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    Die erleuchtete Vernunft

    Es gibt keine Persönlichkeit ohne Transzendenz. Das ist dem aufgeklärten Bewusstsein der Neuzeit besonders schwer zu vermitteln, weil es sich mit dem Götzendienst des Ich gegen die eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse gepanzert hat. Das Resultat der Aufklärung war ja die Entzauberung der Welt. Schmerzhaft wurde die Aufklärung vor allem als Entzauberung des Menschen in einer Folge narzisstischer Kränkungen. Diese Kränkungen seines Selbstwertgefühls beginnen mit Kopernikus und gehen über Darwin und Freud bis hin zu Alan Turing. Ihre Erkenntnisse sind für den menschlichen Geist unerträgliche Zumutungen: Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt, der Mensch ist auch nur ein Tier, das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus, und Intelligenz ist eine Dienstleistung von Maschinen.

    Eine Frau blickt in der Ausstellung „Luther in Worms 1521“ auf Bilder von Martin Luther (r.) und König Karl dem Fünften. Foto: dpa

    Es gibt keine Persönlichkeit ohne Transzendenz. Das ist dem aufgeklärten Bewusstsein der Neuzeit besonders schwer zu vermitteln, weil es sich mit dem Götzendienst des Ich gegen die eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse gepanzert hat. Das Resultat der Aufklärung war ja die Entzauberung der Welt. Schmerzhaft wurde die Aufklärung vor allem als Entzauberung des Menschen in einer Folge narzisstischer Kränkungen. Diese Kränkungen seines Selbstwertgefühls beginnen mit Kopernikus und gehen über Darwin und Freud bis hin zu Alan Turing. Ihre Erkenntnisse sind für den menschlichen Geist unerträgliche Zumutungen: Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt, der Mensch ist auch nur ein Tier, das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus, und Intelligenz ist eine Dienstleistung von Maschinen.

    Aber auch schon Martin Luther bringt eine der großen narzisstischen Kränkungen. So wie für Kopernikus die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, so ist für Luther der Mensch nicht der Mittelpunkt der Schöpfung. Dass Luther die Welt durch die christliche Wahrheit kränkt, ist ihm nicht nur bewusst, sondern er erhebt diese narzisstische Kränkung geradezu zum Programm. Er will ärgern – keine Kompromisse! Luther zeigt sich hier immer wieder als das extremste Gegenteil eines Relativisten.

    Dass der Mensch im Mittelpunkt stehen will, ist für Luther das entscheidende Problem. Von dieser falschen Selbstsicherheit befreit uns nur die Erkenntnis, Sünder zu sein. Denn durch das Sündenbewusstsein wird der Mensch auf Gott zentriert, statt auf sich selbst. In Glauben und Liebe zeige ich mich als bedürftig. Ich stehe nicht im Mittelpunkt, ich bin nicht souverän. Das Ich ist nicht mein Zentrum. Ich habe Hilfe nötig. Genau das wird durch den Begriff Existenz zum Ausdruck gebracht: Das Wesentliche kommt von außen. Existieren heißt endlich sein, abhängig sein, angewiesen sein auf Hilfe von außen. Gewissheit finden wir also nur außerhalb unserer selbst. Das ist mit der Öffnung zur Transzendenz gemeint.

    Man hat Luther oft den Vorwurf gemacht, er habe die Allmacht Gottes so auf die Spitze getrieben, dass sie von der blinden Willkür eines wahnsinnigen Tyrannen nicht mehr zu unterscheiden sei. An diesem Vorwurf ist zumindest eines wahr: Gott ist für ihn der deus mutabilissimus. Originalton Luther: Gott ist aber höchst wandelbar. Schärfer noch heißt es dann bei Karl Barth: „souverän, unbedingt, grundlos ist Gott“. Es handelt sich hier ohne Zweifel um einen theologischen Absolutismus der Allmacht Gottes. Dieser theologische Absolutismus kann die Gewissheit der Offenbarung und des Glaubens eröffnen. Aber er kann auch die Abwehrreaktion eines Absolutismus der Selbstsorge provozieren. Gemeint ist die technische Selbstermächtigung des Menschen mit ständiger Rücksicht auf den Nutzen für das Leben. Der allmächtige Gott zwingt den Menschen, der sich nicht in die Frömmigkeit retten kann, zum hypothetischen Atheismus. Der Willkürgott, der tut, was er will, wird dann durch den Zufall ersetzt: als ob es Gott nicht gäbe. Mit anderen Worten: Der wissenschaftlich-technische Mensch betrachtet die Welt, als ob es keinen Gott gäbe. Er ist wohlgemerkt kein Atheist, sondern ein Atheist als ob.

    Das eigentliche Geschenk, das Luther den Menschen machen wollte, hat die Neuzeit zurückgewiesen. Er wollte uns nämlich die Lehre schenken, dass menschliches Sein Glaube ist und dass wir einen gnädigen Gott haben. Stattdessen hat die Neuzeit auf Selbstermächtigung und auf Selbstbehauptung durch Leistung gesetzt. Die Tugend sollte selbst leisten, was man sich als Gnade nicht schenken lassen wollte. Aber wir können heute sehen: Dieses Projekt der gnadenlosen Neuzeit ist gescheitert.

    Der Wissenschaftsgeist der Neuzeit kann das natürlich nur in Gänze zurückweisen. Gott steht nicht im Mittelpunkt, sondern dem Menschen im Weg. Er ist, wie der Vordenker der Atheisten, der berühmte Wissenschaftler Richard Dawkins, es massenwirksam formulierte, ein Wahn. Aber wie schon Luther richtig gesehen hat, braucht jeder Ungläubige einen Aberglauben, das große Staunen. Für Dawkins ersetzt die Bewunderung für das wissenschaftlich erforschte Universum jede Religion. Diese Einstein-Religion ist also die Ersatzreligion der ungläubigen Wissenschaftler. Das entspricht aber nicht der Erfahrung, die normale Menschen mit der Wissenschaft machen. Denn die moderne Wissenschaft leistet Erstaunliches gerade darin, die Erstaunlichkeit der Welt zu reduzieren.

    Kann man also nur beten, dass die christliche Religion wahr ist? Oder wetten, wie Pascal? In jedem Fall hat uns die Suche nach der christlichen Wahrheit sehr weit von einer Religion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft weggeführt. Und das entspricht durchaus auch dem Selbstverständnis der großen christlichen Theologen. Paulus und Luther wollen die Vernunft provozieren und die Menschen ärgern. In der Predigt zum fünften Sonntag nach Trinitatis heißt es deutlich: Weg, weg, Vernunft! Wenn man im Mittelalter eine Behauptung beweisen wollte, genügte der Hinweis: Aristoteles dixit, Aristoteles hat es gesagt. Dem stellt Luther entgegen: Paulus hat es gesagt. Damit steht aber nicht Behauptung gegen Behauptung, sondern Sendung gegen Wissenschaft. Aristoteles ist der wichtigste Denker, der eigentliche Begründer der Wissenschaft, die im Griechischen epistämä heißt. Dem stellt Luther die apostolä gegenüber, zu Deutsch: die Sendung. Gemeint ist die Sendung des wichtigsten Apostels Paulus.

    Der Kampf gegen Aristoteles und seinen Stolz der wissenschaftlichen Vernunft durchzieht das ganze Werk Luthers. Wie im Streit mit dem Papst handelt es sich auch hier um einen Kampf gegen die äußerste Autorität. Für das Mittelalter war Aristoteles tatsächlich so unfehlbar wie der Papst. Luther will die griechische Philosophie aus dem Christentum austreiben. Die meisten der katholischen Meisterdenker, der Kirchenväter, glaubten ja, man könne mit der Philosophie des Aristoteles das christliche Dogma zu einem Bollwerk des Glaubens ausbauen, das gegen die Angriffe der Wissenschaft gefeit wäre. Aber Luther hat schon gesehen, was dann die Philosophen im 20. Jahrhundert selbst eingestanden haben: „Wenn das Christentum die Wahrheit ist, dann ist alle Philosophie darüber falsch.“ Das ist ein Satz des großen Philosophen Ludwig Wittgenstein. Und er wird bestätigt durch die Schlussbemerkung der Minima Moralia von Theodor Adorno: Philosophie endet in Verzweiflung, und sie kann heute nur noch das Unmögliche versuchen, nämlich „vom Standpunkt der Erlösung aus“ zu denken. Aber kann das etwas anderes bedeuten als das, was Luther tut, nämlich mit der Bibel zu denken? Auch der dritte große Philosoph des 20. Jahrhunderts, Martin Heidegger, bestätigt das indirekt, wenn er das eigene Seinsdenken vom Glauben abgrenzt: „Der Glaube hat das Denken des Seins nicht nötig. Wenn er das braucht, ist er schon nicht mehr Glaube. Das hat Luther verstanden.“

    Luther ist aber kein Feind der Vernunft. Er will sie nur an den richtigen Platz stellen. Es gibt nämlich nicht nur eine vom Teufel besessene Vernunft, sondern auch die vom Heiligen Geist erleuchtete Vernunft. Erst die christlich unterworfene Vernunft kann richtig gebraucht werden. Genau das meint auch Pascals Logik des Herzens. Die Vernunft wird – aus Vernunft! – religiös außer Kraft gesetzt. Es geht also nicht um die Frage „Glaube oder Vernunft?“, sondern um das richtige Verhältnis zwischen der Logik der Vernunft und der Logik des Herzens. Und bei der Frage, was wirklich wichtig ist, muss der Glaube die Vernunft führen.

    Mit Vernunftfeindlichkeit hat das also gar nichts zu tun. Die Welt ist der Vernunft zugänglich. Aber das geistliche Reich hat nur Wirklichkeit für den Glauben, es ist zugänglich nur dem Hören auf das Wort. In Luthers Schrift vom unfreien Willen heißt es: Wenn ich also auf irgendeine Weise verstehen könnte, wie dieser Gott barmherzig und gerecht sein kann, der so viel Zorn und Ungerechtigkeit an den Tag legt, wäre der Glaube nicht nötig. Warum das Böse in der Welt ist, kann man nicht verstehen. Es gibt keine vernünftige Erklärung, warum Gott das Übel zugelassen hat. Aber es ist für Luther nicht nur so, dass es keine Theodizee geben kann. Es darf auch keine Theodizee geben, weil das bedeuten würde, dass man sich durch Vernunftspekulationen aus der Verzweiflung retten kann. Es hilft nur der Sprung des Glaubens. Deshalb erscheint Luther die Empörung über Gott auch sehr viel christlicher als die Theodizee. Nicht wir können Gott rechtfertigen, sondern er rechtfertigt uns. Wir können jetzt genauer sagen, was es heißt, dass die Vernunft von Luther christlich an ihren Platz gestellt wird. Was wir wissen können, ist Sache der Vernunft. Aber sie wird zur Hure, wo sie auf den Glauben übergreift. Denkend kann man das Wesen Gottes nämlich nicht erfassen. Zum Glauben kommt man also nicht durch einen Gottesbeweis. Schon Augustinus hat ja gesagt: Wenn du ihn verstehst, ist es nicht Gott. Wenn du die Bibel verstehen willst, dann lies mit dem Herzen, nicht mit der Vernunft. Hier gibt es keine Gründe, sondern allein den Glauben.

    Was ist also für einen Christen die vernünftige Haltung der Vernunft in Glaubensfragen? Die Erkenntnis kann immer nur so weit kommen, zu erkennen, dass Gott unbekannt ist. Mit jedem Schritt weiter verliert die Vernunft die Führung durch den Glauben. Und das gilt gerade für das verführerische Angebot, Gott zu beweisen. Das ist für intelligente Menschen nämlich eine große Versuchung. Sie ködert den Stolz auf die eigene Intelligenz als Quelle der Sünde. Deshalb ist es für Luther der Teufel selbst, der zum Gottesbeweis verführt. Wenn aber die Erkenntnis immer nur so weit kommen kann, zu erkennen, dass Gott unbekannt ist, dann müsste eigentlich klar sein, dass derjenige, der über Gott redet, ihn immer schon verfehlt hat. Für die christlich aufgeklärte Vernunft ist Gott eben das, was nie Objekt sein kann.

    Wenn nun aber die Theologen sich dazu verführen lassen, Gott wissenschaftlich zu betrachten, dann sind sie des Teufels. Denn wenn man Gott wissenschaftlich beobachten könnte, dann wäre jeder Gottesdienst ein Götzendienst. Wenn die Wunder, die Jesus tat, experimentell verifiziert werden könnten, wäre bewiesen, dass es keine Wunder gibt. Kurzum, der gewusste Gott ist ein Götze, und das Wissen von der christlichen Wahrheit ist Unwahrheit. Das gibt der berühmten Nietzsche-Formel „Gott ist tot“ eine überraschende Nebenbedeutung. Denn für den Christen heißt das eben nur: Der Götzendienst ist überwunden.

    Zum Glauben kommt man nicht durch einen Gottesbeweis, sondern nur durch eine Gotteserziehung. Deshalb heißt es bei Wittgenstein: „Wenn Du also im Religiösen bleiben willst, musst Du kämpfen.“ Es geht hier also nicht um ein Wissen. Denn das bloße Wissen ist kalt und leidenschaftslos. Der Glaube dagegen ist eine Leidenschaft. Nicht ich begreife das Christentum, sondern der Glaube ergreift mich. Die Offenheit zur Transzendenz setzt gerade voraus, dass man Gott nicht weiß. Christus ist nur für den Glauben da, nicht für das Wissen. Kierkegaard sagt deshalb: „Man muss entweder glauben an ihn oder sich ärgern.“ Aber Kierkegaard hat das Entweder/Oder zwischen Ärgernis und Glaube nicht als einfache Wahl verstanden. Ihm war schon klar, dass wir heute am Ärgernis ansetzen müssen. Wer sich ärgert, nimmt Anstoß. Und der Stoß im Anstoß des Ärgernisses kann der Abstoß sein, mit dem der Glaube möglich wird. Deshalb ist es jederzeit, und eben auch heute, möglich, im Religiösen zu bleiben. Aber den meisten fehlt wohl der Kampfgeist.

    Ist also alles am Ende eine Frage des Mutes? Bei der Aufklärung genau so wie bei der Religion, die sie bekämpft? Der Mut zum Selbstdenken war es bei den Aufklärern. Der Mut zum Sprung des Glaubens ist es bei den Frommen. Vielleicht war der Optimismus Paul Tillichs verfrüht, als er ausrief: „Der Mut Luthers kehrt wieder.“ Aber wie immer man die religiöse Lage der Gegenwart einschätzen mag – für den, der heute einen Glauben für Erwachsene sucht, gibt es nur einen Weg: Zurück zu Luther!

    Vom Autor ist aktuell das Buch „Zurück zu Luther“ erschienen. Wilhelm Fink Verlag, 141 Seiten, 19, 90 Euro.