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    Der erste amtliche Staatsfeind

    Die Bildersprache des amerikanischen Filmregisseurs Michael Mann gehört zu den innovativsten im heutigen Kino. Für „Collateral“ (DT vom 25.09.2004) setzte Mann hochauflösende Digitalkameras ein, deren Schärfe und Kontrasttiefe gerade in den Nachtszenen dem Film eine auf der großen Leinwand noch nicht gesehene hyperrealistische Anmutung verliehen. Die „High Definition“-Digitalvideokameras erlaubten dem Regisseur darüber hinaus eine außergewöhnliche Bewegungsfreiheit, die sich in einer Art Dokumentarismus niederschlug. Die Kamera filmte sozusagen aus dem Geschehen heraus, sie trat den Darstellern stets sehr nahe.

    Die Bildersprache des amerikanischen Filmregisseurs Michael Mann gehört zu den innovativsten im heutigen Kino. Für „Collateral“ (DT vom 25.09.2004) setzte Mann hochauflösende Digitalkameras ein, deren Schärfe und Kontrasttiefe gerade in den Nachtszenen dem Film eine auf der großen Leinwand noch nicht gesehene hyperrealistische Anmutung verliehen. Die „High Definition“-Digitalvideokameras erlaubten dem Regisseur darüber hinaus eine außergewöhnliche Bewegungsfreiheit, die sich in einer Art Dokumentarismus niederschlug. Die Kamera filmte sozusagen aus dem Geschehen heraus, sie trat den Darstellern stets sehr nahe.

    Diese ästhetische Innovation war in „Collateral“ allerdings kein Selbstzweck. Sie stand vielmehr im Dienst der Charakterzeichnung. Ähnlich den früheren Arbeiten von Michael Mann „Heat“ (1995) und „Insider“ (1999) nahm sich „Collateral“ vor allem als Charakterstudie aus. Im Gegensatz dazu gelang Michael Mann in seinem nächsten Film „Miami Vice“ (DT vom 24.08.2006) keine Charakterzeichnung der Hauptfiguren. Denn „Miami Vice“ haftet ein allgegenwärtiger Zynismus: Woran sich Polizei und Gangster unterscheiden sollen, wird in „Miami Vice“ nicht deutlich.

    Der aktuelle Spielfilm von Michael Mann „Public Enemies“ verknüpft erneut diese zwei Grundzüge des Regisseurs aus Chicago miteinander: Die Auseinandersetzung zwischen einem Gangster und dem Polizisten, der seine Lebensaufgabe in der Verfolgung des Kriminellen sieht, wird mit Manns eigenwilliger Bilderästhetik hyperrealistisch in Szene gesetzt. „Public Enemies“ handelt von 14 Monaten im Leben eines Bankräubers, dessen Popularität in den Vereinigten Staaten mit der eines Al Capone vergleichbar ist: John Dillinger (Johnny Depp) befreit im Jahre 1933 in einer spektakulären Actionsequenz einige Bandenmitglieder aus einem Hochsicherheitsgefängnis, und führt seine Bank-Raubzüge fort, die ihn zum meistgesuchten Mann auf der Fahndungsliste des damals noch im Entstehen begriffenen FBI sowie zum ersten offiziellen „Staatsfeind Nummer 1“ machten.

    Dillingers Gang, zu der später auch „Baby-Face“ Nelson (Stephen Graham) und Alvin Karpis (Giovanni Ribisi) gehörten, gab dem ehrgeizigen J. Edgar Hoover (Billy Crudup) die Chance, aus dem „Bureau of Investigation“ eine mit aller Macht ausgestattete Bundesbehörde, das FBI, auszubauen. Hoover beauftragte mit Dillingers Verfolgung den mit allen Wassern gewaschenen Melvin Purvis (Christian Bale), der zum gnadenlosen Gegenspieler von John Dillinger wurde.

    Mit der Haupthandlung verwoben ist die Liebesgeschichte zwischen John Dillinger und Billie Frechette (Marion Cotillard). Damit kehrt ein Motiv aus „Heat“ wieder: Die Liebe zu einer Frau macht den Gangster verwundbar. Denn das FBI benutzt Billie als Druckmittel gegen Dillinger.

    Obwohl „Public Enemies“ auf den ersten Blick wie eine Neuauflage von „Heat“ aussieht, wird der Unterschied in der direkten Begegnung zwischen John Dillinger und Melvin Purvis allzu deutlich. Im Gegensatz zur legendären Szene mit Robert De Niro und Al Pacino in einem Kaffeehaus in „Heat“, geraten die von Johnny Depp und Christian Bale verkörperten Charaktere zu holzschnittartigen Figuren: Der Gangster gibt sich herablassend, der Polizist selbstsicher. Der Film lässt die zum Markenzeichen von „Heat“, „Insider“ und „Collateral“ gewordene Charakterstudie zweier Menschen, die sich einen verbissenen Zweikampf liefern, vermissen.

    Ebenso schablonenhaft wird Dillingers Liebesgeschichte mit Billie Frechette gezeichnet, die lediglich den genreüblichen Konventionen folgt. Was das Garderobenmädchen an einem Leben an der Seite des meistgesuchten Verbrechers fasziniert, wird in keinem Augenblick deutlich.

    Die Qualitäten von „Public Enemies“ liegen weder in der Dramaturgie einer lediglich aus einer Aneinanderreihung von Schießereien und Verfolgungsjagden bestehenden Gangstergeschichte noch in der oberflächlichen Charakterstudie.

    Handlung und Figuren stehen vielmehr im Dienst des Experimentierens mit den Möglichkeiten, die Manns gestalterisch überwältige Filmsprache bietet. Die hochauflösende Optik von „Public Enemies“ besitzt zwar einen beinahe haptischen Charakter. Aber die Hochglanzbilder spiegeln blutleere Charaktere wider. Wie in „Miami Vice“ lassen sich keine Unterschiede zwischen Polizisten und Gangster ausmachen. Auch in „Public Enemies“ herrscht ein unterschwelliger Zynismus.

    Von José García