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    Die Gesellschaft der schnellen Skandale

    Die postmoderne Gesellschaft nährt sich vom Skandal. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass Massenmedien und soziale Netzwerke nicht neue Eklats ans Tageslicht bringen. Statt politische Visionen in der Zivilgesellschaft aktiv zu entwickeln, hat sich in den letzten Jahrzehnten im Zuge der Ausdifferenzierung der Medienlandschaft ein Klima des permanenten Reagierens von allen Seiten entwickelt. Der Leser und Nachrichtenzuschauer ist zum passiven Informationskonsumenten geriert, dessen Hirn indes auf ständige neue Aufreger gepolt ist. Gleiches gilt für die Produzentenseite, wo der zunehmende Konkurrenzdruck unter den Bewerbern im Fernseh- und Printsegment verzweifelte Suchbewegungen nach immer neuen Skandalen erzwingt. Doch wie erklärt sich dieser stets brutaler und hemmungsloser werdende Kreislauf?

    Im Kreuzfeuer der Kritik: Alice Schwarzers Steuerbeichte hat einen Medienrummel entfacht, gegen den sich die Autorin weh... Foto: IN

    Die postmoderne Gesellschaft nährt sich vom Skandal. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass Massenmedien und soziale Netzwerke nicht neue Eklats ans Tageslicht bringen. Statt politische Visionen in der Zivilgesellschaft aktiv zu entwickeln, hat sich in den letzten Jahrzehnten im Zuge der Ausdifferenzierung der Medienlandschaft ein Klima des permanenten Reagierens von allen Seiten entwickelt. Der Leser und Nachrichtenzuschauer ist zum passiven Informationskonsumenten geriert, dessen Hirn indes auf ständige neue Aufreger gepolt ist. Gleiches gilt für die Produzentenseite, wo der zunehmende Konkurrenzdruck unter den Bewerbern im Fernseh- und Printsegment verzweifelte Suchbewegungen nach immer neuen Skandalen erzwingt. Doch wie erklärt sich dieser stets brutaler und hemmungsloser werdende Kreislauf?

    Dass möglicherweise schon im Menschen an sich eine gewisse Lust an Erregung und – wie man neudeutsch nun so intelligent zu sagen weiß – am „Fremdschämen“ angelegt sein könnte, mag sein. Doch vor allem die Herausbildung der allseits präsenten audiovisuellen Medien veränderte in den letzten Dekaden auf einschneidende Weise das Blickfeld sowie die Schaulust der Mediennutzer. Weder der Text noch das schlichte Bild oder der Ton an sich erzeugen nur annähernd dieselbe emotionale Wirkung, wie alle drei Komponenten gemeinsam. Erst die Mixturen, allen voran filmische Formate, bereiteten einer Gesellschaft des Voyeurismus den Weg und geben das Gefühl, bei allen Ereignissen unmittelbar nah am Geschehen zu sein. Indem das Skandalon – ob in Debatten über Steuerhinterzieher, Datenmissbrauch oder moralischen Tiefbohrungen im Dschungelcamp – dadurch zur leicht bekömmlichen Ware erklärt wurde, dürfte zwar zunächst das Bedürfnis der breiten Bevölkerung mit altrömischen Mitteln aus Brot und Spielen befriedigt worden sein. Doch wer einmal Lunte gerochen hat, will mehr.

    So gerät die immer weiter gesättigte Skandalgesellschaft in einen Leerlauf. Wohingegen das eigentliche Ziel von Aufmerksamkeitserzeugung schon seit jeher darin besteht, die Wertegrundlage einer Gesellschaft entweder zu bestätigen oder gegebenenfalls auch zu überdenken, versinken die Eklats der Gegenwart in der Bedeutungslosigkeit. Auf kurze neuralgische Reizungen beim schaulustigen Infotainment-Konsumenten folgt Apathie und Vergessenheit. Um dem entgegenzuwirken, fährt die Adorno'sche Kulturindustrie immer härtere Geschütze auf. Die Intervalle der Erregungen schrumpfen, die Härte der Bilder nimmt zu, um Einschaltquoten, Klicks oder Auflagenzahlen zumindest konstant zu halten. Die wirtschaftliche Ressource „Skandal“ führt somit zum moralischen Ausverkauf, bis am Ende alle Hemmschwellen gefallen sind. Doch was kommt danach?

    Dass die sittliche Empörung auf die gefährlichen Moden des Zeitgeistes kaum ein nachhaltiges Echo in den Weiten unserer multimedialen Kanäle findet, zeigt eindrucksvoll die Krise von Institutionen wie Parteien und Gewerkschaften. Während diese unter schwindenden Mitgliederzahlen um ihre Legitimität ringen müssen, gewinnt vor allem der personalisierte Skandal immer mehr an Strahlkraft. Deren Fähigkeit, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen, erweckt geradezu den Eindruck, als würde das Skandalon indes eine quasireligiöse Position in der Gesellschaft einnehmen. Offenbar scheint ihm dabei eine Ritualität innezuwohnen, die durchaus auf Opfermythen verschiedener Kulturkreise verweist. Denn was passiert, wenn wie zuletzt eine moralisch verirrte Figur wie Alice Schwarzer im Zusammenhang mit Steuerhinterziehungen von einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung frohlockend und unter Häme in den Orkus gestürzt wird? Wahrscheinlich mag ein ähnlicher Mechanismus am Werk sein, wie wenn wir das nachmittägliche Skandalprogramm im sogenannten „Unterschichten-TV“ konsumieren. Diese Formate halten uns im Besonderen dazu an, uns über ethische Verwerfungen der Protagonisten, die von unüberdachten Kinderschwangerschaften bis hin zu Vergewaltigungen und anderen Verbrechen reichen, zu erheben. Der Reflex bei der Zurschaustellung von Prominenten ist derselbe. Ob Schwarzer, Hoeneß oder anonyme Irrläufer im Fernsehen – der Zuschauer opfert öffentliche Figuren, um sich seiner eigenen Integrität gewahr zu werden. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen in Gestalt einer heimlichen Identifikation mit dem Skandalopfer. So sollen in Fragen des manchem noch immer als Kavaliersdelikt und Volkssport geltenden Steuerbetrugs beispielsweise die in den Zeitungen geschlachteten Sündenböcke die kollektive Schuld jener auf sich nehmen, die gern dasselbe tun würden, es aber nicht können. Zum zweiten kann der Zuschauer eine Bestärkung verspüren, weil er sich ganz offensichtlich gegen vom Weg abgekommene Subjekte abgrenzen kann. Dass die Causa Edathy momentan ein derartiges Aufmerksamkeitsgebaren erfährt, ist auch der – bei aller unbestrittenen Wichtigkeit des Themas – Tatsache geschuldet, dass sich der Zuschauer durch die Empörung über den SPD-Politiker und seine möglichen verwerflichen pädophilen Neigungen selbst moralisch aufzuwerten vermag.

    Die medienbetriebene Empörungsmaschinerie der Gegenwart soll uns von der eigenen Negativität befreien, soll durch das Opfer ausgewählter Sünder einen kathartischen Effekt bedingen. Nichtsdestoweniger scheint die Gesellschaft mit dieser Praxis im Ganzen keineswegs klüger, reifer oder tugendhafter zu werden. Denn die erhoffte Reinigung gleicht nicht jener, die optimalerweise dem Besucher der griechischen Tragödie zuteil wird. Zwar mag auch diesen Urtypus des Schaulustigen ein Erlaben am Untergang anderer fesseln, der Zweck ist jedoch, schenkt man Aristoteles' Dramentheorie Glauben, ein anderer gewesen. Indem das Publikum das Leiden des Helden aktiv miterlebt und dessen schicksalshafte Katastrophe innerlich nachvollzieht, verlässt es das Theater geläutert. Der Zuschauer der Tragödie soll durch das internalisierende Sehen ein besserer Mensch werden. Statt Abgrenzung, begleitet von Spott und Scheinheiligkeit, wie die aktuelle Skandalgesellschaft Wertestabilisierung zu erzeugen sucht, wirbt man hierin um das Gegenteil. Der Mensch muss sich gerade auf die Verfehlung gänzlich einlassen und sie im besten Falle noch seelisch mittragen.

    Im Programm der griechischen Tragödie entpuppt sich indes ein zutiefst christlicher Grundgedanke. Leiden wird erträglich, wenn es gemeinsam erlebt und getragen wird. Dies dient jedoch keinem dämonischen Voyeurismus. Vielmehr gehen die Gläubigen wie auch der (zumindest aristotelisch gepolte) Zuschauer der antiken Tragödien als geläuterte Subjekte aus künstlerischen und religiösen Identifikations-Prozessen hervor. Beiden wohnt jene Katharsis inne, die uns all den Verwerfungen, Widrigkeiten und Aufschürfungen der alltäglichen Existenz enthebt. Doch wo derlei nötige Rituale verloren gehen, sucht die schwache Seele nach Ersatz. Vor allem die Verlockungen der Bilderwelten gaukeln ein breites Sortiment an „Sinnangebote“ vor. Als heiße Ware, geradezu als ein Dauerbrenner im Sortiment des digitalen Schlaraffenlands wird das Skandalon gehandelt. In einer Zeit, in der die Masse nichts mehr von innerer religiöser Erhebung (und Erleichterung) weiß, determinieren uns TV und Netz auf Empörung und Erregung. Wer sich über die Fehler anderer stellt, glaubt sich damit seiner moralischen Insel sicher, wird jedoch nur durch den eigenen Spott und Hohn betrogen. Fest steht: Die heutige Skandalgesellschaft bringt weder neue Werte noch neue Menschen hervor. Ihre Rituale der sich stets selbst inflationierenden Erregungszirkulationen berauben uns unserer Integrität und Sicherheit.

    Bedenklich ist, dass die heutige Medieneklats nicht nur zur Droge einer ansonsten von Überbelastung, Überlastung wie Ermüdung gleichermaßen gezeichneten Gemeinschaft geworden ist, sondern ebenfalls den Stellenwert einer Religion eingenommen haben. Statt Messen, Theater und Parlamentsdebatten zu besuchen, sind Talkshows und nahezu regellose Shit-Storm-Chats zu jenen Foren herangereift, wo vermeintlich über das, was die Welt im Innersten zusammenhält, gequasselt wird. Im Rahmen dessen Werte kundzutun, meint aber lediglich, Abgrenzungsformeln zu entwickeln. Es gibt keinen Wert mehr an sich, im Koordinatensystem der Denunziation gibt es nur eine Währung: Das Negativum – so auch in der erhitzen Kritik des neuen Buches „Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“ von Thilo Sarrazin. Nach seiner kontrovers verhandelten Streitschrift „Deutschland schafft sich ab“ wurden sogar schon vor der Veröffentlichung Proteste angekündigt, die dann auch eingehalten wurden. Dass der Radau beginnt, bevor jemand überhaupt zu dem Buch gegriffen hat, gibt die dumpfe Fratze der Hysterie des Oberflächengetöses zu erkennen.

    Diese Gesellschaft demaskiert sich daher ebenso als eine der Destruktivität. Prägnant mutet in diesem Zusammenhang auch die schon lange anhaltende Hexenjagd auf fehlerhafte Dissertationen an. Es ist nur allzu offensichtlich, dass es den wütigen Fehlersuchern weniger um Urheberrecht oder den wissenschaftlichen Ethos mit seinen Tugenden wie Ehrlichkeit und Sorgsamkeit geht. Vielmehr scheint es deren Ziel zu sein, politische Akteure bewusst zu kompromittieren. Natürlich, Guttenberg und Schavan mussten zu Recht die Konsequenzen aus ihren zumindest schlampigen Doktorarbeiten ziehen. Unterstützt durch den skandaltriefenden Druck der Medienlandschaft wurden sie aber auch regelrecht gestürzt und für eine erregungslustige Öffentlichkeit wie ein Opfer geschlachtet. So fühlten sich nicht nur all jene, die sich über die „Betrüger“ und heuchlerischen „Saubermänner/frauen“ echauffierten, in ihrer eigenen Musterhaftigkeit bestärkt. Entscheidender mag unterdessen die Erkenntnis sein, wie wenig solcherlei Affären zu gesellschaftlichen Erneuerungen beitragen. Denn abgesehen von einigen universitären Verschärfungen der Überprüfung von Promotionsschriften zog der allgemeine Aufschrei keinerlei produktive Debatte nach sich.

    Dadurch stellt sich ein umfassender Mangel an Grundsätzlichkeit und Kritikmüdigkeit ein. Da die Frequenz der Eklats ständig zunimmt, um die Öffentlichkeit bei der Stange zu halten, verkürzen sich zumindest aufkeimende Diskussionen zu polemischen Schlagabtauschen. In flimmernden Arenen gängiger Talkrunden werden sie von verfeindeten Erzkontrahenten ausgetragen, damit es natürlich richtig zur Sache geht.

    In aktuellen Auseinandersetzungen um Einwanderung oder das Verhalten des früheren Bundespräsidenten Wulff sitzen sich zumeist Links gegen Rechts gegenüber. Um das Publikum nicht zu überfordern, wird auf jegliche Grautöne in sensibelsten Themenfeldern verzichtet. Dies hat zur Folge, dass auch die Gemeinschaft, der im Übrigen die Meinungsbildung gänzlich durch die scharfzüngigen TV- und Netz-Zerfleischungen abgenommen wird, mehr und mehr auch in Extremen zerfällt. Denn dem Skandal inhäriert prinzipiell, dass er nur funktionieren kann, wenn es enorme Fallhöhen, große Diskrepanzen und tiefe Entgleisungen gibt. Was verhandelbar ist oder einer weichen Ermessungssache gleicht, genügt nicht zur allumfassenden Erhitzung. Es braucht daher ein klares Opfer auf den Altären der Empörung, ansonsten bleibt die nötige Abgrenzung der Mehrheit aus.

    Doch wie stabil ist eine Gesellschaft permanenter Aufregung? Was kommt nach dem völligen Höhepunkt (oder sollte man besser Tiefpunkt sagen)? Gehen letztlich alle Maßstäbe in einem Klima der Enthemmung, Denunziation und des Spotts unter, bleibt nur noch der Nihilismus. Von der großen Öffentlichkeit die Anstrengung zu einer neuen Ethik zu erhoffen, dürfte wohl utopische Naivität sein. Zumindest bedarf es aber eines Aufstands der intellektuellen Elite. Die Heilspredigten von einem „Mehr an Bildung“ können nur erfolgreich sein, wenn auch die Medienproduzenten, übrigens auch Teil dieser Elite, auch jenseits der Quoten und Auflagenzahlen sich ihrer Verantwortung für den sozialen Fortschritt bewusst werden.

    Es bedarf eines gemeinsam unter Politik, Kirche, Verbänden und Medienakteuren ausgehandelten Kodexes zur Wahrung der Würde des Menschen – unter allen, wenn auch noch so verurteilenswerten Bedingungen. Aber Vorsicht: Wer darin schon einen Eingriff in die Pressefreiheit wittert, geht schon dem nächsten, überflüssigen Skandalon in die Falle.