil diese nicht politisch lösbar seien: „Die Philosophie, verstanden als Suche nach der Wahrheit einer unabhängigen metaphysischen und moralischen Ordnung, kann nach meiner Überzeugung in einer demokratischen Gesellschaft keine brauchbare Basis für eine politische Gerechtigkeitskonzeption bereitstellen.“ Das Toleranzprinzip müsse vielmehr auf Philosophie und Metaphysik selbst angewandt werden. Was von der Metaphysik übrig bleibt, ist nach Rawls die „freie Übereinkunft, Versöhnung durch öffentlichen Vernunftgebrauch“. Damit sind natürlich der Beliebigkeit alle Türen geöffnet. Denn was soll öffentlicher Vernunftgebrauch sein? Es geht gerade in der Öffentlichkeit nicht mehr um Vernunft, sondern um Interessen unter dem Deckmantel der Vernunft. Was für die Moderne übrigbleibt, ist, noch einmal nach Rawls, der „Gedanke sozialer Kooperation“, die faire Regeln voraussetzen soll. Auch soziale Kooperation klingt wieder nach der Verwirklichung des Guten schlechthin, fraglich ist nur, wer und wie kooperiert, und vor allem, wer beim Kooperieren mitreden darf. Denn wer einen grünen Tisch des Gesprächs organisiert, legt auch fest, wer daran teilnehmen darf. Und nach Rawls gehört die Philosophie samt Metaphysik schon mal nicht dazu. Und wer, wie es heute in der Wissenschaft normal ist, die klassischen Grundgedanken der Metaphysik ausschließt, und damit die Wahrheitsfrage, die Frage nach dem Sinn von Sein, nach Gott und Seele, nach dem Wesen von Freiheit und Natur – der wird nur noch unter einem sehr eingeschränkten und historisch verfälschten Horizont denken können. Nicht umsonst sieht der für diese Auffassung typische Rawls den Beginn der fairen sozialen Bedingungen erst nach den Religionskriegen, weil vorher Platon, Aristoteles und die christliche Tradition nur das „eine Gute“ vertreten hätten, und nicht liberalistisch viele Lehren über das Gute, die sich widersprechen können und von vielen freien Bürgern vertreten würden. Dass Freiheit hier schon modern individualistisch verstanden wird und nicht in Einheit mit einem transzendent begründeten Guten, wird vom heutigen Liberalismus einfach unterschlagen. Die heutige Toleranzpolitik ist verstrickt mit dem Konsens, der gesellschaftlich angestrebt wird, was wiederum zu mehr Gerechtigkeit führen soll. So geht der Gebrauch der Worte Toleranz, Konsens und Gerechtigkeit ineinander über mit dem Ergebnis, dass entscheidende Positionen ausgeschaltet werden.

    Charles Taylor, bekannt geworden durch sein Buch „Das säkulare Zeitalter“ (2009), spricht darum auch vom „ausgrenzenden Humanismus“, für den etwa Rousseau, Voltaire oder Camus stehen. Humanismus ist für Taylor eine Einstellung, die weder letzte Ziele anerkennt, die über das menschliche Gedeihen hinausreichen, noch gegenüber einer Instanz loyal ist, die jenseits dieses menschlichen Lebens liegt. Die Lehren der antiken Epikureer sieht Taylor noch als selbstgenügsamen Humanismus an, die die Götter noch zuließen, aber deren Bedeutung für das menschliche Leben leugnete. Säkularisation trat zum selben Zeitpunkt ein wie der ausgrenzende Humanismus, der auch Gott leugnete und dies bis heute tut. Rawls ist ja in dem Dilemma, Religionsfreiheit als tolerant und nur rechtlich geboten anzuerkennen, aber die Bedeutung der Religion für das menschliche Zusammenleben zu verneinen. Religion wird so zur Privatreligion und damit nichtig. Das ist die Struktur, die sich hinter dem modernen Toleranzbegriff verbirgt.

    Aktuelles Beispiel ist der Brüsseler Rathausplatz „Grand Place“, auf dem in diesem Jahr kein Weihnachtsbaum stehen soll. „Weil sich“, wie findige Kommentatoren auf Facebook mutmaßen, „der Weihnachtsbaum auf Weihnachten bezieht“. Die Stadtoberen wiegeln ab und behaupten, es gebe ja Weihnachtsbäume, eben nur nicht den zentralen Weihnachtsbaum, wie es Tradition ist. Stattdessen eine Lichterinstallation als Kunstwerk, die immerhin 25 Meter hoch sei. Die „elektrische Struktur“ des Baumes soll nun dargestellt werden, wie die Stadt erklärte. Werden dann auch die Ostereier abgeschafft, weil sie sich auf Ostern beziehen, munkelt man schon in der Stadt. Kirchliche Feste sind vom ausgrenzenden Humanismus der Toleranz ebenso bedroht wie Kreuze in der Schule. Wie abgründig dieser Humanismus ist, zeigt Taylor etwa an der Entwicklung der Manieren. Das klingt überraschend, aber gerade mit der Kultur der feinen Manieren und damit der Entwicklung der feinen Gesellschaft in ihrer Ausbreitung des Handelns, von Reisen, Entdeckungen aller Art und dem Aufstieg stärkerer Staaten machte sich auch der Wille nach öffentlicher Meinung, Unabhängigkeit im Denken und letztlich das Prinzip der Zivilgesellschaft geltend: Das Interesse der Allgemeinheit wird zur Regel und damit die souveräne Macht des Volkes. Das Problem ist dabei, dass sich die Gesellschaft völlig neu definiert hat und die ältere Form der Begründung einfach vom Tisch wischte: nämlich die Wurzeln des Christentums. Die sind im Toleranzgedanken nur noch rudimentär erkennbar. Die Wohltätigkeit des modernen Staates ist solch ein Rudiment, das sich von der Güte Gottes herleitet. Oder die Gleichheit des Menschen vor dem Gesetz ist analog gedacht zur Gleichheit vor Gott. Ebenso klingt die Überschrift „Jemandem gerecht werden“ in Judith Butlers Genderbuch „Die Macht der Geschlechternormen“ beinahe wie ein Gedanke aus der christlichen Soziallehre, aber mit völlig abgewandeltem Inhalt. Wohltätigkeit und Mitgefühl treten als die großen Errungenschaften der Moderne auf, aus der Quelle rein menschlicher Moral und ohne jeden Transzendenzbezug. Die Gendertheoretikerin Judith Butler schreibt über diese rein innerweltliche Moral: „Wenn das ,Ich‘ nicht mit den moralischen Normen zusammenfällt, die es aushandelt, wenn es sie nicht als ein Apriori der Existenz vorfindet, so heißt das nur, dass es über diese Normen nachdenken muss und dass diese Überlegungen auch zu einer kritischen Einsicht in deren gesellschaftliche Genese und Bedeutung führen.“ Alles ist aushandelbar, alles kritisierbar. Es ist die Standpunktlosigkeit und Ortlosigkeit, die mit jeglichem möglichen positiven Sinn von Toleranz verwechselt wird.

    Die Standpunktlosigkeit gibt wiederum vor, neutral zu sein, obwohl sie doch ein Nest von Voraussetzungen ist. Neutralität ist denn auch das Ziel des modernen Staates, der jedem gerecht werden will. Doch ist Neutralität am Gesetz des Minimums orientiert, das heißt, ein Muslim in der Schulklasse kann sich durch ein Kreuz an der Wand gestört fühlen. Neutralität sucht den kleinsten Nenner im Namen der Toleranz. „Wir sind einzig und allein unseren Mitbürgern verpflichtet“, formulierte einmal der atheistische Philosoph Richard Rorty, der gleichermaßen die Wahrheitssuche ablehnte. Aber der Toleranzgedanke kann das Problem nicht auflösen, dass die Menschen tatsächlich den Mitbürgern gerecht werden. Toleranz gibt es nur unter Ausschaltung von Einzelinteressen. Und zu diesen Interessen muss auch die Ausübung des Glaubens gehören können sowie die Achtung der Symbole der Religion. Mehr Sinn lässt sich dem Toleranzbegriff abgewinnen in der Formulierung der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum, nach der „das Vermögen, mit dem jede Person den letzten Sinn des Lebens sucht“, ein Wert an sich sei und geschützt werden müsse: „Dieses Vermögen, nicht sein Ziel, bildet die Grundlage für politische Achtung; und so können wir uns darauf einigen, das Vermögen zu achten, ohne vorab über die Frage zu urteilen, ob ein solcher Sinn gefunden werden kann und worin dieser liegen könnte.“ Auf jeden Fall ist dieser Gedanke auf dem Vorrang der vita contemplativa gegenüber der vita activa orientiert, wie er auch in der Antike und im Christentum zu finden ist. Mit dem letzten Sinn des Lebens ist der Weg einer spirituellen Suche vorgegeben, die über die Zwänge einer materialistisch eingestellten Gesellschaft hinausführen. Denn die würde nie vom letzten Sinn sprechen. Es wurde wenig beachtet, dass der Kinofilm „Da Vinco Code“ mit dem Blick auf eine Tafel begann, auf der geschrieben stand: „Alles ist Interpretation“. Wenn das der Fall ist, kann es keine Toleranz im wahrhaften Sinn mehr geben, denn dann ist jeder Standpunkt, von dem aus Toleranz ausgeübt wird, ein beliebiger. Offenbar muss aber tolerantes Handeln mit der Anerkennung von Wahrem zu tun haben, sonst wäre die Anerkennung des Gläubigen ein eitles Tun, das sinnlos wäre.

    Toleranz löst sich selbst auf, wenn sie sich nicht auf einen wahren Kern bezieht. Sonst wäre auch tolerantes Handeln gegenüber den Anhängern des Nudeluniversums und den Dunkelonen gefordert und der Anerkennung derer Symbole im öffentlichen Raum. Totale Neutralität funktioniert also nicht, der öffentliche Raum beansprucht Wahrheit, die mehr ist als nur subjektive Setzung. Den Tag der Toleranz also nur in der Hoffnung auf friedliches Miteinander zu begehen, greift zu kurz. Nur der Wahrheitsanspruch gibt dem Gedanken Sinn, die Toleranz sei ideengeschichtlich bedeutsam für die Entstehung der liberalen Demokratie.