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    Die Versuchung

    Das Böse scheint uns heute entschwunden – jedenfalls im zeitgenössischen Sprachgebrauch, in dem sich unser Weltverständnis spiegelt. Nur als Eigenschaftswort hat das Böse überlebt, wenn wir zum Beispiel davon sprechen, es habe einen bösen Unfall oder eine böse Überraschung oder gar ein böses Erwachen gegeben. Als Hauptwort begegnet uns das Böse nur noch in der philosophisch-theologischen Literatur, dort allerdings gerade in den jüngsten Jahren erstaunlich oft: Ein Hinweis darauf, dass in der Wissenschaft gerettet werden soll, was in der Gesellschaft in Vergessenheit zu geraten droht?

    Und ewig lockt der Pakt mit dem Teufel – wie in Goethes „Faust“. Foto: dpa

    Das Böse scheint uns heute entschwunden – jedenfalls im zeitgenössischen Sprachgebrauch, in dem sich unser Weltverständnis spiegelt. Nur als Eigenschaftswort hat das Böse überlebt, wenn wir zum Beispiel davon sprechen, es habe einen bösen Unfall oder eine böse Überraschung oder gar ein böses Erwachen gegeben. Als Hauptwort begegnet uns das Böse nur noch in der philosophisch-theologischen Literatur, dort allerdings gerade in den jüngsten Jahren erstaunlich oft: Ein Hinweis darauf, dass in der Wissenschaft gerettet werden soll, was in der Gesellschaft in Vergessenheit zu geraten droht?

    Dabei ist das Böse in unserer Alltagserfahrung quicklebendig. Denn dass es ein Gutes gibt, bestreiten selbst hartgesottene Skeptizisten nicht. Aber wissen wir auch immer, was das Gute, von Fall zu Fall, tatsächlich ist? Oft ist es doch viel leichter, in den großen wie in den kleinen Lebenslagen zu sagen, was nicht gut, also böse ist?

    Wenn das Gute nun als Hauptwort überlebt hat, warum substantivieren wir nicht mehr die Erfahrung des Bösen – selbst dann nicht, wenn wir meinen, ihm, wie jetzt angesichts des Massenmordes in Norwegen in Oslo und auf der Insel Ut?ya, fassungslos ins Auge zu blicken? Bevor auf diese Frage zurückzukommen sein wird, soll der grammatikalische Befund noch einmal in den Blick genommen werden. Denn er entpuppt sich als ein ontologischer Befund. Der Weg vom Substantiv zum Adjektiv ist nämlich der Weg vom Realismus zum Nominalismus. Den oben beispielhaft erwähnten schrecklichen Unfall nenne ich böse. Es ist meine Zuschreibung, die in dieser Redewendung zum Ausdruck kommt. Das Böse hingegen ist Gegenstand meiner Erkenntnis, eine nicht nur in meinen Benennungen, sondern auch ganz unabhängig von mir vorhandene Wirklichkeit. Wenn jemand von einem bösen Unfall spricht, den er gerade erlebt hat, benennt er mit dem Eigenschaftswort seine eigene Empfindung. Ist hingegen von dem Bösen die Rede, dann wird zugegeben, dass es sich um eine Wirklichkeit handelt, die mir nicht verfügbar ist, weil es nicht in meiner Hand liegt, ob und wann ich ihr begegne.

    Warum haben wir uns abgewöhnt, vom Bösen zu sprechen? Erschrecken wir vor seiner Unverfügbarkeit, die zum Ausdruck kommt, wenn wir an das Böse denken? Tatsächlich neigen wir ja dazu, im Alltag mit nichts etwas zu tun haben zu wollen, was sich unserer Disposition hartnäckig verweigert. Die letzte Bastion des Indisponiblen fällt gerade in diesen Tagen – selbst der Mensch soll zukünftig verfügbar gemacht werden dürfen. Eine Mehrheit in unserer Gesellschaft sucht nach Wegen, die Bestimmung seiner Merkmale selbst in die Hand zu nehmen: den Grad seiner Gesundheit – übrigens ohne uns darüber klar zu werden, was die Begriffe gesund und krank eigentlich bedeuten, damit einhergehend die Spanne seiner Lebensdauer, und in den dann folgenden Schritten weitere, derzeit noch verbotene Dispositionen: Haar- und Augenfarbe, Groß- und Kleinwüchsigkeit, Haken- oder Stupsnase – und was dergleichen Wünsche von Ei- und Samenspendern (die früher Vater und Mutter hießen) sonst noch sind. Unverfügbarkeiten mag unsere Gesellschaft nicht. Sie machen uns Angst. Wir wollen unter allen Umständen Herr der Lage sein, selbst bestimmen, und suchen deshalb Berechenbarkeit. So scheint es zumindest. Denn gleichzeitig suchen wir nicht minder das schier unbegrenzte Wagnis – als Kompensation für die Langweile, die uns befällt, wenn alles berechenbar geworden ist. Vom Bungee jumping bis zum Casinokapitalismus: Für alle großen und kleinen Wünsche nach mehr Risiko wurden Angebote geschaffen, die vielfältig nachgefragt und wahrgenommen werden.

    Ist je einer der Frage nachgegangen, warum wir einerseits das unbegrenzte Wagnis und andererseits die umfassende Berechenbarkeit suchen? Warum leugnen wir Wirklichkeiten, die der Mensch sich nicht verfügbar machen kann – und warum, umgekehrt, schaffen wir uns künstlich Räume eines unbegrenzten Wagnisses, in dem wir uns der Gefahr, der Nichtberechenbarkeit, der Unsicherheit aussetzen?

    Eine Antwort könnte lauten: Weil der homo faber keinen Sinn mehr dafür hat, dass unser Leben als Ganzes gewagt werden muss. Wir wissen doch allermeist gar nicht, was wirklich gut für uns ist. Schon Sokrates warnte davor, den Tod zu fürchten. Denn fürchten könne ihn nur, wer wisse, dass er von Übel sei. Aber genau das wissen wir eben nicht. Und ein vergleichbares Wissen ist uns während des gesamten Lebens nicht zur Hand. Nur am Ende scheint bisweilen klar, was wirklich gut war: Wenn wir sehen, dass die Erkrankung, die uns so viel Angst und Kummer machte, als sie seinerzeit festgestellt wurde, in Folge vor einer großen Dummheit bewahrt hat, in die wir gestolpert wären, hätte uns nicht die Krankheit davor bewahrt.

    Es geht also, um zur Ausgangsfrage zurückzukehren, um die Unverfügbarkeit einer Wirklichkeit, die uns Angst macht – doppelt Angst macht: Weil wir sie nicht im Griff haben, nicht berechnen können, und weil sie, wie der Name, den wir ihr gegeben haben, schon sagt, eine besonders gefährliche, uns erschütternde Wirklichkeit ist: die Wirklichkeit des Bösen. Was ist das für eine Wirklichkeit, welches Gesicht trägt sie?

    Zunächst das Gesicht eines Menschen wie Du und ich. Noch der Philosoph Immanuel Kant wusste, dass Bosheit jene Gesinnung bezeichnet, die das Böse als Böses zur Triebfeder des menschlichen Handelns macht. Das Böse ist nicht das, was nur des Guten ermangelt, sondern ist schlechthin der Widerspruch zum Guten. Kant bedient sich hilfsweise zweier lateinischer Worte: contrarie: das, was zum Guten widrig ist – und diametraliter: das also, was zum Guten in einem ganz widersprechenden, entgegengesetzten Verhältnis steht. Und Kant fügt – in der „Metaphysik der Sitten“ – hinzu: Soweit wir sehen, ist ein dergleichen Verbrechen einer förmlichen Bosheit einem Menschen unmöglich – wenngleich in einem System der Moral unverzichtbar.

    Kant war welterfahren genug, um an dieser Stelle nicht apodiktisch, sondern ganz empirisch festzustellen: Soweit wir sehen können, ist es einem Menschen nicht möglich, ein solches Verbrechen zu begehen. Man mag bezweifeln, dass es sich so verhält. Aber der Blick in die Wirklichkeit des Lebens zeigt, dass Kant so falsch nicht liegt: Gab es je ein noch so grausames Verbrechen, das nicht mit hehren, hochgesteckten Zielen begründet wurde? Ja, man kann fast sagen: Je schrecklicher das Verbrecher, umso höheren Zielen sollte es dienen. Hitler und Pol Pot, Stalin und Mao, die Millionen von Menschen auf dem Gewissen haben, verfügten über eine schier unbegrenzte Einbildungskraft, wenn es darum ging, ihre Befehle zu rechtfertigen und ihre Verbrechen als Wohltaten zu bemänteln. Als ein Agent des Bösen, der förmlich, wie Kant es ausdrückt, böse sein wollte, wollten diese Gestalten der Geschichte nicht gelten.

    Nun ist es eine mehr als schwierige, am Ende wohl unbeantwortbare Frage, ob Menschen, die ein Verbrechen begehen, selbst von ihrer vermeintlichen Rechtfertigung überzeugt sind. Offenbar neigen wir alle ja häufig dazu, uns selbst zu entlasten, wenn das Böse in unser Leben eingebrochen ist. Genetische, biologische und soziale Dispositionen scheinen uns die Last der Verantwortung von den Schultern zu nehmen: Heute werden vorzugsweise die Erbanlagen und die Lebensumstände, Genetik und Sozialisation, ins Feld geführt, wenn es darum geht, auf verminderte Schuldfähigkeit zu erkennen. Nicht ich selbst, sondern meine Eltern, eine bedrückende Notlage, die verkorkste Erziehung oder das belastete Erbgut – man denke an Daniel Goldhagens Erklärung – haben dann, so unser Entlastungsversuch, eine innere Zwangslage begründet und dazu angehalten, eine böse Tat zu begehen. Plötzlich sind Unverfügbarkeiten, die wir ansonsten doch auf den Tod nicht leiden mögen, unsere liebsten Freunde. Im Nu scheint das Böse aus der Welt gezaubert. Wir flüchten uns in Gründe und Ursachen, die erklären sollen, dass alles, was geschehen ist, dem Täter kaum angelastet werden kann. Und in Folge haben wir uns, in den Fußstapfen von Konrad Lorenz, angewöhnt, nur noch vom „sogenannten Bösen“ zu sprechen, weil doch angeblich Triebe und Verhältnisse schuld sind.

    Jetzt zeigt sich der Grund jener – auf den ersten Blick vielleicht sehr akademisch klingenden – Unterscheidung, wie Kant sie getroffen hat. Ob ein Mensch aus reiner Bosheit gehandelt hat, kann nur wissen, wem sich das Herz dieses Menschen bis in seine letzten Abgründe offenbart. Dazu gehören wir – seine Mitmenschen – ganz sicher nicht, umso mehr, als wir ja schon überfordert sind, die Abgründe des eigenen Herzens auszuloten. Vielleicht müssen wir deshalb wieder lernen, das zu begreifen, was uns bei Matthäus (13, 24–30) im Gleichnis vom Weizen, der Seite an Seite mit dem Unkraut aufwächst, gesagt wird: Urteilsenthaltung dort zu üben, wo wir nichts wissen können, den Schritt vom Urteil zur Verurteilung nicht leichtfertig zu gehen – auch in zeitgenössischen Strafverfahren. Eine Einstellung jedoch, die absieht von der Wirklichkeit des Bösen im Zusammenhang jener Maßstäbe, die unser Leben ordnen und die Kant das System der Moral nennt, verdient eben jene grelle Warnung, die Kant ausgesprochen hat.

    Denn wir erfahren die Wirklichkeit des Bösen auf Schritt und Tritt im eigenen Leben – als eine verführerische, geradezu bannende Kraft, die uns dazu verleitet, anders zu handeln, als wir ursprünglich uns vorgenommen hatten. Es ist keine literarische Metaphorik, wenn Johann Wolfgang von Goethe dieser Kraft, die eine große Macht gewinnen kann, sobald wir sie in unser Leben einlassen, ein Gesicht gibt. Denn das, was fähig ist, Macht auszuüben, trägt – im Jargon der Philosophie – das Merkmal einer Person: Jener Person nämlich, die, in Goethes Worten, jeden Sinn verneint, stets das Böse will und dann am Ende doch das Gute schafft. Dieser Glaube, dass am Ende aus dem Bösen das Gute erblüht, kommt uns einerseits sehr gelegen, denn er gibt dem Bösen einen freundlichen Blick und mildert so unser Erschrecken, wenn wir diesem Blick begegnen. Aber andererseits ist es uns dann doch oft unmöglich, diesen Glauben zu teilen: Im Blick zum Beispiel auf die vielen kaltblütig gemeuchelten, wehrlosen Kinder auf Ut?ya. Wo um des Himmels willen soll da aus dem Bösen am Ende das Gute entstehen? Nie werden wir das wissen können. Wir können es nur erhoffen, und so das Böse im eigenen Leben zurückweisen – oder aber verzweifeln, und so der Verneinung jeglichen Sinns Raum geben. Einen dritten Weg gibt es nicht. Und wenn man es so bedenkt, wird klar, dass sich Zerstörung als Folge des Bösen – und Leben als Folge der Hoffnung einstellt. Der Widerspruch zum Bösen, der Zerstörung, ist die Hoffnung, das Leben.

    Das Böse überfordert unser Erklären ebenso sehr wie es unserem Handeln Richtung geben kann. In seinem zweiten Brief an die Thessalonicher spricht Paulus vom Geheimnis des Bösen, dem mysterium iniquitatis und schreibt: Eine geheime Gesetzwidrigkeit ist am Werk. Gesetzwidrig ist, was – in Kants Sprache – diametraliter dem Guten zuwider läuft. Paulus will, indem er von einem Geheimnis spricht, darauf aufmerksam machen, dass es nicht in unserer Macht steht, die Wirklichkeit des Bösen ganz zu erfassen – wohl aber, sich ihm in den Weg zu stellen und handelnd sich seiner Zerstörungskraft zu widersetzen. Das erfordert Mut – früher sagte man: Starkmut. Heute klingt dieses Wort altertümlich, ist aber eine gute Übersetzung von fortitudo: Mut und Stärke, um die Hoffnung gerade in den Nachtstunden des Lebens vor ihrer Zerstörung zu beschützen. So schafft das Böse tatsächlich in jenem Augenblick, in dem ihm widerstanden wird, Raum für das Gute.

    In seinem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Buch – einem von den Philosophen Jozef Tischner und Krzysztof Michalski bearbeiteten Gesprächsband – beginnt Johannes Paul II. seinen Rückblick auf das damals gerade verflossene zweite Jahrtausend mit einer Reflexion auf das mysterium iniquitatis – dem Geheimnis der Koexistenz von Gut und Böse in der Geschichte des 20. Jahrhunderts: Beide wachsen auf demselben Boden – im (oft ein und demselben) Menschen: Das Böse wächst auf dem Boden des Guten und das Gute breitet sich trotz des Bösen aus.

    Tag für Tag geht die Sonne auf über Gerechten und Ungerechten (Mt 5, 45). Warum können beide – bedingungslos, in gleichem, unerschöpflichem Maß – aus der Quelle des Lebens schöpfen? Ist das recht und billig? Die Antwort des Evangelisten auf diese verstörende Frage kann hier nur angedeutet werden. Alle – Gute wie Böse – sind Kinder des einen Vaters. Das erklärt die Sache nicht für denjenigen, der meint, den Vater nicht zu kennen. Aber die aus dieser Feststellung abgeleitete Aufforderung ist dann allerdings wieder auch nachvollziehbar für den, der die Rede vom Vater für metaphorisch hält: Werdet selbst vollkommen – also bedingungslos – in Eurer Liebe zum Leben. Es ist die Aufforderung, zu der wir finden können, wenn das Böse und die Kraft seiner Verführung in unsere eigene Geschichte einbricht und wir lernen, ihm zu widerstehen.

    Wer will das ergründen? Das Böse ist die grunderschütternde Herausforderung des Lebens – als sein Widerspruch. Erklären können wir uns das nicht. Das Böse – die Ursache alles Bösen – bleibt geheimnisumwittert – erst recht in seiner Gleichzeitigkeit mit dem Guten. Dem im Positivismus erzogenen homo faber fällt es schwer, sich diese Sichtweise anzueignen. Und weil es ihm so schwer fällt, scheint es leichter, die Wirklichkeit des Bösen lieber zu verdrängen – oder gar zu leugnen.

    Dem widerspricht der Philosoph Paul Ricoeur. Er verweist darauf, dass die Unergründlichkeit des Bösen unsere Vorstellung von logischer Kohärenz im Denken zerbrechen lässt. Das Böse führt in die intellektuelle Aporie. Gleichwohl ruft die Unerklärlichkeit des Bösen nach einer Antwort. Die allerdings lässt sich nur finden in einer Konvergenz zwischen Denken, Handeln und Gefühl – im Sinne einer Aufgabe, die es zu erfüllen gilt: Sie mündet, Ricoeur folgend, in eine Transformation, eine Verwandlung des Menschen im Umgang mit der Erfahrung des Bösen – hin zu der Entdeckung, dass die Gründe, an Gott zu glauben, nichts mit dem Bedürfnis zu tun haben, den Ursprung des Leidens zu erklären und vom Bösen verschont zu bleiben.