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    Die Grenzen der Toleranz

    Im Juni 2010 wurde die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig tot aufgefunden. Bundesweit bekannt geworden war sie als Initiatorin des sogenannten „Neuköllner Modells zur besseren und schnelleren Verfolgung von jugendlichen Straftätern“. Nicht nur die ungeklärten Umstände ihres Todes, der offiziell als Selbstmord deklariert wurde, sondern auch ihr posthum erschienenes Buch „Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ sorgten für Diskussionsstoff.

    Richterin Corinna Kleist (Martina Gedeck) versucht, den 13-jährigen Rafiq al Wahid (Mohamed Issa) aus dem Teufelskreis d... Foto: BR/Oliver Baccaro

    Im Juni 2010 wurde die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig tot aufgefunden. Bundesweit bekannt geworden war sie als Initiatorin des sogenannten „Neuköllner Modells zur besseren und schnelleren Verfolgung von jugendlichen Straftätern“. Nicht nur die ungeklärten Umstände ihres Todes, der offiziell als Selbstmord deklariert wurde, sondern auch ihr posthum erschienenes Buch „Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter“ sorgten für Diskussionsstoff.

    Nun hat die ARD Heisigs Buch unter dem Titel „Das Ende der Geduld“ verfilmt. Drehbuchautor Stefan Dähnert hat daraus eine fiktionale Geschichte entwickelt, bei der es um einen Fall geht, der Corinna Kleist (so der Filmname der Richterin) sehr nahe geht. Nachdem sie erleben musste, wie sich das verzweifelte Punkmädchen „Bille“ (Mathilde Bundschuh) aus einem Fenster des Gerichtsgebäudes in den Tod stürzt, wird ihr ein Burnout-Syndrom diagnostiziert. Als sie Monate später zu ihrem Dienst zurückkehrt, lässt sich Corinna Kleist (Martina Gedeck) nach Neukölln versetzen.

    Dort muss sie erleben, wie ineffizient die Polizei und die Justiz arbeiten, als Polizeiobermeister Hück (Sascha Alexander Gersak) einen Jugendlichen aus einem libanesischen Clan verhaftet, der dank eines einfachen Tricks freigesprochen werden muss. Richterin Kleist will sich für die Verbesserung und Beschleunigung der Gerichtsverfahren einsetzen. Sie verfolgt den Fall des 21-jährigen libanesischen Drogenbosses Nazir (Hassan Issa), der seinen jüngeren Bruder Rafiq (Mohamed Issa) als Kurier für seine Drogengeschäfte nutzt. Corinna Kleist will beweisen, dass keine kriminelle Karriere vorprogrammiert ist. Deshalb hilft sie Rafiq, aus der Kriminalität auszusteigen. Was für fatale Folgen dies haben wird, kann die Richterin jedoch nicht ahnen. Bald wird sie das Buch „Das Ende der Gewalt“ zu schreiben anfangen, aus dem sie im Film einige Passagen vorliest.

    Nach einer Dienstreise nach Rotterdam reift in der Jugendrichterin das Projekt, das später als „Neuköllner Modell“ bekannt werden sollte. Dieses setzt insbesondere auf die Verkürzung der Verfahren: Aufgrund von Absprachen wird im Einzelfall in bestimmten Verfahren die Zeit von der Tat bis zur Hauptverhandlung von sechs bis acht Monate auf vier bis sechs Wochen verkürzt. Dazu ist das zweite Element des „Neuköllner Modells“ wesentlich, die Zusammenarbeit zwischen den auch außerhalb des Jugendstrafverfahren für und an den Jugendlichen Agierenden: Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendgericht. Außerdem sollen Täter-Opfer-Gespräche oder gemeinnützige Arbeit angeordnet werden. Denn all diese Änderungen sollen vor allem eine erzieherische Wirkung erzielen.

    Allerdings stößt Corinna Kleist auf manchen Widerstand: Nicht nur ihr Kollege Herbert Wachoviak (Jörg Hartmann), sondern auch Politik und Behörden zeigen sich skeptisch. Ein Grund dafür liegt darin, dass sie die deutschen Migrations- und Integrationskonzepte in Frage stellt, weil sie ihr zu „tolerant“ und zu „weich“ erscheinen. Als „Richterin Gnadenlos“ wird sie verspottet und macht sich viele Feinde. Ob ihr Tod tatsächlich – so die offizielle Version – Selbstmord war oder auf Fremdeinwirkung zurückzuführen ist, lässt der Film bewusst offen.

    „Das Ende der Geduld“ ist in einem sehr unmittelbaren, halbdokumentarischen Stil inszeniert. Dazu führt Drehbuchautor Stefan Dähnert aus: „Das Drehbuch ist die Adaption eines Sachbuches. Allein dieser Umstand bringt einen bestimmten Erzählduktus mit sich, der sich alles Ausufernde, Kulinarische verkneift. Das Drehbuch kommt also eher schnörkellos daher. Ich habe mich bemüht, alles auszublenden, was von dem Thema ablenken könnte.“ Regisseur Christian Wagner zeigt so wenig Szenen aus den Gerichtsverhandlungen wie nur notwendig. Ein üblicher Film aus dem Genre „Gerichtsfilm“ ist „Das Ende der Geduld“ ganz und gar nicht geworden. Stattdessen setzt der Regisseur die Persönlichkeit Corinna Kleists in den Mittelpunkt, obwohl vieles an ihr im Unklaren bleibt. So zeigt einmal die Kamera von Jana Marsik, wie sie heimlich zu Tabletten greift. Leidet sie an Depressionen, die den späteren Selbstmord erklären könnten? Gegenüber Müttern von besonders gefährdeten Jugendlichen mit Migrationshintergrund sagt sie: „Ich bin auch Mutter“. Dennoch beherrscht Martina Gedecks Spiel den ganzen Film. Die anderen Akteure bleiben holzschnittartig: der deutsche Polizeiobermeister, der inzwischen desillusioniert Dienst nach Vorschrift macht, seine türkischstämmige Kollegin Devrim (Sesede Terziyan), die von ihren Landsleuten als Verräterin angesehen wird. Besonders deutlich wird es an der Figur des Rechtsanwalts Schwindt (Lukas Miko), der sich mittels juristischer Klimmzüge um die Gerechtigkeit nicht schert, vor allem aber an Corinna Kleists Richterkollegen Herbert Wachoviak, der für den liberalen Kurs in der Strafverfolgung der letzten Jahrzehnte steht. Martina Gedeck verkörpert Richterin Corinna Kleist jedoch mit allerlei Nuancen: Neben der Wut und dem Wunsch, wirklich etwas zu erreichen, strahlt sie eine tiefe Unsicherheit aus – nicht nur weil sie in der Durchsetzung ihres „Neuköllner Modells“ scheitern könnte, sondern weil mit dessen Gelingen womöglich neues Unrecht verursacht werden könnte.

    Darüber hinaus handelt „Das Ende der Geduld“ auch von Ghettoisierung, von der Ratlosigkeit der Behörden gegenüber einer vielfach trotz allen Anstrengungen kaum gelingenden Integration.

    „Das Ende der Geduld“, Regie: Christian Wagner. Mittwoch, 19. November, 20.15 Uhr, 90 Min., ARD