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    Die Kulturnation lebt durch Frömmigkeit

    Wer Homers „Ilias“ in seiner Jugend las, wird niemals vergessen, mit welch großartigem Pomp Achill den Tod seines vor Troias Toren gefallenen Freundes Patroklos feiert: Nach dem Totenmahl wird ein Scheiterhaufen errichtet. Achill legt dem toten Gefährten eine Haarlocke in die Hand, opfert Schafe, Rinder, Honig, Salböl, vier Pferde, zwei seiner neun Tischhunde und zwölf junge Troianer. Der Scheiterhaufen brennt die ganze Nacht. Am nächsten Tag richtet Achill rund um den frisch errichteten Grabhügel zu Patroklos Ehren in den Sportarten Wagenrennen, Faustkampf, Ringkampf, Wettlauf, Diskuswerfen, Bogenschießen und Speerwerfen Leichenspiele aus. Die Siegespreise werden von ihm selbst vergeben.

    Kopf der Athena, Keramik aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, gefunden im Stadion in Olympia. Foto: Mavrommatis

    Wer Homers „Ilias“ in seiner Jugend las, wird niemals vergessen, mit welch großartigem Pomp Achill den Tod seines vor Troias Toren gefallenen Freundes Patroklos feiert: Nach dem Totenmahl wird ein Scheiterhaufen errichtet. Achill legt dem toten Gefährten eine Haarlocke in die Hand, opfert Schafe, Rinder, Honig, Salböl, vier Pferde, zwei seiner neun Tischhunde und zwölf junge Troianer. Der Scheiterhaufen brennt die ganze Nacht. Am nächsten Tag richtet Achill rund um den frisch errichteten Grabhügel zu Patroklos Ehren in den Sportarten Wagenrennen, Faustkampf, Ringkampf, Wettlauf, Diskuswerfen, Bogenschießen und Speerwerfen Leichenspiele aus. Die Siegespreise werden von ihm selbst vergeben.

    Ziemlich genau so wie von Homer beschrieben wird man sich wohl auch jene Spiele vorstellen müssen, die in Olympia auf der Halbinsel Peleponnes von etwa 776 vor bis 385 nach Christi Geburt alle vier Jahre von der gesamten hellenischen Welt großartig zelebriert worden sind – allerdings nicht für einen homerischen Helden – auch wenn die Wettkämpfer einem Achill vermutlich nacheifern wollten – sondern für Gottvater Zeus höchstpersönlich. Denn nur er allein, der anerkannt höchste aller olympischen Gottheiten, der blitzeschleudernde Kriegs- und Wettergott, besaß soviel Prestige, um die zerstrittenen, beinahe unaufhörlich in Grenzhändel und Bruderkriege verwickelten griechischen Stämme dazu zu bringen, zumindest für die kurze Spanne des olympischen Friedens die Waffen niederzulegen.

    Alles was wir heute über den Zeuskult Olympias wissen, verdanken wir historischen Überlieferungen und – nicht zuletzt – dem Fleiß moderner Archäologen. Im Berliner Martin-Gropius-Bau dieser Tage hat sich nun die inzwischen fast einhundertfünfzigjährige Hand- und Kopfarbeit der archäologischen Gelehrtenzunft in einer großen Übersichtsschau materialisiert. „Mythos Olympia. Kult und Spiele“ nennt sich die und ist eine Initiative der Griechischen Kulturstiftung Berlin und des Griechischen Kulturministeriums. Gemeinsam mit dem Deutschen Archäologischen Institut, der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin und den Berliner Festspielen werden über 500 wertvolle Artefakte aus Griechenland präsentiert. Wichtige Objekte aus dem Vatikan (von dort kommt eine anmutige marmorne Wettläuferin aus dem 1. Jahrhundert vor Christus), aus Paris, Rom, Dresden und München ergänzen das Panorama.

    Noch vor dem dreigeteilten Rundgang, auf dem Herkunft und Zweck wertvoller Grabungsfunde, die antiken Olympischen Spiele und die Ausgrabungsgeschichte selbst das Thema sind, präsentiert der raumgreifende Lichthof in Abgusskopien die beiden Giebel des großen Zeustempels, dessen Bildwerke schon in der Antike hochgerühmt waren.

    Im skulpturengeschmückten Zeustempel aus klassischer Zeit wurde 471, mithin nach dem Sieg 480 gegen die Perser, eine zwölf Meter hohe Statue ganz aus Gold und Elfenbein errichtet, die den Titanen besiegenden Sohn der Rheia, den Gemahl der Metis, Themis und Hera, den Vater der Athene, der Chariten, der Persephone, der neun Musen, des Apollon, der Artemis, des Hermes, des Ares, der Hebe und der Eilei-thyia zeigte.

    Erhalten ist von dieser zu den antiken sieben Weltwundern zählenden Figur buchstäblich nichts. Welche religiösen Ekstasen allein der Anblick des thronenden Gottes in den Menschen seinerzeit auslöste und wie ungeheuer die emotionalen Schauder gewesen sein müssen, wenn Blut und Brüllen der einhundert Opferstiere den heiligen Hain erfüllte, wird in der Berliner Ausstellung leider nicht thematisiert.

    Zwar trägt sie das Wort „Mythos“ im Titel, aber während die zweifellos beachtlichen Leistungen vor allem deutscher und französischer Archäologengenerationen akribisch genau und ästhetisch überzeugend vermittelt werden, wird die Ausstellung gerade der mythischen Dimension der antiken Olympischen Spiele nicht gerecht.

    Intellektuelle Ursachen dafür mag es viele geben. Eine davon wird mit Sicherheit der Ästhetisierungskult der Archäologie selbst sein, die sich wie ihre naturwissenschaftlichen Schwestern in summa dem Positivismus verpflichtet fühlt.

    Der Götterglaube der antiken Griechen wird deshalb meist in eine mit dem Etikett „Naivität“ versehene Schublade getan. Was vermessen zu nennen noch eine sehr milde Form des Tadels ist.

    Aber die Entscheidung der Ausstellungsverantwortlichen, den gottesdienstlichen Kern der Olympischen Spiele ins harmlos Aseptische zu entsorgen, verwundert schlussendlich deswegen nicht, weil sie damit einer „modernen Aufklärungslinie“ folgen, deren transzendenzloser Relativismus sich selbst in eitler Hybris für den Gipfel des Menschenmöglichen hält.

    Wenn Goethe die Essenz seiner „Iphigenie auf Tauris“ in der Zeile zusammenfasst „Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit“, so hat er damit, wie es ein Gerhard Nebel auf den Punkt brachte, „das am wenigsten christliche, aber auch das am wenigsten mythische Wort (gesagt), das je geäußert wurde“. Denn während die antike Welt vom gottgewollt schuldlos schuldigen Menschen ausgeht und das jüdisch-christliche Denken vom Sündenfall Adams, so wird der goethesche Humanismus vom Glauben an die Möglichkeit der menschlichen Selbsterlösung gespeist.

    Wie weit die säkulare Aufklärung damit gekommen ist, hat uns das zwanzigste Jahrhundert mit seinen nationalen und internationalen sozialistischen Barbareien grausam vor Augen geführt. Im schroffen Gegensatz dazu fanden die Griechen zu dem, was wir heute eine Kulturnation nennen, nur über den Weg der kultischen Einheit, allein über die in Olympia gepflegte spezifische Frömmigkeit. Dieser Umstand möge all jenen zu denken geben, die heute Europas Einheit anstreben.

    „Mythos Olympia – Kult und Spiele“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin. Geöffnet bis bis 7. Januar 2013.