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    Die Neue Moral-Mode

    Wer annahm, dass mit der geringer werdenden Wirkkraft der Kirche eine Welt ohne Ethik entstehen würde, sieht sich getäuscht. Die säkularen Gesellschaften haben sich schnell Ersatz gesucht. Von Ingo Langner

    Adam und Eva, hier gemalt von Hans Baldung (1485-1545), sind die Klassiker, wenn es um Erbsünde und Schuldbewältigung ge... Foto: IN

    Frisst die sexuelle Revolution jetzt ihre Kinder? Oder läutet die „#metoo“-Kampagne, in der (bislang ausnahmslos!) weiße Männer medien-öffentlich wegen unterschiedlichster sexueller Vergehen angeklagt werden, bloß scheinbar eine Rückkehr zu angeblich antiquierten moralischen Werten ein? Anders gefragt: Ist „#metoo“ nur ein Aktionismus, bei dem sich der säkulare Moralismus in einem neuen „Outfit“ präsentiert? Zur Erinnerung: Für die mit der Jahreszahl 1968 verbundene linksradikale Studentenrevolte war die sogenannte sexuelle Befreiung noch ein probates neo-marxistisches Mittel, die versteinerten gesellschaftlichen Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“ war kein lockerer Spruch, sondern eine durchaus ernstgemeinte Parole im Klassenkampf.

    Ob diese Form der Vielweiberei möglicherweise frauenfeindlich sein könnte, fragte und interessierte vor fünfzig Jahren niemanden. Auch die Frauen nicht. Im Gegenteil: Um revolutionär anschlussfähig zu sein, erklärten junge Amerikanerinnen im Herbst 68 ihre Büstenhalter zum Symbol patriarchalischer Unterdrückung und warfen sie öffentlichkeitswirksam ins Feuer. Dass ihre Urgroßmütter den BH um die Jahrhundertwende herum als Befreiung vom einengenden Korsett gefeiert hatten, hatten sie wohl vergessen. Was jetzt zählte, war allein die angeblich freiheitsstiftende Libertinage, bei der alle überlieferten moralischen Normen verneint wurden, besonders die sexuellen. Nicht von ungefähr las man jetzt nicht nur die marxistischen „Klassiker“ Marx, Engels, Lenin und Mao, sondern auch die Bücher von Marquis de Sade, Aleister Crowley und Giacomo Casanova.

    Ein feministischer Autodafé ist vorstellbar

    Jeder der drei letztgenannten stünde heute mit Sicherheit am „#metoo“-Pranger, und vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ihre Bücher bei einem feministischen Autodafé ein Opfer der Flammen werden. Wer es fertigbringt, anzuklagen, ohne dem Angeklagten auch nur den Hauch einer Chance zu seiner Verteidigung einzuräumen, wer – frei heraus gesagt – Rufmord salonfähig macht, wird wohl auch davor nicht zurückschrecken.

    Der Hashtag „#metoo“ hat die Risiken und Nebenwirkungen der „sexuellen Befreiung“ aufgedeckt. Hat also die sexuelle Revolution tatsächlich ihre Kinder gefressen? Ist das, was wir gerade erleben, mit der Ernüchterung jener Kommunisten vergleichbar, denen bei Stalins Schauprozessen in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre, bei denen Lenins revolutionäre Garde fast ausnahmslos zum Tode verurteilt wurde, die Augen aufgingen und zu radikalen Anti-Kommunisten mutierten?

    Noch anders gefragt: Werden wir es nach dem Abflauen von „#metoo“ erleben, dass FeministInnen beider Geschlechter reumütig in den Schoß der Kirche zurückkehren und geloben, von nun an nicht allein die Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung zu ihrem sittlichen Maßstab zu machen, sondern gleichermaßen auch die göttlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung? Werden wir dann mit einem Hashtag „Sünde“ rechnen müssen? Oder mit Twitter-Nachrichten wie diese: „Die Sünde ist eine Handlung, die der Vernunft widerspricht. Sie verwundet die Natur des Menschen und beeinträchtigt die menschliche Solidarität“?

    Käme es dazu, würden unsere Bischöfe auch wieder offene Ohren für eine fundamentale Erkenntnis finden, die im Katechismus der katholischen Kirche im Kapitel „Umkehr und Gesellschaft“ so formuliert wird: „Wo die Sünde das Gesellschaftsklima verdirbt, ist zur Bekehrung der Herzen aufzurufen und an die Gnade Gottes zu appellieren. Die Liebe drängt zu gerechten Reformen. Es gibt keine Lösung der sozialen Frage außerhalb des Evangeliums.“

    Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Doch den westeuropäischen Glaubensabfall nach dem Zweiten Vatikanum vor Augen, sollten wir wohl nicht damit rechnen, dass dies in absehbarer Zeit passieren wird. Dann jedoch wäre zu klären, welche Maßstäbe innerhalb der säkularen, gottfernen Society gelten. Ist dort alles beliebig? Kann es heute Hü und morgen Hott heißen? Ist dort Moral eine inexistente Kategorie? Geht es beim Kampf gegen das Christentum ausschließlich um die Umkehrung der traditionellen naturrechtlichen und christlichen Normen und Werte? Wie das ausschaut, zeigt der Film „Rosemary's Baby“, in dem der von Satan mit einer glaubensschwachen Katholikin gezeugte Anti-Christ in einer schwarzen Wiege liegt, an dessen Kopfende ein auf den Kopf gestelltes Kruzifix hängt.

    Nein, ganz so einseitig geht es wohl (noch) nicht zu. Denn wie jeder neo-pagane Religionsersatz folgt auch die aktuellste Variante gewissen Regeln, die man dort – wie sollte es anders sein – für moralisch wertvoll hält. Welche sind das derzeit? Von „#metoo“, an dem die Etiketten „Fortschritt“ und „Emanzipation“ kleben, war schon ausführlich die Rede. Hinzufügen ließe hier sich noch, dass diese Kampagne niemals die „Sozialen Netzwerke“ überschwemmt hätte, wäre sie von Frauen ins Leben gerufen worden, die öffentlich für das Lebensrecht der ungeborenen Kinder eintreten. Also „Abtreibung“ nicht für ein Menschenrecht halten, wie es von gewissen Organisationen bereits gefordert wird. Auffällig ist, dass jeder säkulare Moral-Ersatz ähnlich wie die wandelbaren Stilarten in der Mode nur begrenzt haltbar ist und nach dem Verfallsdatum einer „Update“ weichen muss. Neuerdings steht der Anti-Kolonialismus hoch im Kurs. Warum sich Kunsthistoriker, Ethnologen und Journalisten ausgerechnet jetzt über das vergangene imperiale Zeitalter beugen und sich in öffentlichen Verlautbarungen bitter darüber beklagen, dass in den einst Völkerkundemuseen genannten Schatzhäusern in London, Paris, Berlin und Rom aus den Kolonien stammende Artefakte lagern, kulturwissenschaftlich erforscht und ausgestellt werden, ist auf den ersten Blick ein rätselhafter Vorgang. Rätselhaft deshalb, weil die letzten großen Imperien Frankreich und England ihre afrikanischen Kolonien um 1960 herum „in die Freiheit entlassen“ haben, Britanniens Indien sogar schon 1947 unabhängig geworden ist, Deutschland seit 1919 keine Kolonien mehr besitzt und das Imperium Romanum bereits vor rund 1 500 Jahren unterging.

    Warum also neuerdings diese Debatte über die ethnologischen Artefakte? Wenn sie „nur“ dem Zwecke diente, für eine junge Kunsthistoriker-Generation mittels der Provenienzforschung, die sich der Geschichte der Herkunft von Kunstwerken widmet, ein lukratives neues Arbeitsfeld zu erschließen, würde sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vermutlich nicht mit der Forderung an die Spitze der Debatte stellen, den Afrikanern die in Paris gesammelten Kulturgüter zurückzugeben. Was einen Macron umtreibt, ist die Gewissheit, dass frühere Generationen schuldig geworden sind. Nun möchte er als derjenige in die Geschichte eingehen, diese Schuld getilgt zu haben.

    Wer sich die hiesigen Argumente genauer anschaut, der stößt ebenfalls auf exakt jenen Moralismus, von dem hier die Rede ist. Hermann Parzinger, er ist Prähistoriker und Präsident der „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ argumentiert nämlich so: „Es muss das vordringliche Ziel sein, die in den Köpfen der Menschen vorhandenen Reste kolonialen Denkens zu bekämpfen, wenn wir künftig in einer friedfertigen Gesellschaft leben und Populisten jeglicher Couleur keine Chance geben wollen. Hier wartet eine entscheidende Aufgabe auf das Humboldt Forum: Es geht um Toleranz und Respekt gegenüber Menschen anderer Herkunft, Religion, Kultur oder Hautfarbe. So kann das Humboldt Forum seiner historischen Verantwortung in ganz besonderer Weise gerecht werden.“

    Der Mensch hängt von dem Schöpfer ab

    Parzinger ist offenbar davon überzeugt, dass die von ihm diagnostizierte Schuld von Menschen, die vor hundert Jahren gelebt haben, uns Heutigen auf gar keinen Fall gleichgültig sein darf. Wie Emmanuel Macron ist auch Parzinger entschlossen, um unserer Zukunft willen diese Schuld zu tilgen. Was er als Heilmittel vorschlägt, könnte man tätige Reue nennen. Was hier mithin sichtbar wird, ist ein elementares Erlösungsbedürfnis. Dieses Bedürfnis, von einer Schuld erlöst zu werden, die ganz andere Menschen zu ganz anderen Zeiten begangen haben, scheint nichts anderes zu sein, als ein ins säkulare verrückter Wurmfortsatz der Erbsünde. An die der Atheist selbstredend nicht mehr glaubt und für eine Schimäre hält. Ja, sogar für ein Mittel, mit der die katholische Kirche bis zur ach-so-lichtvollen Aufklärung die Menschheit geknechtet hat.

    Erinnern wir uns: Adam und Eva, beide nach dem Bilde Gottes geschaffen, aßen, von der Schlange verführt und belogen, vom paradiesischen Baum der Erkenntnis, also von der einzigen Frucht, die ihnen verboten war. „Dieser Baum der Erkenntnis von Gut und Böse erinnert sinnbildlich an die unüberschreitbare Grenze, die der Mensch als Geschöpf freiwillig anerkennen und vertrauensvoll achten soll. Der Mensch hängt vom Schöpfer ab, er untersteht den Gesetzen der Schöpfung und den sittlichen Normen, die den Gebrauch der Freiheit regeln“, so lehrt es die katholische Kirche. Weil Adam und Eva gegen Gottes Gebot handelten, wurden sie aus dem Paradies verbannt und lebten von da an jenseits von Eden. Ihre Schuld pflanzte sich von Generation zu Generation fort. „Durch den Ungehorsam des einen Menschen“ wurden „die vielen (das heißt alle Menschen) zu Sündern“, schreibt der Apostel Paulus im Römerbrief. „Aufgeklärte“ lachen darüber. Sie glauben nicht an die Realität der Erbsünde und weisen diese katholische Lehre weit von sich. Wer jedoch ihre schlussendlich vergeblichen Versuche zur Selbsterlösung durch die katholische Lupe betrachtet, wird zu der Erkenntnis kommen, dass die „kolonialistische Schuld“ (et tutti quanti) nichts weiter ist als eine bizarr verkrüppelte Form von Erbsündebewusstsein. Wer aus all dem schließt, dass die katholischen Priester die Erbsünde in den Mittelpunkt ihrer Neumissionierung stellen müssten, liegt so falsch wohl nicht.

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