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    Die Wahrheit über die eigene Familie: Über den Film

    In letzter Zeit gibt es vermehrt Filme über die Beschäftigung der dritten Generation mit dem Nationalsozialismus.

    In letzter Zeit gibt es vermehrt Filme über die Beschäftigung der dritten Generation mit dem Nationalsozialismus. Hat „Hannas Reise“ auch damit zu tun, oder hatten Sie besondere Gründe, dieses Thema zu behandeln?

    Es kamen zwei Dinge zueinander: Ich war schon öfter in Israel gewesen, weil ich einen jüdischen Großvater habe. Ich kannte also das Land. Außerdem waren mein Mann (und Koautor John Quester) und ich in den neunziger Jahren stark politisch engagiert, haben uns mit den Auswirkungen des Faschismus und mit den Neonazis beschäftigt. Für mich war das ein wichtiges Thema. Das war im Laufe der Zeit und mit dem Filmemachen etwas verloren gegangen. Als uns die Produktionsfirma fragte, ob wir den Roman „Das war der gute Teil des Tages“ von Theresa Bäuerlein adaptieren wollten, empfand ich es als Geschenk. Denn er spielt in Israel, und die Hauptfiguren kommen aus der dritten Generation. Für uns standen die Fragen im Mittelpunkt: Hat das Thema noch etwas mit uns zu tun? Und kann man es in einem Film verarbeiten, ohne den Reflex auszulösen: „Ich kann es nicht mehr hören“?

    Ihr Film „Hannas Reise“ ist jedoch keine Romanadaption ...

    Nein, wir haben den Roman nicht adaptieren können, weil die Handlung als Film nicht funktionierte. Aber den Geist des Romans, seinem Humor haben wir beibehalten und weitergeführt. Gerade der Humor war für mich das Neue an diesem Thema.

    Ehe wir über den Humor sprechen, erlauben Sie mir eine Frage zu den Figuren: In Ihrem Film sind alle drei Generationen vertreten: Hanna als Karrieristin, ihre politisch engagierte Mutter und die Großeltern, die zwar im Film nicht vorkommen, aber im Hintergrund eine wichtige Rolle spielen. Können Sie etwas zu diesen Figuren sagen?

    Das haben wir sehr bewusst angelegt – wie einen Pendelschlag. Die Großeltern, dann die Gegenbewegung der Mutter, die sich von ihren Eltern abgrenzen musste, das wieder gutmachen möchte, was ihre Eltern getan hatten. Bei Hanna wieder die Gegenbewegung. Sie empfindet das Gutmenschentum als verlogen. Was sich allerdings durch alle Generationen zieht, ist das Schweigen. Wir erfahren, dass sich die Mutter nie mit ihren Eltern ausgesprochen hat, und Hanna hat wiederum nie mit ihrer Mutter über diese Themen gesprochen. Das ist symptomatisch. Wir lernen zwar sehr viele Fakten über den Holocaust. Aber die persönliche Geschichtsschreibung innerhalb der Familie ist abgerissen. Wenige wollen wissen, was in der eigenen Familie geschehen ist. Es gibt eine Studie, laut der zwanzig Prozent der Deutschen denken, dass ihre Eltern oder Großeltern im Widerstand waren. Das ist ungeheuerlich. Nur ein Prozent meiner Generation denkt, dass ihre Großeltern Nazis waren. Dabei waren sechzig Prozent aller Deutschen in nationalsozialistischen Organisationen. Wir wollten auch etwas über diese bis zum Zynismus gehende Gleichgültigkeit erzählen.

    Hanna fährt nach Israel eigentlich nur, um für ihre Bewerbung Punkte zu sammeln ...

    Diesen Zynismus kenne ich übrigens selbst, dass mittlerweile aus dem Holocaust Profit geschlagen wird ... Mir wurden schon Filmstoffe nach dem Motto angeboten: „Das ist ein Oscar-Stoff, es geht um den Holocaust.“

    Gertraud hat alles noch persönlich erlebt, und ist trotzdem in der Lage, souverän etwa mit Hanna umzugehen. Wie haben Sie diese Figur entwickelt?

    Wir hatten zum 50. Jahr des Bestehens der „Aktion Sühnezeichnen“ einen Film gemacht. Dabei haben wir Holocaust-Überlebende kennengelernt, die jede Woche Freiwillige aus Deutschland empfangen. In dieser Figur haben wir vier Überlebende zusammengeführt, die wir getroffen hatten. Es sind Leute, die alles persönlich erlebten, die aber einen starken Versöhnungsgedanken haben. Sie lieben und schätzen den Umgang mit jungen Deutschen, auch wegen der Sprache und der Kultur.

    Sind die Behinderten im Film auch Menschen mit echten Behinderungen?

    Zum Teil. Ich durfte im Behindertentheater Tel Aviv bei den Proben zuschauen, und habe vier von ihnen ausgesucht. Die Sprechrollen habe ich mit nicht-behinderten Schauspielern besetzt. Wir haben alle zusammen einen Tag verbracht und so die Gruppe gebildet.

    Sie sprachen zu Beginn vom Humor in Ihrem Film. Sie teilen nach allen Seiten aus. So heißt es einmal im Film: „Als schwuler Jude kannst Du ein Praktikum beim Spiegel einklagen“. Wieweit darf man gehen?

    Es gab Grenzen. Wir haben Witze herausgenommen, weil wir merkten, dass sie zu weit gehen. In Israel hört man sie allerdings, dort geht man mit solchen Witzen freier um. Wir haben versucht, auf der dünnen Linie zu gehen, die noch vertretbar ist. Bei der Premiere in Haifa haben die Zuschauer gelacht, genauso in Hof. Ich hatte den Eindruck, sie sind dankbar, dass sie dem Thema auch mit Humor begegnen können.

    Es bleiben jedoch genug ernste Töne, beispielsweise der Satz „Was verstehst Du schon davon?“

    Das sagt die alte Dame in der Bingorunde. Sie hat eine Zahl tätowiert, die man nur sieht, wenn man genau hinschaut. Es gibt natürlich viele Menschen, die bis heute schwer an dem Erlebten tragen. Man muss deshalb sehr sensibel sein.

    Was hat für Hanna die Reise bedeutet?

    Die Reise hat ihr geholfen, ihre eigenen Wurzeln zu finden. Das wird ihr in Zukunft helfen zu wissen: „Wer bin ich überhaupt?“. Auf der anderen Seite war sie am Anfang so festgefahren, so frühvergreist, sodass ich ihr wünsche, dass sie noch einmal aufmacht. Ob sie das tut, weiß ich nicht. Jedenfalls hat sie etwas über den Tellerrand geschaut.

    Die junge, ehrgeizige Hanna (Karoline Schuch) ist bereit, für ihre Karriere etwas zu tun, was in ihrem Leben bisher ziemlich untergeordnet war: Sich für andere einzusetzen. Ihre Mutter Uta (Suzanne von Borsody), Leiterin der „Aktion Friedensdienste“ für Israel, vermittelt ihr ein soziales Praktikum in einem Behindertendorf in Tel Aviv. Obwohl sie sich zunächst wie ein Elefant im Porzellanladen benimmt, fängt Hanna an, sich für andere Menschen einzusetzen. Dabei spielen eine wichtige Rolle die Holocaust-Überlebende Gertraud (Lia König) und ihr Betreuer im Behindertenheim, Itay (Doron Amit), der sich offenbar in Hanna verliebt hat.

    Drehbuch-Mitautorin und Regisseurin Julia von Heinz setzt auf einen herrlich politisch unkorrekten Humor, um ihrem Film Leichtigkeit zu verleihen. Von der verfahrenen Situation im Nahen Osten erfährt der Zuschauer allerdings kaum etwas – eine Soldatin mit Maschinenpistole ist kurz im Bus zu sehen, eine nächtliche Grenzkontrolle kommt ins Bild, als Hanna und Itay Hannas Mitbewohnerin Maja (Lore Richter) vor der Abschiebung bewahren. Neben der zarten romantischen Geschichte konzentriert sich „Hannas Reise“ auf die Auseinandersetzung der „dritten Generation“ mit dem Holocaust, mit dem etwa Hanna gar nichts zu tun zu haben glaubte. J.G.