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    Die Wahrheit wird zur Grauzone

    Wer „Inferno“, den neuen Roman von Dan Brown, aufschlägt, der lasse alle Hoffnung auf literarische Überraschungen fahren. Zu vorhersehbar, zu kalkuliert ist der Thriller konzipiert, als dass Raum für tatsächliche Neuerungen bliebe. Nicht nur die bewährte Schnitzeljagd-Dramaturgie der erfolgreichen Vorgänger-Bestseller („Illuminati“, „Sakrileg“ „Das verlorene Symbol“) setzt sich in dem Buch fort, auch die bewährten Zutaten aus Geheimgesellschaft und Verschwörungstheorie mit einem Schuss Kunstgeschichte findet man in „Inferno“ wieder. Wobei der Held der Geschichte, der bestens bekannte Harvard-Professor Robert Langdon (in Verfilmungen gespielt von Tom Hanks), diesmal in Begleitung der hochintelligenten Ärztin Sienna Brooks unterwegs ist, um die Welt zu retten.

    Wenn Dan Brown etwas von sich gibt, gewinnt es für einige sofort Kultcharakter. Foto: dpa

    Wer „Inferno“, den neuen Roman von Dan Brown, aufschlägt, der lasse alle Hoffnung auf literarische Überraschungen fahren. Zu vorhersehbar, zu kalkuliert ist der Thriller konzipiert, als dass Raum für tatsächliche Neuerungen bliebe. Nicht nur die bewährte Schnitzeljagd-Dramaturgie der erfolgreichen Vorgänger-Bestseller („Illuminati“, „Sakrileg“ „Das verlorene Symbol“) setzt sich in dem Buch fort, auch die bewährten Zutaten aus Geheimgesellschaft und Verschwörungstheorie mit einem Schuss Kunstgeschichte findet man in „Inferno“ wieder. Wobei der Held der Geschichte, der bestens bekannte Harvard-Professor Robert Langdon (in Verfilmungen gespielt von Tom Hanks), diesmal in Begleitung der hochintelligenten Ärztin Sienna Brooks unterwegs ist, um die Welt zu retten.

    In einer Mischung aus Indiana Jones, James Bond und Sherlock Holmes. „Die Zeit drängt! Suche und finde!“ So lautet der Auftrag am Anfang des 685 Seiten starken Buches. Am Ende der 104 Kapitel, die in Florenz, Venedig und Istanbul spielen und kaum eine Touristenattraktion auslassen (in Florenz sind es unter anderem der Palazzo Vecchio oder das Baptisterium, in Venedig der Markusplatz mitsamt Dom, in Istanbul die Hagia Sophia und die Galata-Brücke), steht fest, dass die Wahrheit bei Dan Brown wiedermal eine Grauzone ist. Mag er diesmal auch nicht theologisches Halbwissen mit wahnwitzigen Fantasievorstellungen zusammengeführt haben, wie vor zehn Jahren in dem Roman „Sakrileg“, als er Jesus ein Verhältnis mit Maria Magdalena andichtete und ansonsten mit Boxhandschuhen auf das Opus Dei einschlug.

    Ethisch fragwürdig ist der Roman, der Dantes „Göttliche Komödie“ mehr als Folie denn als echtes dramaturgisches Spielmaterial benutzt, dennoch. Was vor allem mit der Figur des Forschers Bertrand Zobrist zusammenhängt, der im Roman zwar nicht auftritt, weil er zur Zeit der Handlung schon tot ist, doch die Idee, die Mission von Zobrist ist dafür umso lebendiger. Steht der Wissenschaftler doch im Verdacht, einen pathogenen Keim entwickelt zu haben, der zur drastischen Reduzierung der Weltbevölkerung führen soll. Der Keim beeinflusst die Fruchtbarkeit der Menschen. Am Ende – so Zobrists Vision – soll nur noch ein Drittel der Menschheit in der Lage sein, sich zu vermehren. Ein diabolisch-totalitärer Eingriff in die Intimsphäre und Freiheit des Menschen, und dazu in den Schöpfungsauftrag, der von Brown offensichtlich aber goutiert wird.

    Denn, so schwärmt die durchaus als positive Figur auftretende Ärztin Brookes an Langdons Seite gegen Ende von dem Verblichenen, der ihr selbst wie „das Produkt von jahrhundertelanger Weiterentwicklung des menschlichen Intellekts“ erscheint: „Bertrand hat die Menschheit mit grenzenlosem Optimismus betrachtet. (…) Er war Transhumanist und überzeugt, dass wir an der Schwelle zu einer glänzenden posthumanen Zukunft leben, einer Epoche wahrhafter Transformation. (...) Er hat die wunderbare Macht der Technologie begriffen und war überzeugt, dass sich unsere Spezies im Verlauf weniger Generationen vollkommen verändern würde – dass sie genetisch verbessert, gesünder, klüger, stärker, sogar mitfühlender werden würde.“ Sprich: Die Gentechnik ist ein Segen für die Menschheit, „der natürliche Lauf der Dinge“. Eine Lösung, die zumindest bei wertkonservativen Lesern Unbehagen auslösen sollte. Mag der Schriftsteller Brown in geschickter Weise auch die Skepsis einflechten: Aber ethisch ist das alles nicht. Mit dieser einschränkenden Ambivalenz wird die Grundaussage jedoch nicht wirklich zurückgenommen. Das neue Glück der Freiheit hebt die ethische Besorgnis letztendlich auf. Die Evolution geht weiter, danach hat sich auch die Ethik zu richten.

    Umso erstaunlicher ist der geradezu enthusiastische Tonfall, mit der Browns neues Werk auf der Website katholisch.de vorgestellt wird, die als virtuelles Gesicht der Kirche in Deutschland auftritt. In dem Artikel „Spannendes Inferno“ schreibt Rezensent Michael Richmann: „Die Kirche spielt in Browns „Inferno“ allenfalls eine Nebenrolle. So dürfte dieses Werk von Boykottaufrufen seitens der Kirche verschont bleiben. Zentrale Glaubensgrundsätze werden jedenfalls nicht umgedeutet und in Zweifel gezogen. (…) Einmal aufgeschlagen, will man „Inferno“ gar nicht mehr weglegen – genau das Richtige für den Strand oder eine lange Zugfahrt.“

    Tatsächlich kann man Dan Browns „Inferno“ als ein subtiles Plädoyer für die Eugenik auffassen, als einen bizarren Propaganda-Roman für den transhumanen Übermenschen, in dem auch Sartres, etwas ranzig gewordenes Stereotyp von der Menschheit als Hölle noch einmal aufgewärmt wird. Die Schnitzeljagd nach dem Inferno-Keim wäre demnach kein geringeres Sakrileg unter Browns Werken als die explizit kirchenfeindlichen Vorgänger. Dem Marketingerfolg wird dies, wie erste Verkaufszahlen belegen, aber nicht schaden.