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    Die große Chance, auf die Kraft der Argumente angewiesen zu sein

    In seiner Enzyklika „Laudato si“ fordert Papst Franziskus eine ganzheitliche Ökologie. Das lässt Erinnerungen wach werden an die historische Rede von Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag, als der Papst aus Deutschland über die „Ökologie des Menschen“ sprach. Mehrfach zitierte er damals in seiner Ansprache den Salzburger Rechtshistoriker Wolfgang Waldstein. Wolfgang Waldstein hat bereits in der Zeit des Kalten Kriegs aktiv an der Förderung des akademischen Nachwuchses in Ungarn mitgewirkt. Seit 2012 ist er Ehrendoktor der Katholischen Universität Pázmány Péter, wo Nadja El Beheiri den Lehrstuhl für Römisches Recht inne hat. Die Professorin studierte in Wien und Rom Rechtswissenschaften, insbesondere Römisches Recht, und habilitierte sich später in dem Fach an der Katholischen Universität Pázmány Péter in Budapest. Michaela Koller sprach mit El Beheiri über die Rezeption der Naturrechtsrede, ihre Hintergründe und die bleibende Bedeutung.

    Professorin Nadja El Beheiri. Foto: F. Seizmaier

    In seiner Enzyklika „Laudato si“ fordert Papst Franziskus eine ganzheitliche Ökologie. Das lässt Erinnerungen wach werden an die historische Rede von Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag, als der Papst aus Deutschland über die „Ökologie des Menschen“ sprach. Mehrfach zitierte er damals in seiner Ansprache den Salzburger Rechtshistoriker Wolfgang Waldstein. Wolfgang Waldstein hat bereits in der Zeit des Kalten Kriegs aktiv an der Förderung des akademischen Nachwuchses in Ungarn mitgewirkt. Seit 2012 ist er Ehrendoktor der Katholischen Universität Pázmány Péter, wo Nadja El Beheiri den Lehrstuhl für Römisches Recht inne hat. Die Professorin studierte in Wien und Rom Rechtswissenschaften, insbesondere Römisches Recht, und habilitierte sich später in dem Fach an der Katholischen Universität Pázmány Péter in Budapest. Michaela Koller sprach mit El Beheiri über die Rezeption der Naturrechtsrede, ihre Hintergründe und die bleibende Bedeutung.

    Frau Professor, die Rede Papst Benedikts XVI. am 22. September 2011 im Deutschen Bundestag hat am Lehrstuhl für Römisches Recht der Katholischen Universität Pazmány Péter in Budapest besondere Beachtung erfahren. Warum?

    Das war zunächst Frucht eines Zufalls, denn zu dieser Zeit, genauer im Frühjahr 2011, hatte das Kollegium unserer Fakultät beschlossen, Wolfgang Waldstein zum Ehrendoktor zu ernennen. Anlässlich dieser Ernennung haben wir begonnen, sein damals jüngstes Buch mit dem Titel „Ins Herz geschrieben“ ins Ungarische zu übersetzen. Und als wir praktisch fertig waren, hat Papst Benedikt in seiner Rede im Bundestag aus dem Buch relativ ausgiebig zitiert. Wir haben dann seine Ansprache ins Ungarische übertragen und als Anhang hinzugefügt. Beim Studium vieler der Reaktionen auf die Rede haben wir gemerkt, dass es ein klein wenig immer in die Richtung ging, der Papst habe gestützt, auf Wolfgang Waldstein, einen engen Naturbegriff verwendet. Eine Stoßrichtung war wohl, er wolle aus der Natur als solche etwas ablesen. Wir haben uns so relativ ausführlich mit der Rezeption auseinandergesetzt.

    Sie haben bereits im Juni vor zwei Jahren ein Symposium zum Thema der Rede des Papstes veranstaltet. Was war dabei Ihr Anliegen?

    Wir haben dieses Symposium interdisziplinär organisiert. Wir hatten zwei Einführungsreferate, von einem Juristen, Professor János Zlinszky, einem der ersten fünf Mitglieder des ungarischen Verfassungsgerichtshofs, der nach der politischen Wende gegründet wurde, und von einem Naturwissenschaftler, der inzwischen verstorbene Tamás Roska, der zu den Begründern der Neurowissenschaft in Ungarn gehört. Die Tagung war bewusst international und interkonfessionell. Wir hatten mehrere lutherische Kollegen eingeladen, sich mit der Rede auseinanderzusetzen. So konnten wir uns dieser Rede relativ unbefangen stellen und haben sie einen ganzen Tag lang aus verschiedenen Perspektiven diskutiert. Papst Benedikt XVI. sagt in der Rede selbst, er möchte zu einer Diskussion aufrufen. Tatsächlich fanden wir viele Anstöße, die weiterführend sind.

    Referate und Teile der Diskussion haben Sie veröffentlicht, darunter auch Ihre Einführung, in der Sie das globale Wirken der katholischen Kirche ansprachen. Der Heilige Stuhl hat sich in der Vergangenheit seit Papst Leo XIII. von einer bekämpften politischen Macht zu einem als Friedensvermittler geachteten und in dieser Rolle relativ einflussreichen Völkerrechtssubjekt gewandelt. Kann man ihn auch als Verteidiger der Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats betrachten?

    Der erste Satz in der Rede, in der Papst Benedikt ankündigte, diese Grundlagen zu behandeln, ist bis zu einem gewissen Grade revolutionär. Der freiheitliche Rechtsstaat ist, so wie wir ihn heute kennen, ein Produkt des ausgehenden 18. und 19. Jahrhunderts. Der inzwischen emeritierte Papst wollte diesem Rechtsstaat mit seinen formellen Garantien, der Herrschaft des Rechts und den parlamentarischen Instrumenten einen Inhalt geben, die er aus der europäischen Tradition schöpft. Aus der Tradition, die in der Antike beginnt, und sich bis zum Grundgesetz und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzt.

    Hier gibt es mehrere Punkte zu beachten. Zunächst den Umstand, dass die Entwicklung im Laufe der Geschichte nicht immer so gradlinig gewesen ist. Wir haben zudem die globale Rolle der katholischen Kirche angesprochen. Sie ist der einzige Teilnehmer am internationalen Geschehen, der seinem Selbstverständnis zufolge absolut global ist. Die katholische Kirche kann allein schon viel durch ihre internationale Erfahrung beitragen. Es ergibt sich auch aus diesem Selbstverständnis, dass die katholische Kirche auf solche Grundlagen schauen muss, die zum Menschen selbst gehören.

    Der katholischen Kirche hat keine politische Macht das, was sie als wahr erkennt, durchzusetzen. Hat sie aber nicht gerade dadurch wieder an Glaubwürdigkeit gewonnen, indem sie allein auf die Überzeugungskraft ihrer Argumente zurückgeworfen ist?

    Ohne Zweifel ist es eine große Chance auf allen Ebenen für die katholische Kirche, gezwungen zu sein, an ihren Argumenten zu Fragen des Zeitgeschehens zu arbeiten und die Wissenschaftlichkeit und Ernsthaftigkeit in deren Ausarbeitung deutlich zu machen. Für mich war die Gestik von Benedikt XVI. im Bundestag ganz entscheidend im Hinblick auf die Rolle, welche sich ein deutscher Papst in einem deutschen Parlament gibt. Wir haben uns hier am Lehrstuhl den Auftritt oftmals angesehen, und dabei auch ein paar Mal ohne Ton nur auf die Gesten geachtet. Es gab ja im Vorfeld und nachher viele Diskussionen, ob ein Papst überhaupt vor einer Volksvertretung sprechen sollte. Aber man erkennt, wenn man den Papst im Bundestag anschaut, eine ganze starke Gestik, die zeigt, dass er nicht mit Macht eingreifen möchte, sondern vielmehr mit einer Einfachheit und Demut. Das Oberhaupt der katholischen Kirche verneigt sich da vor den Abgeordneten, einem modernen Rechtsetzungsorgan. Das ist etwas Unglaubliches. Gleichzeitig bringt er mit seiner moralischen Autorität einen Diskussionsbeitrag in das Parlament.

    Diese Autorität reichte aber dennoch nicht aus, die Abgeordneten nach der Naturrechtsrede von Papst Benedikt dazu zu bringen, den Begriff von der „Ökologie des Menschen“ wirklich zu durchdringen...

    Papst Benedikt XVI. hatte selbst einen längeren Weg des Nachdenkens hinter sich. Man kennt Äußerungen aus seiner Zeit als Kardinalpräfekt, die gegenüber dem Naturrecht noch zurückhaltend bis kritisch klangen. Die berühmteste unter ihnen, beim Gespräch mit Jürgen Habermas, besagte, dass das Naturrecht als Argumentationsfigur stumpf geworden ist und er sich bei dieser Gelegenheit ausdrücklich nicht auf dieses Instrument stützen wolle. Er meinte, dass der Begriff sehr stark jenen Aspekt der Natur in den Vordergrund stelle, den er später als objektive Natur bezeichnete und der teilweise durch die Evolutionstheorie überholt sei. Damals hat vielleicht ein intensiveres Nachdenken begonnen. Als Papst hat er sich bei verschiedenen Gelegenheiten zum Thema geäußert, etwa vor italienischen Juristen 2007 über das Naturgesetz. In der Bundestagsrede selbst verwendet der Papst schließlich die Wendung von einem Zusammenklang zwischen objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt. Damit leistete er schließlich seinen spezifischen Beitrag zur Naturrechtsdiskussion.

    Was versteht der emeritierte Papst unter Naturrecht?

    Man kann sich bei verschiedenen anderen Reden ansehen, was Benedikt XVI. dem Naturrecht zuordnet, sicherlich zum Beispiel bioethische Fragen, so auch familienpolitische; sein Ausgangspunkt besteht im Widerstand gegen gesetzliches Unrecht. So sieht man, dass es Fragen sind, die höchst umstritten sind. Dennoch gebraucht er in diesem Zusammenhang – sicherlich im Einklang mit Wolfgang Waldstein – den Begriff der Evidenz.

    Benedikt bemüht sich um die Formulierung eines Naturrechtsbegriffes, der auf ein harmonisches Zusammenspiel zwischen der Tätigkeit der menschlichen Vernunft und der Ausrichtung an unabhängig vom menschlichen Willen vorhandenen Gegebenheiten abzielt. Die Erkenntnis dieses Rechtes lässt sich mit der Erkenntnis des Schönen, des Harmonischen überhaupt vergleichen. Man denke an das Erfahren von Schönheit in der Musik. Das Naturrecht darf dabei einerseits nicht auf ein reines Vernunftrecht reduziert werden, andererseits ist die Natur im Zusammenhang mit der Findung von Rechtsnormen immer auch eine durch die Vernunft interpretierte Natur. Der Verpflichtungsgrund eines so gefundenen würde in der schöpferischen Vernunft Gottes liegen, an der der Mensch durch seine Vernunft Anteil hat.

    Warum ist es so schwierig, sich in der öffentlichen Diskussion heutzutage auf das Naturrecht zu stützen? Wie kann es denn aktuell erschlossen werden?

    Man kann die römischen Juristen des zweiten und dritten Jahrhunderts nach Christus als Beispiel nehmen, weil sie am stärksten in der Praxis mit dem Naturrecht gearbeitet haben. Sie hatten rund um die Erkenntnis ein ganzes System gebaut und es gab persönliche Voraussetzungen dafür in den Juristen. Der Zugang zum Juristenstand war beschränkt, die Tradition war stark verankert. Man findet viele Zitate, die zeigen, dass sie aus der Erkenntnis anderer Juristen schöpfen. Sie entwickelten eine Vorliebe für Schönheit und Eleganz im Recht. Und sie sind sehr stark von einer Tugendethik ausgegangen.

    Was hat Papst Benedikt wohl bei Wolfgang Waldstein überzeugt, dass er ihn so ausführlich in der Rede zitierte?

    Diese Frage ist natürlich schwer zu beantworten, da ist man doch auf Spekulationen angewiesen. Es gibt viele Parallelen im Lebenslauf und im Zugang zur Wissenschaft dieser beiden Persönlichkeiten. Beide sind Persönlichkeiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen haben, ihr wissenschaftliches Leben aufzubauen. Ein anderer Punkt ist die Beurteilung des wissenschaftlichen Werkes Wolfgang Waldsteins; dabei erscheint mir wesentlich, dass er seine Erkenntnisse in Zusammenarbeit mit den bekanntesten und bedeutendsten Professoren für Römisches Recht der Nachkriegszeit gewonnen hat wie Max Kaser, Theo Mayer-Maly, Wolfgang Kunkel. Auch gilt es hervorzuheben, dass er seine Erkenntnisse durch die Interpretation von antiken, oftmals vorchristlichen Rechtsquellen gewonnen hat. Ich denke, wenn Benedikt XVI. ihn zitiert, dann sucht er einfach nach der tatsächlichen europäischen Rechtstradition.

    Lassen Sie uns über die Erkenntnis und Unterscheidung von Recht und Unrecht sprechen. Was macht den erkenntnistheoretischen Ansatz von Wolfgang Waldstein aus?

    Wolfgang Waldstein stützt sich darin auf Dietrich von Hildebrandt. Einer der Grundbegriffe ist der intuitive Verstand. Dietrich von Hildebrandt kannte eine Wertschau; er ging von Werten aus, die sich uns zeigen, die wir erkennen können und uns unabhängig von unseren Überzeugungen unmittelbar durch den intuitiven Verstand zugänglich sind.

    Wie kommt das Gewissen dabei ins Spiel?

    Es ist die Fähigkeit, zu erkennen und auf Gegebenheiten zu antworten. Das Gewissen muss aber auch geformt werden, man muss es informieren, transformieren. Das geschieht teilweise durch die gegenseitige Reinigung durch Glaube und Vernunft, auf die Benedikt wiederholt eingegangen ist. Das geschieht nach katholischem Verständnis auch durch die Gnade. Wenn man an die Tradition der Antike anknüpft, geschieht dies auch durch das Ausüben der Tugenden und das praktische Streben nach dem Guten, was man bei Aristoteles, aber auch bei dem römischen Juristen Ulpian findet, auf den der emeritierte Papst öfter eingegangen ist.

    Ist der Mensch auch in der Lage, die Ordnung der Natur zu erkennen, wenn er nicht glaubt?

    Ich denke ja. Der wichtigste Aspekt, der bei der Erkenntnis der Ordnung der Natur hilft, ist auch ein Streben nach dem Guten. Auch die antiken Juristen sind davon ausgegangen, dass man die Ordnung der Natur erkennen kann. Jedoch kann man die verpflichtende Form dieser Ordnung nicht ohne Glauben an Gott oder irgendein höheres Wesen sehen.

    Demnach ist eine völlige Autonomie des Menschen von Gott letztlich mit dem naturrechtlichen Denken unvereinbar?

    Ich denke, dass die berühmte Formel von Hugo Grotius, dass Naturrechtswissenschaft so betrieben werden müsse, als ob Gott nicht existieren würde, letztlich nicht haltbar ist. Dies scheint mir auch eine wesentliche Botschaft Benedikts XVI. im Bundestag zu sein. Man kann viel erkennen, aber man muss doch immer wieder akzeptieren, dass die eigene Vernunft ihre Grundlage in der Vernunft Gottes hat.

    Wie soll denn die Ordnung der Natur wieder hergestellt werden, wenn gegen diese verstoßen wurde?

    Ich glaube, dass es wichtig ist, erst einmal zu erkennen, dass gegen Vorgaben verstoßen wurde und man beginnt, damit zu arbeiten. Und dieses Arbeiten führt im zwischenmenschlichen Bereich dann letztlich doch zur Versöhnung, zum Verzeihen. Ohne Umkehr, ohne Offenheit für das Revidieren des eigenen Verhaltens kann der Mensch wahrscheinlich kein harmonisches Leben mit sich und seiner Umwelt führen.