• aktualisiert:

    Die Klonkrieger schlagen zurück

    Die Gentechnik steuert auf den Showdown zwischen den Pionieren der IPS-Technologie und

    den Befürwortern des Klonens menschlicher Embryonen zu. Schienen Letztere zuletzt, weit

    abgeschlagen vom wissenschaftlichen Mainstream, schon auf verlorenem Posten zu stehen,

    so können sie nun wieder einen strategischen Vorteil verbuchen: Eine Fortpflanzungsklinik, mit einem Vorrat

    von tausenden Eizellen und der Lizenz zu klonen sowie ein Patent, dass das australische Patentamt demnächst

    wohl niemand Geringerem als dem der Fälschung überführten Veterinärmediziner Hwang Woo Suk gewähren wird.

    Bis vor kurzem sah es so aus, als würde sich der Alptraum vom Klonen des Menschen möglicherweise bald selbst erledigen. Die einstige Klonschmiede „Advanced Cell Technology“ (ACT) scheint von massiven finanziellen Problemen geplagt zu werden. Beinahe im Wochentakt schrumpft die Belegschaft, schließt das Unternehmen Niederlassung um Niederlassung.

    Seit geraumer Zeit entkernt auch Miodrag Stojkovic am Centro de Investigación Príncipe Felipe in Valencia Tag um Tag menschliche Eizellen und versucht, aus menschlichen Körperzellen isolierten Zellkerne in ihr Zytoplasma zu übertragen. Handwerklich gekonnt, aber ohne den erwünschten „Erfolg“. Denn was der Serbe mit dem deutschem Pass und den ruhigen Händen auch immer anstellt, noch nie überlebte einer der so geklonten menschlichen Embryonen lange genug, um auch die erstrebten embryonalen Stammzellen ausbilden zu können.

    In den begehrten embryonalen Zustand zurückverwandelt

    Dabei verfügt Stojkovic am staatlichen Forschungszentrum Valencia über Rahmenbedingungen, um die ihn vieler seiner Kollegen beneiden. Seit Mitte des vergangenen Jahres ist in Spanien ein Gesetz in Kraft, das Wissenschaftlern wie Stojkovic das Klonen menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken ermöglicht. Damit nicht genug: Um die Forscher mit ausreichend Eizellen zu versorgen, können Frauen in Spanien seit gut einem Jahr ihre überzähligen Eizellen, die für eine künstliche Befruchtung nicht benötigt werden, auch gleich der Forschung „spenden“. In Großbritannien, das als erstes Land in Europa das Klonen zu Forschungszwecken gestattete, sind Eizellen dagegen inzwischen zur absoluten Mangelware avanciert. Um hier Abhilfe zu schaffen, hat das britische Parlament im Mai diesen Jahres ein Gesetz verabschiedet, dass es Forschern auf der Insel erlaubt, menschliche DNA statt in entkernte menschliche Eizellen in die von Rindern einzubringen. Mehr als 270 – fälschlicherweise Chimären genannte – Klone haben Forscher um Lyle Armstrong an der Universität Newcastle, Stojkovics früherem Arbeitgeber, seitdem auf diese Weise erzeugt. Doch auch ihnen blieb ein durchschlagender „Erfolg“ bislang verwehrt.

    Für echte Schlagzeilen sorgen stattdessen seit gut zwei Jahren die durch genetische Manipulation aus Körperzellen reprogrammierten „induzierten pluripotenten Stammzellen“. Die kurz auch IPS-Zellen genannten Gebilde sind ganz nach dem Geschmack vieler Forscher. Anstatt unter dem Mikroskop mit winzigen Nadeln aus Glas in Eizellen herumpulen zu müssen, und diese mit dem Erbgut bereits existierender Individuen zu fusionieren, um menschliche Klone als Rohstofflieferanten für die embryonale Stammzellforschung zu produzieren, lassen sich normale Körperzellen nämlich auch mittels eines einfachen Gencocktails in den begehrten embryonalen Zustand zurückverwandeln. Das Problem dabei: Die als Fähren verwandten Retroviren, mit denen die fremden Gene in die zu reprogrammierenden Zellen eingeschleust werden, gelten als hochgradig krebserregend. Dennoch erblicken nicht wenige Forscher, darunter einer der maßgeblichen Schöpfer des Klonschafs Dolly, der Schotte Ian Wilmut, in der von dem Japaner Shinya Yamanaka entdeckten Methode den Königsweg zur Züchtung von zur Transplantation geeignetem Gewebe. Und dies vielleicht nicht einmal zu Unrecht. Denn wie die Online-Ausgabe der von der American Association for the Advancement of Science (AAAS) herausgegebenen Zeitschrift „Science“ vorgestern berichtete, gelang es einem Team um den aus Österreich stammenden Konrad Hochedlinger vom Harvard Stemm Cell Institute jetzt, im Versuch mit Mäusen die gefährlichen Retroviren durch vergleichsweise harmlose Adenoviren zu ersetzen. „Die Adenoviren infizieren zunächst die Zellen, indem sie die für die Reprogrammierung benötigten Gene transportieren, verschwinden aber nach ein paar Zellteilungen.“ „Dies wäre in keiner Form schädlich, weil die DNA der neuen Zellen davon unberührt bleibt“, schreibt Hochedlinger auf seiner Harvard-Internetseite. Allerdings verlief die Umwandlung der Körperzellen in IPS-Zellen unter Einsatz der Adenoviren offenbar nicht ganz so effizient wie unter Verwendung der krebsverursachenden Retroviren. Ob sich das modifizierte Verfahren daher einmal auch für eine Therapie am Menschen eignet, lasse sich derzeit nicht mit Bestimmtheit sagen und könne nur durch weitere Experimente einer Klärung zugeführt werden.

    Unterdessen erhalten jedoch auch die Klonkrieger derzeit mächtig Aufwind. Und der weht derzeit ausgerechnet aus „Down under“, wo in diesem Jahr die Jugend der Welt mit Papst Benedikt XVI. zusammentraf.

    Vergangene Woche erteilte das National Health und Medical Research Council der „Sydney IVF“ Reproduktionsklinik die Erlaubnis, Embryos durch Zellkerntransfer zu klonen, um aus ihnen embryonale Stammzellen zu gewinnen.

    Eigenen Angaben zufolge verfügt die Klinik über Eizellbestände, die selbst Stojkovic vor Neid erblassen könnten. Von 7 200 Eizellen angeblich „klinisch unbrauchbaren“ Eizellen ist da die Rede, die mit Zustimmungen der Spenderinnen in den nächsten drei Jahren zum Klonen menschlicher Embryonen verwandt werden sollen. Und die sind wohl auch nötig. Denn die Effizienz des Klone erzeugen und wieder zerstörenden Verfahrens ist geradezu atemberaubend. Laut Tomas Stojanov, Forschungsdirektor von „Sydney IVF“, ließen sich nur aus jedem 400sten geklonten Embryo embryonale Stammzellen gewinnen. Dennoch gibt sich Stojanov zuversichtlich, dass zu vollbringen, was bislang allen anderen misslang: Man habe nicht nur die notwendigen Eizellen, sondern auch die Techniken und das Wissen, um als erste menschliche Embryonen zu klonen und aus ihnen Stammzellen zu gewinnen. Möglich ist das, weil das australische Parlament bereits 2006 ein Verbot des Klonens menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken aufgehoben hatte. „Der Wettlauf hat begonnen“, sagt Stojanov.

    An ihm wird möglicherweise auch der als Fälscher entlarvte Veterinärmediziner Hwang Woo Suk teilnehmen. Denn das australische Patentamt steht offenbar kurz davor, dem Südkoreaner ein Patent auf das Klonen menschlicher Embryonen und die Gewinnung menschlicher Stammzellen zu erteilen.

    Anfang 2006 hatte das Fachjournal „Science“ zwei nachweislich gefälschte Stammzellstudien Hwangs zurückgezogen. Darin hatte der zwischenzeitlich zum Nationalhelden avancierte Wissenschaftler behauptet, als weltweit erster Forscher menschliche Stammzelllinien aus geklonten Embryos gewonnen zu haben. Eine Untersuchungskommission kam jedoch nach einer detaillierten Prüfung zu dem Schluss, dass es keinen Hinweis für die Existenz solcher Stammzelllinien gibt.

    Der Antrag hat „alle relevanten Kriterien erfüllt“

    Nachdem Anfang der Woche zunächst die südkoreanische Firma „Sooam Biotech Research Foundation“ damit geprahlt hatte, das australische Patentamt werde Hwang noch in dieser Woche ein entsprechendes Patent erteilen, sah sich dieses am Donnerstag dann zur Abgabe einer schriftlichen Erklärung veranlasst. Darin heißt es: „Es gibt keine gesetzliche Grundlage, die Genehmigung eines Patents zu verweigern, wenn die wissenschaftlichen Daten in dem Patentantrag falsch dargestellt oder betrügerisch erworben wurden. Dennoch könnte das ein Grund sein, es per Gericht zurückzunehmen.“

    Wie David Johnson von der australischen Patentbehörde IP Australia erklärt, sei der Patentantrag mit der Nummer AU 2 004 309 300 von der Industrie-Stiftung der Nationaluniversität in Seoul bereits Ende 2004 eingereicht worden. „Dr. Hwang Woo Suk ist dort als einer von 18 Antragstellern aufgeführt“, so Johnson. IP Australia habe den Antrag, „der alle relevanten Kriterien erfüllt“, bis zum 12. Juni untersucht, heißt es in der Erklärung weiter.

    Neue Runde um Stammzelllinie aus einem geklonten Menschen

    Am 12. September sei zudem die Frist verstrichen, bis zu der Dritte Einwände hätten geltend machen können. Es habe jedoch niemand Einspruch erhoben. Zwar prüfe das Patentamt den Antrag weiter, doch sieht Johnson offenbar derzeit keine Möglichkeit, das Patent nicht zu erteilen. „Das endgültige Datum für die Gewährung des Patents steht noch nicht fest“, erklärt Johnson. Mit dem Patent erhielten Hwang und sein früheres Team von Mitarbeitern das Exklusivrecht für die wirtschaftliche Nutzung ihrer Methode in Australien.

    Gelänge dies, wäre Hwang, der sich derzeit mit dem Kopieren von Hunden über Wasser hält, auch als Menschenkloner wieder im Geschäft. Und darum bemüht sich der einstige König der Branche inzwischen mit Nachdruck. Erst Anfang August hatte das südkoreanische Gesundheitsministerium einen Antrag der„Sooam Biotech Research Foundation“ auf Zulassung der Forschung mit embryonalen Stammzellen in Hwangs Heimat abgelehnt. Das Ministerium begründete seine Weigerung mit Hwangs Entlassung bei der Nationaluniversität von Seoul wegen der massiven Manipulation von Forschungsdokumenten und seiner Vorgehensweise bei der Beschaffung menschlicher Eizellen – Hwang hatte Eizellspenden für seine Forschungen auch von abhängigen Mitarbeiterinnen „entgegengenommen“ – sowie einer Anklage wegen illegalen Eizellhandels. Das Ministerium folgte damit einer Empfehlung der staatlichen Bioethik-Kommission. Diese hatte sich dafür ausgesprochen, dem 55-jährigen die vor mehr als zwei Jahren entzogene Erlaubnis zur Forschung mit menschlichen Stammzellen nicht wieder zu erteilen.

    Dass in Australien jetzt eine neue Runde im weltweiten Wettlauf um die erste aus einem geklonten Menschen gewonnene Stammzelllinie gestartet wurde, wird auch in Ländern wie Spanien und Großbritannien zu vermehrten Anstrengungen auf diesem Feld führen.

    Dass vor drei Jahren die Vollversammlung der Vereinten Nationen in einer von 89 Staaten unterzeichneten Deklaration die Parlamente der Welt aufgefordert hatten, ein Verbot jeglichen Klonens von Menschen in ihren nationalen Gesetzen zu verankern und dabei sowohl das reproduktive als auch das Klonen zu Forschungszwecken als „unvereinbar mit der Menschenwürde und dem Schutz menschlichen Lebens“ eingestuft hatten, gerät zunehmend in Vergessenheit. Papier ist eben geduldig. Und weit und breit scheint es niemanden zu geben, der daran etwas zu ändern gedenkt.

    Von Stefan Rehder