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    Die Einzigkeit Jesu Christi und das Proprium Christianum

    Die Frage nach dem unterscheidend Christlichen und besonders auch nach dem Mehrwert des Christentums gegenüber anderen Religionen wird in der akademischen Theologie der Gegenwart meistens umgangen. Die Suche nach dem Gemeinsamen als Basis für den interreligiösen Dialog, für die Anschlussfähigkeit an die (Post-)Moderne und eine damit einhergehende Relativierung des christlichen Wahrheitsanspruchs werden hingegen im derzeitigen theologischen Diskurs bevorzugt. Besagte Frage, welche auch jene nach der Einzigkeit Jesu Christi im Unterschied zu anderen „Religionsstiftern“ und letztlich nach der Identität des Christentums impliziert, steht aber weiterhin im Raume, besonders angesichts des zunehmenden religiösen Pluralismus in der heutigen Gesellschaft. Vor allem aber ist eine Antwort auf diese Frage für diejenigen weltanschaulich Suchenden existenziell entscheidend, die mehr vom Christentum erfahren wollen und davon, warum es sich lohnt, Christ zu sein oder zu werden.

    Christus, wie der Renaissancemaler Giovanni Bellini ihn in seiner Einzigkeit sah. Foto: IN

    Die Frage nach dem unterscheidend Christlichen und besonders auch nach dem Mehrwert des Christentums gegenüber anderen Religionen wird in der akademischen Theologie der Gegenwart meistens umgangen. Die Suche nach dem Gemeinsamen als Basis für den interreligiösen Dialog, für die Anschlussfähigkeit an die (Post-)Moderne und eine damit einhergehende Relativierung des christlichen Wahrheitsanspruchs werden hingegen im derzeitigen theologischen Diskurs bevorzugt. Besagte Frage, welche auch jene nach der Einzigkeit Jesu Christi im Unterschied zu anderen „Religionsstiftern“ und letztlich nach der Identität des Christentums impliziert, steht aber weiterhin im Raume, besonders angesichts des zunehmenden religiösen Pluralismus in der heutigen Gesellschaft. Vor allem aber ist eine Antwort auf diese Frage für diejenigen weltanschaulich Suchenden existenziell entscheidend, die mehr vom Christentum erfahren wollen und davon, warum es sich lohnt, Christ zu sein oder zu werden.

    Selbst-Offenbarung Gottes im Christusereignis

    Der ehemalige Bonner Professor für Dogmatik und Theologische Propädeutik, Professor em. Karl-Heinz Menke, widmete sich genau dieser Fragestellung in Forschung und Lehre mit besonderem Augenmerk. Er sticht damit unter den deutschen Dogmatikern der Gegenwart deutlich hervor. In seinem jüngsten Werk „Das unterscheidend Christliche. Beiträge zur Bestimmung seiner Einzigkeit“ bietet er eine umfassende und systematische Darlegung seiner Thesen und einen Streifzug durch eine Vielzahl dogmatischer Forschungs- und Problemfelder.

    Das Buch ist in zwei Hauptteile gegliedert: Zunächst geht es um eine profilierte Beantwortung der Frage nach dem unterscheidend Christlichen und im zweiten Hauptteil um die facettenreiche Geschichte der theologischen Suche nach Antworten auf diese Frage.

    Die Konturierung des Inbegriffs des Christlichen beginnt Menke bei der Verhältnisbestimmung zwischen der Frage der antiken griechischen Philosophie nach dem Urgrund der Welt und dem Glauben Israels an den einen Gott JHWH und dessen trinitarischer Ausfaltung im Christentum. Weiter geht es mit der Unterscheidung zwischen mystizistischen und Offenbarungsreligionen und der Frage nach der Bedeutung der Selbst-Offenbarung Gottes im Christusereignis. Menkes Begründung ihrer Einzigkeit und Unüberbietbarkeit führt sodann zur Frage nach der Heilsbedeutung Jesu Christi: „Was hat Jesus Christus für alle Menschen aller Zeiten getan?“ und ferner nach Möglichkeiten und Grenzen der Komparativen Theologie. Die gnadentheologischen Implikationen seines Ansatzes werden ebenso in den Fokus gerückt wie die Auseinandersetzung mit der Theodizeefrage, die besonders tiefgehend vorgenommen wird. Zuletzt wird Edith Stein als diejenige Heilige vorgestellt, die ihre Antwort auf die Sinn- und Theodizeefrage angesichts des nationalsozialistischen Grauens mit ihrem Martyrium beglaubigt hat.

    Der zweite Hauptteil zeichnet die Erörterung des unterscheidend Christlichen theologiehistorisch von der in der Reformationszeit entstandenen Frage nach dem „Wesen des Christentums“ ausgehend nach, nimmt die bis heute bestehende marcionistische „Urversuchung“ des Christentums, die Menke mit der gnostischen Verleugnung des Inkarnationsglaubens identifiziert, in den Blick und unterwirft daran anschließend die modernen Geist-Christologien einer kritischen Analyse. Ausgehend vom Grundanliegen Papst Benedikts XVI., die Wahrheit und Einzigkeit Jesu Christi herauszustellen, setzt sich das letzte Kapitel mit dessen Kritikern, darunter besonders Kardinal Kasper, auseinander. Im Schlusswort veranschaulicht Menke seinen theologischen Ansatz in personaler Weise am Beispiel des Glaubens und Lebens der Gottesmutter Maria. Die fokussierte Begründung der Einzigkeit Jesu Christi und des Wahrheitsanspruchs des Christentums auf hohem theologischem Niveau und stets mit Umsicht und in kritischer Auseinandersetzung mit anderen – katholischen wie evangelischen – Ansätzen, macht sicherlich die größte Stärke dieses Buches wie der Theologie Menkes insgesamt aus. Dabei weiß Menke darum, dass der christliche „Heilsuniversalismus nur dann nicht imperialistisch und totalitär [erscheint], wenn Gott genauso ist wie Jesus Christus, und zwar der Gekreuzigte.“ Alle seine Thesen finden ihren Kristallisationspunkt in der Überzeugung, dass Gott der Sohn die Offenbarkeit Gottes schlechthin ist.

    Der rote Faden: Gottes Geschichte mit den Menschen

    Daher könne nicht anders von Gott gesprochen werden als von Jesus Christus, wie er als der mit dem innertrinitarischen Logos personal identischer Mensch seine singuläre Beziehung zum Vater bezeugt und stellvertretend für die gesamte Menschheit die Erlösung von der Scheol als der letzten Konsequenz der vom freiheitsfähigen Menschen geschaffenen Sünde bewirkt hat. Die Geschichte Gottes mit dem Menschen ist für Menke eine Bundes- und Freiheitsgeschichte, was als roter Faden alle seine theologischen Teilanalysen durchzieht.

    Ebenfalls sticht hervor, dass der Themenkomplex Gottes Allmacht, die Freiheit des Menschen und die Theodizeefrage im Rahmen einer Theologie nach Auschwitz Menke besonders wichtig ist. Auch hier vertritt er eine radikal christozentrische Perspektive: Von der Allmacht Gottes und deren Verhältnis zum Bösen und zum Leid in der Welt dürfe man „nicht anders denken und reden als von der Ohnmacht des Gekreuzigten.“

    Das Christsein am Beispiel der heiligen Edith Stein

    Menkes theologische Gedankengänge bewegen sich auf hohem reflexivem Niveau, er bindet sie für ein besseres Verständnis jedoch hin und wieder an ganz konkrete, anschauliche Beispiele zurück. In diesem Werk tut er dies besonders am Beispiel des Denkens und Lebens der heiligen Edith Stein, die das Christsein als inklusive Stellvertretung in die exklusive Stellvertretung des Erlösers verstanden und gelebt hat.

    Die Profilschärfe seiner Darstellung des christlichen Glaubens macht die Schwäche des Werkes, die in den recht häufig vorkommenden Redundanzen mit teilweise wortwörtlicher Wiederholung, sowie darin liegt, dass seine Bestimmung des unterscheidend Christlichen nicht so einfach für Nichttheologen in wenigen Sätzen zusammenfassbar ist, schnell wieder wett.

    So bietet das Buch nicht weniger als eine Gesamtschau über das reichhaltige theologische Denken des emeritierten Dogmatikprofessors, der nicht von ungefähr durch Papst Franziskus in die Internationale Theologenkommission berufen wurde.

    Karl-Heinz Menke: Das unterscheidend Christliche. Beiträge zur Bestimmung seiner Einzigkeit. Regensburg, Verlag Friedrich Pustet 2015, ISBN 978-3-

    7917-2663-2, 588 Seiten, EUR 39,95