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    Die Päpste und die Eisenbahn

    Am heutigen 21. Mai feiert die italienische Sektion der „Caritas Internationalis“ ihr sechzigjähriges Bestehen mit einem ganz besonderen Ereignis. Von der Bahnstation der Vatikanstadt aus fährt ein Jubiläumszug nach Orvieto. Der „Caritas-Express“ wird von einer Dampflok aus dem Jahre 1915 gezogen; einen der Salonwagen benutzte der selige Johannes XXIII., als er sich 1962 vom Vatikan aus auf eine Pilgerreise nach Loreto und Assisi begab. Nur wenige Personenzüge sind seit den Lateranverträgen (1929) zu dem Bahnhof der Vatikanstadt hin oder von ihm abgefahren; päpstliche Eisenbahnfahrten sind sogar an einer einzigen Hand abzuzählen.

    Papst Pius IX. im Jahr 1863 bei einer Bahnfahrt in Velletri. Foto: Archiv

    Am heutigen 21. Mai feiert die italienische Sektion der „Caritas Internationalis“ ihr sechzigjähriges Bestehen mit einem ganz besonderen Ereignis. Von der Bahnstation der Vatikanstadt aus fährt ein Jubiläumszug nach Orvieto. Der „Caritas-Express“ wird von einer Dampflok aus dem Jahre 1915 gezogen; einen der Salonwagen benutzte der selige Johannes XXIII., als er sich 1962 vom Vatikan aus auf eine Pilgerreise nach Loreto und Assisi begab. Nur wenige Personenzüge sind seit den Lateranverträgen (1929) zu dem Bahnhof der Vatikanstadt hin oder von ihm abgefahren; päpstliche Eisenbahnfahrten sind sogar an einer einzigen Hand abzuzählen.

    Das erste Land, das in Italien die Eisenbahn eingeführt hatte, war 1839 das Königreich beider Sizilien gewesen. Entgegen hartnäckiger Behauptungen war der damalige Herrscher des Kirchenstaates, Gregor XVI. (1831–1846), kein prinzipieller Gegner des neuen Verkehrsmittels gewesen. Der Papst hatte von einer Kommission erheben lassen, ob der Bau von Eisenbahnen zweckmäßig sei. Nach eingehenden Studien war diese zu der Auffassung gelangt, dass er den Päpstlichen Staaten kaum Vorteile bringen dürfte.

    Der Umstand, dass es im damaligen Herrschaftsgebiet des Papstes keine mit anderen Staaten vergleichbare Schwerindustrie gab, war für einen negativen Entscheid des Pontifex ausschlaggebend gewesen. Doch die Römer hatten für die Ablehnung nur Spott übrig. Nach dem Tode des Papstes hieß es in der Ewigen Stadt, auf der Straße zum Paradies habe Gregor XVI. den hl. Petrus getroffen und gefragt, ob denn der Weg in den Himmel noch weit sei. „Sehr weit“, habe die Antwort an den müden Pontifex gelautet, „denn hättest du die Eisenbahnen gebaut, wärest du schon jetzt im Paradies.“

    Sein Nachfolger setzte nicht einmal zwei Monate nach seiner Wahl einen Ausschuss ein, der die Errichtung von Eisenbahnlinien in den Päpstlichen Staaten prüfen und geeignete Vorschläge unterbreiten sollte. Schon im November 1846 gab Pius IX. (1846–1878) die Erlaubnis für mehrere Streckenführungen: von Rom an die neapolitanische Grenze bei Ceprano, weiters von Rom nach Civitavecchia und von Rom nach Ancona und Bologna. Die politischen Umstände – die Revolution von 1848, die Flucht des Papstes nach Gaeta und die Ausrufung der „Römischen Republik“ – verzögerten jedoch die Durchführung der geplanten Projekte um fast ein Jahrzehnt.

    Die erste Eisenbahnlinie des Kirchenstaates, oder vielmehr eine Teilstrecke nach Frascati, wurde im Juli 1856 eröffnet; 1862 führte man sie über Velletri nach Ceprano fort. Die Bahnlinie Rom–Civitavecchia wurde im März 1859 eingeweiht. Den Bau der Strecken nach Ancona und Bologna hatte man schon 1855 begonnen. Die Fertigstellung verzögerte sich jedoch und konnte nicht mehr in der Verantwortung der päpstlichen Regierung vollendet werden, da die Romagna, Umbrien und die Marken in den Jahren 1859 und 1860 von dem künftigen italienischen Einheitsstaat annektiert worden waren,

    1859 wurde Pius IX. von den Gesellschaften, an denen die Päpstlichen Staaten die Lizenzen für den Eisenbahnbetrieb vergeben hatten, ein Repräsentationszug zum Geschenk gemacht. Die drei für den Papst in Frankreich angefertigten Galawagen galten als die prächtigsten und auch teuersten ihrer Zeit. Vor allem der Kapellenwagen rief große Bewunderung hervor. Er hatte seine Auftraggeber stolze 138 578 Franc gekostet. Beim Anblick des mit Säulchen, Gesimsen, Pfeilern und schweren Bronzeengeln geschmückten Waggons soll Pius IX. mit einem tiefen Seufzer bemerkt haben: „Mein Gott, sie haben mir ein Grabmal erbaut“.

    Am 8. September 1849 war zum ersten Mal in der Geschichte ein Papst in einen Eisenbahnwagen gestiegen; Ferdinand II., der König beider Sizilien, hatte den Pontifex eingeladen, mit ihm von Portici nach Pagani zu fahren. Die erste Bahnfahrt eines Papstes im Kirchenstaat fand am 6. Oktober 1859 statt. Eine römische Zeitung berichtete: „Am Nachmittag des Tages verließ Seine Heiligkeit den Vatikan, um sich zum Landaufenthalt nach Castel Gandolfo zu begeben. Bei der Porta Maggiore wurde der Heilige Vater von Herzog Mario Massimo, dem Generalkommissar der päpstlichen Eisenbahnen, und von vielen anderen hochgestellten Persönlichkeiten begrüßt. Er bestieg seinen prachtvollen Wagen und fuhr unter den Glückwünschen der zahlreich herbeigeeilten Volksmenge gegen Cecchina ab, wo ihm zu Ehren ein großes Volksfest stattfand, und hierauf weiter über Albano nach Castel Gandolfo.“

    Fast sechs Jahrzehnte nach dem Ende des alten Kirchenstaates verpflichtete sich das Königreich Italien in den Lateranverträgen von 1929, für einen Anschluss des Vatikanstaates an das italienische Schienennetz zu sorgen. Der römische Bahnhof S. Pietro wurde ausgebaut, ein Viadukt über das Tal des Gelsomino konstruiert, 861,78 Meter Schienen verlegt und eine Station auf vatikanischem Territorium errichtet. Die Bahnanlage des Papstes verfügt über zwei parallel zueinander verlaufende Gleise, zwei kurze Abstellgleise zum Entladen von Güterwaggons und ein Gleis, das in einen Tunnel am Kopfende der Anlage führt, um das Rangieren eines Zuges zu ermöglichen. Das Bahnhofsgebäude der Vatikanstadt, ein prächtiger Repräsentationsbau, entstand nach einem Entwurf von Giuseppe Momo (1875–1940).

    Der Bahnhof sollte vor allem den Ausfahrten des Papstes und dem Empfang hoher Persönlichkeiten, die zu einem offiziellem Empfang in den Vatikan kamen, dienen. Doch kein einziger Staatsgast traf hier jemals ein. Pius XI. (1922–1939) nannte die Station zwar „den schönsten Bahnhof der Welt“, benutzte sie aber nie. Nur wenige Male sollten Päpste eine Eisenbahnfahrt von ihrem eigenen Staatsterritorium aus antreten. Am 6. Mai 1959 wurde der Leichnam des heiligen Pius' X. von der Vatikanstadt nach Venedig überführt, wo den Gläubigen der Lagunenstadt die Möglichkeit gegeben werden sollte, die sterbliche Hülle ihres ehemaligen Patriarchen zu verehren; die Rückkehr des toten Pontifex erfolgte am 27. Mai über den römischen Hauptbahnhof Termini. Johannes XXIII. (1958–1963) begab sich am 4. Oktober 1962 zum Bahnhof der Vatikanstadt und bestieg dort einen Zug, der ihn zu einer Pilgerfahrt nach Assisi und Loreto brachte.

    Johannes Paul II. unternahm am 8. November 1979, dem „Tag des Eisenbahners“, eine Fahrt zu dem im Norden Roms gelegenen Lokomotivendepot des Rangierbahnhofs Salario, wo er sich mit Mitarbeitern der Italienischen Staatsbahnen und deren Familien traf. Im Februar des Jahres war der Papst durch höhere Gewalt dazu gebracht worden, die Eisenbahn zu benutzen; auf dem Rückflug von seiner Pastoralreise nach Indien konnte er wegen Schneefall auf keinem der römischen Flughäfen landen; er war gezwungen, sich von Neapel aus mit dem Zug in die Ewige Stadt zu begeben. 2002 fuhr der Papst von der Vatikanstadt aus zu einem internationalen Gebetstreffen für den Weltfrieden nach Assisi.

    Bei seinen zahlreichen Pastoralbesuchen im Ausland fuhr der selige Johannes Paul II. mehrfach mit der Eisenbahn: 1982 in Argentinien, ein Jahr später in Portugal, im Juni 1984 in der Schweiz die Strecke von Zürich nach Freiburg, im September 1984 entlang des St.-Lorenz-Stromes (Kanada) und 1985 in Belgien und den Niederlanden. Benedikt XVI. hat als Papst bisher noch keine Bahnfahrt unternommen, er gehörte jedoch zu den Kardinälen, die Johannes Paul II. 2002 auf seiner Zugfahrt nach Assisi begleitet hatten. Im Oktober dieses Jahres wird es der Papst seinen beiden Vorgängern gleichtun und mit der Eisenbahn nach Assisi fahren. Man darf gespannt darauf sein, ob er den Zug auf einem römischen Bahnhof oder bei der „Stazione Ferroviaria“ der Vatikanstadt besteigen wird.