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    Die Familie ist der Kern aller Sozialordnung

    „Die Familie als Kern aller Sozialordnung zu verteidigen“, nennt Benedikt XVI. in seinem ersten Jesus-Buch „als von Anfang an grundlegend“ für die Kirche. Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und das Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V. (IDAF) haben nach Mainz eingeladen zu einem Seminar mit Multiplikatoren aus ganz Deutschland über „Zuwanderung: Wie ist Integration möglich? Gegensätzliche Familienbilder und ihre gemeinsame Zukunft“.

    Flüchtlinge fotografieren und filmen
    Eine Migrantenfamilie erkundet die neue Freiheit. Foto: dpa

    „Die Familie als Kern aller Sozialordnung zu verteidigen“, nennt Benedikt XVI. in seinem ersten Jesus-Buch „als von Anfang an grundlegend“ für die Kirche. Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und das Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V. (IDAF) haben nach Mainz eingeladen zu einem Seminar mit Multiplikatoren aus ganz Deutschland über „Zuwanderung: Wie ist Integration möglich? Gegensätzliche Familienbilder und ihre gemeinsame Zukunft“.

    Der Politikwissenschaftler Abou Taam referiert zur „Familie aus muslimischer Sicht“. Er berichtet von den Erfahrungen seiner eigenen Familie. Das erste Wort seines Kindes war ein serbokroatisches, da in der Krabbelgruppe viele Kinder mit dieser Sprache waren. Deutsche Kinder fehlten. Er bemängelt, dass über Muslime, die nicht auffällig sind, nur wenig geforscht wird. Muslimisch geprägte Familien sind nicht wie die hiesigen Familien individuell orientiert, sondern auf die Gruppe ausgerichtet. Solidarität wird innerhalb der Familie eingefordert. Doch muslimische Mädchen orientieren sich oft am Leistungsprinzip in den hiesigen Schulen und kippen so das Patriarchat von innen. Er berichtet von einem positiven Deutschlandbild bei vielen Migranten der dritten Generation.

    Taam weist darauf hin, dass Identität im europäischen Kontext sehr diffus geworden sei. Hinzu kommen die deutschen Identitätsprobleme aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die türkische Identität ist ein Konstrukt aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Diese Schwächen der verschiedenen Identitäten erschweren die Integration. Für den Islam fordert Taam einen ideologischen „Hausputz“. Der Journalist, Buchautor und Publizist Hugo Müller-Vogg behandelt die Frage „Einwanderung in eine offene Gesellschaft, was heißt das eigentlich?“ Er hat einen skeptischen Blick auf die Integrationschancen der Neuankömmlinge. Die Zahl der Flüchtlinge ist einfach zu groß. Deutschland organisiert Einwanderung nicht. Deutschland nimmt passiv Einwanderung auf. Es hat kein Leitbild dafür, doch ein Leitbild ist dringend nötig. Das Bild des Schmelztiegels aus den USA hält Müller-Vogg für obsolet. Hispanische und italienische Einwanderer zum Beispiel leben in den USA nach wie vor innerhalb ihrer eigenen Parallelgesellschaften. Der Multikulturalismus ist gescheitert.

    Müller-Vogg weist darauf hin, dass die Mehrheit der Flüchtlinge schlecht gebildet ist. Er kritisiert die Euphorie bei der Wirtschaft, die die Zuwanderer als Arbeitskräfte begrüßte. Doch bis Juni 2016 haben die 30 DAX-Unternehmen nur 54 Flüchtlinge eingestellt, 50 davon die Post. Er fordert deshalb Ehrlichkeit in der Debatte. Es muss klargemacht werden, dass es humanitäre Gründe waren, weshalb im September 2015 so viele Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen wurden. Das gerade verabschiedete neue Integrationsgesetz sieht Müller-Vogg als einen guten Anfang. Er schließt mit einem Zitat von Erwin Teufel, dem früheren Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg: „Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit.“ Das soll auch für die Flüchtlingspolitik gelten.

    Der Mitveranstalter des Seminars Jürgen Liminski, IDAF-Geschäftsführer und langjähriger Redakteur beim Deutschlandfunk, spricht zu „Die Familie aus christlich-westlicher Sicht“. Die Familien sind laut dem Ethnologen Claude Lévi-Strauss wie Kettfäden, auf denen ein soziales Gewebe entstehen kann. Für Benedikt XVI. sei die Familie „der Kern aller Sozialordnung“. Das Christentum hat sich für die Gleichwertigkeit der Ehepartner eingesetzt. Die christliche Ehe beruht auf Konsens. Eine erzwungene Ehe ist für die Kirche ungültig.

    Das Wort Familie stammt aus dem Latein und bezeichnete im alten Rom die Gesamtheit des Hausstandes, vom Familienoberhaupt bis hin zu den einzelnen Sklaven. Die Einheit von Zusammen-Leben und Zusammen-Arbeiten wurde erst mit Beginn der Industrialisierung aufgelöst. Durch diesen sozio-ökonomischen Wandel wurde die Gleichwertigkeit der Ehepartner verzerrt, die Beschaffungsfunktion gestärkt und die Erziehungsfunktion des Vaters geschwächt.

    Liminski bemängelt, dass in Forschung und Politik die meist von Frauen für die eigene Familie geleistete Arbeit vernachlässigt wird. Familienarbeit, wie Kindererziehung, Pflege, Kochen oder Putzen kann heute eingekauft werden. Für diese Familienarbeit verlangt Liminski mehr Beachtung. Denn in der Familie wird ein Humanvermögen erzeugt, auch „Humankapital“ genannt, was so durch keine andere Institution geleistet werden kann.

    Hierzu merkt Birgit Kelle an, dass in Deutschland „Familienmitgliederpolitik“, aber keine Familienpolitik gemacht wird. Für die einzelnen Personen der Familie gibt es Förderung, doch keine Förderung für die Familie als Gemeinschaft.

    Bei muslimischen Familien beobachtet Liminski, dass, wenn Muslime länger in Deutschland leben, auch bei ihnen die Kinderzahl zurückgeht. „Je rascher die sozio-ökonomische Entwicklung eines Landes voranschreitet und je höher der Lebensstandard steigt, desto niedriger ist die Geburtenrate, gemessen an der Zahl der Lebendgeborenen pro Frau“, hat Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg festgestellt. Für Liminski ist dieses Paradoxon „offensichtlich transkulturell, denn auch in den islamischen Ländern sinken, vom Jemen und dem Gaza-Streifen abgesehen, die Geburtenzahlen, zum Teil sogar dramatisch.“

    Professor Tilman Allert, Soziologe an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Sohn eines muslimischen Vaters aus dem Kaukasus, berichtet von seiner Familiengeschichte und stellt theoretische Betrachtungen zu Liebe und Familie an. 1921 verließ Allerts Vater seine Heimat im Kaukasus, um in Deutschland Medizin zu studieren. Den Namen Allert nahm er 1939 mit seiner Einbürgerung an. Tilmann Allert wurde 1947 geboren. Anders als die meisten Soziologen in Deutschland heute versteht Allert die Familie nach wie vor als die zentrale Institution der sozialen Ordnung. „Die zentrale Ressource in der Familie ist die Liebe.“ „Liebe bedeutet zeitlich unbefristete Beziehungen“, erklärt Allert. Das ist ein Unterschied zu allen anderen Beziehungen, die als befristet kalkuliert werden. Der Flirt spielt mit der Möglichkeit, dass die Beziehung Dauer hat.

    Als zweites Merkmal der Liebe nennt er den Körperbezug, „der in der Liebe unbedingt, unhintergehbar ist“. „Über den Körper teile ich der geliebten Person mit – ohne dass ich es sagen muss – wie es mir geht.“ Bei allen anderen sozialen Beziehungen bestehe hohe körperliche Distanz.

    Dass die Einzigartigkeit der eigenen Person in der Liebe thematisiert wird, führt Allert als drittes Merkmal an. Der Einzelne schlüpft nicht in eine Rolle, sondern kommuniziert in der Totalität der ganzen Person. Weil die Liebe eine „hochriskante soziale Beziehung“ ist, erfordert sie Vertrauen als Vorschussleistung, das vierte Merkmal. „Was machen die Leute in der Liebe?“, fragt Allert. Sie haben zwei widersprüchliche Dinge zu verbinden, denn sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten haben die Liebenden zusammengebracht. In einer Liebesbeziehung wird ständig Widerspruch zum Ausdruck gebracht. Eine ständige Auseinandersetzung mit dem Anderssein des Gegenübers findet statt. Gleichzeitig versichern sich die Liebenden ständig ihrer Gemeinsamkeit.

    Allert nennt Liebe „das Anstrengendste, was es überhaupt gibt“, da das zusammengebracht werden müsse, was nicht zusammenpasst. Die ideale Differenz wird in der Geschlechterdifferenz ausgetragen. Eine ständige Auseinandersetzung um das Rätsel, das der andere ist, findet statt. „Das Rätsel wird nie gelöst und kontinuiert die Beziehung auf eine wunderbare Weise.“

    Die Exklusivität der Zuneigung wird in der Sexualität bestätigt. „Die Geburt des Kindes ist die Objektion der Zuneigung.“ Doch das Kind ist auch ein Konkurrent in der Liebe. Familienbeziehungen sind Eifersuchtsbeziehungen, da Exklusivitätsansprüche aufeinandertreffen.

    Allert erkennt ein abstraktes Gottesbild im Islam. Gott ist nicht personifiziert. Im Christentum wird Gott als Vater angesprochen. Der christliche Gläubige kann eine Beziehungsform zu Gott aufbauen, die er aus seinem Familienleben kennt.

    Statusorientierte Binnenbeziehungen, verbunden mit einer hohen kommunikativen Rigidität, findet Allert im islamischen Familienmodell. Personenorientierung bestimme die Familienbeziehungen, in denen wir im Westen aufgewachsen sind. Im Westen leben meist zwei Generationen als Familie zusammen. Im muslimischen Kulturkreis bestehen vor allem Mehr-Generationen-Familien. Allert fordert, dass eine friedliche Auseinandersetzung mit dem Islam an den theologischen Fakultäten stattfinden muss.

    Düzen Tekkal, die im Schattenkabinett von Julia Klöckner (CDU) bei der rheinland-pfälzischen Landtagswahl im März 2016 die Themen Integration und Frauen vertrat, referiert über „Familie aus islamischer Sicht“. Die Journalistin und Jesidin hatte in ihrem Dokumentationsfilm „HAWAR – Meine Reise in den Genozid“, über den Völkermord an den Jesiden im Nordirak berichtet. Im März 2016 war ihr Buch „Deutschland ist bedroht. Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen“ erschienen.

    Für die Journalistin Tekkal ist der Islam im Feudalismus hängengeblieben. Sie beobachtet, dass der islamische Glaube an Kinder in Form von Indoktrinierung weitergegeben wird. Religion und Familie sind kollektivistisch geprägt. Junge Leute werden mit der Frage konfrontiert: „Was kannst Du für uns tun?“ Dabei ist teilweise moralische Erpressung im Spiel. Heranwachsende sind oft in einer Identitätskrise. Viele haben Angst, sich zu „versündigen“, wenn sie Meinungsfreiheit und Individualität leben. Frauen, die ihre Freiheit leben, seien einen „steinigen Weg“ gegangen. Bei vielen Muslimen stehe die Familie über dem Gesetz. Das gäbe es auch bei den Jesiden. Doch bei den Jesiden könne ein Dialog angestoßen werden, ohne dass Gefahr für den Initiator des Dialogs besteht. Tekkal bemängelt, dass die säkularen Muslime nicht organisiert sind.

    Zu allererst sei die deutsche Seite gefragt. Einwanderung muss reguliert werden, eine „Belohnung nach Anstrengung“ soll erfolgen. Die Väter, die sich in den Migrantenfamilien für die hiesigen Werte stark machen, sollen belohnt werden. Sie fordert, dass der Nah-Ost-Konflikt im Schulunterricht behandelt wird. Die Zuwanderung aber bringt die Frage nach tragfähigen Familienbildern und dem familiären Zusammenhalt auf die Tagesordnung.