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    Die Mehrheit junger Polen will kirchlich heiraten

    Umfragen sind stets mit Vorsicht zu genießen: Oft dienen sie nicht der objektiven Ermittlung von Tatsachen, sondern der Steuerung von Trends. Manchmal geschieht aber auch das Gegenteil, nämlich, dass Umfragen eine Wirklichkeit offenbaren, die der gefühlten Wirklichkeit widerspricht und sämtliche Trend-Strategien als bloßen Humbug entlarvt. Eine solche Umfrage ist zweifellos die Anfang März von GFK-Polonia im Auftrag der großen polnischen Tageszeitung „Rzeczpospolita“ durchgeführte Befragung junger Polen im Alter von 18 bis 26 Jahren.

    Umfragen sind stets mit Vorsicht zu genießen: Oft dienen sie nicht der objektiven Ermittlung von Tatsachen, sondern der Steuerung von Trends. Manchmal geschieht aber auch das Gegenteil, nämlich, dass Umfragen eine Wirklichkeit offenbaren, die der gefühlten Wirklichkeit widerspricht und sämtliche Trend-Strategien als bloßen Humbug entlarvt. Eine solche Umfrage ist zweifellos die Anfang März von GFK-Polonia im Auftrag der großen polnischen Tageszeitung „Rzeczpospolita“ durchgeführte Befragung junger Polen im Alter von 18 bis 26 Jahren.

    Das Ergebnis: 80 Prozent der Befragten denken, dass die Ehe in der Gesellschaft und in ihrem persönlichen Leben eine große Bedeutung hat. Von diesen 80 Prozent glauben 82 Prozent, dass eine kirchliche Hochzeit notwendig ist und wichtiger als die staatliche Hochzeit sei. 80 Prozent sagen auch, dass sie Kinder wollen. Am liebsten zwei.

    Was in anderen Ländern wie ein märchenhaftes Ergebnis aufgefasst werden würde, ist auch im katholischen Polen keineswegs mehr selbstverständlich. Immerhin ergab eine Umfrage derselben Zeitung vor einem Jahr zum Thema Vorbilder, dass die jungen Leute Polens ihre Lebensmodelle weitestgehend von TV-Moderatoren und Entertainern ableiten. Nur eine Minderheit votierte für traditionelle Vorbilder wie zum Beispiel den Papst oder Persönlichkeiten der polnischen Geschichte.

    Was die Einstellung zu Familie und Ehe betrifft, offenbaren sich die jungen Polen dagegen als konservativ, traditionell – und stabil. Schon im Jahre 2004/2005 ergab eine von dem an der katholischen Universität in Lublin lehrenden Soziologen und Franziskanerpater, Professor Leon Dyczewski ein nahezu identisches Ergebnis: Ehe und die Familie sind in den Augen der jungen polnischen Generation die wichtigsten Werte für ein glückliches Leben.

    Dies bestätigt auch Michal Sutryk, ein Student der Warschauer Universität, der bald sein Studium beenden und seine Freundin heiraten wird: „Die Zeremonie in der Kirche, das Versprechen der Liebe in Gegenwart der Familie, das kann nicht ersetzt werden durch das Unterschreiben von ein paar Papieren auf einem Amt.“

    Dazu P. Leon Dyczewski: „Die aktuelle Umfrage zeigt, dass die Familie für die jungen Leute nach wie vor der Hauptwert ist. Die Sehnsucht nach Familie ist so weit verbreitet, dass man von einer anthropologischen Konstante reden kann. Sie ist tief grundiert im menschlichen Bedürfnis.“ Außerdem, so P. Leon Dyczewski, zeige die Umfrage auch, dass religiöse Motive eng mit dem Wunsch verbunden seien, eine Familie zu gründen. „Die Menschen zeigen ihre Religiosität in wichtigen Momenten ihres Lebens wie Hochzeit, Geburt oder Tod.“ Was Leon Dyczewski bei der aktuellen Umfrage jedoch als bedenklich einstuft: 94 Prozent der Ehebefürworter glauben, dass eine Scheidung prinzipiell auch möglich sein sollte und ist. Beispielsweise, wenn Gewalt, Untreue oder Suchtverhalten bei einem Partner auftritt.

    Für Dyczewski ist ein solches „Optionsdenken“ ein Zeichen von „mangelndem Selbstvertrauen“. Zu sich selbst und zum Partner. Man kalkuliere – wie im kommerziellen Kontext – mit Rückgaberecht und Versicherungschancen.

    Interessant ist die „Rzeczpospolita“ aber auch aus einem anderen Grund. Die polnische Regierung hat ein neues Gesetz über Erziehung zur Abstimmung im polnischen Parlament vorgelegt, über das bald abgestimmt werden soll. Darin finden sich neue pädagogische Richtlinien, die es Eltern nicht nur verbieten, physische Gewalt gegenüber ihren Kindern auszuüben, auch „psychische Gewalt“ wird in Zukunft ein Tatbestand, der zum Beispiel bei zuviel Hausaufgabendruck vorliegt. Kirchenvertreter und traditionelle Erzieher haben nun die Sorge, dass durch das neue Gesetz, sollte es beschlossen werden, die Autorität der Eltern immer mehr an Sozialarbeiter delegiert wird.

    Diese und andere Gefahren sieht auch Dyszewski: „Eine polnische Regierung nach der anderen glaubt, dass die Familie nur eine Privatangelegenheit sei. Der Mangel an guter Familienpolitik hat uns dahin geführt, dass wir mittlerweile eine sehr niedrige Geburtenrate haben. Das wird eines Tages von einem sozialen Problem zu einem ökonomischen werden. Es wird zu wenig Beschäftigte geben und zu wenig Steuerzahler.“

    Vielleicht, so könnte man raten, sollten die polnischen Politiker sich mehr an den Sehnsüchten und Idealen junger Menschen orientieren – und diese fördern. Dagegen hätte auch Michal Sutryk, der genauso wie seine Freundin schon eine konkrete Kirche zum Heiraten, aber keine konkrete Arbeitsstelle vor Augen hat, nichts einzuwenden.

    Von Stefan Meetschen