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    Der letzte Wunsch der verstorbenen Mutter

    Als Kinder standen sich die kurdischen Geschwister Liya, Alan und Jan offenbar sehr nah. Eine Art Prolog verdeutlicht es, als sie beim Fotografen allerlei Possen reißen. Zwar scheinen sie eine unbeschwerte Kindheit zu erleben, aber der bewaffnete Vater im Hintergrund weist bereits auf die Tragödie hin.

    Die drei Geschwister (von links) Liya (Mina Özlem Sagdic), Jan (Sasun Sayan) und Alan (Murat Seven) möchten den letzten ... Foto: missingFilms

    Als Kinder standen sich die kurdischen Geschwister Liya, Alan und Jan offenbar sehr nah. Eine Art Prolog verdeutlicht es, als sie beim Fotografen allerlei Possen reißen. Zwar scheinen sie eine unbeschwerte Kindheit zu erleben, aber der bewaffnete Vater im Hintergrund weist bereits auf die Tragödie hin.

    Das Schicksal der kurdischen Familie ist beispielhaft

    Eine Radiomeldung verkündet vor schwarzer Leinwand die Bombardierungen kurdischer Dörfer durch das Regime Saddam Husseins. Vor der sogenannten „Anfal-Operation“ flüchten die Kurden. Nach diesem Prolog macht „Haus ohne Dach“, der Abschlussfilm von Soleen Yusef an der Filmakademie Baden-Württemberg, mit dem sie den deutschen Nachwuchsfilmpreis „First Steps Award“ gewann, einen Zeitsprung. Bilder des Sturzes eines Standbilds von Saddam Hussein laufen in einem deutschen Wohnzimmer im Fernsehen. Die etwa fünfzehn Jahre, die zwischen der Anfal-Operation 1988 und dem Sturz Saddam Husseins 2003 liegen, haben die Mutter Gule (Wedad Sabri) und die drei Geschwister in Deutschland verbracht, nachdem der Vater im Krieg fiel.

    Nun möchte die Mutter unbedingt in die Heimat zurück. Bei den Geschwistern löst dieser Entschluss unterschiedliche Reaktionen aus: Liya (Mina Özlem Sagdic) und Alan (Murat Seven) wollen unter gar keinen Umständen zurück. Nur Jan (Sasun Sayan), der offensichtlich der Mutter am nächsten steht, kehrt zusammen mit ihr ins kurdische Autonomiegebiet im Nordirak zurück. Die wenigen Szenen verdeutlichen darüber hinaus, dass sich die drei Geschwister inzwischen auseinandergelebt haben. Zwischen den beiden Brüdern herrscht sogar eine feindliche Stimmung. Denn Jan wirft Alan vor, ein Taugenichts geworden zu sein.

    Wieder einmal vergehen einige Jahre. Eine Zeitmarkierung liefern etwas später Fernsehbilder von der Einnahme Mossuls durch den IS im Juni 2014. Nun ist die Mutter Gule gestorben. Liya und Alan reisen ins Dorf, wo sie zuletzt gewohnt hat. Sie erfahren erst jetzt, dass Jan inzwischen Frau und Kind hat, so abgerissen war der Kontakt zwischen den drei Geschwistern. Allerdings müssen sie sich jetzt zusammentun, um den letzten Wunsch der Mutter zu erfüllen: Sie möchte neben ihrem im Krieg gefallenen Mann in ihrem etwa 600 Kilometer entfernten Heimatdorf beerdigt werden. Gules Bruder Fehrad (Ahmet Zirke) stemmt sich jedoch dagegen – nicht nur wegen der unsicheren Lage, in der sich inzwischen das kurdische Gebiet befindet. Liya, Jan und Alan machen sich mit dem Sarg der Mutter auf der Ladefläche eines Pick-Ups auf den Weg, verfolgt von zwei Verwandten, die sie zurückholen sollen. Es beginnt eine Odyssee-artige Reise, in der das Zerwürfnis der Geschwister zutage tritt, in der aber auch ein Familiengeheimnis gelüftet wird. Die Reise wird das Verhältnis von Liya, Alan und Jan untereinander beeinflussen.

    Drehbuchautorin und Regisseurin Soleen Yusef wurde in Duhok, im kurdischen Teil Iraks, geboren. Yusefs Familie flüchtete nach Deutschland, als sie neun Jahre alt war. Wie häufig bei Abschlussfilmen weist auch „Haus ohne Dach“ autobiografische Anklänge auf. Dazu führt Soleen Yusef aus: „Die Geschichte zu ,Haus ohne Dach‘ ist aus dem Bedürfnis entstanden, die eigene und die Kriegs- und Fluchterfahrung von Familie und Freunden filmisch aufzuarbeiten und dem Zuschauer damit einen persönlicheren und individuelleren Zugang zu diesen Themen zu verschaffen.“

    Die Realität selbst hat am Drehbuch mitgearbeitet

    Soleen Yusef gelingt es, eine universelle Familiengeschichte im Spannungsverhältnis zwischen zwei Kulturen mit den Besonderheiten der kurdischen (Leidens-)Geschichte in einem Zeitraum von fast dreißig Jahren zu verknüpfen. Im Mittelpunkt stehen die drei Geschwister Liya, Jan und Alan, die als Kinder Ende der 1980er Jahre vor Saddam Husseins Truppen flüchten mussten, und dann in Deutschland zwischen zwei Welten aufwuchsen. Sie entwickelten sich unterschiedlich: Jan fiel es offensichtlich nicht schwer, in der „Heimat“ wieder Fuß zu fassen. Für Liya und Alan hingegen ist Kurdistan die Heimat ihrer Eltern. Sie selbst fühlen sich in Deutschland zu Hause. Dass sie ihr Heimatdorf zerbombt vorfinden, als sie den letzten Willen ihrer Mutter erfüllen, spiegelt die Entwurzelung wider. Im Laufe der Reise werden sie mit der Kriegsvergangenheit, aber auch mit der eigenen Familiengeschichte konfrontiert.

    Denn das Familiendrama ist in eine ganz besondere Geschichte eingebettet, die außerdem eine eigene Brisanz erfuhr, als mitten in den Drehvorbereitungen der sogenannte „Islamische Staat“ Mossul überfiel: „Die harte Realität, über die wir eine Geschichte erzählen wollten, hat uns in der härtesten Form eingeholt, und wir wurden vor reale, tragische Tatsachen gestellt“, sagt Soleen Yusuf dazu. „Die Eindrücke vor Ort schnürten alles zu. Den Hals, den Kopf, das Herz. Wohin bloß mit dieser Tragödie? Bewegt davon setzte ich mich noch einmal an das Drehbuch und schrieb mitten im Prozess die Geschichte von ,Haus ohne Dach‘ schließlich um. Seither rahmt die Realität unsere eigentliche Filmidee ein und gibt ihr auf tragische Art und Weise das bessere Ende.“

    Die Bilder von Kameramann Stephan Burchardt sind alles andere als folkloristische Postkartenbilder. Sie zeigen nicht nur eine schöne, wenn auch karge Landschaft. Darüber hinaus vermitteln sie auch einen Wesenszug der dort lebenden Menschen. Visuell gelingt dies durch die Verknüpfung der Totalen mit den Nahaufnahmen der Schauspieler, die deren Empfindungen versinnbildlichen. Die wehmütige Musik und ein wohldosierter, feiner Humor runden den überaus erfrischenden Gesamteindruck von „Haus ohne Dach“ ab.