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    Die geistige Kraft des Mittelalters

    Das Mittelalter hat in der öffentlichen Wahrnehmung vielerorts weiterhin einen schlechten Ruf. Hartnäckig hält sich das Schlagwort eines „finsteren Zeitalters“ und nur allzu oft wird dieses dann mit der Behauptung verknüpft, in einer Periode allgemeinen intellektuellen Stillstandes sei jedwede Form wissenschaftlichen Fortschritts durch Kirche und Religion gehemmt, wenn nicht gleich sabotiert worden. James Hannams nunmehr ins Deutsche übersetzte Buch „Die vergessenen Erfinder“, 2009 in England unter dem Originaltitel „God's Philosophers. How the Medieval World Laid the Foundations of Modern Science“ erschienen, präsentiert mit einem Abriss über die Herausbildung der modernen Wissenschaft in just jener Epoche ein gänzlich anderes Bild.

    Eine mittelalterliche Apotheke und die medizinische Versorgung eines Kranken. Foto: IN

    Das Mittelalter hat in der öffentlichen Wahrnehmung vielerorts weiterhin einen schlechten Ruf. Hartnäckig hält sich das Schlagwort eines „finsteren Zeitalters“ und nur allzu oft wird dieses dann mit der Behauptung verknüpft, in einer Periode allgemeinen intellektuellen Stillstandes sei jedwede Form wissenschaftlichen Fortschritts durch Kirche und Religion gehemmt, wenn nicht gleich sabotiert worden. James Hannams nunmehr ins Deutsche übersetzte Buch „Die vergessenen Erfinder“, 2009 in England unter dem Originaltitel „God's Philosophers. How the Medieval World Laid the Foundations of Modern Science“ erschienen, präsentiert mit einem Abriss über die Herausbildung der modernen Wissenschaft in just jener Epoche ein gänzlich anderes Bild.

    In chronologisch aufgebauten 21 Kapiteln, die so unterschiedliche Bereiche wie die Herausbildung des Universitätswesens, die theologischen Konflikte im Paris des 13. Jahrhunderts, Mathematik, Alchemie, Astrologie und Medizin abdecken und von den agrarwirtschaftlichen Fortschritten bis zu einer Beschreibung des Falls Galileo Galilei reichen, kann Hannam in der Tat überzeugend aufzeigen, wie sich die Errungenschaften der modernen Wissenschaften unmittelbar aus der Naturphilosophie des Mittelalters ableiten und dieser entsprechend geschuldet sind. Die Eckpfeiler der universitären Institutionen, der technischen Fortschritte, die zu Erfindungen wie denen der mechanischen Uhr oder des Kompasses führen, der Theorien über die Welt, wie die Impetustheorie Johannes Buridans, und der metaphysischen Weltbetrachtung werden dem Leser so in einer logischen Abfolge nahegebracht. Letzterer Aspekt ist besonders bemerkenswert, impliziert die Legitimation des Studiums der Natur unter Berufung auf deren gute Erschaffung durch ihren Schöpfer doch unweigerlich, dass nur die zentrale Stellung Gottes im damaligen Wissenschaftsdenken überhaupt den Fortschritt ermöglichte.

    Basis der heute als selbstverständlich vorausgesetzten wissenschaftlichen Methode mit ihrer Kombination aus empirischem Experiment und rationaler Auswertung sei, so der Autor, „eine breite Anerkennung der Vernunft als wirksames Instrument, um die Wahrheit über unsere Welt zu entdecken“. Deren Ursprung aber liege nun gerade im zutiefst „mittelalterlichen“ 11. Jahrhundert mit der Schlüsselgestalt des Anselm von Canterbury, dessen Biographie Hannam folglich auch einen gebührenden Umfang einräumt.

    Ohne das Zeitalter und seine oftmals äußerst harten Lebens- und Arbeitsbedingungen zu idealisieren oder zu romantisieren, weist Hannam so nach, wie stark die technischen und intellektuellen Errungenschaften, etwa in den Gebieten der Astronomie und der Physik, der dem Mittelalter folgenden Jahrhunderte den Erkenntnissen genuin mittelalterlicher Gelehrsamkeit verpflichtet waren – was gerade auch für die Forschungen Galileis Gültigkeit besitzt. Während Innovationen und Einschnitte natürlich gebührend gewürdigt werden, tritt so zugleich die Fragwürdigkeit scharf gezogener Epochengrenzen und -bezeichnungen hervor, die oft genug nicht verbergen können, Produkte nationalstaatlich orientierter Geschichtsschreibungen des 19. Jahrhunderts zu sein.

    Man kann diese Zeit nur aus sich verstehen

    Ebenso positiv ist hervorzuheben, dass der britische Historiker Denkstrukturen stets aus der jeweiligen Situation, der konkreten Lebenswirklichkeit und dem entsprechend allgemein anerkannten Wissen heraus nachvollziehbar macht: „Mittelalterliches“ kann nur nach „mittelalterlichen“ Parametern beurteilt werden. Es gab stets eine in sich absolut kohärente Weltsicht und die Möglichkeit eines dieser entgegenlaufenden Funktionierens der Dinge, erschien den Menschen vergangener Jahrhunderte nicht mehr und nicht weniger absurd als es heutigen Zeitgenossen in Bezug auf ihr Weltbild erscheinen würde.

    Hannam veranschaulicht dies konkret anhand des bekannten Problems der Erdbewegung, deren geistesgeschichtliche Diskussion ein Leitthema des Buches darstellt. „Die Vorstellung, dass die Erde sich bewegt, war absurd“, schreibt Hannam in Bezug auf die Situation im 11. Jahrhundert und erklärt, dass dies nicht nur aus der bis dahin durchgeführten Forschung, sondern auch aus dem gesunden Menschenverstand hervorgehen musste, schließlich sei es auch für den von dem im Wissen der gegenteiligen Erkenntnis lebenden Menschen unserer Zeit kaum möglich, entsprechende direkte Beweise „ohne ein Teleskop, eine ganze Menge Zeit sowie viel Mathematik“ zu liefern.

    Aus Hannams Darstellung wird ersichtlich, dass Überlegungen bezüglich dieser Problematik in den folgenden Jahrhunderten keineswegs auf kategorische Verbote seitens kirchlicher Autoritäten stießen und dass auch die Ablehnung der Thesen Kopernikus' nicht auf entsprechenden Druck zurückging, sondern vielmehr auf eine augenscheinlich komplett gegenteilige Beweislage. Die mittelalterliche Kirche, das macht Hannam unmissverständlich klar, behinderte keinesfalls wissenschaftliche Forschung und Spekulation, sondern trug in Form der Förderung der Universitäten vielmehr zu deren Entwicklung maßgeblich bei, was grade auch in Bezug auf die Naturphilosophen, unter denen die des Merton College der Universität Oxford hier besonders hervorgehoben werden, gilt.

    Der hier nachgezeichnete Entstehungsweg unseres modernen Wissenschaftsbegriffs präsentiert sich somit gerade nicht als Auseinandersetzung zwischen Religion und Forschung. Im Gegenteil, Hannam macht nicht zuletzt durch die zahlreichen lebendig gezeichneten Einzelporträts herausragender Forscherpersönlichkeiten wie Gerbert von Aurillac, Roger Bacon oder Johannes Kepler verständlich, dass Glauben und Wissen dabei insgesamt in einem harmonischen Einklang nebeneinander liefen. Diese Darstellung individueller Lebensläufe trägt ebenso zur optimalen Lesbarkeit der gewiss auch für Nicht-Historiker spannenden Lektüre bei, wie das konsequente Her-anziehen von der Alltagswelt entnommenen und für den modernen Leser leicht verständlichen Beispielen, die auch schwierige Sachverhalte konkret erfassbar machen. Ob ihrer Einprägsamkeit hervorstechend sind in dieser Hinsicht wohl die Erklärungen zu bestimmten Bereichen, etwa dem der Logik, der mittelalterlichen Philosophie.

    Die dadurch erzielte Lebendigkeit der Präsentation lässt so auch leicht darüber hinwegsehen, dass die direkte Übertragung eines angelsächsischen wissenschaftlichen Werkes ins Deutsche an manchen Stellen unweigerlich etwas umgangssprachlich salopp wirken muss. Auch wäre sicherlich eine stärkere Berücksichtigung der intellektuellen Leistungen vor und außerhalb der Scholastik (so fehlt im hochinteressanten Kapitel über den medizinischen Kenntnisstand des Mittelalters etwa ein Hinweis auf die Schule von Salerno) interessant gewesen, was allerdings auch schnell den Umfang des Werkes hätte sprengen können.

    Insgesamt ist „Die vergessenen Erfinder“ ein faszinierendes Buch, das breites Wissen auf unterhaltsame Weise vermittelt und es mit seinen fundierten Argumenten dabei auch noch vermag, mit manchem Vorurteil über das in Wahrheit alles andere als finstere Mittelalter endgültig aufzuräumen.

    James Hannam: Die vergessenen Erfinder: Wie im Mittelalter die moderne Wissenschaft entstand. Übersetzt von Katrin Krips-Schmidt, Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2011, 448 Seiten, ISBN-13:

    978-3867441766, EUR 34,95