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    Der gute Vorsatz ist des Teufels

    Zum Jahreswechsel berauschen wir uns an Plänen, wie wir unser eigenes Ich verbessern können. Der nüchterne Katholik weiß: Der Weg, der zur Heiligkeit führt, ist ein anderer. Von Alexander Pschera

    „Geht es doch unseren Vorsätzen wie unsern Wünschen: Sie sehen sich gar nicht mehr ähnlich, wenn sie ausgeführt, wenn sie erfüllt sind.“ So steht es in Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre, einem Werk, dessen lebensphilosophische Potenz sich bis heute tatsächlich nicht erschöpft hat. Der Philosoph Walter Benjamin meinte nichts anderes, als er über den oftmals ernüchternden Prozess der künstlerischen Vorstellungskraft Folgendes konstatierte: „Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption.“ Immer klafft ein gewaltiger Abgrund zwischen dem, was wir uns vorstellen, was wir imaginieren, und dem, was wir dann in die Welt setzen. Das gilt für den Bereich der Moral ebenso wie für den Bereich der Ästhetik. Das Gefälle besteht dabei natürlich zwischen der Vorstellung und dem Umgesetzten, zwischen Innen und Außen, zwischen dem bloßen Plan und der harten Wirklichkeit. Wie schön, wie vielfältig und bunt erscheinen die Dinge in unserem Denken, und wie blass und profan sind sie, wenn wir sie realisiert haben. Wie Benjamin sagte: Es ist der Unterschied zwischen einem Lebenden und einem Toten. Der Künstler kann deshalb nicht aufhören, fieberhaft an seinem Werk zu arbeiten, er folgt einem inneren Zwang, wenn er hier noch ein Wort, dort einen Pinselstrich oder eine Notenfolge einfügt, um das Fertige schließlich der Idee, die er von seinem Werk, das die Welt umspannen soll, hat, möglichst genau anzunähern. Zur Deckung wird er beide Seiten nie bringen, es sei denn, er pflegt, wie die Romantiker, die Gattung des Fragments, des offenen Werks.

    Wenn wir Gutes tun wollen, ist es nicht anders. Wir berauschen uns an Plänen, das Leben der anderen oder auch nur unser eigenes zu verbessern, zu veredeln. Wir wollen bessere Menschen sein. Deshalb nehmen wir uns in der Nähe der Jahreswende oder in Fastenzeiten vor, gute Werke zu verrichten, Streitigkeiten zu begraben, Brückenschläge zu entfremdeten Menschen zu wagen, den Armen zu helfen und die Kranken zu besuchen. Oder wir haben, viel profaner, den festen Vorsatz, mehr Sport zu treiben, gesünder zu leben, das Rauchen einzustellen. Die Augenblicke, in denen wir diese Vorsätze fassen, scheinen illuminiert von einer glorreichen Zukunft, deren Schein uns schon erreicht. Wir spüren, wie die Last der Sünde oder der schlechten Angewohnheiten von uns abzufallen scheint. Wir fühlen uns befreit, gelöst, entbunden. Doch ist der gefasste Vorsatz erst einmal zur unwiderrufbaren Tat geworden, so sind wir schon längst wieder im tristen Grau des Alltags angekommen, ohne den Übergang vom einen zum anderen wirklich zu spüren. Der ferne Freund ist wieder etwas näher gerückt, der Bauch ein wenig abgebaut, das Zigarettenkontingent schmilzt langsamer ab. Und nun? Und weiter? Wo sind die Verzückungen geblieben, die uns diese Veränderungen der Wirklichkeit versprochen haben? Wo ist der innere Schub, den wir empfanden? Es entsteht eine vorsätzliche Leere, die uns rat- und vor allem tatenlos zurücklässt. Und dann kann es passieren, dass die nächste Phase der guten Vorsätze weniger enthusiastisch ausfällt. Denn die Desillusionierung hinterlässt Spuren in unserem Vermögen, uns eine bessere Zukunft vorstellen zu können, ja vorstellen zu wollen.

    So ist also das erste Gebot des guten Vorsatzes leicht benannt: Es besteht darin, zu verstehen, dass der bloße Vorsatz keinen Wert an sich darstellt, dass er bestenfalls eine innere Notiz sein kann, die uns auf der rechten Spur hält, schlechtestensfalls aber eine pure, aufgebauschte Formalität, die im Jahresrhythmus wiederkehrt und mit der wir unserem Begehren, uns zu verändern, auf rein ideelle, aber vollkommen unwirksame, weil theoretische Weise nachkommen. Mit anderen Worten: Das Risiko des guten Vorsatzes ist wesentlich größer als seine Chance, weil sich das schlechte Gewissen mit ihm so schnell und umstandslos befrieden lässt. Wir sollten uns daher angewöhnen, genauer unserem Gewissen zu lauschen. Gewissensbildung, diese so sehr in Vergessenheit geratene Basistugend des Christen, bedeutet auch, sich über die Tatsächlichkeit unseres konkreten Lebens im Klaren zu sein, und nicht allein über unsere wanken- den Gemütszustände. Außerdem muss nicht jede gute Tat vorbereitet und geplant sein. Denkbar ist eben auch, dass man Gutes verrichtet, ohne sich dazu per innerem Dekret zu entschließen. Vielleicht, wahrscheinlich sogar, sind die größten und schönsten Werke der Menschheit ohne Plan, ohne Vorsatz entstanden, ganz spontan, aus der Situation heraus, im Angesicht von Leid und Elend, als Werke einer gelebten Barmherzigkeit, und nicht als Ergebnisse eines „nachhaltigen Lebensstils“.

    Mit dem „Gutes tun“ ist es also so eine Sache. Der „gute Vorsatz“ ist ein blitzscharfes zweischneidiges Schwert, zumal in einer hedonistisch ausgerichteten Welt, in der die Menschen und Organisationen alles, aber auch wirklich alles auf sich selbst und ihren persönlichen Lust- und Emotionsgewinn – auch den geistlichen! – beziehen. Selbst wenn der Vorsatz nicht nur Teil eines bloßen Jahresendrituals sein sollte, wenn er tatsächlich seinen Ort in der Seele des Menschen hat, tut man gut daran, vor ihm auf der Hut zu sein, vor allem, ihn nicht als einen Schminkspiegel der eigenen moralischen Eitelkeit zu miss- brauchen, vor dem wir unseres inneres Ich herrichten. So wie der ganz große Künstler, der seine Konzeption verbrennt und vergisst, sobald das Werk zu Papier oder auf die Leinwand gebracht ist und dann die Welt darüber ihr Urteil sprechen lässt, sollten wir unsere moralische Konzeption, den guten Vorsatz, als etwas Vorübergehendes begreifen, als eine Hühnerleiter zu Gott, die wir hinter uns zurücklassen, und die Tat der Wirklichkeit schenken. Selbst die unfertigste und unvollkommenste gute Handlung ist fraglos schöner als der schönste Vorsatz, sie zu begehen. Das, und nichts anderes, ist das Geheimnis der Heiligen. Auch bringt es wenig, das tatsächlich Erreichte mit dem vormals Geplanten abzugleichen und uns zu befragen, ob wir nicht noch mehr hätten tun können, ob wir auf der Höhe unseres Vornehmens geblieben sind. Das einzige, was zählt, ist das Hier und Jetzt des Werks, und sei es auch noch so klein und marginal. Vor diesem Hintergrund nehmen sich die Corporate Governance-Kampagnen der Unternehmen, die nichts anderes sind als ein System aus guten Vorsätzen, die auch für die Mitarbeiter gelten sollen, wie Schemen eines besseren Lebens aus, denen keinerlei Wirklichkeit innewohnt, weil sie keine echte Herzenswärme haben.

    Denn nur im konkreten Hic et nunc der Mantelteilung spricht sich Herzenswärme aus. Hatte sich der Heilige Martin vorgenommen, dem Bettler zu helfen, oder geschah das aus einer inneren Regung heraus? Der Vorsatz ist eine intelligible Operation. Er ist ein Produkt des Verstandes, von dem wir ja wissen, dass er es oft ist, der unser Herz täuscht. Glaube und Vernunft gehören zwar fraglos zusammen. Aber die Klammer, die beide umschließt, sind unsere beiden Herzkammern. Erst sie sind es, die dem Vorsatz pulsierendes Leben einflößen, nur sie können uns dazu in die Lage versetzen, uns selbst zu verschenken. Nur sie sind es, die den Willen, in einem konkreten Augenblick der gesehenen Not anderer tatsächlich besser zu sein, als man es gewöhnlich ist, in Gang setzen. Der gute Vorsatz dagegen ist ein schön verpacktes, aber leeres Geschenk, das wir unserem eigenen moralischen Ich machen, er ist eine Offerte an unsere Eitelkeit, und nicht mehr. Darin liegt sicherlich nicht der Weg zum wahren Glück, das ja immer ein Vorschein der göttlichen Vollkommenheit ist: „Ich wollte mich selbst vergessen, um anderen Freude zu machen. Von da an war ich glücklich“, schreibt die Heilige Thérese von Lisieux. Sich selbst zu vergessen: das kann, ja sollte auch bedeuten, seine guten Vorsätze zu vergessen und seinem Herz einfach und unbeschwert freien Lauf zu lassen in einer Welt, in der es nicht lange dauert, bis man auf Seelen stößt, die unserer Hilfe und Zusprache am meisten bedürfen.

    Aber noch etwas anderes gilt es zu bedenken. Die guten Vorsätze unsere Gesundheit betreffend haben den unbestreitbaren und unübersehbaren Vorteil, dasswir ihre konkreten Auswirkungen in der Umsetzung am eigenen Leib sichtbar erfahren können. Die Auswirkungen der guten Vorsätze, die Gott und die anderen Menschen betreffen, bleiben in der Wirklichkeit meist unsichtbar, ja sie scheinen sogar unwirksam und nichtig. Selbst das schönste Almosen verpufft angesichts der Massivität des Elends, dem wir täglich ins Antlitz schauen. Aber diese Auswirkungen unseres Handelns sind nicht unfühlbar. Zum moralischen Vorsatz gehört es also, das eigene Sensorium für das Unsichtbare zu entwickeln, uns in die Lage zu versetzen, den inneren Seelenregungen lauschen zu können und – und das ist das wichtigste – in ihnen die Antworten Gottes und der Heiligen zu vernehmen. Es ist dieses Hören der Stimme Gottes, die uns zeigt, dass wir auf dem rechten Weg sind, und nicht das Hören der eigenen Stimme, die uns verführerisch zuraunt: „Einen schönen Vorsatz hast Du Dir da genommen!“. Innenleben ist also nicht gleich Innenleben. Die Zurückweisung des Vorsatzes als einer Selbstdispositionierung zum Gutsein bedeutet mithin nicht, dass wir unseres Inneres verleugnen sollen und in blinden Aktionismus verfallen, der links und rechts des Weges wahllos Almosen verstreut. Im Gegenteil. Es geht darum, dem Wachsen des inneren Menschen Raum zu geben, ohne ihn an die Leine eines moralischen Key-Performance-Indikators zu legen. Ja das ist allein schon der beste Vorsatz, dem man sich stellen kann: Sich seinem inneren Garten, dem hortus conclusus des besseren Menschen, der in jedem von uns wohnt, zu widmen. Die guten Werke gedeihen dort von ganz allein.

    von alexander Pschera