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    Die Angst, Muslime zu provozieren

    Die Verteidigung der Meinungsfreiheit nach den Anschlägen in Paris hat erste Grenzen. Aus Sicherheitsgründen wurde die öffentliche Vorführung des Films „L'Apôtre“ (Der Apostel, 2014) über die Konversion eines jungen Muslims zum Christentum bis auf weiteres untersagt. Kinos in Nantes und Neuilly mussten den Film der Nachwuchsfilmemacherin Cheyenne Carron aus dem Programm nehmen. Der französische Inlandsgeheimdienst hatte die Veranstalter sowie die Kinobesitzer vor Attentaten gewarnt, da die „Ausstrahlung des Films von der muslimischen Glaubensgemeinschaft als Provokation aufgefasst werden könnte“, wie aus einem Schreiben hervorgeht, das verschiedenen französischen Medien vorliegt. Mittlerweile hat der Senator David Rachline (FN) diesbezüglich eine parlamentarische Anfrage an den Innenminister gestellt. Auch der Film „Timbuktu“ von Abderrahmane Sissako wurde in Villiers-sur-Marne, einem Vorort von Paris, aus dem Programm genommen. Der Bürgermeister Jacques-Alain Bénisti (UMP) hatte seine Aufführung präventiv untersagt: „Es liegt zwar keine konkrete Bedrohung vor, aber ich befürchtete, der Film könnte den Terrorismus verherrlichen“, meinte er gegenüber der Presse. Der Film „Timbuktu“ beschreibt die Schreckensherrschaft der Schebab-Milizen und ist für das Festival in Cannes nominiert. Von der absoluten Meinungsfreiheit ist in diesen Fällen nicht mehr viel zu spüren: Das konservative Magazin „Le Point“ fragt in einem Artikel: „Sind L'Apôtre und Timbuktu gefährlicher als Charlie Hebdo?“

    Titelbild des Films „L'Apôtre“ (Der Apostel), wie er im Internet auf DVD erhältlich ist (Detail). Foto: IN

    Die Verteidigung der Meinungsfreiheit nach den Anschlägen in Paris hat erste Grenzen. Aus Sicherheitsgründen wurde die öffentliche Vorführung des Films „L'Apôtre“ (Der Apostel, 2014) über die Konversion eines jungen Muslims zum Christentum bis auf weiteres untersagt. Kinos in Nantes und Neuilly mussten den Film der Nachwuchsfilmemacherin Cheyenne Carron aus dem Programm nehmen. Der französische Inlandsgeheimdienst hatte die Veranstalter sowie die Kinobesitzer vor Attentaten gewarnt, da die „Ausstrahlung des Films von der muslimischen Glaubensgemeinschaft als Provokation aufgefasst werden könnte“, wie aus einem Schreiben hervorgeht, das verschiedenen französischen Medien vorliegt. Mittlerweile hat der Senator David Rachline (FN) diesbezüglich eine parlamentarische Anfrage an den Innenminister gestellt. Auch der Film „Timbuktu“ von Abderrahmane Sissako wurde in Villiers-sur-Marne, einem Vorort von Paris, aus dem Programm genommen. Der Bürgermeister Jacques-Alain Bénisti (UMP) hatte seine Aufführung präventiv untersagt: „Es liegt zwar keine konkrete Bedrohung vor, aber ich befürchtete, der Film könnte den Terrorismus verherrlichen“, meinte er gegenüber der Presse. Der Film „Timbuktu“ beschreibt die Schreckensherrschaft der Schebab-Milizen und ist für das Festival in Cannes nominiert. Von der absoluten Meinungsfreiheit ist in diesen Fällen nicht mehr viel zu spüren: Das konservative Magazin „Le Point“ fragt in einem Artikel: „Sind L'Apôtre und Timbuktu gefährlicher als Charlie Hebdo?“

    Cheyenne Charron drückte gegenüber den Medien ihr Unverständnis für diese Entscheidung der Behörden aus: „L'Apôtre ist ein Film, der von der Liebe spricht. Statt ihn zu verbieten, sollte man ihn gerade jetzt Christen und Muslimen zeigen“, sagte Charron, die als Erwachsene zum Katholizismus konvertierte. In einer gläubigen Pflegefamilie aufgewachsen, habe sie dort die Liebe Christi erfahren. In ihrem Film beschreibt sie den spirituellen Weg eines gläubigen Muslims, Akim, der Imam werden wollte, zum Christentum. Charron erteilt im Abspann des Films allen Fanatismen eine Absage. „Ich habe versucht, einen Film über die wirkliche Offenheit für den anderen zu machen. Natürlich verstehe ich, dass man ihn aus Furcht vor Anschlägen verbietet, aber man gewinnt keine Auseinandersetzung, wenn man die Zensur einführt.“ Als der Film im vergangenen Oktober in die Kinos kam, waren die Kritiken einhellig und sehr positiv. Sogar das legendäre Satireblatt „Le Canard enchaîné“ empfahl seinen Lesern den Besuch von „l'Apôtre“.

    Tatsächlich fällt die Low-Budget-Produktion weder in eine Kampf-der-Kulturen-Rhetorik, noch verherrlicht sie einen multikulturellen Relativismus. Eigentlich sollte Akim, die Hauptfigur des Films, nach Mekka reisen, bevor er seine Ausbildung zum Imam beginnt. Er wuchs in einer muslimischen Mittelschichtsfamilie mit einem sehr gläubigen Bruder und einer eher ungläubigen Schwester auf. Zwei Ereignisse werfen ihn aus der Bahn: In der Nachbarschaft wird eine Frau ermordet. Ihr Bruder ist der Ortspfarrer, der den Mördern vergibt und die Stadt nicht verlassen will. Dieses Zeugnis der Feindesliebe beeindruckt Akim nachhaltig. Dann freundet er sich mit einem jungen Franzosen an, der ihn zur Taufe seiner Tochter einlädt. Dort trifft Akim wieder auf den Priester. Während der Taufe spürt er, dass er sich in seinem Innersten angesprochen fühlt von einem Gott, der die „Quelle des Lebens, des Friedens und der Liebe ist“. Die legalistischen Antworten des Imans seiner Moschee befriedigen ihn nicht mehr. Sein Bruder, der sich gegen den Kirchenbesuch Akims ausgesprochen hat, bemerkt nun, dass Akim das Freitagsgebet meidet und heimlich den Priester trifft. Dieser möchte allerdings nichts überstürzen und bittet Akim, sich zu prüfen, ob er den Schritt der Konversion wirklich zu setzen bereit ist.

    Als es sich herumspricht, dass Akim Christ werden möchte, muss er sein Zuhause verlassen und wird von Jugendlichen seiner Moschee – davon sind einige französischer Herkunft – bedroht und misshandelt. Eine Selbsthilfegruppe von anderen muslimischen Konvertiten zum Christentum gibt ihm den Mut, auch gegen den Widerstand seiner Familie dem Ruf Christi zu folgen. Der Film vermeidet Karikaturen – der einen wie der anderen Seite. Die Reaktionen von Bruder und Mutter, die Akims Konversion nicht verstehen und schroff ablehnen, stehen der Gleichgültigkeit seiner Schwester und relativen Offenheit seines Vaters gegenüber. Auch Akims französische Freunde können ihn nur materiell unterstützen, über das Christentum wissen sie kaum Bescheid. Die Charaktere sind realistisch gezeichnet. Man könnte ihnen auf der Straße begegnen. Der Schluss des Films ist ein Aufruf zum Respekt vor den Überzeugungen des anderen. Versöhnung ist möglich, ohne dass man auf Wahrheitsansprüche der jeweiligen Religion verzichten muss.

    Faysal Safi, der Akims Selbstzweifel und seine endlich gewonnene Klarheit überzeugend darstellt, kritisiert das Verbot seines Films ebenfalls. „Als Hauptfigur des Films, aber auch als Franzose mit arabischen Wurzeln freue ich mich, dass es diese Offenheit im Kino gibt, schwierige Themen anzusprechen. Wenn unser Film einen Beitrag zum Dialog leisten kann, umso besser.“ Safi ist übrigens für den Cäsar als bester Nachwuchsschauspieler in Cannes nominiert. Der Film „l'Apôtre“ hat verschiedene Auszeichnungen für Jungregisseure gewonnen und wurde auf dem internationalen katholischen Kinofestival Mirabile Dictu im vergangenen Jahr mit einem Sonderpreis der Stiftung Capax Dei prämiert.

    Tatsächlich kann die Beschäftigung mit dem Islam nicht der alleinige Grund für die präventiven Aufführungsverbote sein. Der Film „Qu'Allah bénisse la France“ (Allah schütze Frankreich) über die Bekehrung eines Jugendlichen aus den Vororten zum Islam läuft weiterhin in den Kinos. In diesem Fall sind besondere Schutzmaßnahmen wohl nicht notwendig.