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    Deutschlands Enttäuschung

    Wir müssen uns Christian Wulff in diesen Tagen als einen unglücklichen Menschen vorstellen. An niemandem perlt spurlos ab, was auf den Bundespräsident derzeit in Orkanstärke niedergeht. In nicht einmal einem Monat fiel er aus den Höhen der allerhöchsten republikanischen Reputation auf Normalmaß, Trottoir oder darunter. Einen Abzocker muss er sich schimpfen lassen, einen Lügner, einen stil- und würdelosen Emporkömmling mit falschen Freunden, falschen Maßstäben, der falschen Frau. Niemand mag mehr mit ihm tauschen: Christian Wulff, eine deutsche Tragödie.

    Wie soll es weitergehen mit Bundespräsident Christian Wulff? Sein Schicksal liegt auch in der Hand von Bundeskanzlerin A... Foto: dpa

    Wir müssen uns Christian Wulff in diesen Tagen als einen unglücklichen Menschen vorstellen. An niemandem perlt spurlos ab, was auf den Bundespräsident derzeit in Orkanstärke niedergeht. In nicht einmal einem Monat fiel er aus den Höhen der allerhöchsten republikanischen Reputation auf Normalmaß, Trottoir oder darunter. Einen Abzocker muss er sich schimpfen lassen, einen Lügner, einen stil- und würdelosen Emporkömmling mit falschen Freunden, falschen Maßstäben, der falschen Frau. Niemand mag mehr mit ihm tauschen: Christian Wulff, eine deutsche Tragödie.

    Wie konnte es so weit kommen? Gewiss haben viele Menschen sich in Christian Wulff getäuscht. Der Biedermann, den er so routiniert vorstellt, hat offenbar eine tiefe Leidenschaft für das Halbseidene und Halbgare. Damit steht er in Politikerkreisen gewiss nicht alleine da. Ganz gewiss aber – und darin liegt das eigentlich Überraschende – hat Christian Wulff sich in Deutschland getäuscht und im schwierigsten und höchsten Amt, das dieses identitätsflüchtige Land zu vergeben hat. Er hatte und hat keinen Begriff von diesem Amt, von dessen Hoheit und Abgründen. Als Bundespräsident ist er nie angekommen. Er sah nicht das komplexe Wechselspiel von Stellvertretung und Subjektivität, von Person und Amt. Der Bundespräsident ist mit nichts und niemandem sonst im deutschen Politikbetrieb zu vergleichen, weil auf ihn und nur auf ihn zutrifft, was eine integrationsfördernde Werbekampagne einst als launiges Motto für alle Staatsbürger ausgeben wollte: Nur er ist wirklich Deutschland, bei fast allem, was er tut, redet, unterlässt. Christian Wulff, der nahezu ein ganzes Leben lang Politiker war, sah im neuen Amt die Krönung bloß einer Politikerlaufbahn, mehr vom Gleichen also.

    Darum wird Christian Wulff nun vermutlich auf Schloss Bellevue sitzen, traurig sein, trüben Gedanken nachhängen und die Welt nicht mehr verstehen. Wie konnte ihm Deutschland das nur antun? Hat er nicht fast ein Leben lang gesagt, was man sagen muss, um als Mann der Mitte und moderner Konservativer zu gelten? Hat er nicht immer als der gute Deutsche gegolten, und braucht es für dieses neue Amt nicht eigentlich nur dies: dass man als guter Deutscher erscheint? Warum also lässt Deutschland ihn fallen, ihn, der wie wenige Politiker sonst den Mainstream dieser Republik mustergültig vertritt? Der Fleisch ist vom Fleische der politischen Korrektheit, der wohlmeinenden Rede, der staatlichen Daseinsfürsorge und des sanft forcierten Multikulturalismus? Er war es doch, der als erster deutscher Ministerpräsident eine zugewanderte Muslima in den Ministerrang erhob. Und er ist es auch, der als Entdecker Ursulas von der Leyen gilt und deren „moderne“ Familienpolitik mit aus der Taufe hob. Im neuen Amt arbeitete er flugs weiter am mehrheitsfähigen Profil, stellte den schreibenden Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin in den Senkel und las Staatsgast Benedikt XVI. öffentlich die Leviten.

    Eine Sehnsuchtsfigur

    In der Tat zählt es zur Kernaufgabe des Bundespräsidenten, als guter Deutscher im In- und Ausland eine einnehmende Figur zu machen. Er muss jene Person sein, auf die sich zwar nicht alle einigen können, deren Recht auf allgemeine Repräsentanz aber von niemandem bestritten wird. Der Bundespräsident darf weder in eigener noch in fremder Sache Partei sein. Seine Partei ist Deutschland. Darum muss er so erscheinen, wie dieses Land sich selber gerne sähe. Er muss aus dessen Mitte stammen, um aus ihr herausragen zu können. Der Bundespräsident ist eine gemeindeutsche Sehnsuchtsfigur. Niemandem sonst ist das vergönnt, niemand sonst muss diese Bürde schultern.

    Das Inkommensurable des Amtes zeigt sich deutlich am eng bemessenen und deshalb umso wichtigeren Spielraum der Individualität. Zu 90 Prozent macht jeder Bundespräsident gerade das, was sein Vorgänger tat. Er überreicht Urkunden, bereist das Land, ermuntert alle, die er trifft, ist höflich und munter. Der Musikkabarettist Rainald Grebe sang sehr zu Recht, damals noch auf Horst Köhler gemünzt: „Ich fahre mit Eskorte/ Ich werde heute Reden halten/ Ich hab‘ die Macht der warmen Worte.“ Kein Griesgram darf der Präsident sein, doch auch kein Faxenmacher. Kein Besserwisser und doch zugleich keiner, dem alles egal ist. Die Orientierung, die von ihm verlangt wird, ist er selbst. Er ist ein Hinweisschild, kein Weg, ist ein Kompass, kein Pol. Im Bundespräsidenten ragt das Monarchische auf sehr demokratische Weise in die Republik.

    Monarchisch ist das Beieinander von Amt und Person, die nicht ganz zur Deckung kommen. Monarchisch ist die alle Parteiung transzendierende Ehrerbietung, die ihm vom Moment der Wahl an gewissermaßen auf Verdacht entgegengebracht wird. Dieses Sofortvertrauen, das Christian Wulff durch seine Finanzierungstricks und seine womöglich justiziablen Einschüchterungsversuche der Presse enttäuschte, muss der Präsident zurückzahlen durch die Art der Amtsführung – durch jene zehn Prozent Individualität, die über die Bilanz einer Präsidentschaft entscheiden. Horst Köhler gewann durch die Herzlichkeit, mit der er auftrat, durch die Leidenschaft für das deutsch-afrikanische Verhältnis und durch die Standpauken wider die politische Klasse. Johannes Rau war wirklich der Versöhnung predigende „Bruder Johannes“, als der er karikiert wurde, Roman Herzog ein hemdsärmeliger Gegenentwurf, der auf deutsche Tatkraft, Neugier und Bildungsbereitschaft setzte. Von Wulff sollte eigentlich der (sachlich leider falsche) Satz bestehen bleiben, der Islam gehöre zu Deutschland, vielleicht auch die Warnung vor den Legitimationsdefiziten der Parteiendemokratie. Nun wird er als komische Fußnote in die Annalen eingehen: Wulff, das war doch der mit der jungen Frau, den Kussbildern und dem Häuserkauf.

    Monarchische Herrschbegier

    Wegen des Restbestands an Monarchie, von dem eine inhaltlich ausgehöhlte Bundesrepublik zehrt, reicht es eben nicht, wenn deren Präsident die übliche korrekte Politikerredeweise schlicht fortsetzt, wie es Wulff tat. Der Bundespräsident ist immer auch die Lücke, die der Verfassungspatriotismus lässt, ist das Eingeständnis, dass es ohne Pathos und ohne Nationalbewusstsein und ohne die sonst routiniert belächelten Sekundärtugenden nicht geht. Das hat Wulff nie begriffen. Wer bruchlos seine Rhetorik und sein Gebaren fortschreibt, der ist kein guter, kein schlechter, der ist gar kein Bundespräsident. Darin liegt die Tragik des gescheiterten Bundespräsidenten Wulff.

    Der Mann aus Osnabrück hat sich vom Monarchischen nur dessen Herrschbegier geborgt, nicht dessen Verzichtbereitschaft, dessen Verantwortungsbewusstsein, dessen selbstbindenden Kräfte. Davon erzählt jene bekannte Episode vom Präsidenten Wulff, der ein Auditorium, das sich gerade erhoben hatte vor ihm, scheinbar kumpelhaft, in Wahrheit höchst autoritär beschied, es möge doch sitzen bleiben. Wulff setzte sich offensichtlich darüber hinweg, dass die Ehrerbietung nicht der Privatperson gilt, sondern dem Amt, und dass er folglich nicht das Recht hat, eine Abkehr von Etikette und Amtscharisma aus einer Laune heraus zu verfügen. Jede präsidiale Willkür bindet den Nachfolger und engt dessen Freiheitsrechte weiter ein; in ungleich gewaltigeren Dimensionen weiß der Papst davon ein Lied zu singen. Bundespräsident Wulff hatte auch nicht das Recht, anlässlich der Weihnachtsansprache 2011 sich eine Abordnung der von ihm präferierten Stände der Republik auf Schloss Bellevue zu zitieren, damit diese dort ihm stumm huldigten: Kinder, Soldatinnen, Mütter, Migranten bildeten ein Spalier der „bunten Republik“, eine Kulisse der Anständigen, wie sie ihm vorschwebt. Und wer da keine Gnade findet, wen also „solche Lehren nicht erfreu‘n“, wie es klirrendkalt in der „Zauberflöte“ heißt, „der verdienet nicht, ein Mensch zu sein“?

    Der Bundespräsident darf sich kein Privatvolk zur Huldigung organisieren. Er darf das Gesamt, das er vertritt, nicht in ihm genehme Teilmengen scheiden. Sonst ist er Autokrat. So war Christian Wulff letztlich zu autoritär und zu wenig standesbewusst in einem Amt, das er nie begriff. Er war staatstragend, wo es um seine eigene Person und deren optische Verwertbarkeit ging, und subjektivistisch bis zur Willkür, wenn es die Staatsräson tangierte. Er sah das große Vakuum nicht, das die leere Mitte der Bundesrepublik Deutschland bildet und das zu schließen oder zumindest zu bedecken der Bundespräsident da ist. Diese große Leerstelle hört auf den Namen Identität. Eine Republik, die sich höchstens in ihren Sportlern wiedererkennt, sonst aber von einem mitunter lähmenden Pathosverzicht befallen ist, einem selbstauferlegten Symbolverbot und einer ganz ahistorischen Traditionsverleugnung, braucht einen auf demokratischen Wegen, also rückholbar entrückten Präsidenten. Sie braucht einen, nur einen Menschen, der ihr sachte und beharrlich erzählt, dass es gut ist und stolz machen kann, Bürger genau dieses Landes zu sein. So dringend wie ein Fisch die Höhensonne braucht sie, was Christian Wulff zu liefern imstande war: einen Politiker mehr.