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    Die Suche nach dem Ursprung Europas

    Besser hätte es nicht kommen können: Just in jenen Tagen, da sich der Amtsantritt Joachim Gaucks, des elften Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland – in der zweiten deutschen Diktatur evangelisch-lutherischer Pastors in Rostock und nach 1990 legendärer Leiter der Berliner Stasiunterlagen-Behörde –, zum ersten Mal jährt, trifft ihn die einzige wirkliche politische Bedrohung, die die Republik des Grundgesetzes inzwischen in immer kürzeren Abständen erreicht. Die Bedrohung durch neojakobinische Tugendterroristen, die der Hass auf vom von ihnen dekretierten politischen Tugendpfad abweichende Gesinnungen beherrscht und die ihn im Falle Gauck im wahren Sinne des Wortes auf die Spitze getrieben haben. Was ist geschehen?

    Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede über Perspektiven der europäischen Idee im Berliner Schloss Bellevue am 22... Foto: dpa

    Besser hätte es nicht kommen können: Just in jenen Tagen, da sich der Amtsantritt Joachim Gaucks, des elften Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland – in der zweiten deutschen Diktatur evangelisch-lutherischer Pastors in Rostock und nach 1990 legendärer Leiter der Berliner Stasiunterlagen-Behörde –, zum ersten Mal jährt, trifft ihn die einzige wirkliche politische Bedrohung, die die Republik des Grundgesetzes inzwischen in immer kürzeren Abständen erreicht. Die Bedrohung durch neojakobinische Tugendterroristen, die der Hass auf vom von ihnen dekretierten politischen Tugendpfad abweichende Gesinnungen beherrscht und die ihn im Falle Gauck im wahren Sinne des Wortes auf die Spitze getrieben haben. Was ist geschehen?

    Das Staatsoberhaupt Deutschlands, das sich expressis verbis nicht erst seit seinem präsidialen Amtsantritt als diktaturerfahrener Anwalt der Freiheit versteht – motiviert von Hannah Arendts Satz, dass der Sinn von Politik die Freiheit ist –, hatte sich im Rahmen eines ausführlichen Interviews mit dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ aus gegebenem Anlass die Freiheit genommen, die pseudosexistische Causa Brüderle und die anschließende politisch-mediale Kampagne gegen den führenden FDP-Politiker mit den Worten zu kommentieren: „Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als einem evangelischen Pfarrer vielleicht erwarten würde.“ Denn: „Es gibt sicher in der Frauenfrage bei uns noch einiges zu tun. Aber eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegen Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen.“

    Mit diesen Sätzen hatte er zwar die Realitäten in Deutschland ziemlich genau beschrieben; zugleich aber auch die ideologischen Irrealitätsgemälde des fundamentalistischen Feminismus und seiner totalitär-genderistischen Avantgarde schlicht ignoriert und ihre Fabrizierer aus einer der aktivsten Kolonnen des bundesdeutschen Fortschrittslagers damit bis aufs Blut gereizt. Stante pede schrien deshalb die Wortführerinnen des sogenannten Brüderle-„Aufschreis“ erneut Zeter und Mordio und lancierten einen offenen Brief an Gauck in die Medien, der in der anmaßenden Aufforderung gipfelte: „Wir erwarten von einem Bundespräsidenten, dass er reflektiert zu gesellschaftlichen Debatten Position bezieht und sich umfassend mit ihnen auseinandersetzt.“ Kurz darauf zeichnete Gauck am 8. März – als wüsste er nicht mehr, dass es auch noch einen christlich grundierten Muttertag gibt – in seinem Amtssitz 33 Frauen aus Anlass des kommunistisch kontaminierten „Weltfrauentags“ mit Verdienstorden aus und versuchte mit leicht öligen Sätzen die mediale Wellenbewegung zu seinen Ungunsten zu beruhigen: „Auch in unserer Gesellschaft, die uns allen so entwickelt und reif erscheint, gibt es noch Benachteiligung, auch Diskriminierung und alltäglichen Sexismus.“ War das nun ein Rückzieher? Oder war es lediglich die wendig-schlaue Paraphrase jenes zuvor im „Spiegel“ schon gesagten Interviewsatzes: „Es gibt sicher in der Frauenfrage bei uns noch einiges zu tun.“ Dem aber wird kaum einer mit gesundem Menschenverstand widersprechen wollen, es sei denn, er ist Ideologe.

    Auf Ideologen jedoch ist nun auch Gauck wie auf eine Betonwand gestoßen; er teilt damit Erfahrungen eines Politikers namens Sarazzin oder einer Mediengröße wie Eva Herrmann, um nur zwei von zahlreichen Betroffenen zu nennen. Natürlich schützt ihn noch die Aura des Amtes, und natürlich ist das Netz der Koalitionäre, die ihn auf den Schild gehoben haben, nach wie vor groß und engmaschig genug, um ihn nicht abstürzen zu lassen: auch sie würden ja ihr Gesicht verlieren, wenngleich bei einigen dahinter, denkt man an die Spitzenfunktionäre der Partei der Grünen, lediglich die altbekannten brutalen Machtphysiognomien zum Vorschein kämen. Allein: Gauck wird begreifen müssen, dass der ebenso beschränkte wie dreiste Angriff aus dem Fußvolk genau jenes politischen Lagers kommt, dem er letztendlich seinen Posten zu verdanken hat, und dass der ideologische Zurichtungsprozess, wenn es um seine freiheitliche Gesinnung, vor allem aber ihre öffentliche Praxis geht, erst begonnen hat. Das alles bedeutet nur, wir sind von nun an Zeugen eines Kampfes, der um die symbolische Spitze des Staates geführt wird. Denn alle anderen institutionellen Festungen sind schon so gut wie geschleift oder wanken unter ständiger Propaganda-Belagerung, von den ideologisch selbstgleichgeschalteten Parteien im Bundestag zu schweigen. Damit wird sich auch zeigen, ob Gauck eine Art deutscher Dubèek ist. Ihm ist es 1968 durch sein sanft-hartnäckiges Wesen gelungen, den neostalinistischen Gesinnungsterrorstaat ÈSSR in die freie Republik des „Prager Frühlings“ zu führen; oder ob er zu einer farcenhaften Hindenburg-Kopie wird (so Heiner Geißler vor einem Jahr, weil er ihn allerdings zu wenig progressiv fand), der 1933 – von scheinheiligen Beratern getrieben und verführt – Deutschland guten Glaubens totalitären Kräften auslieferte, die das Land und seine Menschen mit Apokalypsegemälden und ideologischem Fanatismus in den Untergang trieben. Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht, nicht im konkreten Detail und seiner historischen Gestalt; wohl aber kehrt sie im Prinzip immer wieder zurück. Dann aber in veränderter Gestalt und mit bisher unbekannten Figurationen im Großen wie Kleinen.

    Es war der Philosoph Karl Jaspers, der 1954 in seinem Aufsatz „Im Kampf mit dem Totalitarismus“ ebenso beschwörend wie prophetisch festhielt: „Der Totalitarismus ist nicht Kommunismus, nicht Faschismus, nicht Nationalsozialismus, sondern ist in allen diesen Gestalten aufgetreten. Er ist universal die furchtbare Drohung der Zukunft der Menschheit in der Massenordnung. Er ist ein Phänomen des Zeitalters, losgelöst von all jener Politik, die durch Prinzipien nationalen, geschichtlichen, verfassungsmäßig-rechtsstaatlichen Daseins bestimmt ist. Wo er zur Macht gelangt, da ist nach innen die Politik ersetzt durch Intrigen und Gewaltakte, nach außen gegenüber anderen Staaten in den Schein von Verhandeln und Sprechen gehüllt, aber ohne Bindung an irgendwelche Spielregeln einer Gemeinschaft menschlicher Interessen. Ihn zu durchschauen ist nicht leicht. Er ist wie eine Apparatur, die sich in Gang setzt, indem sogar die Akteure sie oft nicht begreifen, während sie sie schon verwirklichen. Sie scheint wie ein selbstständiges Wesen, wie ein seelenloses, dämonisches Etwas (…), das sich aller bemächtigt, sowohl derer, die ahnungslos hineingeraten, als auch derer, die halb wissend, halb nichtwissend es selber herbeiführen.“

    Man kann diese Sätze anachronistisch finden; man kann sie aber auch erkenntnisleitend nutzen, weil sie ziemlich genau unsere Gegenwart beschreiben. Zumal sie Sätze des großen Lehrers Hannah Arendts sind, die der amtierende Bundespräsident immer wieder als eine seiner wichtigsten intellektuellen Gewährsleute zitiert hat. Von hier her weiß er ja so genau, wie man in seinen Memoiren „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ nachlesen kann, dass „auch auf dem Boden der Demokratie totalitäre Ideen gedeihen“ können und dass es vor dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems in der Bundesrepublik um die Diktaturen des Ostblocks ging, deren „systemkritische Ansätze wie die Totalitarismustheorie damals ignoriert wurden“. Aber wenn das so ist und war, dann wundert man sich schon, dass Gauck Einsichten dieser Art und sein Sensorium für damit zusammenhängende Folgen in Vergangenheit und Gegenwart scheinbar vergessen oder als hinderlich zur Seite geschoben hat. Anders jedenfalls ist seine erste große Rede als Präsident der Republik, die sich um Europa und die Europäische Union drehte und Ende Februar im Schloss Bellevue gehalten wurde, nicht zu verstehen. Hätte er Jaspers und Arendt zu Rate gezogen, wäre es eine grundlegend andere Rede geworden: eine notwendig antitotalitäre. Denn mit diesem Europa, das wir gerade erleben, einem Europa mit jakobinisch agierenden Kommissaren, einer nicht wirklich demokratisch legitimierten Verwaltungsmachtkonzentration, eines kompetenzgierigen Gerichtshofes, der nationales Recht und seine bewährten Traditionen als Beutestücke betrachtet (und vor dem Gaucks Vorgänger Herzog entschieden warnte) und einer hemmungslosen Bereitschaft der Verantwortlichen, fiskalische und andere Verträge seriell zu brechen, von den politisch-korrekten Ideologieexzessen und einer antikirchlichen Grundausrichtung ganz zu schweigen, steht eine Europakonzeption im Raum, die dem Bundespräsidenten, geht es um seine Freiheitsphilosophie, jedenfalls schlaflose Nächte bereiten müsste.

    Stattdessen hörten wir, nach einigen allgemein gehaltenen kritischen Bemerkungen angesichts europakritischer Besorgnisse, einen Schwall affirmativer Sätze, die ihre Nähe zur ideologischen Phrase selten verleugnen konnten und in dem lächerlichen Donnersatz kulminierten: „Mehr Europa ist auf erfreuliche Weise Alltag geworden.“ Das Christentum als europäisch-abendländische Prägekraft kommt in dieser Rede, die eine Rede des ersten Theologen in diesem Amt war, gleich gar nicht vor. Dafür wurde das Fehlen eines europäischen „Gründungsmythos'“ als Prämisse einer noch zu schreibenden „großen identitätsstiftenden Erzählung“ beklagt, was allerdings ein Widerspruch in sich selbst ist. Denn wenn es einen europäischen Gründungsmythos gibt, dann ist es das christliche Abendland mit seinen entscheidenden Abwehrschlachten gegen den Vormarsch der Araber 732 unter Karl Martell sowie dem Sieg über die Türken vor Wien im Jahre 1683: Hier war in der Tat das vereinte Europa versammelt, um nicht unter die Macht einer mit brutaler Gewalt vordringenden Religion und ihrem totalen Gesellschaftsentwurf zu geraten und das ganz und gar Eigene des christlichen Glaubens und Lebens dagegen zu verteidigen. Am Ende seiner Europa-Rede schließlich wurde dieser doch so um den inneren und äußeren Frieden Europas besorgte Präsident rhetorisch geradezu pathetisch-militant, wenn er forderte: „Europa braucht jetzt nicht Bedenkenträger, sondern Bannerträger!“ Bannerträger? Welches Banner jedoch meint er? Das Banner der Freiheit? Gegen die totalitäre Versuchung namens Europa, vor der Hans Magnus Enzenberger kürzlich in der Schweizer „Weltwoche“ ein weiteres Mal gewarnt hat? Leider hat der Bundespräsident diesen Gewährsmann einer unbestechlichen Intellektualität mit der Fähigkeit zur politischen Selbstkorrektur nicht zitiert. Vielmehr geschah mit dieser Rede, was der stellvertretende Chefredakteur des „Handelsblattes“ Michael Inacker in seinem Kommentar dazu so beschrieb: „Der Bundespräsident ist eingeholt worden – von den Erwartungen und dem rot-grünen Milieu, das ihn umgibt und ihm langsam, aber sicher jeden Zauber nimmt, den er sich selbst mit dem Begriff Freiheit gegeben hat.“ Es wäre fatal, wenn der Betroffene glaubte, es handele sich bei dieser Feststellung um eine zu vernachlässigende Journalistenmeinung. Die Enttäuschung ist in vielen Zeitungsleserbriefen und Internetblogs angekommen und nachlesbar. Es ist die wachsende Enttäuschung über einen glaubwürdig erscheinenden Menschen, den die Mehrheit der Deutschen sich als ihren „Präsidenten der Herzen“ an die Spitze der Republik wünschte. Aber Alexander Dubèek, dies soll an diesem Punkt erinnert werden, wurde zunächst auch von ideologisch-doktrinären Kräften an die Spitze der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei gebracht, um sich bald darauf ihrer und ihrer totalitären Machtgelüste zu entledigen. Joachim Gauck steht immer noch am Beginn seiner Amtszeit. Das ist ein Schluss- und Hoffnungssatz in einem.