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    Die Moral mit Füßen treten

    Der größte Wettskandal im Fußball ist aufgeflogen. Der Sport sucht nach seiner Moral. Aber nicht allein der Sport, schaut man auf die Weltfinanzkrise. Warum also schaffen es die Menschen nicht, aus moralischen Desastern zu lernen?

    „Wir sind nicht besser als die Gesellschaft. Eine heile Welt werden wir nie erleben.“ Theo Zwanziger weiß, wovon er spricht. Erst musste der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vergangene Woche Nationaltorhüter Robert Enke, der Suizid begangen hatte, mit zu Grabe tragen. In seiner Trauerrede mahnte er deshalb die Verantwortlichen im Leistungssport und die Konsumenten des professionellen Sports, also die Zuschauer, mit den Schwächen der jungen Sportler um- und nachsichtiger zu sein, dem Sport als großem Geschäft nicht alles unterzuordnen. Die gesamte Fußballwelt nickte dazu und heroisierte hie und da in einer überschwappenden Besinnlichkeitseuphorie wie zu Zeiten Lady Dianas den tragischen Tod des depressiv erkrankten Robert Enke so sehr, dass es fast schon unangenehm war – um an diesem Wochenende wieder den Kopf von Bayerns Trainer Louis van Gaal wegen Erfolglosigkeit zu fordern, oder den Hannoveraner Stürmer Jiri Stajner als unprofessionell zu schelten, weil er im Strafraum im Spiel gegen Schalke 04, das mit 0:2 verloren wurde, in der 37. Minuten keine Elfmeter geschunden hatte. „Stajner fair – und erfolglos“ titelte das Fußballfachmagazin „Kicker“ am gestrigen Montag.

    Da passt es ganz gut, dass der französische Weltklasse-Stürmer Thierry Henry in der vergangenen Woche sich den Ball im Strafraum bewusst mit der Hand vorlegte, sodass er ihn zu einem Mitspieler spitzeln konnte, der ihn dann im Tor der Iren unterbrachte – was das 1:1 in diesem Spiel bedeutete, Frankreich die Teilnahme an der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Südafrika bescherte, und damit die Iren um deren Teilnahme betrog. „Das Ende der Romantik“, kommentierte das gleiche Fachmagazin „Kicker“ gestern, das zuvor Hannovers Jiri Stajner nicht lobend für dessen Fair-Play zur Seite springen wollte. Etwas gelernt?

    Dann ereilte Theo Zwanziger an diesem Wochenende die Nachricht vom vermutlich größten weltweiten Wettbetrugsskandal im Fußball, in den auch deutsche Vereine und Spieler verwickelt sind. Von 200 Spielen, bei denen es laut Staatsanwaltschaft Bochum nicht mit rechten Dingen zugegangen sein soll, sollen 32 Spiele in der zweiten, dritten und den vierten Ligen hierzulande betroffen sein. Weltweit sollen durch zuvor gekaufte Spiele rund zehn Millionen Euro bei Sportwetten ergaunert worden sein. 15 Haftbefehle ergingen bisher gegen Hauptverdächtige in Deutschland, von mehr als 200 Tatverdächtigen spricht das Fußballfachmagazin „Kicker“ wiederum am gestrigen Montag – und von einer „tiefen Glaubwürdigkeitskrise“ des Fußballs. Da werden Erinnerungen wach. Denn schon im Jahre 2005 war der deutsche Fußball von einem Wettskandal heimgesucht worden. Damals arbeitete der Schiedsrichter Robert Hoyzer mit der Wettmafia zusammen und pfiff Spiele so, dass genau die Ergebnisse zustandekamen, auf die die Wettbetrüger, die ihn schmierten, gesetzt hatten. Etwas gelernt?

    „Wir sind nicht besser als die Gesellschaft. Eine heile Welt werden wir nie erleben.“ Aus den Worten Theo Zwanzigers spricht Ernüchterung. Unausgesprochen schwingt in dieser Resignation denn auch mit: Die Funktionäre des Fußballs müssen vor diesen beiden jüngsten Wochen in ihrem Innersten davon überzeugt gewesen sein, dass der Fußball eben doch ein wenig mehr heil ist als die übrige Welt, dass im Fußball noch gilt, was im „richtigen Leben“ von den Menschen so schmerzlich vermisst wird – Kameradschaft und Fairness, Aufrichtigkeit und Anstand. Diese Ernüchterung muss für einen Mann wie Theo Zwanziger hart sein, der so sehr bisher für einen Profisport mit menschlichem Antlitz gekämpft hatte, die Vergangenheit des DFB während des Nationalsozialismus aufklären ließ, die Jugendförderung entscheidend stärkte, dem Frauenfußball mit zum Durchbruch verhalf sowie zu jeder Gelegenheit und an jedem Ort den Vorbild- und Bildungsauftrag des Sports betonte.

    Doch nicht allein der Fußball. Eine andere Parallele drängt sich hier auf. Auch die aktuelle Weltfinanzkrise nahm ihren Ausgang damit, dass einzelne Betrüger das Ethos des ehrbaren Kaufmanns für überholt hielten, und – unter anderem auch nach dem Prinzip des Wettens und mithilfe von Insidergeschäften wie jetzt beim Fußballskandal – neue Finanzprodukte schufen, mit deren Hilfe sie auf kriminelle Art Geld scheffeln konnten. Als alles aufflog, entrüsteten sich die Menschen ebenso. Es wurde viel geredet über Gier in der Ökonomie, die nur wieder mit einer moralischen Besinnung in den Griff zu bekommen ist. Was aber ist passiert? Die Institutionen, die neue Regelungen einführen wollen, tun sich sehr schwer damit, und das Geschäft auf dem internationalen Finanzmarkt geht so weiter wie zuvor. Einzelne Ökonomen warnen vor einer neuen, wesentlich gefährlicheren Finanzkrise, weil die Menschen nicht aus der aktuellen gelernt hat.

    Also erhebt sich die Frage: Warum können Menschen heute aus moralischen Katastrophen einfach nichts lernen, wo doch die Menschheit über ein ethisches Reflexionsniveau, ein aufgeklärtes Denken und ein Wissen in Soziologie, Psychologie und den Naturwissenschaften über das Verhalten des Menschen verfügt wie in keiner Zeit zuvor?

    Papst Benedikt XVI. hat in seiner neuen Sozialenzyklika, in der er auch auf die aktuelle Finanzkrise reagiert hat, die Individualethik und die Gottesfrage an den Anfang gesetzt. Wenn jeder Mensch sich vor einer Instanz zu verantworten weiß, die jenseits aller menschlichen Bedingtheiten und Schwächen für Verhaltensmaßstäbe bürgt, die verbindlich sind und ein gutes Zusammenleben ermöglichen – also Gott –, und wenn der Mensch diese Verantwortung als den eigenen, persönlichen Auftrag akzeptiert, gemäß diesen Maßstäben leben zu wollen, dann können Menschen aus Katastrophen moralisch lernen, sagt Papst Benedikt XVI. Dieses Konzept aber ist nicht von allen Sozialethikern und Moralphilosophen begrüßt worden. Sie glauben nicht, dass die Welt mehr heil wird, wenn jeder einzelne versucht, zunächst bei sich selbst damit anzusetzen, moralisch zu leben, weil er sich vor einer anderen Instanz als den Menschen selbst verantwortlich fühlt. Sie setzen höhere Hoffnung in institutionelle und strukturelle Veränderungen, die zuerst in den Blick genommen werden müssten. Sie setzen auf konkrete politische Interventionen und neue Regelwerke, die den Menschen gleichsam dazu zwingen, moralisch zu handeln. Für Papst Benedikt XVI. wird eine Gesellschaft dann moralischer, wenn jeder einzelne Mensch moralisch sein will. Für die Strukturethiker hat das persönliche Gutseinwollen nachgeordneten Charakter, für sie ist die Moral nicht der Appell an Tugend und Charakter, sondern eine Funktion, die durch Institutionen das soziale Zusammenleben ermöglicht, weil das Befolgen der Regeln dieser Institutionen bei der Berechnung von Kosten und Nutzen des Regelbruchs mittel- und langfristig eher opportun erscheint. Aufgrund solcher rationalen Kalküle könnten moralische Katastrophen wie Doping, Wettbetrug oder das Ausnutzen des Finanzsystems minimiert werden – es müssten nur die entsprechende Anreize, die ein Fehlverhalten begünstigen, institutionell repariert werden.

    Es gibt ein traditionelles, ein moralisches und ein rechtliches Sollen. Letzteres ist der Kern der Ethik derjenigen, die glauben, dass nur Institutionen und Strukturen das Verhalten der Menschen steuern. Der Fokus ist in den vergangenen Jahren aber zu wenig auf das traditionelle und moralische Sollen gelegen. Das Personale, das moralisches Verhalten steuert und darin zum Ausdruck kommt, sollte wieder mehr in den Vordergrund treten beim Nachdenken darüber, wie moralische gesellschaftliche Katastrophen in den Griff zu bekommen sind. Das Sollen in unserer Gesellschaft ist schon zu sehr entpersonalisiert und anonymisiert worden, sodass sich Wettbetrüger, Dopingnutzer oder Finanzhaie gar nicht mehr persönlich verantwortlich fühlen für ihr Tun.

    Von Johannes Seibel