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    Die Natur selbst deutet auf den Schöpfer

    Sind Glaube und Physik vereinbar? Dieser spannenden Frage stellte sich am Donnerstag die Podiumsdiskussion „Gott, der Urknall und die schwarzen Löcher – Lässt die Naturwissenschaft noch Platz für Gott?“ auf dem Katholikentag. Obwohl nebenan Bundespräsident Gauck sprach, war der große Hörsaal in der Universität Regensburg völlig überfüllt – so leidenschaftlich war das Interesse am Thema. Und bereits der Moderator wurde mit stürmischem Beifall begrüßt – es war der junge Bischof Stefan Oster. Zu seiner Moderatorenrolle sagte er, dass er schon lange vor seiner Bischofsweihe zugesagt hatte, weil ihn das Thema faszinierte; und das sei auch jetzt noch so, erklärte Oster, der auch einmal als Radiomoderator gearbeitet habe.

    Festgebunden durch den Blick auf die Natur. Aber Newton, der hier dargestellt ist, ließ in seiner Theorie auch Platz für... Foto: IN

    Sind Glaube und Physik vereinbar? Dieser spannenden Frage stellte sich am Donnerstag die Podiumsdiskussion „Gott, der Urknall und die schwarzen Löcher – Lässt die Naturwissenschaft noch Platz für Gott?“ auf dem Katholikentag. Obwohl nebenan Bundespräsident Gauck sprach, war der große Hörsaal in der Universität Regensburg völlig überfüllt – so leidenschaftlich war das Interesse am Thema. Und bereits der Moderator wurde mit stürmischem Beifall begrüßt – es war der junge Bischof Stefan Oster. Zu seiner Moderatorenrolle sagte er, dass er schon lange vor seiner Bischofsweihe zugesagt hatte, weil ihn das Thema faszinierte; und das sei auch jetzt noch so, erklärte Oster, der auch einmal als Radiomoderator gearbeitet habe.

    Den Paderborner Dogmatikprofessor und promovierten Physiker Dieter Hattrup stellte der Bischof zuerst vor. Hattrup selbst erzählte dann aus seiner Schulzeit, dass er über August Comte das Dreistadiengesetz gelernt habe, wonach geschichtlich zuerst die Religion kommt, danach die Philosophie und zuletzt die Wissenschaft, die die beiden ersten überflüssig mache; ob dies wirklich so sei, habe ihn damals beschäftigt. Doch so neutral, wie häufig behauptet werde, sei die Naturwissenschaft gar nicht. Hattrup sprach geradezu von einem mechanischen Zeitalter von 1543, dem Todesjahr Kopernikus', bis 1900, in der es keine Freiheit im naturwissenschaftlichen Denken gegeben habe. Newton habe die Gefahr gesehen und in seiner Theorie Gott eingreifen lassen, Leibniz hingegen, mit dem er im Streit lag, habe das nicht für nötig gehalten. Vor 100 Jahren, sagte Hattrup, als Zeitgenosse Darwins, wäre er wohl kaum Priester geworden. Die damalige Wissenschaft hätte den Atheismus nahegelegt. Als den klügsten Kopf des 18. Jahrhunderts bezeichnete Hattrup Kant, denn er habe seine Transzendentalphilosophie geschaffen, um nicht dem mechanischen Geist zu verfallen. Entscheidend sei für Hattrup, dass es zwar viel Kausalität in der Natur gebe, aber nicht die totale Kausalität, wie das 20. Jahrhundert festgestellt habe. Werner Heisenberg habe ihn eigentlich zum Theologen gemacht, denn der habe 1927 erklärt: ... so scheint durch die neuere Entwicklung der Atomphysik die Ungültigkeit oder jedenfalls die Gegenstandslosigkeit des Kausalgesetzes definitiv festgestellt.“ Die Frage sei also für Hattrup, ob der letzte Grund des Daseins ein Antlitz habe wie der Mensch.

    Der zweite Gesprächspartner war Professor Gerhard Börner, Astrophysiker in München Garching, der noch bei Heisenberg promoviert hatte. Auch für Börner ist die entscheidende Frage, ob die Naturwissenschaft Gott zulasse. Der Kosmos sei nun 13,8 Milliarden Jahre alt, aber das naturwissenschaftliche Weltbild klammere Entscheidendes aus: Die Gefühle, das Ich, den letzten Grund. Dabei könne die Physik nur endlich viele Experimente machen, aber es sei die persönliche Entscheidung, auf welche transzendenten Inhalte wir uns beziehen. Die Frage sei doch, ob es einen Regisseur gebe, der hinter allem stehe und es lenke. Da hakte Bischof Oster gleich nach und wollte wissen, ob die religiöse Erfahrung eine andere sei als die naturwissenschaftliche. Ja, völlig anders, meinte Börner, denn in der religiösen Erfahrung gebe es keine Experimente. Aber es sei doch festzuhalten, dass die Physik alles erklären wolle, aber doch zu den menschlichsten und persönlichsten Dingen keinen Zugang habe.

    Aber wie verhält es sich nun mit der Freiheit? Ist sie trotz der Determiniertheit der Natur denkbar? Für Hattrup ja, denn Freiheit sei nicht der Gegensatz zur Gesetzlichkeit, sondern vollziehe sich gerade in ihr. Und Börner fügte hinzu, Gott sei auf keinen fall ein Platzhalter für naturwissenschaftliche Erklärungslücken. Denn häufig werde ja gesagt, die Naturwissenschaft brauche noch etwas Zeit, dann werde sie alles erklärt haben. Aber genau das treffe nicht zu. So könne man zum Beispiel die allgemeine Verfallszeit von Atomen angeben, aber wann ein einzelnes Atom zerfalle, sei dem Zufall überlassen. Er wollte das auch nicht als Wirken Gottes erklären; das anzunehmen wäre zu armselig, sagte er lächelnd. Gott habe Wichtigeres zu tun, als sich um jedes einzelne Atom zu kümmern.

    Oster wollte von Hattrup wissen, warum noch kein Evolutionist gesagt habe, was in Zukunft passiere. Das könne der auch nicht, meinte Hattrup. Auch auf der Ebene der Genome gebe es viel Zufall, worin die Selektion wiederum eingreife. Die entscheidende Frage sei, woher Geistiges komme, und das könnten die Evolutionstheoretiker nicht erklären. Darum sei die Theorie Darwins auch nicht solch eine präzise Theorie wie die Physik, ergänzte Börner.

    Auch das Intelligent Design machte der Bischof zum Thema. Ist die Theorie überhaupt noch brauchbar? Hattrup erklärte, er könne das zwar glauben, aber er könne es nicht objektivieren. Der intelligente Designer, der besonders in Amerika mit Gott gleichgesetzt wird, soll etwa als Beweis für die Konstruktion des Auges herangezogen werden; denn das Auge sei so kompliziert, dass es nicht nacheinander in der Evolution entstanden sein könne. Seine einzelnen Teile müssten gleichzeitig geschaffen worden sein, heißt es. Aber das sei ein Gottesbeweis wie bei Newton, sagte Hattrup. Wie beim Beispiel des Auges gebe es eine naturwissenschaftliche Erklärungslücke und Gott werde hier eingesetzt, um die Theorie vollständig zu machen. Das hielt Hattrup aber für falsch: „Solche Lücken sind nicht schließbar.“ Es gebe den Zufall oder Freiheit in der Natur. Aber die Freiheit könne nicht objektiviert werden; vielmehr sieht sie Hattrup wie im Höhlengleichnis Platons im Rücken des Menschen; sie gehört nicht zur gegenständlichen Welt.

    Eine Höherentwicklung des Menschen gibt es nicht

    Seine These hierzu fasste er mit den Worten zusammen: „Freiheit könnte man als Schattenspiel von Zufall und Notwendigkeit und als Leben des Schöpfers und des Geschöpfes ansprechen.“ Börner hält den Umgang der Kreationisten in den Vereinigten Staaten mit der Evolutionstheorie für bedenklich.

    Die Urknall-Hypothese hielt Börner für interessanter. Wir sehen die Ausdehnungsbewegung der Zeit von innen heraus. Raum und Zeit seien Naturprodukte und würden in schwarzen Löchern verschwinden. Wenn das allerdings so wäre, müsste man kritisch nachfragen, ob es noch überzeitlich gültige Aussagen in Physik und Geometrie geben könne, wenn Raum und Zeit nur naturwissenschaftlich feststellbar wären. Hierüber hätte man gern mehr erfahren. Dieser Aspekt der Urknalltheorie scheint doch problematisch zu sein und ein Zuviel an Physik zu enthalten. Von den sogenannten Gottesteilchen hielt Börner sehr wenig. Er sieht in ihnen keine religiöse Bedeutung, vielmehr eine Mode aus Amerika.

    An Dieter Hattrup richtete Oster die Frage, ob eine höhere Entwicklung des Menschen möglich sei. Der bezog die Frage auf den Übermenschen Nietzsches und schloss solch eine Entwicklung aus. Das Wissen vom Tod kennzeichne den Menschen und dieses Wissen könne nicht mehr überboten werden. Zwar gebe es Kulturentwicklung, aber der Mensch sei bereits „die Krone der Schöpfung“, was Hattrup als Theologen auch sehr gut gefalle.

    Es war faszinierend zu sehen, wie leicht es Naturwissenschaftlern fiel, über Gott und die Schöpfung zu sprechen. Häufig scheuen sich jedoch Naturwissenschaftler, mit ähnlichen Ideen an die Öffentlichkeit zu treten. Hier wäre dringend ein outing angesagt.