• aktualisiert:

    Die Transzendenz hörbar werden lassen

    Der deutsche Maler Gerhard Richter empfindet die Musik Arvo Pärts als „hypnotisch“, der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, der dem estnischen Komponisten vor einigen Jahren bei einem Künstlertreffen im Vatikan begegnete, schätzt Pärts Musik ebenso und hält es für möglich, dass Pärt „vielleicht ein Mystiker“ sei.

    Arvo Pärt
    Der estnische Komponist Arvo Pärt bringt mit schlichten Tönen die christliche Seele Europas zum Klingen. Foto: dpa

    Der deutsche Maler Gerhard Richter empfindet die Musik Arvo Pärts als „hypnotisch“, der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, der dem estnischen Komponisten vor einigen Jahren bei einem Künstlertreffen im Vatikan begegnete, schätzt Pärts Musik ebenso und hält es für möglich, dass Pärt „vielleicht ein Mystiker“ sei.

    Komplimente, die zeigen, dass die Musik und Erscheinung Pärts, der am 11. September 1935 in der Stadt Paide im Herzen seines Heimatlandes zur Welt kam, mehr verkörpert als bloße Ästhetik und Professionalität. Die Transzendenz hörbar werden zu lassen, den Hörer durch reduzierte Klänge und Tonfolgen mit dem Reich des Göttlichen in Berührung zu bringen – darum scheint es Pärt zu gehen. Von Anbeginn. Denn mag Pärt in jungen Jahren durch die sowjetische Besatzung auch intensiv den klassischen russischen Komponisten und materialistischen Lehren des Marxismus ausgesetzt gewesen sein, bereits in den 1960er Jahren sorgte er durch seine Musik für Gegenakzente. Schlichte Sequenzen, avantgardistische Ausdruckstechniken zeichneten damals bereits seinen Stil aus.

    Mit der Aufführung des „Credo“ 1968 sorgte Pärt nicht nur für einen musikalischen, sondern auch für einen religiösen Affront gegen das totalitäre System. Das Werk für Klavier, Chor und Orchester wurde bald schon verboten, durfte öffentlich nicht aufgeführt werden. Pärt zog sich, während in Westeuropa die Studenten auf die linken Barrikaden stiegen, zurück in die innere Emigration – mit dem Ergebnis, dass er Anfang der 1970er Jahre zur Russisch-Orthodoxen Kirche konvertierte. Als sich Pärt 1976 mit dem Klavierstück „Für Alina“ musikalisch zurückmeldete, konnte man diese Konversion auch im musikalischen Ausdruck nacherleben. Noch reduzierter auf das Wesentliche erscheint diese aus der Beschäftigung mit der Gregorianik geborene Musik. Einen „Tintinnabuli“-Stil (abgeleitet von dem lateinischen Wort für Glöckchen) nannte der Meister selbst seine neu geschaffenen Klangwelten. Zwei Stimmen, eine suchende, irrende Stimme und eine Stimme, die vergibt – so einfach hat Pärt sein seitdem praktiziertes Kompositionskonzept, sein musikalisches Credo zusammengefasst. Und: „Der gregorianische Gesang hat mir gezeigt, dass hinter der Kunst, zwei, drei Noten zu kombinieren, ein kosmisches Geheimnis verborgen liegt.“

    Etwas von diesem Geheimnis konnten die sowjetischen Grenzsoldaten erhaschen, als sie den gen West ausreisenden Komponisten 1980 baten, ihnen seinen, von einem westlichen Orchester interpretierten „Cantus in memoriam Benjamin Britten“ auf einer Schallplatte vorzuspielen. Der Legende nach soll der Ernst und die Sanftheit dieses Werkes, das bald darauf – wie weitere Werke Pärts – beim renommierten Label „ECM New Series“ von Manfred Eicher erschien, die Soldaten zu Milde und Rührung gebracht haben.

    Eine heilsame Wirkung, die sich in den 1980er Jahren auf ganz Westeuropa ausbreitete, denn Pärt, der die österreichische Staatsbürgerschaft annahm und nach einem kurzen Intermezzo in Wien mit seiner Familie in Berlin heimisch wurde, komponierte im Rahmen der neuerlangten äußeren Freiheit eine große Zahl religiöser Werke, wie etwa die „Johannespassion“ (1982), „Stabat Mater“ (1985), „Magnificat“ (1989), „Salve Regina“ (2002) oder „Das Grabtuch“ (2006). Eingängige meditative Töne, lateinische Gebete – diesmal als subversiver Gegenakzent zum postmodernen Konsum- und Egorausch des Westens. Den Leuten, nicht nur dem klassischen Publikum moderner E-Musik gefiel es, weshalb ein Kritiker der „Zeit“ dem Komponisten gar eine Nähe zum „Pop“ unterstellte und Pärts Klangwelt etwas abfällig als „Wellnessraum der Seele“ bezeichnete. Dies geschah jedoch in vollkommener Verkennung der spirituellen Dimension und Tiefe des Diktatur-erprobten Komponisten, der sich mit äußerlichen christlichen Bekenntnissen – wie sollte es bei einer derart minimalistisch orientierten Natur anders sein – gern zurückhält. „Zeit und Zeitlosigkeit hängen zusammen. Augenblick und Ewigkeit kämpfen in uns. Daraus entstehen all unsere Widersprüche, unser Trotz, unsere Engstirnigkeit, unser Glaube und unser Kummer.“ Dies sagte Pärt mit Blick auf die irdische Reise jedes Menschen. Während er in einem anderen Gespräch andeutete, dass „unsere Lieder eines Tages ein Ende nehmen“ könnten. Und dass im Leben eines Künstlers der Moment kommen könne, „in dem er nicht mehr Kunst machen will oder muss“. Für Pärt-Fans bei allem mystischen Verständnis sicher eine Horror-Vorstellung. Doch, dies sei zur Beruhigung gesagt: noch droht trotz des bevorstehenden 80. Geburtstages keine Ruhepause des Komponisten, der 2011 übrigens zum Mitglied des Päpstlichen Rates für die Kultur ernannt wurde und darüber hinaus mit zahlreichen internationalen Preisen (Internationaler Brückepreis, Praemium Imperiale) geehrt worden ist. Ein kreatives Ende ist wirklich nicht abzusehen.

    Nicht nur, dass Pärt in diesem Jahr zum „Composer in Residence“ des MDR Sinfonieorchesters Leipzig ernannt wurde, um Produktionen des Orchesters zu begleiten. Auch andere Orchester, Chöre und Festivals in der ganzen Welt ehren den Komponisten in seinem Jubiläumsjahr mit Aufführungen und Einspielungen seiner Werke. Wobei Pärt sich als immer wieder offen für neue Experimente und Themen zeigt.

    Sein neues Album ist wieder biblisch inspiriert

    So erschien im Mai dieses Jahres, wie Radio Vatican berichtete, sein neues Album mit dem Titel „Babel“, das der Wahlösterreicher in Berlin gemeinsam mit den Wiltener Sängerknaben aus Innsbruck aufnahm. Neun Stücke sakraler Vokalmusik sind darauf zu hören: Neben dem „Vater unser“ und dem „Magnificat“ sind auch Titel wie „Drei Hirtenkinder aus Fatima“ und „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten“ vertreten. Konzentration und Stille statt Social Media und totaler Digitalisierung. Man ahnt, dass Pärt erneut im Gegensatz zu dem arbeitet, was die Herzen und Seelen der Menschen bedrückt. Erneut scheint er das musikalische Balsam zu spenden, das einer chaotisch-überdrehten Welt so sehr fehlt.

    In einer Arbeitsnotiz schrieb Pärt einmal: „Was ist ein Ton wert? Ein Wort? Ein unermesslicher Fluss, der an unserem Ohr vorbeifließt, unseren Wahrnehmungsapparat affiziert. Sorgfältig auf jeden Ton, jedes Wort, jede Bewegung achten.“

    Diese Sensibilität hat Pärt im Laufe der Jahre zum wichtigsten musikalischen Apostel der Gegenwart gemacht, oder wie es die Gesellschaft zur Verleihung des Internationalen Brückepreises so passend ausdrückte: „Arvo Pärt hat mit musikalischen Mitteln dazu beigetragen, die spirituell prägenden Kräfte Europas aufeinander zuzuführen.“ Pärt habe „Traditionen aus dem östlich-orthodoxen“, „dem römisch-katholischen“ und dem „protestantischen Europa“ sich treffen und wechselseitig bereichern lassen.