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    Die Demoskopie als Wächterin

    Sie hat die Demoskopie in Deutschland eingeführt, die „Schweigespirale“ erdacht und das kleine Dorf Allensbach am Bodensee berühmt gemacht: Elisabeth Noelle-Neumann. Die Meinungsforschung hat dank ihr heute einen festen Platz in der Gesellschaft. Am Donnerstag ist die große Dame der Demoskopie im Alter von 93 Jahren gestorben. Seit 1976 war sie Ehrenbürgerin von Allensbach. Dort wohnte sie über Jahrzehnte hinweg in einer kleinen Villa mit Seeblick, eingeklemmt zwischen Bodensee und Bahndamm.

    Sie hat die Demoskopie in Deutschland eingeführt, die „Schweigespirale“ erdacht und das kleine Dorf Allensbach am Bodensee berühmt gemacht: Elisabeth Noelle-Neumann. Die Meinungsforschung hat dank ihr heute einen festen Platz in der Gesellschaft. Am Donnerstag ist die große Dame der Demoskopie im Alter von 93 Jahren gestorben. Seit 1976 war sie Ehrenbürgerin von Allensbach. Dort wohnte sie über Jahrzehnte hinweg in einer kleinen Villa mit Seeblick, eingeklemmt zwischen Bodensee und Bahndamm.

    1946 hatte sie den Journalisten und späteren CDU-Bundestagsabgeordneten Erich Peter Neumann geheiratet und nahm den Doppelnamen Noelle-Neumann an. Zusammen mit ihm gründete sie 1947 das Institut für Demoskopie Allensbach, das sie bis zu ihrem Tod leitete.

    Heute beschäftigt das Institut etwa hundert hauptberufliche Mitarbeiter und zweitausend nebenberufliche Interviewer. Durchschnittlich führt das Institut nach eigenen Angaben pro Jahr etwa hundert Studien mit bis zu 90 000 Interviews durch. Von 1961 bis 1964 war Noelle-Neumann zudem Dozentin an der FU Berlin, 1965 wurde sie zur außerordentlichen und 1968 zur ordentlichen Professorin an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz berufen. Dort baute sie ab 1967 das Institut für Publizistik auf, dessen Direktorin sie bis zu ihrer Emeritierung 1983 war. Seit dem Tod ihres zweiten Mannes, dem Kernphysiker Heinz Maier-Leibnitz im Jahr 2000, verwendete sie nur noch ihren Mädchennamen Noelle.

    Mitten im Ersten Weltkrieg geboren, am 19. Dezember 1916 in Berlin, wuchs Elisabeth Noelle in einer „reichen und mit vielen Begabungen gesegneten Familie“ auf, wie sie es in ihren Lebenserinnerungen formulierte. 1933 kam Noelle zum ersten Mal an den Bodensee, ins Internat von Salem. Die Ansprachen des Internatsgründers Kurt Hahn hätten sie gerettet, erinnerte sie sich später – „denn sie führten dazu, dass ich mich von den Nazis fernhielt, mich aus ihren Angelegenheiten heraushielt und so wenig wie möglich mitmachte“.

    Das, was sie dennoch mitmachte – eine Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Studentinnen und die journalistische Arbeit für die NS-Zeitung „Das Reich“ – gab in den 70-er, 80-er und 90-er Jahren wiederholt Anlass für Kontroversen. In ihrer eigenen Autobiografie erscheint die Studentin und Journalistin der NS-Zeit als aufmerksame Beobachterin, die letztlich unpolitisch blieb und den in der Zeitungswissenschaft gestellten Fragen nach Gesinnung, Verantwortung und journalistischer Ethik bewusst aus dem Weg ging:„Das interessierte mich überhaupt nicht.“ Als sie und ihr erster Ehemann, Peter Erich Neumann, 1947 das „Institut für Demoskopie“ gründeten, um dort nach dem Vorbild des amerikanischen Demoskopen George Gallup zu arbeiten, war dies ein Novum in Deutschland. Der neuen wissenschaftlichen Disziplin schlug zunächst nur Ablehnung entgegen. „Wir wurden ausgelacht“, berichtete Noelle-Neumann über den schwierigen Beginn. Zeichnerisch begabt, von rascher Auffassungsgabe und zielstrebig, wollte sie schon vor dem Abitur Journalistin werden. Sie brachte dann aber doch die Schule zu Ende, studierte Zeitungswissenschaft in Berlin und zeitweilig in Königsberg, erhielt ein Stipendium für die USA, bereiste noch vor dem Krieg Japan, China und den Vorderen Orient. Nach Missouri, wo sie 1939 die einzige deutsche Studentin war, kam Elisabeth Noelle mit dem Auftrag ihres Doktorvaters Emil Dovifat, zu erforschen, was amerikanische Zeitungen tun, um Frauen als Leserinnen zu gewinnen. Doch sie ließ sich von George Gallups Methode der Repräsentativumfrage faszinieren. Dass man, um ein Stimmungsbild der Gesamtbevölkerung zu erhalten, nicht möglichst viele Bürger befragen muss, sondern sich beschränken kann auf eine Gruppe, die in ihrer Zusammensetzung nach Alter, Beruf, Geschlecht und sozialem Status einen Querschnitt durch die Gesellschaft bietet, war damals revolutionär. Elisabeth verwarf ihre ursprüngliche Themenstellung. Als sie 1940, zu Dovifat, dem Nestor der deutschen Zeitungswissenschaft, zurückgekehrt, ihre Dissertation abschloss, trug diese den Titel: „Amerikanische Massenbefragungen über Politik und Presse“.

    Jahrzehntelang durchleuchtete Noelle-Neumann mit wissenschaftlichen Methoden das Fühlen und Denken der Deutschen. Aus ihrem Institut wurde ein hochangesehenes Instrument der Meinungsforschung. Einen besonderen Namen machte es sich in der politischen Meinungsforschung und bei Wahlprognosen. Seit 1957 veröffentlicht das Institut am Tag vor wichtigen Wahlen Prognosen, die jahrzehntelang kaum vom Endergebnis abwichen. Doch seit der Bundestagswahl im September 2005 ist das Umfragewesen in eine tiefe Krise geraten. Nicht nur Allensbach, auch andere Meinungsforschungsinstitute hatten einen klaren Sieg für ein schwarz-gelbes Regierungsbündnis vorhergesagt. Die Union verfehlte jedoch ihr Ziel gründlich und musste mit der SPD koalieren. Gegen ihr Image als „Haus-Demoskopin“ der CDU hat sich Noelle-Neumann stets gewehrt, obgleich der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl zu ihren engsten Freunden gehörte. Auf imponierende Weise war Elisabeth Noelle-Neumann selbstbewusst, unbefangen und eigensinnig. So legte sich die Meinungsforscherin in den siebziger Jahren mit den Medien an, denen sie vorwarf, den damaligen CDU-Kanzlerkandidaten Kohl ungünstig präsentiert und damit zu dessen Niederlage bei der Wahl 1976 beigetragen zu haben. Für die meisten Reaktionen freilich sorgte ihr Werk „Öffentliche Meinung – die Entdeckung der Schweigespirale“. Die vielfach diskutierte Theorie des Buches besagt, dass die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, in bestimmten Fällen von der wahrgenommenen Mehrheitsmeinung abhängt. Immer wieder setzte sich Noelle-Neumann auch mit der Wirkung der Medien auseinander, etwa mit den Folgen des Fernsehens auf die Zeitungslandschaft.

    Eigentlich betrachtete Elisabeth Noelle-Neumann Meinungsforschung und Journalismus als Rivalen. Die Medien, als „vierte Gewalt“ im Staat allzu mächtig geworden, brauchten nach ihrer Ansicht einen Wächter, und dieses Korrektiv sollte die Demoskopie sein. „Nur mit Hilfe der Demoskopie können wirklich unabhängige Informationen darüber gewonnen werden, was die Bevölkerung eines Landes zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte gefühlt und gedacht hat“, proklamierte sie. Ihren mädchenhaften Charme, mit dem sie immer wieder ihre Gesprächspartner bezaubern konnte, hat sie bis zu ihrem Tode bewahrt.

    Von Carl-H. Pierk