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    Die Mütterrente: Vor allem die Grünen sind dafür

    Beliebter als in Medien und Parteien: Eine Frage der Gerechtigkeit unter den Generationen. Von Jürgen Liminski

    Kleines Mädchen in der Stadt
    Eine Mutter mit Kind in der Fußgängerzone Hannovers. Familienpolitische Themen sind vielen Wählern wichtiger als die Pol... Foto: Symbolbild: KNA

    Das ist überraschend: Eine repräsentative Umfrage hat ergeben, dass vor allem Wähler der Grünen für den Ausbau der Mütterrente eintreten. Bisher konnte man davon ausgehen, dass rote und grüne Wähler weniger für Familie und Ehe übrig haben als Unionswähler und dass ihnen die Gerechtigkeit für Familie und insbesondere Mütter weniger am Herzen liegt als den Unionswählern. Offensichtlich ist das ein Vorurteil. Denn der Ausbau der Mütterrente, so wie er in den Sondierungsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD vereinbart worden ist und vermutlich auch Eingang in das schwarz-rote Koalitionsprogramm finden wird, findet unter den Wählern von Bündnis 90/Die Grünen die größte Zustimmung. Das zeigte eine Blitzumfrage, die im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) von INSA Consulere zwei Tage nach dem Beschluss des SPD-Parteitages zur Aufnahme von Koalitionsverhandlungen durchgeführt worden ist. In dieser Umfrage wurde unter anderem die Zustimmung beziehungsweise Ablehnung zu einzelnen Vorhaben in der Rentenpolitik abgefragt. Das Ergebnis zur Mütterrente: 63 Prozent der Grünen-Wähler befürworten die Einführung eines dritten Rentenpunktes für vor 1992 geborene Kinder bei Frauen mit mindestens drei Kindern. Diese Verbesserung war durch die CSU in den Sondierungsverhandlungen durchgesetzt worden. Unter den CDU/CSU-Wählern stimmen mit 55 Prozent deutlich weniger Befragte für diesen Schritt, als bei den Anhängern von Grünen und auch weniger als bei der SPD (58 Prozent). Insgesamt befürwortet gut die Hälfte der Bürger (51 Prozent) die Erhöhung der Anrechnungszeiten für einen Teil der Mütter. Die geringste Zustimmung (43 Prozent) zu diesem Rentenprojekt der möglichen nächsten Großen Koalition und die mit Abstand größte Ablehnung (44 Prozent) ergab die Befragung unter den FDP-Wählern. Die AfD stimmt mit 53 Prozent dafür und mit 28 Prozent dagegen, bei der Linken ist das Verhältnis 51 : 27. Überdurchschnittlich hoch fällt auch die Zustimmung in den höheren Altersgruppen aus. Bei den 50- bis 59-Jährigen sind 59 Prozent, ab 60 Jahren 56 Prozent dafür. Das ist nicht verwunderlich. Schließlich betrifft die Veränderung nur ältere Frauen, da für Kinder, die ab 1992 geboren wurden, bereits drei Rentenpunkte angerechnet werden.

    Überraschend ist das Ergebnis auch aus zwei weiteren Umständen. Zum einen ist bei den Partnern der potenziellen Großen Koalition der Anteil an älteren Wählern höher als bei die Grünen, auch wenn deren Wähler langsam auch in die Jahre kommen. Das würde dafür sprechen, dass die Wähler von SPD und Union stärker für die Mütterrente votierten. Zum zweiten könnte man annehmen, dass die linksliberale, familienfeindliche Grundausrichtung der meisten Medien, vor allem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, und ihr Jugendwahn das Ansehen der Mütterrente in den Schatten stellen. Beides ist nicht der Fall. Zwar verhält sich die veröffentlichte Meinung eher skeptisch bis ablehnend zur Mütterrente und beruft sich dabei vorwiegend auf die Belastung der Jüngeren, die durch ihre Arbeit die Renten von heute erwirtschafteten. Zu dieser Erwerbsgeneration gehören auch die Journalisten selbst, die aber nicht in den Kategorien des Generationenvertrags denken – was wiederum nicht verwunderlich ist, 70 Prozent der Journalisten sind kinderlos –, sondern anderweitig und individuell für ihre Renten vorsorgen wollen. Solche Zeitgenossen fühlen sich durch die Mütterrente und überhaupt durch Rentenansprüche anderer in der Gestaltung ihrer künftigen Altersruhe eingeengt. Für die Mehrheit der grünen Wähler und der Wähler überhaupt aber spielen die Generationengerechtigkeit und der Generationenvertrag offenbar doch eine Rolle, trotz der negativen Berichterstattung über die Mütterrente. Man sieht, dass es die Mütter sind, die durch ihre Familienarbeit (das Bundesverfassungsgericht spricht von dem „generativen Beitrag“) das Umlage-Sozialsystem erst ermöglichen. Es ist eine Frage der Generationsgerechtigkeit. Und man sieht auch, dass eine Ungleichbehandlung durch einen Stichtag (1.1.1992) ungerecht ist und die Arbeit der Mütter, die vor diesem Stichtag geboren haben, diskriminiert. Diese Sichtweise ist erfreulich – und sollte den Parteifunktionären zu denken geben. Es zeigt, dass viele Politiker und Funktionäre in den Groko-Parteien und auch bei den Grünen zwar so denken wie der mediale Mainstream, aber nicht wie die Wähler.

    Die Akzeptanz der Mütterrente ist jedenfalls offenkundig. Ähnlich sieht es aus bei der Grundrente (zehn Prozent höher als der Grundsicherungsbedarf für Versicherte mit mindestens 35 Beitragsjahren und bei vorheriger Bedürftigkeitsprüfung). Auch hier stehen die Grünen-Wähler an der Spitze (81 Prozent, SPD: 74, Union: 65, FDP: 71, AfD: 63 Prozent) und könnte die Politiker vielleicht doch zu der Überlegung „verleiten“, dass den Wählern auch andere familienpolitische Themen wichtiger sind, als man in der politisch-medialen Blase Berlins vermutet. Und was die Glaubwürdigkeit dieser Umfragen angeht: Das Institut INSA – Consulere hat bei den Wahlen der letzten Jahre mit Abstand die treffsichersten Ergebnisse erzielt.

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