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    Die gelbe Muschel immer vor Augen

    Cancellado“ blinkten in Rot die Worte auf den elektronischen Anzeigetafeln. Der Aufbruch als Pilger vom Rande der deutschen Hauptstadt zum Grab des Apostels Jakob nach Galicien im Nordwesten Spaniens gestaltete sich schwierig. Höhere Gewalten verhinderten das Fortkommen mit dem Flieger. Das war Lektion Eins der Reise: Pilger sollten Geduld haben und eine Offenheit für Ungewohntes und nicht Geplantes mitbringen.

    Ein Tipp unter Pilgern: Wenn man kleine Steinchen auf die Camino-Wegeszeichen legt, bleiben die Sorgen zurück. Foto: RT

    Cancellado“ blinkten in Rot die Worte auf den elektronischen Anzeigetafeln. Der Aufbruch als Pilger vom Rande der deutschen Hauptstadt zum Grab des Apostels Jakob nach Galicien im Nordwesten Spaniens gestaltete sich schwierig. Höhere Gewalten verhinderten das Fortkommen mit dem Flieger. Das war Lektion Eins der Reise: Pilger sollten Geduld haben und eine Offenheit für Ungewohntes und nicht Geplantes mitbringen.

    Für knapp zehn Tage Reisezeit waren etwa 200 Kilometer auf dem „Camino Frances“ – dem Klassiker unter den Jakobswegen – eingeplant. Wenn einem nicht nach dem Motto „ich bin dann mal weg“ – drei Monate und mehr dafür vergönnt sind, sollte der Faktor Zeit nicht unterschätzt werden. Ziel der Reise war, den Sinn und Reiz des Jakobsweges zu verstehen. Was treibt jedes Jahr tausende Menschen dazu, sich auf den Weg einmal quer durch Galicien von O'Cebreiro bis nach Santiago di Compostella zu machen, immer die gelbe Muschel vor Augen, das verlässliche Zeichen für den Camino?

    Im „Albergue do Cebreiro“ nahmen wir die erste Unterkunft. Gegen eine kleine Gebühr und Vorzeigen des Pilgerpasses und Personalausweises erhält man einen Platz in einem Saal mit 70 Doppelstockbetten. Hier schläft Jung über Alt und Mann neben Frau unabhängig von Nationalität. Die Atmosphäre unter den vielen Pilgern ist trotz des anstrengenden Aufstiegs auf über 1200 Meter offen und gelöst. Spanische, englische, italienische, französische, aber auch deutsche Wortfetzen dringen ans Ohr. Von zwei Nürnberger Studenten, die bereits seit einigen Wochen von Pamplona aus unterwegs sind, erfährt man wichtige Prinzipien des Herbergslebens: Duschen haben oft keine Türen, in der Nacht sollte man „wegen des Schnarchkonzerts Ohrstöpsel tragen“ und „Wertsachen sollte man lieber am Mann tragen“.

    Das Wetter ist eigentlich für die Jahreszeit zu kühl und feucht. Für den Regen gibt es Ponchos und die wasserfesten Wanderschuhe halten Matsch und lehmigen Schlamm gut ab. In der kleinen Kirche „Santa Maria la Real“ mit einem beeindruckenden Holzkruzifix und einer sitzenden Gottesmutter mit dem segnenden Christus aus dem 12. Jahrhundert ist eine stille Einkehr und ein Rückzug für ein Gebet möglich. Viele Gäste des Gotteshauses haben Kerzen gestiftet, die einen angenehmen warmen Lichtschein verbreiten.

    In aller Herrgottsfrühe stehen am nächsten Tag kurz nach Sonnenaufgang die meisten Pilger mit Rucksack, Wanderstab, Fotoapparat und Tagesproviant auf der Straße, um mit einem „Buen Camino“ das etwa 21 Kilometer entfernte Tagesziel Triacastela zu erreichen. Hier in den Bergen hat man – wenn die Sonne durchkommt – wunderbare Weitblicke auf entfernte Gebirgszüge und in die Täler. Immer wieder sieht man kleine Bauernhöfe, deren oft jahrhundertealte Geschichte aus den grauen Steinen des Gemäuers und den vergilbten Hölzern kaputter Fensterläden oder eingefallener Türen strahlt. Hunde liegen quer über dem Weg und lassen sich von den Vorbeiziehenden nicht stören. Kühe mit großen Glocken fressen das satte, grüne Gras. Da keine Halsglocke wie die andere klingt, kommt man in den Genuss eines morgendlichen Gratiskonzertes. Über allem tiriliert die Feldlerche. Eine alte Frau bietet am Straßenrand selbstgebackene Eierkuchen feil.

    Je näher man Santiago kommt, desto voller wird der Camino. Man überholt oder lässt sich überholen, begleitet von einem „Ola“ oder „Buen Camino“. Wer den Jakobsweg allein beginnt, merkt bald, dass er eigentlich nie allein ist. Unkompliziert hat man Kontakte in die ganze Welt geknüpft. Von Norwegen über Irland, von Kanada bis nach Korea – selten kann man in so kurzer Zeit Menschen aus so vielen Nationen sehen und sprechen, die alle ein Ziel eint: Santiago! Aber man merkt, dass die Ziele der Pilger, die sie mit dem Jakobsweg verbinden, ganz unterschiedliche sind. Es gibt die religiös-spirituellen Pilger, aber auch solche, die vom sportlichen Ehrgeiz gepackt zu sein scheinen, den Weg in möglichst kurzer Zeit zu bewältigen. Andere sind Sucher, die „nur zu sich finden wollen“. Und am Wochenende kommen auch die Familien mit Kindern oder Gruppen dazu, die eine Etappe quasi als Ausflug mitlaufen. Aber nicht nur deshalb werden die roten, grünen, blauen, grauen oder lilafarbenen Stempel in den Kirchen, Herbergen oder Restaurants im Pilgerpass, dem „Credencial del Pelegrino“ gesammelt. Oft trifft man Pilger nach Tagen wieder, mit denen man ein Stück des Weges gemeinsam ging, einen Cafe con Leche trank oder ein Pilgermenü einnahm. Andere sieht man nur einmal und dann nie wieder.

    „Jeder Mensch muss seinen Platz in dieser Welt suchen und finden. Dafür müssen wir uns auf den Weg machen“, betont der Pfarrer in der abendlichen Pilgermesse. Aus vielen Ländern haben sich Gläubige versammelt, um im Gebet innezuhalten und dem Sinn des Weges nachzugehen. Der Priester betont die „spirituelle Wirklichkeit des Weges nach Santiago“, die für viele Menschen oft nicht mehr zähle. Den Text des Evangeliums lässt er vom Altar aus in verschiedenen Sprachen von Pilgern aus Polen, Mexiko, Norwegen, Deutschland, Frankreich und Holland verlesen. Bevor er alle segnet, hat er noch den nützlichen Hinweis parat: „Der Weg ist kein Wettlauf, sondern eine spirituelle Übung. Lauf nicht so schnell und mit zu großer Geschwindigkeit – erlebe die Etappen in deiner persönlichen Glaubensdimension.“

    Durchnässt und müde kommen wir am Nachmittag in Sarria an. Das feuchte Wetter und der Regen seien typisch für Galicien, bestätigt der Barmann bei einem Cafe Solo. Da man oft dieselben Leute in den Herbergen sieht, wie Francesco aus Sizilien, Maria aus den Vereinigten Staaten oder Marta aus Ecuador, kommt nach einigen Tagen das Gefühl einer Reisegemeinschaft auf – globale Wallfahrer. Portomarin heißt das Ziel des Folgetages. Der Ort wurde vor den Fluten eines Stausees gerettet. Samt seiner romanischen Kirche San Juan hat man ihn Stein für Stein abgetragen und auf einem Berg wiedererrichtet. Zwei rüstige ältere Herren, Vernon und Malcolm White, beide Mitte 70 und „very british“, bereiten für ihre Methodisten-Gemeinde in London einen Vortrag über die keltischen Zeugnisse in Galicien vor. In Palas de Rei sitzen John England und seine Frau Catrin in einem Lokal. Beide sind Naturwissenschaftler von der Universität Alberta in Kanada. „Die meisten Menschen auf dem Jakobsweg sind eigentlich gar keine richtigen Pilger“, sagt John, „im besten Fall sind sie Suchende nach neuer Orientierung, nach sich oder dem Sinn ihres Lebens – aber suchen sie hier auch Gott?“ Seine Frau Catrin ergänzt, „die Sucht nach Geld, Gewinn und Erfolg zerstört leider bei vielen Menschen die Fundamente unseres christlichen Glaubens.“ In der Abendmesse, die im Vergleich zu unseren deutschen Gottesdiensten recht zackig zelebriert wird, sieht man sich wieder. Wir sind uns einig: eine bewusste Pilgerschaft ist eine alternative Gegenbewegung zum zersetzenden Materialismus. Es geht nicht darum, das Ziel schnell zu erreichen.

    In diesen Begegnungen und Gesprächen steckt der fundamentale Wert der Pilgerreise. Man mag es bedauern und mit der Zeit hadern, wenn sich die inneren Beweggründe für den Camino bei vielen Menschen gewandelt haben. Pilger, die bereits vor einigen Jahren den Jakobsweg gegangen sind, bestätigen die Tendenz zur Verweltlichung. Die meisten Pilgerherbergen werden ja auch nicht mehr von der Kirche getragen, sondern jugendliche Freiwillige aus ganz Europa absolvieren hier einige Monate ihres sozialen Jahres – finanziert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Sollten sich Christen mit ihrem Glauben und Bekenntnis mehr auf dem Camino di Santiago bemerkbar machen, bevor er zur reinen Touristenrennstrecke wird, die im Reisebüro als All-inklusive-Paket gebucht werden kann?

    Die Herausbildung einer zwei Klassen-Pilgerschaft scheint eine weitere Tendenz für den Camino zu sein. Es gibt die einfachen Pilger, die mit all ihrem Hab und Gut, mit dem, was sie am Leib und auf dem Rücken tragen, von Station zu Station wandern. Und dann die Vornehmen, immer gepflegten mit sauberen Sachen und kleiner Provianttasche, funkelnagelneuem lackiertem Pilgerstab und Plastik-Muschel aus dem Souvenierladen. Sie haben ihre festen Essenzeiten in den besseren Restaurants. Ihr Gepäck wird von einem Shuttlebus von Stadt zu Stadt gefahren, wo sie dann mindestens im Drei-Sterne-Hotel einkehren. Der einfache Pilger weiß in der Regel nicht, wo er am Abend nächtigt und ob die Herberge noch ein Bett frei hat. „Den ganzen Pilgerweg kannst Du eigentlich nur in Ruhe gehen, wenn Du in Pension bist und unbegrenzt Zeit hast“, erzählt Claude aus Avignon. Der Rentner machte sich von der Stadt der Päpste vor Wochen nach Santiago auf. „Jetzt habe ich die Zeit, mir diesen Traum zu erfüllen – im Arbeitsleben wäre das unmöglich gewesen.“ Seine Reise hat er nicht minutiös geplant, und wenn die Herberge mal überfüllt ist, dann schläft er mit seinem Schlafsack schon mal in der Küche oder im Vorraum.

    „Ich bin der Camino“ behauptet Sue Kenney von sich. Die Kanadierin ist schon zum zehnten Mal auf dem Jakobsweg unterwegs und mittlerweile Autorin von mehreren Büchern über den Pilgerweg. Mit „My Camino“ stand sie wochenlang auf der Sachbuchbestsellerliste in ihrem Heimatland. Sue's Leben ist mit dem Camino eng verbunden. Die Mutter dreier Töchter und ehemalige Telekommanagerin verlor mit Mitte 40 ihren Job und trennte sich von ihrem Mann. Leer und ausgebrannt ging sie damals in dieser Midlife-Krise auf den Jakobsweg und kam mit neuen Ideen und Zielen zurück. Seitdem gibt sie Seminare, führt kleine Reisegruppen als Guide und spricht über den Camino. Sie erzählt die Geschichte mit den kleinen Steinen, die man auf die Camino-Wegeszeichen legen soll, sodass die Sorgen zurückbleiben.

    Sue hat für sich den eigentlichen Sinn des Weges erkannt, der auch all die Jahrhunderte davor nie eine Einbahnstraße war. Die Menschen laufen seit über 1 000 Jahren diesen Weg. Die meisten von ihnen in den vergangenen Jahrhunderten selbstverständlich hin- und zurück. Heute geht es nach dem alten Ruf „ultreya“ – „Vorwärts! Weiter!“ nach Santiago und zurück mit der Bahn oder dem Flugzeug. „Ich kenne einige, die waren so schnell zu Hause und bekamen dann den Camino-Blues. Sie litten auf einmal unter einer Leere“, berichtet Sue. „Wochenlang hat man ein Ziel – dann ist es erreicht und nun?“ Sie will eine neue Bewegung gründen. Einen Titel hat sie schon: „Sultreya“ – das steht für ein bewusstes Pilgern, mit Zeit auch für den Weg zurück nach Hause. „Back to the roots“, quasi den Prozess des Pilgerns zu Ende bringen. Ein Wandel beim Pilgern kann nur gelingen, wenn man bedenkt, woher man kommt. „Jeder Mensch kommt von Gott und verdankt ihm seine Existenz. Irgendwann kehren wir zum Herrn zurück. Wir kehren heim“, führt Sue beim Abschied aus und wünscht auf Spanisch „Buen Camino!“.