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    Der fliehende Mensch

    Was ist der Mensch, dass Du [Herr] an ihn denkst, des Menschen Kind, dass Du Dich seiner annimmst?“ So heißt es im fünften Vers des achten Psalms. Die Fragen nach dem eigenen Wesen, nach Herkunft und Zukunft lassen den Menschen alle Zeiten hindurch nicht zur Ruhe kommen. In seiner 1800 veröffentlichten Logik-Vorlesung summiert Immanuel Kant seine drei philosophischen Grundfragen „Was kann ich wissen?“, „Was darf ich hoffen?“, „Was soll ich tun?“ in der Frage: „Was ist der Mensch?“. Trotz – oder vielleicht sogar wegen – des enormen wissenschaftlichen Fortschritts der vergangenen Jahrzehnte ist die Antwort auf die Frage nach dem Menschen, nach seiner Natur und seinem Wesen, heute unklarer denn je. In der Folge herrscht größte Unsicherheit darüber, wann das menschliche Leben beginnt und wann es endet. In einer weiteren Folge wird darüber gestritten, bis wann und ab wann ein Eingriff in menschliches Leben möglich und legitim ist.

    Befindet sich das Menschsein im Schlussverkauf und es wird nur noch um die Prozente des Preises für seine verkaufte Natu... Foto: dpa

    Was ist der Mensch, dass Du [Herr] an ihn denkst, des Menschen Kind, dass Du Dich seiner annimmst?“ So heißt es im fünften Vers des achten Psalms. Die Fragen nach dem eigenen Wesen, nach Herkunft und Zukunft lassen den Menschen alle Zeiten hindurch nicht zur Ruhe kommen. In seiner 1800 veröffentlichten Logik-Vorlesung summiert Immanuel Kant seine drei philosophischen Grundfragen „Was kann ich wissen?“, „Was darf ich hoffen?“, „Was soll ich tun?“ in der Frage: „Was ist der Mensch?“. Trotz – oder vielleicht sogar wegen – des enormen wissenschaftlichen Fortschritts der vergangenen Jahrzehnte ist die Antwort auf die Frage nach dem Menschen, nach seiner Natur und seinem Wesen, heute unklarer denn je. In der Folge herrscht größte Unsicherheit darüber, wann das menschliche Leben beginnt und wann es endet. In einer weiteren Folge wird darüber gestritten, bis wann und ab wann ein Eingriff in menschliches Leben möglich und legitim ist.

    Auch die Debatten der vergangenen Wochen über eine gesetzliche Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) führen diese Unsicherheit über das, was den Menschen ausmacht, in drastischer Weise vor Augen. Die PID ermöglicht es, zum Zweck der künstlichen Befruchtung hergestellte menschliche Embryonen vor der Einführung in den Mutterleib auf mögliche genetische Defekte hin zu untersuchen. Es ist verstehbar, dass Eltern mit Kinderwunsch, die noch dazu den Weg einer künstlichen Befruchtung einschlagen, möglichst sichergehen wollen, dass das zu erwartende Kind keine genetisch bedingten Krankheiten aufweist. Jedoch ist es sehr die Frage, ob ein Wunsch nach Kindern und darüber hinaus der Wunsch nach gesunden Kindern, überhaupt einer grundsätzlichen Erfüllbarkeit durch den Menschen selbst zugeführt werden kann. Dazu am Ende dieses Beitrages mehr.

    Ebenso verständlich ist es, dass die Gegenseite, die sich den unbedingten Schutz menschlichen Lebens zum allzu berechtigten Ziel gesetzt hat, die PID verhindern will. Die Gefahren einer Selektion kranken menschlichen Lebens sowie ein möglicherweise vorgezeichneter Weg hin zu einer genetischen Manipulation, einem genetischen Design des Menschen, sind nicht von der Hand zu weisen. Die Entscheidung des Bundestags fiel, wie von vielen Fachleuten erwartet, zugunsten einer bedingten gesetzlichen Zulassung der PID. Ein möglichst geschlossen gegen die PID gerichtetes Abstimmungsverhalten der Fraktion der Unionsparteien im Bundestag hätte ein Verbot der PID herbeiführen können (siehe DT vom 16. Juli). Die nun auf den Weg gebrachte gesetzliche Regelung einer bedingten Zulassung der PID schränkt den Schutz menschlichen Lebens mit Sicherheit weiter ein.

    Doch eine weiterführende Frage ist an diesem Punkt der Argumentation wichtig: In welcher Situation wird eine PID durchgeführt? Die PID kommt, wie oben erwähnt, bei menschlichen Embryonen zum Einsatz, die zum Zwecke einer künstlichen Befruchtung hergestellt wurden, also zu einem Zeitpunkt, zu dem der Mensch bereits weitere Menschen produziert hat. Ohne Zweifel stellt dies einen massiven Eingriff in die Natur den Menschen dar: „[...] ein Mensch zeugt einen Menschen“, heißt es in zutreffender Weise bei Aristoteles (Metaphysik VII, 7, 1032a). Er stellt ihn aber nicht her. In der Herstellung menschlicher Embryonen gelangt der Mensch an die Grenzen seiner technischen Fähigkeiten und noch darüber hinaus. Er lässt seine Natur hinter sich. Fehler bei diesem massiven Eingriff in die Natur, die durch ihre Gesetze dem Sein Strukturen gibt, sind gewissermaßen vorprogrammiert, sodass eine nachträgliche Prüfung, die PID, unumgänglich scheint. Sogar nach der Einsetzung eines gesunden Embryos ist noch keinesfalls gesichert, dass es auch zur Geburt kommt. Man darf also fragen: Ist der Mensch tatsächlich in der Lage, menschliche Embryonen, also Menschen, herzustellen? Wohl nicht, wie die offensichtliche Notwendigkeit einer Qualitätskontrolle (PID) dieser Embryonen symptomatisch zeigt. Ohne die künstliche Herstellung von Embryonen wäre auch die PID sinnlos. Womöglich wäre es also besser, die Energien des begrüßens- und bejahenswerten wissenschaftlichen Fortschritts in die ethisch verantwortbare Entwicklung von Therapien schwerwiegender, meist tödlich verlaufender Krankheiten zu investieren. Aber der Mensch ist nicht leicht vom Gedanken seiner eigenen Machbarkeit wegzuführen. Der Philosoph Rémi Brague verweist in seinen aktuellen Forschungsarbeiten darauf, dass der Mensch gegenwärtig nur noch sich selbst anerkennt und weder ein Wesen über ihm, noch eine gewisse Herkünftigkeit. Daraus ergeben sich gravierende Folgen für die aktuelle Lebens(un)weise des Menschen, so Brague in seinem jüngsten Buch „Les ancres dans le ciel“ (in Deutsch: „Im Himmel verankert“, Paris: Seuil 2011). Der Mensch verliert dadurch jeden Halt und jede Positionierung in der Welt, er wird haltlos. „Der Mensch ist ortlos geworden. Er hängt im Irgendwo“, betont Romano Guardini in seinen Studien über Pascal (Christliches Bewusstsein, Leipzig 1935, Seite 81). Ein Selbstverständnis als Gottes Geschöpf, das seinen ersten Grund und sein letztes Ziel gerade in seinem Schöpfer findet, gelingt dem heutigen Menschen immer weniger. Die unbedingte Anerkennung des Menschen bei gleichzeitiger Unbestimmtheit seines eigenen Wesens macht, so Brague, die vierte Stufe des Humanismus aus. Hier hat der Mensch nur noch sich selbst, wobei er sich auch immer stärker von sich selbst entfremdet. Die ersten drei Stufen, Unterscheidung von Mensch und anderen Lebewesen, Mensch als „Krone der Schöpfung“, Mensch als Herrscher und Ausbeuter der Natur, sind dabei in völlige Vergessenheit geraten oder bewusst abgeschafft worden. So hat die Bewegung des Naturschutzes die Vorstellung des Menschen als Herrscher und Ausbeuter der Natur nicht unbegründet zum Verschwinden gebracht. Eine reflektierte Rückbesinnung des Mensch auf die ersten drei Stufen des Humanismus könnten ihm jedoch dabei helfen, sich in zutreffender Weise in der Welt zu positionieren und dabei ein Wissen über die Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Fähigkeit zu gewinnen. Dabei gilt es, auch Irrtümer über eine falsche Vormachtstellung des Menschen über die Natur zu erkennen und zu vermeiden, um die wahren Fähigkeiten des Menschen zur Geltung zu bringen. Schließlich heißt es im eingangs zitierten achten Psalm, Verse sechs und sieben, über den Menschen weiter: „Du [Herr] hast ihn nur wenig geringer gemacht als [einen] Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk Deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt.“

    Was ist der Mensch? Die zu Anfang gestellte kantische Frage ist heute dringlicher denn je, und man gewinnt den Eindruck, dass der Mensch zu keiner Zeit vor dieser Frage mehr die Flucht ergriff als heute. Der Grund hierfür liegt wohl in der damit verbundenen metaphysischen Feststellung des Wesens des Menschen, das dem Menschen aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten als einzigem Lebewesen die Freiheit gibt, über die Natur hinauszutreten. Doch diese Überschreitung ist mit einem hohen Preis verbunden: Der Mensch kann die Natur, die er zwar verlassen hat, aber nie ganz abschütteln kann, nicht mehr beherrschen oder beherrschbar machen. Oft versteht er sie nicht einmal mehr. Es ist also höchst gefährlich, wenn Menschen anderen Menschen, die sich aufgrund von Krankheit oder einem verzweifelten Kinderwunsch in einer bedrängten Lage wiederfinden, Auswege und Möglichkeiten vorgaukeln, die vom Menschen nicht in verantwortbarer und gesicherter Weise beschritten werden können. Die Einwilligung zu solchen Auswegen fällt in je einzelnen persönlichen Krisensituationen verständlicherweise leicht, jedoch sind die Folgen für den Menschen als Person und für das Menschsein an sich unabsehbar, da dadurch grundsätzlich die individuelle Freiheit – und das potenziell für alle – verlorengeht.

    Der Mensch kann also nie einen Menschen machen. Auch wenn es Gegenbeispiele gibt, ist die Herstellung des Menschen stets mit unabsehbaren Risiken und Folgen verbunden. So sind für eine künstliche Befruchtung immer mehrere Embryonen herzustellen, von denen nur wenige, wenn überhaupt, geboren werden. Die Zukunft der übrigen ist ungewiss. Hier endet das verantwortbare Handeln des Menschen, da er die Folgen seines Handelns nicht in vollem Umfang abschätzen kann.

    Von der Möglichkeit der Adoption abgesehen, bleibt der zu Beginn angesprochene Kinderwunsch – und mehr noch der Wunsch nach gesunden Kindern – letztlich unerfüllbar. Die Erfüllung solcher Wünsche sind also immer nur Scheinerfüllungen. Der Mensch verlässt beim Versuch, diese Wünsche zu erfüllen, in jedem Fall seinen natürlichen Rahmen. Er kann ein Gelingen der Machbarkeit des Menschen ebenso wenig garantieren, wie das Ausbleiben unerwünschter Folgen seines Handelns, auch für andere. Also ist ein solches Handeln weder vernünftig, noch verantwortbar, noch zulässig. Je eher der Mensch in einer tiefen Reflexion über das eigene Wesen, über die Frage, was der Mensch sei, zu einer richtigen Bestimmung seines Wesens gelangt, das sich im Rahmen seiner Natur bewegt, desto früher wird es ihm gelingen, wahren wissenschaftlichen, technischen und medizinischen Fortschritt zu erzielen, der allen Menschen nutzt.

    Der Autor ist wissenschaftlicher Oberassistent am Guardini-Lehrstuhl der Ludwig-Maximilians-Universität in München.