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    Die Seelenregungen genau aufgespürt

    Man gedenkt seiner spärlich, dabei, hätte es seinerzeit bereits Bestsellerlisten gegeben, Sternes Werke wären Spitzenreiter gewesen. Weshalb steht er heute im Literaturbetrieb derart außen vor? Nichtswürdiger Literatenneid? Nein, die literarische Hautevolee schmeichelte ihm. Er gilt als Urvater des modernen Romans,„Yorick–Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat: wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele“, bemerkte Deutschlands vornehmster Dichterheld Johann Wolfgang Goethe. Und sein Bruder im Geiste, Gotthold Ephraim Lessing, stand ihm in nichts nach: „Gern hätt' ich Sterne fünf Jahre meines Lebens abgetreten…, mit der Bedingung aber, dass er hätte schreiben müssen, gleich was, Leben und Ansichten, oder Predigten oder Reisen.“

    Ein Meister des Humors: Der Schriftsteller Laurence Sterne. Foto: IN

    Man gedenkt seiner spärlich, dabei, hätte es seinerzeit bereits Bestsellerlisten gegeben, Sternes Werke wären Spitzenreiter gewesen. Weshalb steht er heute im Literaturbetrieb derart außen vor? Nichtswürdiger Literatenneid? Nein, die literarische Hautevolee schmeichelte ihm. Er gilt als Urvater des modernen Romans,„Yorick–Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat: wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele“, bemerkte Deutschlands vornehmster Dichterheld Johann Wolfgang Goethe. Und sein Bruder im Geiste, Gotthold Ephraim Lessing, stand ihm in nichts nach: „Gern hätt' ich Sterne fünf Jahre meines Lebens abgetreten…, mit der Bedingung aber, dass er hätte schreiben müssen, gleich was, Leben und Ansichten, oder Predigten oder Reisen.“

    Die Analyse der Sterne-Humoresken als eine leichtfüßig, ohne jede falsche Schwermut daherkommende Literatur, vulgo: britisch-ridikül, wie Äonen später Monty Pythons, will man als Offerte passieren lassen. Dass Literatur unterhaltsam und zugleich hochwertig sein kann, ist dem schwerblütigen deutschen Leser so selbstverständlich nicht. Mit einer bei ihm ungewöhnlichen Emphase hebt der Deutschen Chefironiker Heinrich Heine den britischen Dichtersmann in den Dichterhimmel: „Er ist ebenbürtig mit William Shakespeare, und auch ihn, den Lorenz Sterne, haben die Musen erzogen auf dem Parnass.“ Bei Apoll, scheint das nicht ein wenig hoch gegriffen? Sternes Verehrer sind zahllos, Sigmund Freud, Thomas Mann und Arno Schmidt gehören dazu. „Auch heute noch, nachdem er sich 200 Jahre in der Lesewelt befindet, gilt von Laurence Sternes ,The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman‘ das Urteil, dass es zu den zehn größten Büchern gehöre, die bisher in englischer Sprache geschrieben worden sind“, lässt sich der ansonsten eher kratzbürstige Schmidt vernehmen.

    Sterne hätte soviel Lob genossen. Konnte er damit rechnen? Er studierte dank der finanziellen Unterstützung reicher Verwandter Theologie, jedoch ohne wirkliches Interesse. Zwanzig Jahre lebte er als Vikar, heiratete Elizabeth Lumley, die arm an Geist und Grazie, aber reich an Gütern war. Sehr fromm war er nicht. Oftmals ließ er die Messe ausfallen, da er den Ruf zur Jagd hörte – und diesen als wichtiger erachtete als den Ruf Gottes. Bisweilen, so verzeichnen die Chronisten, kam es zu Schwierigkeiten mit dem instabilen Gemütszustand seiner Frau. Tatsächlich gilt Sterne englischen Literaturhistorikern bis heute als Mensch mit gravierenden moralischen Defekten. Frühere Biographen behaupteten, Sterne habe seine Mutter verhungern lassen, und seine Frau sei geisteskrank geworden, als sie ihn beim Tete-a-tete mit einem Dienstmädchen überraschte. Das gilt heute als fragwürdig. Vor allem verzieh man Pastor Sterne nicht, dass er sich mit 53 Jahren in eine junge Anglo-Inderin verliebte, Elizabeth Draper, die zudem mit einem englischen Kolonialbeamten verheiratet war. Sogar der antichristliche Chronist Nietzsche verlautbarte: „Leider scheint der Mensch Sterne mit dem Schriftsteller Sterne nur zu verwandt gewesen zu sein: seine Eichhorn-Seele sprang mit unbeständiger Unruhe von Zweig zu Zweig; was nur zwischen Erhaben und Schuftig liegt, war ihm bekannt...“ („Menschliches – Allzumenschliches“). Als Schriftsteller fand er erst spät seine Bestimmung. Er schrieb mal dies, mal das. Ein Schmock. Und 1759 plötzlich, fließt ihm jene Satire des „Tristram Shandy“ aus der Feder, im Stil eines Jonathan Swift, dennoch nicht dessen „Gulliver“ entlehnt, sondern sehr eigen. Sterne hat sich in einen wahren Humor-Rausch hineingeschrieben. Wir haben es nicht zu tun mit einem pubertierenden Augenblinzler, sondern mit einem Satiriker von Rang, der die anerkannten Werte brutal aufs Korn nimmt, rasend verneint und dabei vor Enthusiasmus pulst, wenn er die kleinen menschlichen Schwächen beschreibt. Seine empörten Klerikerkollegen wandten sich gegen ihn. Sternes Aussichten auf Beförderung war somit zunichte, was ihn scheinbar nicht sonderlich interessierte. Die beide ersten Bände verschafften ihm – trotz der negativen Kritik – bereits große Popularität. Ganz Europa lag ihm zu Füßen – Deutschland insbesondere. Die Neuheit seines Stils, so etwas musste Resonanz hervorrufen. In Sternes opus magnum wurden erstmals Seelenregungen bis in die kleinsten Verästelungen aufgespürt (deshalb ein Jahrhundert später Freuds Vorliebe für das Werk).

    Der aus neun Bänden bestehende Roman fächert sich in etliche Kapitel und Unterkapitel auf, einige mit Überschriften versehen, andere bestehen nur aus einer Zeile. Im neunten Band ist das 18. und 19. Kapitel zunächst ausgelassen und erst nach dem 25. Kapitel eingefügt. Die Typografie zeichnet sich durch Besonderheiten wie geschwärzte oder marmorierte Seiten, eingefügte unleserliche Linien und Auslassungen in Form von langen Sternchen-Reihen aus. Damit gelang dem irisch-stämmigen Sterne ein Vorgriff, den ein anderer Großer seiner Zunft mehr als anderthalb Jahrhunderte später zur Perfektion treiben sollte: James Joyce. Solcherlei Freiheiten hatte sich zu Sternes Zeiten jedoch niemand herausgenommen. Nietzsche, gewiss höflichen Überschwanges nicht verdächtigt, schrieb: „Der freieste Schriftsteller. — Wie dürfte in einem Buche für freie Geister Lorenz Sterne ungenannt bleiben, er, den Goethe als den freiesten Geist seines Jahrhunderts geehrt hat! Möge er hier mit der Ehre fürlieb nehmen, der freieste Schriftsteller aller Zeiten genannt zu werden...“ („Menschliches – Allzumenschliches“)

    Unabhängig von Nietzsches geistiger Kniebeuge, Sternes Roman ist in der Tat ein seltenes Stück Literatur. Sterne arbeitet mit der Verschränkung unterschiedlicher Zeitebenen. Es beginnt 1689, mit dem Eintritt Trims in die Armee und endet 1766, in der Gegenwart, beim Schreiben des neunten Bandes. Die Helden der Geschichte sind schnell umrissen. Die beiden Shandy-Brüder, Walter und Toby, dürfen als bukolische Schlawiner gelten. Der Landwirt und frühere Kaufmann Walter Shandy betrachtet das Sein und Nichtsein philosophisch. Walter trauert nicht einmal, als einer seiner Söhne stirbt, sondern ergeht sich in trostlosem Philosophieren. En passant verfasst er die nach Tristram benannte Enzyklopädie Tristrapaedia, ein unvollendetes Werk – wie sonst.

    Zwei Erzählsequenzen bilden die Hauptstränge neben etlichen anderen Nebensträngen: die Geschehnisse um Tristrams Geburt sowie das Leben Onkel Tobys, insbesondere dessen penetrantes Werben um die flotte Witwe Wadman. Tristrams Geburt und Kindheit, bis zum Exzess ausgewalzt, dreht sich um die unbeabsichtigte Beschneidung, die missglückte Namensgebung und die bei der Geburt eingedrückte Nase. Alles karikaturistisch verbrämt. Ebenfalls eine Karikatur ist der Geistliche Yorik, ein Nachkomme des Shakespeareschen Yorik. Seine Schwächen, immerhin, lassen ihn in gewisser Weise liebenswürdig erscheinen. Onkel Toby, ganz ehemaliger Offizier, kreist um den Krieg. Mit seinem Vasallen Trim, ebenfalls ein Kriegsveteran, stellt er Kriegsgeschehnisse nach. So geht es in einem fort: Karikaturen von Menschen aufgereiht an der Nabelschnur apuleischen Geistes. Apuleius, der seinen Ruhm seinem Hauptwerk „Der goldene Esel“ verdankt, galt jedoch als philosophische Autorität. Doch darf man Lawrence Sterne in den Dichterhimmel antiker Geisteskapazitäten heben? Beider – Apuleis’ und Sternes – Ruhm ist inzwischen verwelkt.

    Nun, „Tristram Shandy“ ist unstrittig eine abenteuerliche Geschichte, die sich vom Hundertsten ins Tausendste verästelt, und – es will kein Ende nehmen – sich weiter atomisiert, um sich plötzlich an Vorgeschichten aufzuhalten, ehe sie sich an Predigten entlang arbeitet, Dispute und Debatten führt und Abhandlungen über ungemein schicksalsträchtige Bedeutungen von Namen und Nasen räsoniert. Der Roman verzettelt sich in Nebensächlichkeiten, als hätte jemand Zettelkästen darin ausgeschüttet. Ein Grund, weshalb Arno Schmidt wohl Gefallen daran fand, folgt doch sein großes Werk „Zettels Traum“ auch diesem Prinzip – nicht nur dem Joyce'schen! Immer wieder bricht eine neue Geschichte in die Geschichte, ein neue verschachtelte Fabel steigt auf, scheinbar verhedderte Fäden lösen sich auf, verknoten sich aufs Neue.

    Der Leser im Labyrinth – und immer ist alles ironisiert

    Abgebrochene Sätze, Sprichwörter, Nichtwörter, Sinnwörter, Sinnloswörter. Sprachkapriolen, unzusammenhängende Chronologien, abschweifende Assoziationen, illustrierender Firlefanz, illustrierter Mummenschanz. „Sein Buch gleicht einem Schauspiel im Schauspiel, einem Theaterpublikum vor einem andern Theaterpublikum. (...) – Seltsam und belehrend ist es, wie ein so großer Schriftsteller wie Diderot sich zu dieser allgemeinen Zweideutigkeit Sternes gestellt hat: nämlich ebenfalls zweideutig — und das eben ist echt Sternescher Überhumor...“, schreibt wiederum Nietzsche in („Menschliches – Allzumenschliches“.

    Doch, ein einziges luziferisches Geistesgeblitze ist Sternes Werk, von waghalsigem Witz und doppelzüngigem Humor, schrill, irisierend und reflektierend. Sprache als Spiegel im Spiegel, ein Prisma voller schwarzer Löcher. Geistesmächtige Täuschungsmanöver wechseln mit schneidenden Doppelsinnigkeiten; Hintersinnigkeiten und Gedankenstriche wie Überholstreifen. Der Leser im Labyrinth – und immer ist alles ironisiert. Nie wird klar, was die Witwe Wadman vom beharrlichen Bedränger Onkel Toby zart errötend erhoffen darf. Jäh springt Sterne mit Zweideutigkeiten umher, als wären sie nur so ein Silbenfall. Genüsslich schildert er den Onkel Toby, der den Lillabullero pfeift. Das klingt so: „Sieh, Hacktar voller Ruhtden und Kläffter. Dom am Damm, Dimm im Dümm“... nein, so sollte erst Äonen nach Lawrence Sterne ein anderer formulieren, James Joyce nämlich. Und in Don Qui-schottischer Nonchalance sprach Lord Byron von Sterne als „dem Schurken, Heuchler, dem Sklaven, dem Speichellecker“, um salbadernd hinzuzufügen, „ich bin nicht besser als er“.

    Was schimmert nicht alles hervor in den unentwegt dahinschmelzenden Gestalten von Sternes Hirngespinsten. Doch wer ist die Maske des Dichters? So beherzt er seine Wesenszüge und Empfindungen entblößt, der wahre Laurence Sterne bleibt verborgen hinter den vielen Masken. Sein Leben bleibt das eines Getriebenen. Seine letzten Jahre sind gezeichnet durch Krankheit und Verbitterung. 1762 macht er eine Reise nach Frankreich, 1764 reist er nach Südfrankreich und besucht Italien. Er schreibt weiter. Hat er in Tristram Shandy noch die Zoten aus dem Hut gezaubert, gibt er sich in der „Empfindsamen Reise“ vergleichsweise bedeckt. 1767 erscheint der neunte und letzte Band seines „Tristram“. Am 18. März 1768 stirbt Lawrence Sterne in London an Tuberkulose. Was bleibt von den Werken, wenn sie Motten und der Rost fressen?