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    Die Moderne ist ein haltloser Abgrund

    Was tun, wenn das Smartphone anfängt, falsche Angeben zu machen? Der Nutzer führt ein Reset durch: alles zurück auf Null. Das will auch die Ausstellung „Reset Modernity!“. Das Ende der Moderne herbeiführen, das Ende der Alternativlosigkeit, heißt es im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe.

    Die Moderne als verhängnisvolle Fehlentwicklung, die auf Mensch und Natur zerstörerisch wirkt: Verstrahlte Erde im verst... Foto: ZKM

    Was tun, wenn das Smartphone anfängt, falsche Angeben zu machen? Der Nutzer führt ein Reset durch: alles zurück auf Null. Das will auch die Ausstellung „Reset Modernity!“. Das Ende der Moderne herbeiführen, das Ende der Alternativlosigkeit, heißt es im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe.

    Die globale Welt ist in aller Munde, aber wer hat einen globalen Standpunkt? Der Wille zum Zusammenwachsenlassen immer komplexerer Strukturen kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, in denen es nur dezentrale Orte, aber kein Zentrum mehr gibt, wie es die Postmoderne wollte. Edmund Husserl sprach bereits 1936 von der Krisis der europäischen Wissenschaften wegen der Unüberschaubarkeit des Wissens – um wieviel mehr ist dann die globalisierte Welt in der Krise? Nicht nur wegen des Wissens, wie Ausstellungsmacher Bruno Latour betont, Soziologe und Philosoph an der Hochschule Sciences Po Paris. Sondern wegen der Strukturen der Moderne wie Subjekt und Objekt, Wissenschaft und Natur oder Mensch und Nicht-Mensch, die nicht mehr zutreffen. Die Ausstellung will zeigen, was in der Moderne schiefgelaufen ist und macht Vorschläge zur Änderung. Als Gedankenexperiment, wie es ausdrücklich heißt, denn nicht jedem erschließe sich das Problem gleichermaßen.

    Bevor Smartphones auf Reset gestellt werden konnten, geschah das meistens mit Uhren oder Weckern. Als die mechanischen Uhren erfunden wurden, hielt man das Gehirn in seiner Funktionsweise für ein Uhrwerk. Heute, in der digitalen Welt, glauben Wissenschaftler, die Intelligenz des Gehirns können auf die Arbeitsweise eines Computers reduziert werden. Immer ist es die Engführung der Erkenntnis, von der man sich mit heutigen Mitteln doch gerade befreien können müsste. Wenn aber Körper und Geist „Uhrwerke“ seien, dann müsse dringend ein Reset durchgeführt werden: die Befreiung von Stress und Giften.

    Die Frage stellt sich jedoch, wo wir in der globalen unübersichtlichen Welt überhaupt stehen, um solch ein Reset durchführen zu können. Das Bild von Caspar David Friedrich, „Abend an der Elbe“ (1832), zeigt eher eine hoffnungslose Perspektive. Es gibt hier keine Krümmung des Horizonts, Himmel und Erde sind durch eine gerade Linie getrennt. Die Elblandschaft ist matschig-morastig und teils überschwemmt, ein fester Grund scheint hier nicht möglich zu sein. Es gibt keinen Ort, an dem der Betrachter stehen könnte. So scheint es beinahe auch in der Ausstellung zu sein. Es hängen nicht einfach Bilder an den Wänden des Museums, die wie sonst Orientierung geben, sondern sie stehen teils mitten im Raum, auch quer zueinander, so dass man überall beginnen kann, vorwärts oder rückwärts.

    „Die moderne Tradition“, heißt es im „Field Book“ zur Ausstellung, „beharrt darauf, dass ein realer Unterschied zwischen BetrachterIn und Szenerie besteht – dies bedingt die Vorstellung, die materielle Welt sei eine äußere Welt. Dieses Szenario ist jedoch alles andere als ,natürlich‘; es handelt sich lediglich um eine Methode der Inszenierung der Beziehung zwischen jemandem, der die betrachtende Rolle einnehmen soll, und etwas, dem man die Rolle des zu Betrachtenden zuweist.“ So hätten wir gegenüber der Malerei nur die Rolle eines betrachtenden Subjekts zu spielen. Bei einem Reset müssten wir darauf achten, wie diese Inszenierung von Subjektivität entsteht und einmal versuchen, uns innerhalb der Welt aufzuhalten. In diesem Sinne hat der Fotograf Thomas Struth auf seinen Fotografien Museumsbesucher vor Gemälden festhalten. In Karlsruhe ist sein Foto „Museé des Louvre IV“ (Paris 1989) mit dem Gemälde Théodore Géricaults „Das Floß der Medusa“ (1818/19) zu sehen, auf dem Verhungernde nicht vor Kannibalismus zurückschreckten. Die Besucher stehen auf dem Foto wie unbeteiligt vor dem Gemälde, vergleichbar den Gefangenen in Platons Höhlengleichnis, wo Gefesselte den Schatten realer Gegenstände gegenübersitzen. In solchen Anordnungen sehen die Ausstellungsmacher auch ein großes Paradox der europäischen Philosophie, bei der es zwischen Subjekt und Objekt nicht ein wirkliches „von Angesicht zu Angesicht“ gebe. Aber war nicht der konkrete Gegensatz von Subjekt und Objekt immer schon eingebettet in eine viel umfassendere Weltsicht, die nicht erst durch das „In-der-Welt-Sein“ der Sprachphilosophie oder bei Martin Heidegger aufkam? Und hatte nicht Kant bereits zu Beginn seiner „Kritik der reinen Vernunft“ vom „Skandal der Außenwelt“ gesprochen, den es immer noch gebe?

    Auffällig sind in der Ausstellung die Ausschnitte religiöser Filme auf großen Leinwänden. Neben dem Film „Das erste Evangelium – Matthäus“ (1964) von Paolo Pasolini läuft auch der Film „Apocalypse Now“ (1979) von Coppola. Religion und Politik werden gegenübergestellt, der Gegensatz findet aber auch innerhalb der Filme statt. Im Katalog wird der Gegensatz mit der Gegenüberstellung von privat und öffentlich und der Trennung von Kirche und Staat diskutiert. Es seien meistens Christen, die die Trennung von Staat und Kirche akzeptierten, heißt es im Katalog. Diese Frage der Trennung sei nach den blutigen religiösen Auseinandersetzungen des 16. und 17. Jahrhunderts entschieden worden, wodurch es für Christen nun angenehm sei, ihren Glauben privat zu leben und in dem „öffentlichen Raum im Staat, in der Nation, in der Republik eine weitere Version ihres kollektiven Ideals zu erkennen“. Aber wer sagt, der Glaube sei nur Privatsache? Die Kirche jedenfalls macht immer wieder deutlich, der Glaube sei nicht einfach privat, sie fordert zum sich einmischen auf.

    Die Filme, die unter dem Stichwort „Endlich weltlich“ gezeigt werden, sollen zeigen, wie schwer es ist, die „Kräfte der Religion – oder der Politik – zu bändigen“. Da ist in einer Filmsequenz der Dialog der Richter mit der heiligen Johanna von Orléans zu sehen, die juristischen Manöver ihrer Ankläger und Johannas Erfahrung von Würde und Glaube. Neben diesem Film von Robert Bresson spielt „The destiny“ (1997) von Youssef Chahine in einer mittelalterlichen Stadt in Westeuropa, die unter der Macht muslimischer Führer stand, und wo unzählige Bücher in Anwesenheit des Philosophen Averroës verbrannt werden, auch dessen eigene. Doch was hat das alles mit der Idee des Reset zu tun? Ein Hinweis lässt sich im Katalog finden, wo es über die Übungen des Ignatius von Loyola heißt, er habe ein Reset der Seele durchführen wollen. Das sollen wohl auch die Filme vermitteln, die auf den gemeinsamen Ursprung von „Würde, Glaube und Unbeugsamkeit“ aufmerksam machen wollen.

    Besonderes Augenmerk legt Ausstellungsmacher Bruno Latour auf das Thema „Verantwortung teilen: Abschied vom Erhabenen“. Das 18. Jahrhundert lebte in der Erfahrung, die Naturgewalten seien stärker als der menschliche Intellekt, wodurch sich ein Gefühl des Erhabenen einstellte. Kants Ästhetik des Erhabenen ist ein Ausdruck hiervon. Im 21. Jahrhundert ist die Macht der Natur relativiert worden – „der Mensch ist selbst zu einer geologischen Gewalt geworden“, heißt es in Karlsruhe. Denn in der neuen Verbindung zwischen Mensch und Natur gibt es keinen neutralen Ort der Betrachtung mehr. Man kann die Natur nicht länger als erhaben erfahren, wenn man für sie verantwortlich ist. Wie sollte aber eine Moral aussehen, die der Verantwortung für die Natur gerecht wird. Eindrucksvoll sind die Bilder aus dem 18. und 19. Jahrhundert mit Motiven gewaltiger Naturkatastrophen und Menschen, die in ihrer Winzigkeit kaum auszumachen sind. In ähnlicher Weise ist die Installation „Das ganze Denkmal ist eine Quarantäne“ (2012/4) von Fabian Gircaud konzipiert. In einem düsteren Wald in der japanischen Präfektur Fukushima sind Scheinwerfer auf einen kleinen Erdhaufen gerichtet, der auf weißem Papier aufgeschichtet ist. Die Erde ist also radioaktiv, was auf die gefährliche Verbindung von Tsunami, atomarer Strahlung und einem verseuchten Gebiet hinweisen soll – eine Verbindung, die durch menschliches Handeln sowie durch die Natur verursacht wurde. Passend zu diesen Herausforderungen zum Reset liegt als Bestandteil der Ausstellung das Buch „Die Rache der Gaia“ von James Lovelock – die Rache der antiken Erdgöttin – auf einem Büchertisch aus. Nahe dabei liegt auch „Laudato Si“ von Papst Franziskus, als weiterer Aufruf, das menschliche Handeln neu zu bedenken.

    „Reset Modernity!“ bedient sich immer wieder der zentralen Metaphern Kompass und Globus. Der Kompass, der zur Orientierung dienen soll, versagt immer mehr und damit fehlt auch eine souveräne Sicht auf den Globus, auf den wir nicht mehr wie neutrale Beobachter von oben blicken können. Das „Gedankenexperiment“, das im ZKM mit seinen vielen Interpretationsanstößen anregen will, erinnert jedoch gerade daran, was die Moderne bieten wollte: möglichst viele Möglichkeiten. Wenn mit so viel Anstrengung ein Reset durchgeführt werden soll, stellt sich die Frage, nach welchem Maßstab man vorgehen soll. Das ist jedoch mit einem vagen „von Angesicht zu Angesicht“ zwischen Mensch und Natur nicht so leicht zu bewältigen. Dazu müsste eine grundlegend neue Auffassung von Natur gedacht werden, was auch eine völlige Revision der Naturwissenschaften mit sich bringen würde. Die gefällige Vorstellung von einem Zen-Garten als Vorbild einer künftigen Wissenschaftskultur, in der Mensch und Natur verschmelzen, wäre sicher keine Lösung. Dass der kulturbildenden Kraft der Religion in der Ausstellung so wenig Bedeutung zugemessen wird, ist allerdings bezeichnend.

    Reset Modernity! Bis 21.8.2016, ZKM, Karlsruhe, Lichthof 8