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    Die Sorgen der Hirten

    Einen Tag nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 wandte sich der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Benedict Kreutz, an den Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, den Breslauer Kardinal Adolf Bertram. Kreutz empfahl, die kirchliche Kriegshilfe bei seiner Organisation zu zentralisieren, um eine reibungslose Zusammenarbeit mit außerkirchlichen Stellen durchzuführen. Bertram antwortete postwendend und zustimmend. Vor allem aber schilderte er seine „spontan“ wachgewordenen Erinnerungen an die zahlreichen Hilfsmaßnahmen, die er mit Beginn seines ersten Breslauer Amtsjahres 1914 in die Wege geleitet hatte: Evakuierung gefährdeter Kinder, Sorge um die Kriegsgefangenen, Kriegsblinden und Kriegswaisen, Organisation der pfarrlichen Kriegshilfe und später auch der Fürsorge für polnische und russische Wanderarbeiter. „Jetzt 1939“, fuhr der Kardinal fort, „arbeiten wir unter ungünstigeren Verhältnissen“; die freie Liebestätigkeit werde immer mehr zurückgedrängt, die katholischen Jugendorganisationen, „die damals begeistert geholfen haben“, seien staatlicherseits aufgehoben und auch alles Sammeln werde stark eingeschränkt. Dennoch: Kirche und Bischöfe mussten sich von Neuem den zu erwartenden seelsorglichen Herausforderungen stellen.

    Die deutschen Bischöfe, hier Michael Kardinal von Faulhaber, konzentrierten sich zunächst auf die seelsorgerliche Eingri... Foto: dpa

    Einen Tag nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 wandte sich der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Benedict Kreutz, an den Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, den Breslauer Kardinal Adolf Bertram. Kreutz empfahl, die kirchliche Kriegshilfe bei seiner Organisation zu zentralisieren, um eine reibungslose Zusammenarbeit mit außerkirchlichen Stellen durchzuführen. Bertram antwortete postwendend und zustimmend. Vor allem aber schilderte er seine „spontan“ wachgewordenen Erinnerungen an die zahlreichen Hilfsmaßnahmen, die er mit Beginn seines ersten Breslauer Amtsjahres 1914 in die Wege geleitet hatte: Evakuierung gefährdeter Kinder, Sorge um die Kriegsgefangenen, Kriegsblinden und Kriegswaisen, Organisation der pfarrlichen Kriegshilfe und später auch der Fürsorge für polnische und russische Wanderarbeiter. „Jetzt 1939“, fuhr der Kardinal fort, „arbeiten wir unter ungünstigeren Verhältnissen“; die freie Liebestätigkeit werde immer mehr zurückgedrängt, die katholischen Jugendorganisationen, „die damals begeistert geholfen haben“, seien staatlicherseits aufgehoben und auch alles Sammeln werde stark eingeschränkt. Dennoch: Kirche und Bischöfe mussten sich von Neuem den zu erwartenden seelsorglichen Herausforderungen stellen.

    Auch Bertrams bischöfliche Mitbrüder Michael Kardinal von Faulhaber und Hermann Wilhelm Berning dürften sich in diesen Wochen an den nationalpatriotischen Überschwang jener Augusttage 1914 erinnert haben. Seinerzeit waren sie als junge Bischöfe von Speyer und Osnabrück gerade erst kurze Zeit im Amt; Faulhaber zudem im Nebenamt als Feldpropst der Bayerischen Armee und reichsweit gefragter Feldprediger. Doch der Schrecken des Ersten Weltkrieges und die ihm folgenden politischen Erschütterungen saßen tief. Zudem hatten seit 1933 die zum Teil gewaltsamen Bedrängnisse des kirchlichen Lebens deutliche Spuren hinterlassen. Anders als 1914 hielt sich der katholische Episkopat Anfang September 1939 in der Öffentlichkeit spürbar zurück. Ohnehin hatte der Reichskirchenminister zu Kriegsbeginn die Kirchen in einem Rundschreiben angewiesen, dass Stellungnahmen zur außenpolitischen Lage unerwünscht seien.

    In ihren Hirtenbriefen erinnerten die Bischöfe die Soldaten, ihren vaterländischen Dienst gehorsam zu erfüllen und die Zeit der Glaubensbewährung zu nutzen. Die Gläubigen ermahnten sie zu vaterländischer Pflichterfüllung und Gebeten für den Frieden. Sie sollten die Leiden des Krieges als sühnendes Opfer für die Sünden des Volkes annehmen. Es ging um eine seelsorglich-religiöse, nicht um eine politische Auseinandersetzung mit Hitlers Krieg. Statt nationaler Euphorie dominierte Ernsthaftigkeit. Von einem „gerechten Krieg“ war nirgends die Rede; das Gegenteil war allzu offenkundig. Allein der Bischof von Münster, Clemens August Kardinal von Galen, erklärte in einem Rundschreiben an seinen Diözesanklerus, der 1919 durch einen „erzwungenen Gewaltfrieden“ beendete Krieg sei nun aufs Neue ausgebrochen und ziehe Volk und Vaterland in seinen Bann.

    Wie lang die Schatten von Versailles waren, sollte sich noch deutlicher zeigen, als nach dem Sieg über den französischen Erbfeind im Sommer 1940 auch in katholischen Kirchenkreisen die Begeisterungswogen hoch schlugen, und im Jahr darauf die deutschen Soldaten in den Kampf gegen die Sowjetunion und ihren „gottlosen Bolschewismus“ zogen. Abseits stehen konnten und wollen die katholischen Bischöfe nicht. Ging es doch um das Schicksal Deutschlands und nicht um den kirchenfeindlichen Nationalsozialismus. Am 1. September 1939 hatte das „Gesetz über Sachleistungen für Reichsaufgaben“ die juristischen Voraussetzungen für die Inanspruchnahme kirchlicher Einrichtungen zu Kriegszwecken und die finanzielle Entschädigung geregelt.

    In den folgenden Jahren stellte die Kirche vor allem der Wehrmacht und anderen staatlichen Stellen tausende kirchlicher Gebäude für Lazarettzwecke, als Hilfskrankenhäuser, für die Aufnahme von landverschickten Kindern und Müttern, für die Unterbringung von Umsiedlern und Kriegsgefangenen zur Verfügung. Das Gesundheitswesen bildete einen Schlüsselsektor der Kriegsgesellschaft. Die Pflege von kranken und verwundeten Soldaten galt als selbstverständliche vaterländische Pflicht und Glaubensbewährung.

    Zwar gab es zu solcher Pflichterfüllung keine ernsthafte politische Alternative. Zugleich aber war das kirchliche Handeln in Traditionen verwurzelt, in der allgemeine Appelle an Ehre, Treue und Pflicht gegenüber dem Vaterland mit althergebrachten religiösen Deutungen verknüpft waren. In Hirtenworten und Predigten war darum die Rede vom Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, vor allem aber auch vom Krieg als Strafgericht Gottes, als Ansporn zu Buße und Sühne, als Mahnung zur Annahme des Leidens in der Nachfolge Christi.

    In einer derartigen Sicht erschien der Kriegsdienst nicht mehr nur als Erfüllung einer vaterländischen Pflicht, sondern auch als gesteigerter Ausdruck christlicher Bewährung, die den Soldatentod als Opfertod einschloss. Bischöfe und Klerus wollten nicht politische Zweifel wecken, sondern den Glauben aufrütteln und seelsorglich helfen. Den Soldatendienst zu verweigern, trat nur am Rande als Denkmöglichkeit in den Horizont der christlichen Lebenswelt.

    Die Verbindung eigener seelsorglicher Anliegen mit der Mobilisierung materieller und personeller Ressourcen musste das Dilemma der katholischen Bischöfe verschärfen, je offenkundiger die Züge des nationalsozialistischen Rasse- und Vernichtungskriegs zutage traten. Auf ihrer Vollversammlung im August 1939 hatten die Bischöfe auch über die Arbeit des „Hilfsausschusses für katholische Nichtarier“ beraten. Im Mittelpunkt standen die Folgen, die sich aus dem Scheitern der von Papst Pius XII. unterstützten Visa-Beschaffung für die verfolgten Katholiken jüdischer Herkunft ergaben.

    Die Bischöfe sagten dem verantwortlichen Bischof Berning und dem St. Raphaelsverein für Auswandererhilfe weiterhin ihre Unterstützung zu. Zwei Jahre später standen die Verantwortlichen in den kirchlichen Hilfsstellen in Berlin, Breslau, Freiburg und Wien mit dem Rücken zu Wand. Der Genozid an den Juden in Europa war im vollen Gange. Im Anschluss an ein Gespräch, das er am 5. Februar 1942 mit der Leiterin des im Berliner Ordinariat angesiedelten Hilfswerks, Dr. Margarete Sommer, führte, notierte sich der Osnabrücker Bischof, es bestehe der Plan, „die Juden ganz auszurotten“.

    Der öffentliche Protest der Bischöfe gegen die nationalsozialistischen Kriegsverbrechen kam spät. Das Ringen um die richtige Strategie hatte die Bischofskonferenz mitten im Krieg an den Abgrund eines inneren Bruchs getrieben. Jedoch ließ der gemeinsame Dekalog-Hirtenbrief im August 1943 an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Tötung ist in sich schlecht, auch wenn sie angeblich im Interesse des Gemeinwohls verübt würde: An schuld- und wehrlosen Geistesschwachen und -kranken, an unheilbar Siechen und tödlich Verletzten, an erblich Belasteten und lebensuntüchtigen Neugeborenen, an unschuldigen Geiseln und entwaffneten Kriegs- und Strafgefangenen, an Menschen fremder Rassen und Abstammung.“

    Der Autor ist promovierter Theologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn.